Die prägenden Anfänge eines Ausnahmemusikers
Stephen Richard Hackett, geboren am 12. Februar 1950 in London, England, sollte sich als einer der einflussreichsten Gitarristen in der Geschichte des Progressive Rock etablieren. Seine Kindheit war geprägt von der Musik, die sein Elternhaus erfüllte. Während sein Vater am Klavier spielte und seine Mutter die Violine, fand der junge Steve seine wahre Berufung in der Gitarre. Inspiriert von der klassischen Musik, aber auch von den Klängen von Hank Marvin von The Shadows, entwickelte Hackett eine einzigartige Herangehensweise an sein Instrument. Er war nie formal ausgebildet, was ihm die Freiheit gab, seinen eigenen, unkonventionellen Stil zu entwickeln. Früh übte er auf einer Akustikgitarre, die er von seinem Vater geschenkt bekam. Diese frühen Begegnungen mit dem Instrument legten den Grundstein für seine spätere Meisterschaft auf der klassischen Gitarre, die er meisterhaft in den Kontext des Rock einfließen ließ. Seine musikalischen Vorbilder waren vielschichtig; neben den Rock- und Blues-Größen jener Zeit bewunderte er auch klassische Komponisten und den spanischen Gitarrenvirtuosen Andrés Segovia. Diese breite Palette an Einflüssen formte seine musikalische Identität und befähigte ihn, Genregrenzen zu überschreiten. Seine ersten Schritte als professioneller Musiker machte er in verschiedenen Underground-Bands wie Canterbury Glass und Sarabande, bevor er 1970 auf dem Album der Band Quiet World mitwirkte, wo auch sein Bruder John Hackett, ein talentierter Flötist und später fester musikalischer Partner, zu finden war. Es war jedoch ein kleiner Zeitungsartikel, den er in der Musikzeitschrift Melody Maker las, der sein Schicksal besiegelte und ihn auf einen Weg führte, der die Musikgeschichte verändern sollte.
Die legendären Jahre bei Genesis
Der besagte Zeitungsartikel war eine Anzeige der noch jungen Band Genesis, die einen neuen Gitarristen suchte. Hackett meldete sich und wurde nach einem Vorspielen in die Band aufgenommen, die zu diesem Zeitpunkt aus Peter Gabriel, Tony Banks, Mike Rutherford und Phil Collins bestand. Es war der Beginn einer Ära, die heute als die klassische Besetzung von Genesis gilt. Hacketts einzigartiges Spiel war ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des Bandsounds. Seine lyrischen und oft melancholischen Soli, seine Fähigkeit, Texturen und Stimmungen zu kreieren, sowie seine experimentellen Techniken erweiterten das klangliche Spektrum der Band. Auf dem Album `Nursery Cryme` (1971), seinem ersten mit Genesis, fügte er der Musik eine neue, schärfere Note hinzu. Sein Beitrag war jedoch auf den folgenden Alben noch präsenter. Auf `Foxtrot` (1972) zeigte er sein ganzes Können. Das epische Stück „Supper’s Ready“ wurde zu einem Meilenstein des Progressive Rock, in dem Hacketts Gitarrenarbeit eine tragende Rolle spielte. Sein Solo auf „Firth of Fifth“ vom Album Selling England by the Pound (1973) gilt als eines der emotionalsten und technisch beeindruckendsten Soli der Rockgeschichte. Dieses Stück, das ursprünglich von Tony Banks geschrieben wurde, erhielt durch Hacketts Interpretation eine unvergleichliche Tiefe. Während seiner Zeit bei Genesis etablierte er Pioniertechniken wie das Two-Handed Tapping, das er bereits in den frühen 1970er Jahren anwandte und das später durch Eddie Van Halen populär wurde. Er nutzte auch E-Bows, Bottleneck-Slides und eine Vielzahl von Effektgeräten, um seinen unverwechselbaren Sound zu formen. Trotz des enormen Erfolgs und des kreativen Austauschs innerhalb der Band, der zu Meisterwerken wie `The Lamb Lies Down on Broadway` (1974) führte, wuchs in Hackett der Wunsch nach mehr persönlicher Freiheit. Nach dem Ausstieg von Peter Gabriel und den Alben `A Trick of the Tail` (1976) und `Wind & Wuthering` (1976) spürte Hackett zunehmend, dass seine Ideen in der demokratischen Entscheidungsfindung der Band nicht immer die nötige Beachtung fanden. Im Oktober 1977 gab er schließlich seinen Ausstieg bekannt, eine Entscheidung, die seine Solo-Karriere endgültig in den Fokus rückte und das Ende der klassischen Genesis-Ära markierte. Er war zwar nicht so sehr in der Öffentlichkeit präsent wie Gabriel oder Collins, aber seine musikalischen Beiträge waren von unschätzbarem Wert für den Klang und den Erfolg der Band.
Ein vielseitiger Solokünstler
Schon während seiner Zeit bei Genesis wagte Steve Hackett den ersten Schritt in seine Solokarriere. Im Jahr 1975 veröffentlichte er sein Debütalbum Voyage of the Acolyte. Auf diesem Werk, an dem auch seine damaligen Genesis-Bandkollegen Phil Collins und Mike Rutherford mitwirkten, zeigte er seine Fähigkeit, komplexe und atmosphärische Stücke zu schreiben, die sich stark an den mystischen und orchestralen Klängen des Progressive Rock orientierten. Das Album wurde von den Kritikern gut aufgenommen und erreichte Platz 26 in den britischen Albumcharts, was Hackett die Gewissheit gab, auch außerhalb von Genesis erfolgreich sein zu können. Nach seinem Ausstieg bei Genesis im Jahr 1977 widmete er sich ganz seiner Solomusik. Das 1978 erschienene Album Please Don’t Touch! markierte einen Neubeginn und demonstrierte seine stilistische Vielseitigkeit. Es war ein experimentelles Werk, das eine breite Palette von Musikstilen von Jazz bis hin zu klassischen Elementen vereinte. Mit den nachfolgenden Alben Spectral Mornings (1979) und Defector (1980) kehrte er zu einem gitarrenorientierteren Progressive Rock zurück und konnte an seine Erfolge anknüpfen. In den frühen 1980er Jahren experimentierte er weiter. Auf `Cured` (1981) und `Highly Strung` (1983) setzte er verstärkt auf kürzere, zugänglichere Songs, während er mit dem Album Bay of Kings (1983) sein Talent für die klassische Akustikgitarre unter Beweis stellte. Dieses Album gilt als ein Meilenstein in seiner Diskografie und festigte seinen Ruf als Meister der akustischen Musik. Sein unermüdlicher Drang, Neues auszuprobieren, führte ihn 1986 zur Gründung der Supergroup GTR mit dem früheren Yes-Gitarristen Steve Howe. Obwohl die Band nur ein einziges, selbstbetiteltes Album veröffentlichte, war es ein kommerzieller Erfolg, der die Hitsingle „When the Heart Rules the Mind“ hervorbrachte. Nach der Trennung von GTR kehrte Hackett zu seinem Solo-Weg zurück. In den 1990er Jahren erforschte er neue musikalische Territorien, unter anderem mit dem Blues-Album `Blues with a Feeling` (1994) und dem Ambient-inspirierten `Darktown` (1999). Ein besonders wichtiges Projekt, das er in den späten 90ern startete, war die Wiederaufnahme und Neuinterpretation der Musik von Genesis. Das Album `Genesis Revisited` (1996) war der erste Teil einer Reihe, die sich zu einem festen Bestandteil seiner Live-Konzerte entwickelte. Im neuen Jahrtausend setzte Steve Hackett seine produktive Karriere fort, mit Alben wie `To Watch the Storms` (2003) und `Wild Orchids` (2006). Ein tragischer Schicksalsschlag traf ihn 2007 mit dem Tod seines Bruders John Hackett. Dennoch fand er in seiner Musik weiterhin Ausdruck und Trost. Auch seine persönliche Biografie erfuhr in dieser Zeit eine Wendung. Nach seiner Scheidung von seiner zweiten Frau, der Malerin Kim Poor, die viele seiner Albumcover entwarf, fand er in der Sängerin und Songwriterin Jo Lehmann eine neue Partnerin, die ihn auch musikalisch unterstützte. Die Scheidung von Kim Poor war Berichten zufolge nicht reibungslos, was Hackett dazu veranlasste, sich in der Öffentlichkeit nur sehr zurückhaltend zu diesem Thema zu äußern, um die Privatsphäre zu wahren. Hackett zeigte eine bemerkenswerte Resilienz und fand weiterhin die Kraft, seine Musik zu schaffen und auf Tour zu gehen. Seine Konzerte sind bekannt für ihre emotionale Tiefe und die Perfektion, mit der er und seine Band die komplexen Genesis-Stücke und seine eigenen Werke interpretieren. Mit Alben wie `Wolflight` (2015) und `The Night Siren` (2017) bewies er, dass seine Kreativität auch im fortgeschrittenen Alter ungebrochen ist.
Ein Meister der musikalischen Zusammenarbeit
Abgesehen von seinen bahnbrechenden Werken mit Genesis und seiner Solokarriere zeichnet sich Steve Hackett durch seine zahlreichen und oft überraschenden musikalischen Kooperationen aus. Er hat mit einer Vielzahl von Künstlern zusammengearbeitet, die seine Vielseitigkeit und seinen Ruf als gefragter Gitarrist unterstreichen. Eine seiner frühesten und bedeutendsten Kollaborationen war die bereits erwähnte mit Yes-Gitarrist Steve Howe in der Supergroup GTR. Diese Partnerschaft war eine logische Folge der gemeinsamen Wurzeln im Progressive Rock, auch wenn der Sound von GTR stärker in Richtung AOR (Album-Oriented Rock) tendierte. Die Zusammenarbeit führte zu einem kommerziellen Erfolg und zeigte Hacketts Fähigkeit, sich an neue musikalische Kontexte anzupassen, ohne seine eigene Identität zu verlieren. Im Laufe der Jahre hat Hackett mit einer beeindruckenden Liste von Musikern kooperiert. Dazu gehören unter anderem Chris Squire, der Bassist von Yes, mit dem er 2012 das Projekt Squackett ins Leben rief. Das Album `A Life of Surprises` war eine faszinierende Mischung aus Squires markantem Bassspiel und Hacketts melodischer Gitarre. Weitere bemerkenswerte Zusammenarbeiten fanden mit dem ehemaligen King Crimson-Sänger John Wetton, dem Asia-Gitarristen John Wetton und Yes-Sänger Jon Anderson statt. Auch in den 1990er Jahren war er als Gastmusiker sehr gefragt. Auf dem Album `Under the Sun` (1994) von der schwedischen Band The Flower Kings war er zu hören, was seine Relevanz in der neuen Welle des Progressive Rock unterstrich. Eine langjährige und künstlerisch fruchtbare Partnerschaft pflegte Hackett mit dem ungarischen Jazz-Fusion-Ensemble Djabe. Die gemeinsamen Alben und Tourneen, die Hackett oft nach Ungarn führten, zeugen von seiner Offenheit gegenüber anderen Musikstilen und Kulturen. Diese Fusion aus Progressive Rock, Jazz und Weltmusik war ein weiteres Beispiel für Hacketts unkonventionelle Herangehensweise. Er hat auch mit seinem Bruder John Hackett über die Jahre immer wieder zusammengearbeitet. John, der Flöte und Keyboards spielt, war an vielen von Steves Soloalben beteiligt und ist ein fester Bestandteil seiner Live-Band. Ein besonderer Höhepunkt in seiner Karriere war die Kooperation mit dem ehemaligen Genesis-Sänger Ray Wilson, mit dem er 2007 auf dem Album `Genesis Revisited` zusammenarbeitete. Diese musikalischen Partnerschaften zeigen, dass Hackett nicht nur ein brillanter Solist ist, sondern auch ein talentierter Teamplayer, der andere Musiker inspiriert und bereichert. Seine Diskografie ist gespickt mit Gastauftritten und Kooperationen, die ein umfassendes Bild seiner weitreichenden Einflüsse und seines Respekts für andere Künstler zeichnen. Von Rocklegenden bis hin zu klassischen Orchestern, Steve Hackett hat bewiesen, dass seine musikalische Sprache universell verständlich ist.
Umfangreiche Diskografie
Die Diskografie von Steve Hackett ist ein Beweis für seine unermüdliche Kreativität und seine stilistische Vielfalt. Sie umfasst eine beeindruckende Anzahl von Studioalben, Live-Alben, Kompilationen und Kollaborationen. In dieser interaktiven Übersicht sind die wichtigsten Studioalben aufgeführt. Klicke auf den Titel, um weitere Informationen zu erhalten.
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Voyage of the Acolyte (1975)
Hacketts Solo-Debüt, veröffentlicht während seiner Zeit bei Genesis. Es ist ein instrumentales und atmosphärisches Konzeptalbum, das von Tarotkarten inspiriert ist und Gastauftritte von Phil Collins und Mike Rutherford enthält.
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Please Don’t Touch! (1978)
Das erste Soloalbum nach seinem Ausstieg aus Genesis. Es ist ein experimentelles Werk, das eine breite Palette von Genres von Rock über Jazz bis hin zu Klassik abdeckt und eine Vielzahl von Gastmusikern wie Richie Havens und Randy California featuring.
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Spectral Mornings (1979)
Ein von Kritikern hochgelobtes Album, das als eines seiner besten frühen Solo-Werke gilt. Es ist eine Rückkehr zum klassischen Progressive Rock-Sound und enthält Stücke wie den Titelsong und „Every Day“, die zu seinen Live-Klassikern wurden.
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Defector (1980)
Ähnlich wie sein Vorgänger ist dieses Album gitarrenorientiert und enthält komplex arrangierte Stücke. Es ist das letzte seiner Alben, das in den Top 100 der britischen Charts landete, bis er Jahre später mit seinen Genesis-Revisited-Alben wiederkehrte.
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Bay of Kings (1983)
Hacketts erstes reines Akustikalbum. Es ist eine Sammlung von wunderschönen und entspannten Stücken, die seine Meisterschaft auf der klassischen Gitarre hervorheben und eine neue Facette seiner musikalischen Persönlichkeit zeigten.
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GTR (1986)
Das einzige Studioalbum der Supergroup GTR, bestehend aus Steve Hackett und Steve Howe. Obwohl es nur ein Album war, erreichte es beachtlichen kommerziellen Erfolg und enthielt die Single „When the Heart Rules the Mind“, die in den US-Charts erfolgreich war.
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Darktown (1999)
Ein dunkles und introspektives Album, das Elemente von Ambient, Rock und Electronica miteinander verbindet. Es gilt als eines seiner experimentellsten Werke und zeigte seinen anhaltenden Drang zur musikalischen Innovation.
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Genesis Revisited II (2012)
Der zweite Teil seines gefeierten Projekts, bei dem er die Musik von Genesis neu interpretierte. Auf diesem Album, das eine beeindruckende Liste von Gastmusikern featured, spielte er Klassiker wie „Supper’s Ready“ und „The Musical Box“ neu ein.
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Wolflight (2015)
Ein Album, das von Reisen und literarischen Figuren inspiriert ist. Es ist ein klassisches Hackett-Album, das seine typischen Elemente von progressivem Rock, Akustikgitarre und orchestralen Arrangements vereint.
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Under a Mediterranean Sky (2021)
Ein instrumentales Akustikalbum, das von Reisen inspiriert ist und eine Hommage an die klassische Musik und die Landschaften des Mittelmeerraums darstellt. Das Album zeigte einmal mehr seine Meisterschaft auf der Akustikgitarre und seine Fähigkeit, mit seinem Instrument Geschichten zu erzählen.
Quellen und Danksagungen
Der vorliegende Text wurde in eigener Ausformulierung verfasst, basierend auf einer sorgfältigen Recherche aus einer Vielzahl von öffentlich zugänglichen Informationen. Die unten aufgeführten Quellen dienten als Grundlage für die hier dargelegten Fakten und Ereignisse.
- Wikipedia (Deutsche und Englische Version)
- Offizielle Webseite: hackettsongs.com
- Interviews und Dokumentationen mit Steve Hackett
- Artikel und Reviews aus Musikzeitschriften und -blogs
- Berichte über Konzerte und Touren
- Foto: Stefan Brending