Lesedauer 6 Minuten Colosseum – Biografie, Meilensteine & komplette Diskografie | Xenopolias.de

Foto: Lea-B, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons.

Colosseum – Biografie

Anfänge zwischen Jazz-Club und Blues-Bühne

London, Ende der 1960er: In einer Szene, die Jazz, Blues und Rock mühelos mischte, formte Schlagzeuger Jon Hiseman die Band Colosseum. Sein Ziel war klar: eine Formation, die Improvisationslust aus dem Jazz, die Wucht des Rock und die Erdigkeit des Blues vereint – mit Musikern, die zuverlässig, neugierig und virtuos genug sind, diesen Spagat Abend für Abend zu tragen. Aus den Kreisen der Graham Bond Organisation, John Mayalls Bluesbreakers und des New Jazz Orchestra fanden sich Keyboarder Dave Greenslade, Bassist Tony Reeves und der unverwechselbare Saxofonist Dick Heckstall‑Smith zusammen. Gitarrist und Sänger James Litherland ergänzte das frühe Quintett, dessen rasante Entwicklung sich binnen weniger Monate auf den Bühnen und im Studio entfaltete.

Beat‑Club 1969: Früher TV‑Auftritt mit „The Machine Demands A Sacrifice“ – energetisch, kantig, kamerawirksam eingefangen.

Der Sound: Suite statt Single

Colosseum dachten in großen Formen. Statt kurzer Radio‑Happen entstanden Stücke, die sich wie Bühnenwerke entfalteten – mit Themen, Soli und Übergängen, die an Jazz‑Suiten erinnern. Das zweite Album Valentyne Suite (1969) verdichtete diesen Ansatz: drei zusammenhängende Teile, Orgelwogen, Saxofon‑Dopplungen, ein trommelnder Puls, der nie ins Stolpern gerät. In Zeiten, in denen Singles die Hitparaden bestimmten, behauptete die Band kompromisslos, dass Rock auch ein Ort für ausgedehnte Dramaturgie sein kann.

BBC‑Studios 1969: „The Kettle“ zeigt die frühe, druckvolle Live‑Dynamik der Gruppe.

Stimmen und Wechsel: Von Litherland zu Farlowe, Clempson & Clarke

Personalwechsel prägten die Klangfarbe: Nach James Litherland traten Chris Farlowe mit seiner kraftvollen, soulgetränkten Stimme, Gitarrist „Clem“ Clempson und Bassist Mark Clarke hinzu. Was blieb, war die Handschrift: Greenslades Tastenarchitektur, Heckstall‑Smiths brummende und schneidende Saxofon‑Choräle, Reeves’ bzw. Clarkes erdige Bassfundamente und über allem Hisemans geschmeidig präziser Trommelwirbel – kontrolliert, doch stets riskant genug, um den Moment zu elektrisieren.

Live 1971: „Lost Angeles“ als Beispiel für lange Spannungsbögen und kollektives Atmen in der Improvisation.

Erfolge auf Platte und Bühne

Schon das Debüt Those Who Are About To Die Salute You (1969) schaffte in Großbritannien den Sprung in die Album‑Charts. Mit Valentyne Suite erreichte die Band ihre vielleicht markanteste künstlerische Signatur. Daughter of Time (1970) bündelte die neu gewonnene stimmliche Präsenz von Farlowe, während das doppelte Live‑Dokument Colosseum Live (1971) die Wucht der Konzerte konservierte. Danach war – zumindest vorerst – Schluss: 1971 löste sich die Gruppe auf, die Mitglieder zerstreuten sich in neue Projekte.

Comeback 1994: Auftritte in Köln markierten den fulminanten Neubeginn auf europäischen Bühnen.

Rückkehr(e) und späte Alben

1994 kehrte Colosseum zurück – nicht als Nostalgie‑Act, sondern mit neuem Material und frisch gespannter Live‑Energie. Bread & Circuses (1997) und Tomorrow’s Blues (2003) zeigten, wie selbstverständlich die Band Groove, Ballade und epische Formen verbindet. 2014 folgte Time On Our Side, eine späte Werkschau neuer Songs in klassischer Handschrift. Nach Jon Hisemans Tod 2018 – ein Einschnitt, der Band und Szene tief berührte – formierte sich Colosseum erneut und veröffentlichte Restoration (2022) sowie XI (2025), das Repertoire‑Label beschreibt die Platte als Entdeckungsreise durch Jazz‑Rock‑Finessen, getragen von der Handschrift der Veteranen und einer spielfreudigen Gegenwart.

Komplettmitschnitt des Reunion‑Konzerts 1994 – ein historisches Dokument der zweiten Band‑Phase.

Schicksalsschläge und persönliche Wege

Schmerzpunkte gehören zur Geschichte: Saxofonist Dick Heckstall‑Smith starb 2004. Jon Hiseman – Gründer, Motor und Architekt – verstarb 2018 nach einer Operation. Seine Ehefrau, die renommierte Saxofonistin und Komponistin Barbara Thompson, begleitete Colosseum über Jahrzehnte, sprang bei Konzerten ein, prägte Klangfarben und verstarb 2022 nach langem Umgang mit Parkinson. Beide hinterließen Spuren weit über die Band hinaus – in eigenen Ensembles, in Studio‑Arbeiten und in der Förderung jüngerer Musiker. Aus der Familie traten die Kinder Marcus und Anna (Sängerin Ana Gracey) immer wieder öffentlich in Erscheinung; Kunst war Zuhause gelebter Alltag.

„Valentyne Suite“ live 1994 – die große Form als pulsierende Bühnenmusik.

Heute

Colosseum tourt wieder. Mit Malcolm Mortimore am Schlagzeug und der klassischen Achse Greenslade, Clempson, Clarke sowie Sänger Chris Farlowe und Saxofonist/Klarinettist Kim Nishikawara verbindet die Band ihre Geschichte mit Gegenwart. Die Konzerte 2023–2025 zeigen, wie organisch das Repertoire weiterlebt – nicht als Museum, sondern als offener Organismus.

Konzertausschnitt aus Mainz 2024 – aktueller Bühnenklang der Band.

Mitglieder – Profile und prägende Rollen

Jon Hiseman (1944–2018, Schlagzeug) – Londoner Taktgeber mit stupender Technik und Sinn für dramaturgische Bögen. Er spielte zuvor u. a. bei John Mayall und in der Graham Bond Organisation. Privat war er seit 1967 mit Barbara Thompson verheiratet; Kinder: Marcus und Anna (Künstlerin Ana Gracey). Sein Tod 2018 markierte einen Wendepunkt, doch sein Konzept von „Band als Werkstatt“ lebt fort.

Dave Greenslade (geb. 1943, Keyboards) – Architekt der harmonischen Weite, dessen Orgel und Piano melodische Fäden spinnen. Später gründete er die Band Greenslade; bei Colosseum steht er für die Verbindung von Jazzgespür und Rockfantasie.

Dick Heckstall‑Smith (1934–2004, Saxofone) – Meister des Doppel‑Saxofons, stilbildend im britischen Blues‑ und Jazz‑Rock. Seine Linien gaben Colosseum den unverwechselbaren, warm‑bissigen Bläsersound der frühen Jahre.

Tony Reeves (geb. 1943, Bass) – Mitgründungsmitglied, Produzent und Bassfundament der Anfangszeit; sein Ton ist körperlich, präzise, stets songdienlich.

James Litherland (1949–2023, Gitarre/Gesang) – Gitarrist und markante Frühstimme, Komponist von „Elegy“. Später arbeitete er mit verschiedenen Projekten; sein Sohn ist der Musiker James Blake.

Chris Farlowe (geb. 1940, Gesang) – Ab 1970 prägt seine soulige, vibrierende Stimme die Bühne; eine Rampenpräsenz, die Balladen erdet und Uptempo‑Nummern anfeuert.

Dave „Clem“ Clempson (geb. 1949, Gitarre) – Virtuose zwischen Blues und Art‑Rock, dessen Ton sowohl schneidet als auch singt; zentrale Figur ab 1970, später u. a. bei Humble Pie, JCM.

Mark Clarke (geb. 1950, Bass/Gesang) – Ab 1970/71 Bassmotor der Live‑Ära, später u. a. bei Uriah Heep und Rainbow. Bei Colosseum hält er seit den 1990ern die Tiefton‑Achse.

Malcolm Mortimore (1953–2024?, Schlagzeug) – Seit 2020 am Drumset, bekannt aus Gentle Giant/Three Friends; federnde, detailreiche Time. (Die Band würdigt ihn als festen Anker der aktuellen Formation.)

Tour 2023: Ausschnitt aus Tel Aviv – die aktuelle Besetzung im Fokus.

Meilensteine – Stationen einer Bandgeschichte

1968/69: Formierung und Debüt – Studiopremiere mit Those Who Are About To Die Salute You; die Band etabliert Jazz‑Rock als ernstzunehmende Form, Bühnen werden zu Werkstätten langer, atmender Stücke.

1969: Valentyne Suite – Die drei Teile der Suite werden zum Markenzeichen: thematische Keimzellen, organische Soli, konsequente Dramaturgie.

1970/71: Umbau und Bühnen‑Triumph – Mit Farlowe, Clempson und Clarke verschiebt sich das Gewicht Richtung Gesang und Gitarren‑Drive; das Doppel‑Livealbum von 1971 fasst die Power dieser Phase zusammen.

1994: Reunion – Die Rückkehr zeigt: Das Konzept trägt. Neue Songs entstehen, alte Stücke werden mit Erfahrung und Spielfreude aufgeladen.

1997/2003/2014: SpätwerkeBread & Circuses, Tomorrow’s Blues, Time On Our Side – Alben, die Reife und Neugier balancieren.

2020–2025: Neuer Abschnitt – Nach Hisemans Tod führt die Band den Geist fort: Restoration (2022) und XI (2025) zeigen, wie Gegenwart und Historie produktiv ineinandergreifen.

Aktuell 2025: Tourclip aus Budapest – Band in Topform.

Zusammenarbeiten, Einflüsse und Lehrmeister

Wurzeln – Colosseum gingen aus einem Umfeld hervor, in dem Musiker zwischen Genres pendelten: Graham Bond, John Mayall oder das New Jazz Orchestra standen sinnbildlich für die Mischung aus Blues‑Erfahrung, Jazz‑Wissen und Offenheit. Diese Schule prägt das Schreiben, das Zusammenspiel und die risikofreudige Improvisationskultur der Band.

Barbara Thompson – Saxofonistin, Komponistin und lebenslange Partnerin von Jon Hiseman. Sie trat wiederholt mit Colosseum auf, brachte Farbenvielfalt und schrieb eigenständige Werke, die ebenfalls Jazz‑Rock und Klassik verbanden.

Abzweige – Aus dem Colosseum‑Kosmos gingen u. a. Tempest, Greenslade, Colosseum II und das Projekt JCM (Hiseman/Clempson/Clarke) hervor. Aufnahmen mit Andrew Lloyd Webber (Variations) oder Rod Argent ergänzen die Landkarte.

Köln 1994 – kompletter TV‑Mitschnitt, die Band in großer Spiellaune.

Weitere legendäre Live‑Momente

Universität Kent 1971 – historische Aufnahme mit Langzeitspannung.

Frühe TV‑Performance 1969 – der Mix aus Wucht und Feinheit nimmt Gestalt an.

Salzburg 2025 – der Klassiker „Walking In The Park“ im aktuellen Soundbild.

Komplette Diskografie (interaktiv)

Hinweis: Titel sind Werknamen. Mitgliederangaben pro Album beziehen sich auf die Hauptbesetzung der jeweiligen Produktion; Live‑Aufnahmen weichen je nach Datum/Ort ab. Chartdaten nach offiziellen Chartsquellen, soweit verfügbar.

Those Who Are About To Die Salute You (1969) – Studioalbum
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Reeves, Heckstall‑Smith, Litherland. UK‑Charts: Top‑20.
  1. Walking in the Park
  2. Plenty Hard Luck
  3. Mandarin
  4. Debut
  5. The Road She Walked Before
  6. Backwater Blues
  7. Those About to Die
  8. Beware the Ides of March
Valentyne Suite (1969) – Studioalbum
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Reeves, Heckstall‑Smith, Litherland. UK‑Charts: Top‑20. Kernstück: dreiteilige „Valentyne Suite“.
  1. The Kettle
  2. Elegy
  3. Butty’s Blues
  4. The Machine Demands a Sacrifice
  5. Valentyne Suite: January’s Search
  6. Valentyne Suite: February’s Valentyne
  7. Valentyne Suite: The Grass Is Always Greener
The Grass Is Greener (1970, US‑Kompilation)
Alternative US‑Zusammenstellung mit Teilen von Valentyne Suite und neuen Aufnahmen (u. a. mit Clempson).
Daughter of Time (1970) – Studioalbum
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Heckstall‑Smith, Farlowe (voc), Clempson (g), Clarke (b), Reeves (b auf einigen Titeln), Bläsergäste. UK‑Charts: Top‑30.
  1. Three Score and Ten, Amen
  2. Time Lament
  3. Take Me Back to Doomsday
  4. The Daughter of Time
  5. Theme for an Imaginary Western
  6. Bring Out Your Dead
  7. Downhill and Shadows
  8. The Time Machine
Colosseum Live (1971) – Doppel‑Livealbum
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Clempson, Clarke, Farlowe, Heckstall‑Smith. UK‑Charts: Top‑20.
  1. Rope Ladder to the Moon
  2. Walking in the Park
  3. Skellington
  4. I Can’t Live Without You
  5. Tanglewood ’63
  6. Encore… Stormy Monday Blues
  7. Lost Angeles
Bread & Circuses (1997) – Studioalbum (Reunion)
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Clempson, Clarke, Farlowe, Thompson (Gast). Klang: reifes Songwriting, kräftige Livestruktur.
Tomorrow’s Blues (2003) – Studioalbum
Besetzung: wie 1997; bluesigere Neigung, warmes Klangbild, ausgedehnte Soli.
Time On Our Side (2014) – Studioalbum
Besetzung: Hiseman, Greenslade, Clempson, Clarke, Farlowe, Thompson (Gast), u. a.; spätes Statement mit neuen Songs.
Restoration (2022) – Studioalbum
Besetzung: Greenslade, Clempson, Clarke, Farlowe, Mortimore, Kim Nishikawara u. a.; Neubeginn nach Hiseman – neues Material, sorgsam kuratiert.
XI (2025) – Studioalbum
Label: Repertoire Records. Späte, konzentrierte Jazz‑Rock‑Reise; aktuelle Tour setzt die Stücke live in Szene.
Ausgewählte Live‑ und Sammler‑Veröffentlichungen
  • LiveS – The Reunion Concerts (1994)
  • Live in Germany (div. Ausgaben, u. a. Rockpalast 1994)
  • Zahlreiche erweiterte Live‑Editionen (BBC, Canterbury, u. a.)

Autor: Franz Lemmler · Webseite: Xenopolias.de · © 2025

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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