Korn: Die Pioniere des Nu-Metal
Korn, eine Band, die nicht nur eine Musikrichtung maßgeblich mitgeprägt, sondern auch eine ganze Generation von Hörerinnen und Hörern nachhaltig beeinflusst hat, steht für eine musikalische Wucht, die sich aus tiefem persönlichen Schmerz und roher emotionaler Ehrlichkeit speist. Ihre Geschichte ist eine Erzählung über Freundschaft, Verrat, Erfolg, Abgründe und die unaufhörliche Suche nach Heilung. Mit einer unverwechselbaren Mischung aus harten, groovigen Gitarrenriffs, Hip-Hop-Rhythmen und dem unverkennbaren Gesang von Jonathan Davis, der die Dunkelheit seiner Seele in lyrische Form gießt, schufen sie eine Blaupause für den sogenannten Nu-Metal.
Diese Biografie zeichnet den Weg der Band nach – von ihren bescheidenen Anfängen im kalifornischen Bakersfield bis hin zu globaler Berühmtheit. Dabei werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, beleuchten die komplexen Persönlichkeiten der Musiker, ihre individuellen Herausforderungen und die Schicksalsschläge, die sie geprägt haben. Wir betrachten die Entstehung ihrer wichtigsten Alben, die Kollaborationen mit anderen Künstlern und die Skandale, die die Band zeitweise in ihren Grundfesten erschütterten. Diese Geschichte ist mehr als nur die Chronik einer Band; es ist das Zeugnis einer Ära, in der Wut und Verzweiflung zu einem kraftvollen künstlerischen Ausdruck wurden.
Die Geburt einer musikalischen Revolution
Die Wurzeln von Korn reichen zurück in die späten 1980er und frühen 1990er Jahre, als sich im verschlafenen Bakersfield, Kalifornien, eine Gruppe junger Musiker zusammenfand. Die Stadt, bekannt für ihre Landwirtschaft und Country-Musik, bot den idealen Kontrast zu dem aggressiven und experimentellen Sound, den diese Musiker anstrebten. Reginald „Fieldy“ Arvizu (Bass), James „Munky“ Shaffer (Gitarre) und David Silveria (Schlagzeug) spielten zunächst in einer Funk-Rock-Band namens L.A.P.D. (Love and Peace, Dude), die auch von einem jungen Brian „Head“ Welch (Gitarre) unterstützt wurde. Sie waren inspiriert von Bands wie Faith No More, Mr. Bungle und Rage Against the Machine, die musikalische Grenzen verschoben und unterschiedliche Genres miteinander verbanden. Fieldys charakteristischer Bass-Sound, der eher perkussiv und funk-inspiriert war, legte den Grundstein für den späteren Sound der Band.
Nachdem sich L.A.P.D. auflösten, gründeten Fieldy, Munky und Silveria zusammen mit Head eine neue Gruppe namens Creep. Doch es fehlte ihnen noch der entscheidende Funke – ein Sänger, der ihre musikalische Vision verkörpern konnte. Die Suche endete in einer schicksalhaften Nacht, als Munky und Head in einem Club in Bakersfield die Band Sexart sahen. Ihr Frontmann, ein junger Mann namens Jonathan Davis, begeisterte sie mit seiner einzigartigen, intensiven Bühnenpräsenz und seiner Fähigkeit, tiefe Emotionen in seinen Gesang zu legen. Davis, der zu dieser Zeit als Leichenbeschauer arbeitete, war fasziniert von der dunklen Seite des Lebens und hatte bereits eine Vergangenheit, die ihn zu einem idealen Kandidaten für die lyrische Komponente der Band machte. Obwohl er zunächst zögerte, weil er nicht die Art von Musik spielen wollte, die sie ihm anboten, überzeugte ihn schließlich eine intuitive Eingebung nach dem Besuch eines Hellsehers, der ihm riet, die Chance zu ergreifen.
Mit Jonathan Davis als Frontmann war die Besetzung komplett. Sie gaben sich den Namen „Korn“, eine bewusst kindlich-verspielte Schreibweise des Wortes „corn“ (Mais). Dieser Name spiegelte die unkonventionelle Haltung der Band wider und legte den Grundstein für eine Ästhetik, die sich von den gängigen Metal-Klischees abheben sollte. Ihre Proben waren intensiv, sie entwickelten ihren Sound weiter und verfeinerten die musikalischen Ideen, die sie in ihren früheren Projekten nicht umsetzen konnten. Der einzigartige Klang, der aus dem Zusammenspiel von Munkys und Heads Siebensaiter-Gitarren, Fieldys slap-lastigem Bass und Silverias kraftvollen Drums entstand, war neu und aufregend. Er war schwer und melodisch zugleich, getragen von Jonathan Davis’ markantem Gesangsstil, der von tiefen Rufen und gutturalen Schreien bis hin zu zerbrechlichen, fast weinenden Melodien reichte. Die Band erkannte schnell, dass sie etwas Besonderes geschaffen hatten. Ihre Musik war ein Ventil für die Wut und den Schmerz, den sie in ihrem Leben erlebt hatten. Diese rohe Authentizität sollte das Markenzeichen von Korn werden.
Die Gesichter hinter dem Sound
Jedes Mitglied von Korn trug und trägt eine eigene Geschichte mit sich, die den Sound und die Identität der Band maßgeblich formt. Ihre persönlichen Erfahrungen, Schicksalsschläge und Triumphe sind untrennbar mit der Musik verbunden.
Jonathan Davis (Gesang, Dudelsack)
Geboren am 18. Januar 1971 in Bakersfield, Kalifornien, hatte Jonathan Davis eine Kindheit, die von Härten und Missbrauch geprägt war. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er noch sehr jung war, und die Beziehung zu seiner Stiefmutter war von Verachtung und Missbrauch gekennzeichnet. Er wurde in der Schule aufgrund seines Kleidungsstils, inspiriert von seiner Lieblingsband Duran Duran, gemobbt und fand keinen sicheren Hafen. Diese Erfahrungen der Isolation und des Schmerzes verarbeitete er in den Texten von Korn, die sich offen mit Themen wie Missbrauch, Wut, Angst und Depression auseinandersetzen. Er sprach öffentlich über diese Traumata, besonders in den Songs auf dem Debütalbum, und schuf damit eine Verbindung zu Millionen von Fans, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Davis ist bekannt für seine starke, aber auch verletzliche Stimme, die ein breites Spektrum abdeckt – von tiefen, gutturalen Growls bis zu fast weinenden, melodischen Passagen. Er integrierte auch den Dudelsack, ein Instrument, das er seit seiner Schulzeit spielte, in den Sound der Band, was zu einem weiteren einzigartigen Markenzeichen wurde. Privat ist Jonathan Davis Vater von drei Söhnen, Nathan, Pirate und Zeppelin, aus zwei Ehen. Seine erste Ehe mit Renee Perez endete in Scheidung, seine zweite Ehe mit Deven Davis wurde 2018 ebenfalls geschieden. Tragischerweise verstarb Deven Davis im selben Jahr an den Folgen ihres Drogenkonsums, ein Schicksalsschlag, der Jonathan und seine Söhne zutiefst erschütterte. Der Verlust von Deven, mit der er die Söhne Pirate und Zeppelin hatte, verarbeitete er teilweise in späteren musikalischen Werken. Trotz der persönlichen Tragödien und seiner eigenen Kämpfe mit Drogen- und Alkoholabhängigkeit, die er öffentlich thematisierte und überwand, bleibt Davis die treibende Kraft und das Herz von Korn.
Reginald „Fieldy“ Arvizu (Bass)
Reginald Quincy Arvizu, bekannt als „Fieldy“, wurde am 2. November 1969 geboren und ist das rhythmische Rückgrat von Korn. Sein markanter Bass-Stil ist von Hip-Hop-Beats inspiriert. Statt traditionelle Basslinien zu spielen, nutzt er eine Slap-and-Pop-Technik, die den Bass fast wie ein Schlaginstrument klingen lässt. Seinen Spitznamen erhielt er in seiner Jugend, als er aufgrund seiner Pausbacken „Gopher“, dann „Garfield“ genannt wurde, was schließlich zu „Fieldy“ verkürzt wurde. Fieldy war in seinen frühen Jahren für seine Exzesse und seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt. Er heiratete seine erste Frau Shela, mit der er zwei Töchter hat, Sarina Rae und Olivia. Die Ehe endete in Scheidung. Später fand er im Glauben Stabilität und widmete sich einem gesünderen Lebensstil. Er heiratete seine dritte Frau Dena und wurde Vater einer weiteren Tochter. Fieldy ist auch abseits der Musik aktiv: Er hat ein Hip-Hop-Soloprojekt namens Fieldy’s Dreams und ist an der Rockband StillWell beteiligt. Im Jahr 2021 gab er bekannt, dass er eine Pause von Korn einlegen würde, um seine „schlechten Gewohnheiten“ zu überwinden, eine offene Auseinandersetzung mit seinen anhaltenden persönlichen Kämpfen, die er mit der Öffentlichkeit teilte. Diese Offenheit zeigte die menschliche, fehlerhafte Seite der Musiker, die hinter dem Ruhm stehen.
James „Munky“ Shaffer (Gitarre)
James Christian Shaffer, besser bekannt als „Munky“, kam am 6. Juni 1970 in Rosedale, Kalifornien, zur Welt. Sein Spitzname entstand, weil seine Zehen angeblich aussahen wie Affenfinger, wenn er sie spreizte. Munkys musikalischer Weg begann auf ungewöhnliche Weise: Im Alter von 13 Jahren verlor er bei einem Dreirad-Unfall die Spitze seines linken Zeigefingers. Als Teil seiner Rehabilitation empfahl ihm sein Arzt, Gitarre zu spielen. Er nahm den Rat an und entwickelte eine einzigartige Spielweise. Munky ist ein Gründungsmitglied von L.A.P.D. und von Korn. Er teilt sich die Rolle des Gitarristen mit Brian „Head“ Welch, und die beiden haben einen einzigartigen, verzerrten und dissonanten Sound kreiert, der für Korn so charakteristisch ist. In seiner Karriere hat er eine beeindruckende Sammlung an Auszeichnungen und Platzierungen in „besten Gitarristen“-Listen erhalten. Munky war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe mit Stephanie Roush endete in Scheidung. Er hat eine Tochter aus dieser Beziehung. 2012 heiratete er die Schauspielerin Evis Xheneti. Sie haben drei gemeinsame Kinder. Munky hat in seiner Karriere ebenfalls mit persönlichen Problemen zu kämpfen gehabt, darunter Abhängigkeit und Depressionen, die er in der Band und in seiner Solomusik verarbeitete. Abseits von Korn ist Munky Gründer des Nebenprojekts Fear and the Nervous System.
Brian „Head“ Welch (Gitarre)
Brian Philip Welch, am 19. Juni 1970 geboren, ist ein weiterer prägender Gitarrist von Korn. Sein Spitzname „Head“ stammt von seinem angeblich großen Kopf. Er war ein enger Freund von James Shaffer, und die beiden entdeckten ihre Liebe zur Gitarre schon in jungen Jahren. Welch hatte ebenfalls eine schwierige Jugend, in der er sich oft als Außenseiter fühlte, was seine späteren Texte und Musik maßgeblich beeinflusste. Er war maßgeblich an der Gründung von L.A.P.D. und später Korn beteiligt. Welch verließ die Band 2005 überraschend. Er hatte mit einer schweren Meth-Sucht zu kämpfen und traf die Entscheidung, aus der Band auszusteigen, um das alleinige Sorgerecht für seine Tochter Jennea zu erhalten. Er fand im Christentum einen neuen Halt und verarbeitete seine Erfahrungen in seiner Autobiografie „Save Me from Myself“ und in seiner christlichen Metal-Band Love and Death. Seine Abkehr vom exzessiven Rock-’n’-Roll-Lebensstil und die Hinwendung zum Glauben sorgten für heftige Reaktionen in der Metalszene, sowohl bei Fans als auch Kritikern. Nach fast einem Jahrzehnt kehrte Welch 2013 wieder zu Korn zurück, was von vielen als eines der bemerkenswertesten Comebacks in der Musikgeschichte gefeiert wurde. Seine Rückkehr brachte eine neue Dynamik in die Band, eine Mischung aus seiner alten Härte und seiner neuen Spiritualität. Welch ist ein liebevoller Vater und hat offen über seine Herausforderungen mit der Sucht seiner Tochter gesprochen, was ihn zu einer wichtigen Stimme in der Aufklärung über Drogenprobleme machte. Welch hat zwei Ehen hinter sich; seine erste Frau, Rebekah, ist die Mutter seiner Tochter Jennea. Später heiratete er seine zweite Frau, Jeanne. Auch diese Ehe wurde geschieden.
Ray Luzier (Schlagzeug)
Raymond Lee Luzier, geboren am 31. August 1970 in West Newton, Pennsylvania, ist der aktuelle Schlagzeuger von Korn. Er ersetzte 2007 das Gründungsmitglied David Silveria. Luzier begann bereits im Alter von fünf Jahren Schlagzeug zu spielen und ist ein virtuos ausgebildeter Musiker, der vor seiner Zeit bei Korn mit zahlreichen Größen wie David Lee Roth, Jake E. Lee und Army of Anyone zusammenarbeitete. Sein Beitritt zu Korn brachte eine neue Energie und technische Präzision in die Band. Luzier, der verheiratet ist und zwei Söhne hat, ist bekannt für seine positive Einstellung und seinen professionellen Ansatz. Er integrierte sich schnell in die Band und trug dazu bei, dass Korn auch in den Jahren nach dem Abgang von Head und Silveria musikalisch relevant blieben. Seine Ankunft markierte eine neue Ära für die Band, in der sie sich musikalisch neu definierte und stabilisierte.
David Silveria (ehemaliges Mitglied)
David Randall Silveria, geboren am 21. September 1972, war das ursprüngliche Gründungsmitglied am Schlagzeug. Sein kraftvoller, präziser und groove-orientierter Stil war ein wesentlicher Bestandteil des frühen Korn-Sounds. Silveria verließ die Band 2006, um sich um seine Familie zu kümmern und um eine Karriere als Restaurantbesitzer zu verfolgen. Er sprach offen über seine Frustrationen mit der Musikindustrie und den Stress des Tourens. In den folgenden Jahren gab es immer wieder Spekulationen und Rechtsstreitigkeiten bezüglich seiner möglichen Rückkehr oder seiner finanziellen Beteiligungen an der Band, die in den Medien für Aufsehen sorgten. Silveria heiratete Shannon Bellino im Jahr 1997, mit der er zwei Kinder hat, und ließ sich später scheiden. Nach einer Ehe mit Victoria Silveria zog er sich weitgehend aus dem Rampenlicht zurück, obwohl er in den letzten Jahren immer wieder versucht hat, musikalisch aktiv zu sein. Sein Abgang von Korn war ein schmerzhafter Einschnitt für die Band und ihre Fans und führte zu einer Zeit der Ungewissheit, die erst mit der Ankunft von Ray Luzier endete.
Korn: Eine musikalische Reise durch Höhen und Tiefen
Die Karriere von Korn ist eine Aneinanderreihung von bahnbrechenden Momenten, die nicht nur ihren eigenen Weg, sondern auch die Entwicklung der gesamten Musikszene beeinflusst haben.
Das Debüt: Die Geburt des Nu-Metal
Mit der Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums „Korn“ im Jahr 1994 schuf die Band eine musikalische Sensation, die das Metal-Genre für immer verändern sollte. Produziert von Ross Robinson, einem der wichtigsten Förderer des Nu-Metal, klang das Album roh, brutal und doch zutiefst emotional. Songs wie „Blind“, „Faget“ und „Daddy“ behandelten Themen wie Missbrauch und Mobbing und trafen einen Nerv bei einer Generation, die sich unverstanden und wütend fühlte. „Daddy“ ist ein besonders schmerzhaftes und intensives Stück, in dem Jonathan Davis seine Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch als Kind verarbeitet. Das Album verkaufte sich zwar anfangs nur langsam, aber durch ausgiebiges Touren und Mundpropaganda verbreitete sich der Ruf der Band wie ein Lauffeuer. Korn etablierten sich schnell als Speerspitze einer neuen Bewegung, die Bands wie Deftones, Limp Bizkit und Coal Chamber den Weg ebnete.
„Life Is Peachy“: Das zweite Kapitel
Zwei Jahre später, im Jahr 1996, veröffentlichte die Band „Life Is Peachy“. Das Album war ein noch kompromissloseres Werk, das den aggressiven und unkonventionellen Stil ihres Debüts fortsetzte. Es enthielt Hits wie „A.D.I.D.A.S.“ und „Good God“ und zeigte die Band von einer noch experimentelleren Seite. Die Platte festigte ihren Status und erreichte erstmals Platin-Status. Dennoch war es nicht ohne Herausforderungen. Das Touren wurde immer intensiver, und die Bandmitglieder kämpften zunehmend mit den Schattenseiten des Ruhms. Die Spannungen innerhalb der Gruppe wuchsen, und die ständige Belastung durch das Touren und den Erfolg forderte ihren Tribut. Doch trotz der internen Konflikte gelang es der Band, einen weiteren musikalischen Meilenstein zu setzen, der ihre Stellung in der aufstrebenden Nu-Metal-Szene zementierte.
„Follow the Leader“: Der Durchbruch in den Mainstream
Das dritte Album, „Follow the Leader“ (1998), markierte den absoluten kommerziellen Höhepunkt von Korn. Mit radiotauglichen Singles wie „Got the Life“ und „Freak on a Leash“ erreichten sie ein Massenpublikum und katapultierten sich an die Spitze der Billboard-Charts. Das Album war ein Meisterwerk der Kollaboration. Jonathan Davis arbeitete mit seinem musikalischen Vorbild Mike Patton (Faith No More, Mr. Bungle) zusammen, und die Band kollaborierte auch mit Rapper Ice Cube auf dem Song „Children of the Korn“. Diese Zusammenarbeit mit Hip-Hop-Künstlern war ein entscheidendes Merkmal des Nu-Metal und unterstrich Korns Offenheit für musikalische Experimente. Das Album prägte nicht nur eine Generation, sondern machte Korn zu einer der größten Bands der Welt. Sie gingen auf die legendäre Family Values Tour, zusammen mit Bands wie Limp Bizkit, Orgy und Rammstein, die als eine der erfolgreichsten Tourneen des Jahres in die Geschichte einging.
„Issues“: Eine Reflexion über den Ruhm
Im Jahr 1999 folgte das Album „Issues“, das mit seinem minimalistischen und düsteren Artwork, entworfen von einem Fan, eine tiefere introspektive Seite der Band zeigte. Songs wie „Falling Away from Me“ und „Make Me Bad“ thematisierten die psychologischen Kosten des Ruhms, die Suchtprobleme und die innere Zerrissenheit der Bandmitglieder. Das Album, das ebenfalls an der Spitze der Charts debütierte, wurde von Kritikern und Fans gleichermaßen gelobt. Es zeigte, dass Korn nicht nur eine Band war, die Wut und Aggression verarbeiten konnte, sondern auch tiefe, komplexe emotionale Landschaften erforschen konnte. Die Platte war ein wichtiger Meilenstein, der die Band in ihrer künstlerischen Reife zeigte und bewies, dass sie mehr waren als nur ein kurzlebiger Trend.
„Untouchables“: Experimentelle Grenzen
Nach dem gigantischen Erfolg von „Issues“ begaben sich Korn in eine Phase intensiver musikalischer Experimente. Das 2002 erschienene Album „Untouchables“ war ein hochglanzpoliertes, aufwendig produziertes Werk, das deutlich mehr als die Vorgänger in die Produktion investierte. Mit Singles wie „Here to Stay“ und „Thoughtless“ zeigten sie eine fast schon industrial-geprägte Seite. Die Platte spaltete die Fangemeinde. Einige lobten die musikalische Entwicklung und die klangliche Tiefe, andere vermissten die rohe, ungefilterte Energie der frühen Alben. Dennoch war „Untouchables“ ein klares Zeichen dafür, dass Korn nicht stillstand. Sie waren bereit, Risiken einzugehen und ihren Sound ständig zu hinterfragen. Die aufwendige Produktion war ein klares Statement gegen die Kritik, sie würden sich wiederholen.
Schicksalsschläge und Rückschläge
In den Jahren nach dem Höhepunkt ihres Erfolgs musste die Band eine Reihe von schweren Rückschlägen und Skandalen verkraften. 2005 verließ Gründungsmitglied Brian „Head“ Welch die Band, um seine Drogensucht zu bekämpfen und sich dem Christentum zuzuwenden. Dies war ein massiver Einschnitt für die Band, nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich, da er einer der Hauptsongschreiber war und eine tiefe Freundschaft mit den anderen Bandmitgliedern verband. Sein Abgang schockierte die Musikwelt und die Fans, die sich fragten, ob Korn ohne ihn noch dieselbe Band sein könnten. 2006 verließ auch Schlagzeuger David Silveria die Band, was die Gründungsmitglieder auf Jonathan Davis, Fieldy und Munky reduzierte. Die Band kämpfte mit Besetzungswechseln, Drogenproblemen und inneren Spannungen, die zeitweise ihre Existenz in Frage stellten.
Jonathan Davis selbst musste zahlreiche persönliche Tragödien verkraften, darunter den Tod seiner zweiten Ehefrau Deven Davis im Jahr 2018. Sie kämpfte jahrelang mit ihrer Sucht und verstarb an einer Überdosis, ein Schicksalsschlag, der Davis zutiefst traf und den er in seiner Kunst verarbeitete. Auch die Beziehungen zu den ehemaligen Mitgliedern waren oft angespannt und endeten in öffentlichen Auseinandersetzungen und Rechtsstreitigkeiten. Dennoch schaffte es die Band, sich immer wieder neu zu erfinden. Mit Ray Luzier am Schlagzeug fanden sie eine neue Stabilität. Die größte Überraschung war die Rückkehr von Brian „Head“ Welch im Jahr 2013, die die Band wieder in ihrer ursprünglichen Besetzung, abzüglich Silveria, vereinte. Dieses Comeback symbolisierte nicht nur die Wiedervereinigung einer Band, sondern auch die Wiederherstellung einer tiefen Freundschaft, die durch Schmerz und Entfremdung getrennt war.
Zusammenarbeit mit anderen Künstlern
Eine weitere Stärke von Korn war immer ihre Offenheit für Kollaborationen, die über die Genregrenzen hinweggingen. Bereits auf „Follow the Leader“ arbeiteten sie mit Ice Cube zusammen. Jonathan Davis sang auf „Children of the Korn“, während Ice Cube auf einem von Korns Songs rappte. Diese gegenseitige Anerkennung zwischen der Metal- und Hip-Hop-Szene war neu und ebnete den Weg für den Nu-Metal. Später folgten weitere bemerkenswerte Kollaborationen, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit The Cure auf ihrer MTV Unplugged Session, bei der sie den Song „Make Me Bad“ und „Love Song“ spielten, was Davis‘ Bewunderung für The Cure unterstrich. Eine besonders überraschende Zusammenarbeit gab es mit dem Dubstep-Produzenten Skrillex auf dem Album „The Path of Totality“, in dem sie Elemente des Dubstep in ihren Sound integrierten und damit erneut zeigten, dass sie musikalisch keine Angst vor Experimenten hatten. Auch mit anderen Künstlern wie Limp Bizkit, The Notorious B.I.G. und Xzibit gab es Kooperationen, die ihren musikalischen Horizont ständig erweiterten.
Diskografie
Die Diskografie von Korn ist ein Spiegelbild ihrer ständigen Entwicklung und musikalischen Suche. Von den rohen Anfängen bis zu den reiferen Werken zeigen die Alben die Band in verschiedenen Phasen ihrer Karriere.
Studioalben
- Korn (1994)
- Life Is Peachy (1996)
- Follow the Leader (1998)
- Issues (1999)
- Untouchables (2002)
- Take a Look in the Mirror (2003)
- See You on the Other Side (2005)
- Untitled (2007)
- Korn III: Remember Who You Are (2010)
- The Path of Totality (2011)
- The Paradigm Shift (2013)
- The Serenity of Suffering (2016)
- The Nothing (2019)
- Requiem (2022)
Kompilationen und Live-Alben
- Greatest Hits, Vol. 1 (2004)
- Live & Rare (2006)
- MTV Unplugged: Korn (2007)
- The Essential Korn (2011)
Singles (Auswahl)
- Blind
- A.D.I.D.A.S.
- Got the Life
- Freak on a Leash
- Falling Away from Me
- Make Me Bad
- Here to Stay
- Did My Time
- Coming Undone
- Twisted Transistor
- Oildale (Leave Me Alone)
- Never Never
- A Different World (feat. Corey Taylor)
- Rotting in Vain
- You’ll Never Find Me
- Start the Healing