Marillion
Marillion ist mehr als nur eine britische Rockband; sie ist ein Phänomen, dessen Karriere sich über fast fünf Jahrzehnte erstreckt und sich durch musikalische Wandel, unkonventionelle Geschäftsmodelle und eine beispiellose Bindung zu ihrer Fangemeinde auszeichnet. Ursprünglich im Jahr 1979 unter dem Namen ‚Silmarillion‘ in Aylesbury gegründet, inspirierte der Name sie anfangs durch ein Werk von J. R. R. Tolkien. Rasch kürzten sie den Namen auf die heutige Form, Marillion. In einer Zeit, in der Punk- und New-Wave-Musik dominierten, begab sich die Band auf einen musikalischen Weg, der sich bewusst an den Traditionen des Progressive Rock der 1970er Jahre orientierte. Marillion etablierte sich schnell als eine der führenden Bands der sogenannten Neo-Prog-Bewegung. Ihr früher Stil war stark von der theatralischen Eleganz und den komplexen Songstrukturen von Bands wie Genesis und Van der Graaf Generator beeinflusst, doch es gelang ihnen, einen ganz eigenen, emotionalen Ausdruck zu finden. Der Weg zum Erfolg war jedoch keineswegs geradlinig und erforderte Durchhaltevermögen. Anfangs spielten sie in kleinen Clubs, bauten sich aber durch Mundpropaganda und energiegeladene Live-Auftritte eine treue Anhängerschaft auf. Die Band fand ihre Identität in den lyrischen Fähigkeiten ihres Sängers Derek William Dick, besser bekannt als Fish, dessen Texte oft düstere, introspektive Themen behandelten.
Die Zeit mit Fish als Frontmann von 1981 bis 1988 gilt als die erste, prägende Ära der Band. Fish, der am 25. April 1958 in Dalkeith, Schottland, geboren wurde, brachte eine unvergleichliche Bühnenpräsenz mit, die oft mit der von Peter Gabriel verglichen wurde. Er schrieb lyrisch dichte, poetische Texte, die von persönlichen Erfahrungen und scharfen Beobachtungen der Gesellschaft geprägt waren. Gemeinsam mit den anderen Gründungsmitgliedern Steve Rothery (Gitarre), Mark Kelly (Keyboards), Pete Trewavas (Bass) und Ian Mosley (Schlagzeug), der 1984 zur Band stieß, schufen sie eine Reihe von wegweisenden Alben. Das Debütalbum, *Script for a Jester’s Tear* von 1983, war ein sofortiger Erfolg und etablierte Marillion als Hoffnungsträger des Progressive Rock. Mit seinem vertrackten Songwriting und Fishs emotionalem Gesang eroberte das Album die britischen Charts. Es folgten *Fugazi* (1984) und das bahnbrechende *Misplaced Childhood* (1985). Das letztgenannte Konzeptalbum markierte den Höhepunkt ihrer Popularität und brachte die internationalen Single-Hits „Kayleigh“ und „Lavender“ hervor, die die Band auch einem breiteren Publikum außerhalb der progressiven Szene bekannt machten.
Das 1985 veröffentlichte Album *Misplaced Childhood* ist das kommerziell erfolgreichste Werk von Marillion. Es ist ein zusammenhängendes Konzeptalbum, das auf persönlichen Erfahrungen von Fish basiert. Es erzählt eine Geschichte über den Verlust von Unschuld, die Suche nach Identität und die Rückkehr zur Vergangenheit. Die Single „Kayleigh“ wurde ein weltweiter Hit, erreichte Platz 2 der britischen Charts und prägte eine ganze Generation. Es war der Moment, in dem Marillion den Mainstream durchbrach, ohne ihre musikalische Integrität zu verlieren. Das Album zeigt die musikalische Bandbreite der Band und ihre Fähigkeit, komplexe Themen in zugängliche Musik zu verwandeln.
Nach *Misplaced Childhood* veröffentlichten sie *Clutching at Straws* (1987), ein weiteres Konzeptalbum, das sich mit Themen wie Alkoholismus, Kreativitätsblockade und dem Druck des Ruhms beschäftigte. Doch der Erfolg hatte seinen Preis. Interne Spannungen, besonders zwischen Fish und den anderen Bandmitgliedern, führten schließlich zu einer unheilbaren Kluft. Fishs Wunsch nach künstlerischer Freiheit und die musikalischen Differenzen führten im Jahr 1988 zu seinem Ausstieg aus der Band. Für die Fans war dies ein Schock, der das Ende einer Ära bedeutete. Fish selbst, der später in seiner Solokarriere viele Facetten seiner Persönlichkeit zeigte, hatte eine tiefe Verbindung zu seinen Wurzeln. Er war zweimal verheiratet und hat eine Tochter, Tara Rowena Dick, aus seiner ersten Ehe. Er ist bekannt für seine Vorbilder wie Peter Hammill, die seine lyrische Tiefe und dramatische Darbietung stark beeinflussten. Sein Ausstieg war der größte Schicksalsschlag, den die Band bis dahin erlebt hatte.
Nachdem die Band einige potenzielle Nachfolger für Fish geprüft hatte, fiel die Wahl auf Steve Hogarth, auch bekannt als „h“. Hogarth, der am 14. Mai 1956 in Kendal, Cumbria, geboren wurde, trat 1989 der Band bei. Seine Ankunft markierte einen radikalen Wendepunkt im Sound von Marillion. Er brachte eine andere stimmliche Dynamik und einen lyrischen Stil mit, der weniger theatralisch und stattdessen emotionaler und persönlicher war. Die Band musste sich neu erfinden, um sich vom Neo-Prog-Image der 80er Jahre zu lösen und ihren Platz in der sich wandelnden Musiklandschaft zu finden. Das erste Album mit Hogarth, *Seasons End* (1989), war ein vorsichtiger Übergang. Es vereinte die klassischen Marillion-Elemente mit neuen, frischeren Ansätzen und beruhigte viele der besorgten Fans, dass die Band auch ohne ihren ursprünglichen Sänger eine Zukunft hatte.
Der wahre Bruch mit der Vergangenheit kam jedoch mit den nachfolgenden Alben wie *Holidays in Eden* (1991), das einen zugänglicheren, poppigeren Sound aufwies, und vor allem mit *Brave* (1994). Letzteres war ein ambitioniertes Konzeptalbum, das in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Richard Stanley entstand. Es war ein dunkles, emotionales Werk, das die Band endgültig als Progressive-Rock-Institution etablierte, die nicht davor zurückschreckt, kreative Risiken einzugehen. Mit *Brave* bewiesen sie, dass sie ihren künstlerischen Weg konsequent weitergehen konnten.
Das 1994 erschienene Album *Brave* ist ein cineastisches Konzeptalbum, das auf einer wahren Begebenheit basiert, die Steve Hogarth in den Nachrichten gesehen hatte. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die auf einer Brücke steht und sich nicht an ihre Identität erinnern kann. Das Album ist ein dunkles, atmosphärisches Werk, das von Kritikern hochgelobt wurde. Es ist ein herausragendes Beispiel für die Fähigkeit der Band, komplexe Geschichten musikalisch zu erzählen, und demonstriert Hogarths lyrische Tiefe und emotionale Bandbreite. Obwohl es kommerziell nicht so erfolgreich war wie *Misplaced Childhood*, gilt es bei vielen Fans und Kritikern als ein Meisterwerk der Ära Hogarth.
Ein weiterer entscheidender Meilenstein in der Geschichte von Marillion war ihre Pionierarbeit im Bereich des Crowdfundings. In den späten 1990er Jahren, als sie sich von ihrem Major-Label EMI getrennt hatten, standen sie vor der Herausforderung, ihre Musik unabhängig zu finanzieren. Als Reaktion auf diese Notlage starteten sie 1997 eine bahnbrechende Kampagne, um eine Nordamerika-Tour zu finanzieren. Ihre Fans sammelten online Tausende von Pfund, was eine neue Form der Interaktion zwischen Künstlern und ihrer Anhängerschaft einleitete. Sie wiederholten diesen Erfolg mit der Finanzierung ihres Albums *Anoraknophobia* (2001), indem sie Fans einluden, das Album im Voraus zu bestellen, lange bevor es aufgenommen wurde. Dieser Schritt revolutionierte die Musikindustrie und zeigte eine neue, fan-zentrierte Art der Geschäftsführung auf. Dieser Erfolg wurde mit nachfolgenden Alben fortgesetzt und prägte ihr unabhängiges Modell maßgeblich. Bis heute ist Marillion ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Künstler in der digitalen Ära florieren können, indem sie direkt mit ihrer Community zusammenarbeiten. Steve Hogarth, der mit seiner ersten Frau Caroline Hogarth verheiratet war, hat aus dieser Ehe zwei Kinder, eine Tochter Sofi und einen Sohn Lee. Er ist in zweiter Ehe mit Linette verheiratet.
Marillion war schon immer mehr als nur eine Bühne für ihre Sänger. Die musikalische Kohärenz und Kreativität der Band resultiert aus dem Zusammenspiel von vier herausragenden Musikern, die die Kernbesetzung bilden: Steve Rothery, Mark Kelly, Pete Trewavas und Ian Mosley.
Steve Rothery (* 25. November 1959, Brampton, Vereinigtes Königreich) ist der Gitarrist der Band. Sein Stil ist geprägt von lyrischen, atmosphärischen und emotionalen Soli, die die Klanglandschaft der Band maßgeblich formen. Er gilt als einer der einflussreichsten Progressive-Rock-Gitarristen seiner Generation, obwohl er oft im Schatten der großen Namen steht. Rothery hat neben Marillion zahlreiche Kollaborationen und Soloprojekte, darunter die Steve Rothery Band, mit der er Alben veröffentlichte. Er hat mit einer Vielzahl von Künstlern zusammengearbeitet, darunter auch mit The Wishing Tree, einem Seitenprojekt mit Hannah Stobart.
Mark Kelly (* 9. April 1961, Dublin, Irland) ist der Keyboarder der Band. Er war maßgeblich an der Gestaltung des Marillion-Sounds der 80er Jahre beteiligt, indem er die für den Neo-Prog typischen, opulente und symphonische Keyboard-Arrangements schuf. Mit Hogarths Ankunft passte er seinen Stil an, um die neuen musikalischen Richtungen der Band zu unterstützen. Kelly ist auch als Dozent für Musik und Technologie tätig und hat ein eigenes Online-Projekt gestartet. Er ist seit 2007 mit seiner Frau Heather verheiratet und hat aus erster Ehe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Aus seiner zweiten Ehe mit Heather hat er ebenfalls zwei Töchter.
Pete Trewavas (* 15. Januar 1959, Middlesbrough, Vereinigtes Königreich) ist der Bassist, der der Band seit 1982 angehört. Sein Bassspiel ist rhythmisch und melodisch zugleich, eine treibende Kraft hinter dem komplexen Sound von Marillion. Trewavas ist auch ein gefragter Session-Musiker und hat in zahlreichen anderen Bands und Projekten mitgewirkt, darunter in der Supergroup Transatlantic, die aus Mitgliedern von Dream Theater, Spock’s Beard und The Flower Kings besteht, sowie in der Band Edison’s Children mit dem amerikanischen Musiker Eric Blackwood und in der Live-Band von Steve Hackett. Trewavas‘ Tochter hieß Hannah und er hat einen Sohn, dessen Name nicht öffentlich bekannt ist.
Ian Mosley (* 16. Juni 1953, Paddington, London, Vereinigtes Königreich) ist der Schlagzeuger von Marillion, der 1984 zur Band stieß. Sein Stil ist kraftvoll und präzise, aber auch dynamisch und subtil, was dem facettenreichen Sound der Band zugutekommt. Vor seiner Zeit bei Marillion arbeitete er mit vielen bekannten Künstlern zusammen, darunter Gordon Giltrap, Darryl Way’s Wolf und Steve Hackett von Genesis. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Mosleys Präzision und sein Gespür für Rhythmus sind entscheidend für die musikalische Komplexität der Band.
Weitere frühere Mitglieder
Vor Fish gab es den ursprünglichen Sänger Doug ‚Rastus‘ Irvine und den Schlagzeuger Mick Pointer. Pointer war ein Gründungsmitglied und spielte auf dem ersten Album *Script for a Jester’s Tear*. Er verließ die Band kurz darauf und wurde von Jonathan Mover und später von Ian Mosley ersetzt. Pointers Abgang war abrupt, was zu weiteren Spannungen innerhalb der frühen Bandformation führte. Doug Irvine, der am 20. Dezember 1958 geboren wurde, verstarb am 11. Oktober 2011.
Marillion hat im Laufe ihrer Karriere mit einer Vielzahl von Künstlern zusammengearbeitet, sei es in Form von Gastauftritten, gemeinsamen Projekten oder Seitenprojekten der einzelnen Mitglieder. Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit von Pete Trewavas mit der Supergroup Transatlantic, die ihn in die internationale Progressive-Rock-Szene jenseits von Marillion etablierte. Mit Neal Morse, Mike Portnoy und Roine Stolt schuf er einige der gefeiertsten Alben des modernen Progressive Rock. Steve Rothery wiederum hat die Steve Rothery Band gegründet, die neben eigenen Konzerten auch Stücke von Marillion neu interpretierte. Die einzelnen Mitglieder haben auch mit einer Reihe von Künstlern zusammengearbeitet, die bei den jährlichen Marillion Weekends als Gäste auftraten, wie beispielsweise Anneke van Giersbergen, Daisy Mae, und The Beggs Sisters, was die enge Verbindung der Band zur breiteren Musikszene unterstreicht. Diese Kollaborationen zeigen, dass die Bandmitglieder nicht nur innerhalb von Marillion, sondern auch außerhalb als gefragte Musiker gelten.
Vollständige Diskografie
Quellenangaben:
Rezensator.de, progressiv-rock.de, Wikipedia (Deutsch & Englisch), Munzinger Biographie, Fischmusic.scot, matters2.com, marillion.com Setlist Archive.
Fotoquelle: JesterWr, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons