Lesedauer 8 Minuten Biohazard: Die Pioniere des Crossover aus Brooklyn

Biohazard: Eine Chronik aus den Straßen von Brooklyn



Die Geburt einer Bewegung: Gründung und frühe Kontroversen (1987–1991)

Im Schmelztiegel von Brooklyn, New York, wo die urbanen Klänge von Hip-Hop auf die rohe Energie von Punk und die schwere Wucht des Metal trafen, entstand 1987 eine Band, die den Sound einer ganzen Generation definieren sollte: Biohazard. In einer Zeit, in der musikalische Genres noch streng voneinander getrennt waren, wagten es vier junge Männer, diese Grenzen niederzureißen. Die Gründungsformation, bestehend aus dem charismatischen Bassisten und Sänger Evan Seinfeld, dem Gitarristen Bobby Hambel und dem Schlagzeuger Anthony Meo, legte den Grundstein. Doch erst mit dem Beitritt des Rhythmusgitarristen und zweiten Sängers Billy Graziadei kristallisierte sich die explosive Chemie heraus, die zum Markenzeichen der Band werden sollte. Noch vor den ersten Studioaufnahmen kam es zu einem entscheidenden Wechsel: Anthony Meo verließ die Band und wurde durch den kraftvollen Schlagzeuger Danny Schuler ersetzt. Damit war das klassische Line-up geboren, eine Konstellation, die fast ein Jahrzehnt lang die Speerspitze einer neuen musikalischen Bewegung bilden würde.



Die frühen Jahre waren von einer gezielten Provokation geprägt, einer Strategie, die ihnen ebenso viel Aufmerksamkeit wie Kritik einbrachte. Ihr Demo aus dem Jahr 1988 schlug in der Musikpresse hohe Wellen. Journalisten und Kritiker sahen in Textzeilen aus Songs wie „Master Race“ und „America“ Anzeichen für eine rechtsextreme Gesinnung und warfen der Band faschistische Tendenzen vor. Diese Anschuldigungen wogen schwer und drohten, die junge Karriere im Keim zu ersticken. In späteren Interviews räumte die Band ein, dass diese provokanten Texte ein kalkulierter Schachzug waren. Evan Seinfeld bezeichnete es als einen „Publicity Stunt“, der darauf abzielte, die Fangemeinde der kontroversen Band Carnivore anzuziehen und sich in der umkämpften New Yorker Szene Gehör zu verschaffen. Die Band betonte stets, dass ihre Texte als Metaphern für soziale Missstände und den Überlebenskampf in den Straßen von Brooklyn zu verstehen seien. Ein entscheidendes Argument gegen die haltlosen Rassismusvorwürfe war die jüdische Abstammung von Evan Seinfeld und Danny Schuler, ein Fakt, der die Anschuldigungen ad absurdum führte. Diese anfängliche Kontroverse zwang die Band jedoch, ihre Position immer wieder zu erklären und zu verteidigen, ein Kampf, der sie über Jahre begleitete.



Am 30. Juni 1990 veröffentlichten sie ihr selbstbetiteltes Debütalbum über das kleine Label Magnetic Air Records. Die Promotion für das Album war minimal, und doch verkaufte es sich über die Jahre hinweg rund 40.000 Mal – ein Beweis für die wachsende und loyale Fangemeinde, die sich die Band durch ihre energiegeladenen Live-Auftritte erspielt hatte. Das Album war ein ungeschliffener, authentischer Spiegel ihres Lebensumfelds: Es handelte von Bandenkriegen, Drogenmissbrauch und der allgegenwärtigen Gewalt, die das tägliche Leben in ihrer Heimat prägte. Es war der Sound der Straße, roh, direkt und ohne Kompromisse.



Urban Discipline: Der Aufstieg zu globalen Ikonen (1992–1994)

Der Wendepunkt in der Karriere von Biohazard kam 1992 mit der Vertragsunterzeichnung bei Roadrunner Records, einem aufstrebenden Label, das für seine unkonventionellen und harten Bands bekannt war. Obwohl Major-Labels bereits an die Tür klopften, entschied sich die Band bewusst für den Weg des Independent-Labels. Sie wollten die Kontrolle behalten und den direkten Draht zu ihrer Basis nicht verlieren – eine Entscheidung, die ihre Authentizität wahrte und ihnen gleichzeitig die Türen zu einem weltweiten Publikum öffnete.



Am 10. November 1992 entfesselten sie ihr Meisterwerk: Urban Discipline. Dieses Album war mehr als nur eine Sammlung von Songs; es war ein Manifest, ein klanggewordener Aufschrei aus dem Herzen der Großstadt. Produziert von der Band selbst zusammen mit Wharton Tiers, entstand das Album unter spartanischen Bedingungen für nur 12.000 US-Dollar. Die Aufnahmen fanden in Tiers‘ kleinem Studio in Manhattan statt, oft bis in die frühen Morgenstunden. Das Ergebnis war ein Sound, der die rohe Energie ihrer Live-Shows einfing und gleichzeitig eine bis dahin ungehörte Fusion aus Hardcore-Riffs, Metal-Grooves und Hip-Hop-Rhythmen präsentierte. Bobby Hambel verriet später, dass viele der Riffs und Songstrukturen live vor Publikum getestet und perfektioniert wurden, bevor sie überhaupt im Studio aufgenommen wurden. Dieser direkte Austausch mit den Fans war der Schlüssel zur unbändigen Kraft des Albums. *Urban Discipline* verkaufte sich über eine Million Mal und katapultierte Biohazard in die internationalen Charts, einschließlich eines bemerkenswerten Platz 70 in Deutschland. Es gilt heute als Meilenstein und Wegbereiter für Bands wie Korn, Limp Bizkit und Deftones, die den von Biohazard geschaffenen Crossover-Sound in den Mainstream trugen.

Der endgültige Durchbruch in den Mainstream gelang 1993 durch eine bahnbrechende Zusammenarbeit. Für den Soundtrack des Films *Judgment Night* taten sie sich mit der legendären Hardcore-Rap-Gruppe Onyx zusammen. Der gemeinsame Song, der ebenfalls den Titel „Judgment Night“ trug, wurde zu einer Hymne des Crossover. Die Fusion der beiden Welten war perfekt: die aggressive Energie von Biohazard traf auf die rohen Reime von Onyx. Der Soundtrack verkaufte sich allein in den USA über zwei Millionen Mal und machte Biohazard einem Publikum bekannt, das zuvor kaum Berührungspunkte mit Metal oder Hardcore hatte. Sie waren nun die unbestrittenen Könige der Brücke zwischen den Genres.

Beflügelt von diesem Erfolg unterschrieben sie einen Vertrag bei Warner Bros. Records und veröffentlichten 1994 ihr drittes Album, State of the World Address. Es setzte den Erfolgskurs fort, verkaufte sich ebenfalls über eine Million Mal und festigte ihren Status als globale Superstars. Die Single „How It Is“, eine Kollaboration mit Sen Dog von der Hip-Hop-Größe Cypress Hill, unterstrich ihre einzigartige Position in der Musikwelt. Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolges zeigten sich erste Risse im Bandgefüge. Nach der ausgedehnten Welttournee zum Album verließ Leadgitarrist Bobby Hambel die Band aufgrund unüberbrückbarer persönlicher und musikalischer Differenzen. Es war das Ende einer Ära und der Beginn einer langen, unsicheren Phase für die Pioniere aus Brooklyn.

Jahre des Wandels: Besetzungswechsel und kreative Neufindung (1995–2007)

Der Ausstieg von Bobby Hambel hinterließ eine Lücke, die nur schwer zu füllen war. Sein markanter Gitarrenstil und seine Bühnenpräsenz waren ein integraler Bestandteil des Biohazard-Sounds. Die verbliebenen drei Mitglieder – Seinfeld, Graziadei und Schuler – entschieden sich, als Trio weiterzumachen und nahmen 1996 das Album Mata Leão auf. Der Titel, ein portugiesischer Begriff für einen Würgegriff im brasilianischen Jiu-Jitsu, symbolisierte den Kampfgeist der Band, sich nicht unterkriegen zu lassen. Für die anschließende Tournee heuerten sie Rob Echeverria an, der zuvor bei der einflussreichen Post-Hardcore-Band Helmet gespielt hatte.

Die folgenden Jahre waren von einer ständigen Rotation auf der Leadgitarren-Position geprägt. Auf Echeverria folgten Leo Curley und Carmine Vincent, bevor Scott Roberts 2002 zur Band stieß. Diese Instabilität spiegelte sich auch in den Alben dieser Zeit wider. Werke wie New World Disorder (1999) und Uncivilization (2001) zeigten eine Band auf der Suche nach einer neuen Identität. Obwohl sie kommerziell nicht an die Erfolge der frühen 90er anknüpfen konnten, blieben sie eine feste Größe in der Szene und tourten unermüdlich um die Welt. Das Album *Uncivilization* war besonders bemerkenswert für seine beeindruckende Gästeliste, die von Phil Anselmo (Pantera) über Mitglieder von Sepultura und Slipknot bis hin zu Sen Dog von Cypress Hill reichte. Es war ein Versuch, die alte Crossover-Magie wiederzubeleben, doch die musikalische Landschaft hatte sich verändert. Nu-Metal, ein Genre, das sie selbst mitbegründet hatten, dominierte die Charts, und Biohazard schienen in dieser neuen Welt ihren Platz zu suchen. Nach dem Album Means to an End (2005), das ursprünglich als Abschiedsalbum gedacht war, legte die Band eine offizielle Pause ein. Die Zukunft war ungewisser denn je.

Jenseits der Bühne: Die Mitglieder und ihre Wege

Während der Bandpausen und auch parallel zu ihrer aktiven Zeit verfolgten die Mitglieder von Biohazard vielfältige und teils überraschende Karrieren, die ihre Persönlichkeiten und Interessen widerspiegeln.

Evan Seinfeld, geboren am 29. Dezember 1967, war stets die schillerndste Figur der Band. Neben seiner Rolle als Frontmann startete er eine beachtliche Schauspielkarriere. Seine bekannteste Rolle war die des Bikers Jaz Hoyt in der gefeierten HBO-Gefängnisserie *Oz*, in der er in 40 Episoden mitwirkte. Ein weitaus kontroverserer Pfad führte ihn in die Erotikbranche. Unter dem Pseudonym Spyder Jonez trat er in mehreren Erwachsenenfilmen auf, oft an der Seite seiner damaligen Ehefrau, der bekannten Darstellerin Tera Patrick, mit der er von 2004 bis 2009 verheiratet war. Musikalisch blieb er ebenfalls aktiv, unter anderem in der Reality-TV-Supergroup Damnocracy (mit Mitgliedern von Skid Row, Anthrax und Ted Nugent) und später mit seiner Band Attika7. 2019 überraschte er mit einem Hip-Hop-Projekt namens SVG$. Seinfeld hat zwei Kinder aus seiner Ehe mit Tera Patrick.

Billy Graziadei, geboren am 28. Juli 1969, war und ist das unermüdliche Herz von Biohazard. Als einziges Mitglied, das in jeder Inkarnation der Band dabei war, fungierte er als kreativer Anker. Er baute in Los Angeles die Firewater Studios auf, ein professionelles Aufnahmestudio, das aus den bescheidenen Anfängen des „Rat Piss Studios“ in Brooklyn hervorging. Neben Biohazard gründete er sein Soloprojekt BillyBio und ist Rhythmusgitarrist der Supergroup Powerflo, die er 2017 zusammen mit Sen Dog von Cypress Hill, seinem langjährigen Freund und Kollaborationspartner, ins Leben rief. Abseits der Musik ist Graziadei ein passionierter Kampfsportler und trägt den schwarzen Gürtel im brasilianischen Jiu-Jitsu, eine Disziplin, die seine Lebenseinstellung von Disziplin und Durchhaltevermögen prägt. Graziadei ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Danny Schuler, geboren am 2. September 1969, ist das rhythmische Rückgrat der Band. Seine Freundschaft mit Bobby Hambel reicht bis in die Schulzeit zurück, was die enge persönliche Verbindung innerhalb des Original-Line-ups unterstreicht. Neben seiner Arbeit mit Biohazard war er in anderen Projekten wie der Band Bloodclot! aktiv und arbeitete eng mit Graziadei am Aufbau der Bandstudios. Schuler ist bekannt für seine zurückhaltende Art abseits der Bühne, doch sein Schlagzeugspiel ist eine treibende und unverzichtbare Kraft im Sound der Band. Es ist wichtig, eine oft vorkommende Verwechslung zu klären: Danny Schuler, der Musiker, ist nicht mit Daniel Schuler verwandt, der 2009 in einen tragischen Autounfall verwickelt war.

Bobby Hambel, geboren am 31. Dezember 1968, ist der „Godfather of Hardcore Guitar“. Sein aggressiver, von Metal und Punk beeinflusster Stil prägte den Sound der ersten drei Alben maßgeblich. Sein abrupter Ausstieg 1995 war ein Schock für die Fans und die Band. Die genauen Gründe blieben lange im Dunkeln, doch es war bekannt, dass interne Spannungen und persönliche Probleme eine Rolle spielten. In den Jahren nach seinem Ausstieg zog er sich weitgehend aus dem Rampenlicht zurück, blieb aber der Musik in verschiedenen lokalen Projekten treu. Seine Rückkehr zur Band sollte sich als emotionaler und entscheidender Moment für die Zukunft von Biohazard erweisen.

Wiedergeburt in Trotz: Die Reunion und ein neues Kapitel (2008–Heute)

Im Jahr 2008, zum 20-jährigen Jubiläum der Band, geschah das, was viele Fans nicht mehr für möglich gehalten hatten: Das klassische Line-up mit Evan Seinfeld, Billy Graziadei, Danny Schuler und dem zurückgekehrten Bobby Hambel fand wieder zusammen. Die Reunion war von einer Welle der Nostalgie und Euphorie getragen. Die Band tourte ausgiebig und zeigte, dass die alte Magie noch immer vorhanden war. Aus dieser wiedergefundenen Energie entstand das Album Reborn in Defiance, das 2012 veröffentlicht wurde. Doch kurz vor der Veröffentlichung erschütterte ein erneuter Paukenschlag die Band: Evan Seinfeld verließ Biohazard zum zweiten Mal, um sich auf seine anderen Projekte zu konzentrieren. Scott Roberts, der bereits früher in der Band gespielt hatte, übernahm daraufhin nicht nur die Leadgitarre, sondern auch den Gesang und den Bass, eine Herkulesaufgabe, die er bis 2016 meisterte.

Nach 2016 wurde es erneut still um die Band. Die Mitglieder widmeten sich ihren Soloprojekten, und eine weitere Zukunft für Biohazard schien ungewiss. Doch im Jahr 2022 kam es zur endgültigen und von allen ersehnten Wiedervereinigung. Alle vier Originalmitglieder standen wieder gemeinsam auf der Bühne. Ein tragischer, aber entscheidender Anstoß für diese Versöhnung war der Tod ihres langjährigen Managers Scott Koenig, der sich bis zuletzt für eine Reunion eingesetzt hatte. Sein Ableben erinnerte die Bandmitglieder an ihre gemeinsame Geschichte und die tiefen freundschaftlichen Bande, die sie einst verbanden. Bobby Hambel sprach offen darüber, wie wichtig es für ihn war, „das Kriegsbeil zu begraben“ und die alten Wunden zu heilen.

Die Reunion-Shows im Jahr 2023 waren ein triumphaler Erfolg. Die Energie und die Freude, wieder zusammen zu spielen, waren auf der Bühne spürbar. Billy Graziadei beschrieb es so, als hätten sie „nie aufgehört“. Diese positive Dynamik mündete direkt in die Arbeit an einem neuen Studioalbum, dem ersten in Originalbesetzung seit fast drei Jahrzehnten. Die Ankündigung wurde 2024 mit der Aufnahme der Band in die prestigeträchtige Metal Hall of Fame gekrönt, eine längst überfällige Anerkennung ihres Einflusses und ihres Lebenswerks. Mit einem angekündigten Album für 2025 und einer geplanten Welttournee blickt Biohazard in eine vielversprechende Zukunft, bereit, ihr Vermächtnis fortzusetzen und einer neuen Generation zu zeigen, wo der Crossover-Sound seine Wurzeln hat.

Interaktive Diskografie

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1990 – Biohazard +

1992 – Urban Discipline +

1994 – State of the World Address +

1996 – Mata Leão +

1997 – No Holds Barred (Live in Europe) +

1999 – New World Disorder +

2001 – Uncivilization +

2001 – Tales from the B-Side +

2003 – Kill or Be Killed +

2005 – Means to an End +

2012 – Reborn in Defiance +


Quellenangaben

Die Informationen in diesem Artikel wurden aus einer Vielzahl von öffentlich zugänglichen Quellen zusammengetragen, darunter Interviews, offizielle Band-Webseiten, Pressemitteilungen und anerkannte Musikdatenbanken wie Wikipedia, Discogs und AllMusic. Die Zusammenstellung und Interpretation der Fakten erfolgte nach bestem Wissen und Gewissen durch den Autor.

© 2025 Franz Lemmler – Xenopolias.de

Im Artikel verwendete Fotos stehen unter Lizenz von:
S. Bollmann, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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