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Les Claypool: Der visionäre Bassist, Satiriker und Outsider

Lesedauer 11 Minuten Les Claypool: Der visionäre Bassist, Satiriker und Outsider – Eine sozialkritische Biografie

Foto: Tceddia at English Wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons



Les Claypool: Der visionäre Outsider, Virtuose und Satiriker. Eine sozialkritische Reise durch die Ära des Anti-Mainstreams.

Die Wurzeln des Anti-Helden: Kindheit in der Arbeiterklasse und die Ablehnung durch Metallica

Leslie Edward Claypool, geboren am 29. September 1963 in Richmond, Kalifornien, ist eine lebende Anomalie in der Welt des Rock. Seine Kunst ist das Produkt einer unkonventionellen musikalischen Vision und einer tief verwurzelten Herkunft, die sich im krassen Gegensatz zum Hochglanz des Rock-Business der 80er und 90er Jahre befand. Claypool wuchs im Großraum San Francisco in einer typischen **Arbeiterfamilie** auf. Die Werkstatt, der Geruch von Öl und Metall, prägten seine frühe Umgebung, denn er entstammte einer langen Reihe von Automechanikern. Auch wenn seine Eltern sich früh trennten – ein Ereignis, das er selbst als nicht traumatisch, sondern als bloße Tatsache des damaligen Lebens beschrieb –, blieb das Ethos der hart arbeitenden Klasse ein prägender Faktor. Im Gegensatz zu vielen seiner späteren Musikerkollegen gab es in seinem Elternhaus keine ausgeprägte musikalische Tradition. Seine musikalische Sozialisation begann beiläufig durch AM-Radio und die wenigen Platten seiner Mutter, darunter die **Beatles** und **Elvis**. Es war eine bodenständige, unprätentiöse Einführung, weit entfernt von jeder musikalischen Elfenbeinturm-Bildung.

Die ersten Saiten des Aufstands: Mentoren und die Revolution der Slap-Technik

Als Claypool im Alter von 14 Jahren zum Bass fand, war dies der Beginn einer Obsession, die die Grenzen des Instruments neu definieren sollte. Er war ein Autodidakt, der sich durch Zuhören und Experimentieren bildete – eine Tatsache, die er später als entscheidend für seinen einzigartigen Stil ansah, da er sich nie durch formale Regeln eingeschränkt sah. Schnell avancierte der Bass von einem bloßen Rhythmusinstrument zu einer eigenständigen Stimme. Seine frühen **Mentoren** waren die Ikonen des Progressive Rock und des Funk. Namen wie **Geddy Lee** von Rush, den er als seinen ersten musikalischen „Superhelden“ bezeichnete, und **Chris Squire** von Yes, dessen melodisches und klangvolles Spiel ihn faszinierte, zeigten ihm das Potenzial der tiefen Frequenzen. Doch die wahre Revolution in seinem Spiel wurde durch die Funk-Pioniere ausgelöst: **Larry Graham** (Sly and the Family Stone), den er als den „Jimi Hendrix des Basses“ bezeichnete, sowie **Louis Johnson** und **Bootsy Collins**, deren Slap- und Pop-Techniken er aufgriff und in eine bis dato unerhörte, rockigere, fast karikaturistische Form übertrug. Diese Fusion aus Funk-Virtuosität und Progressive-Rock-Komplexität war der Grundstein für alles, was folgen sollte.

Ein bedeutender **Schicksalsschlag**, der beinahe seine Karriere in eine völlig andere Richtung gelenkt hätte, war die **Audition bei Metallica** im Jahr 1986, nach dem tragischen Tod von Cliff Burton. Claypool, ein Schulfreund von Kirk Hammett, nahm an dem Vorspiel teil. James Hetfield lehnte ihn ab, allerdings mit einer bemerkenswerten Begründung: Claypool sei „zu gut“ und vor allem „zu schräg“ für Metallica; er müsse sein „eigenes Ding machen“. Dieses Urteil, so ehrenhaft es gemeint war, besiegelte Claypools Weg als unbeugsamer **Außenseiter**. Hätte er den Job bekommen, wäre die Musikwelt um Primus und all seine experimentellen Soloprojekte ärmer gewesen. Die Ablehnung wurde zur **Befreiung**, die es ihm erlaubte, eine eigene, unverwechselbare musikalische Nische zu schaffen, die den gängigen Genre-Klassifikationen spottete.


Primus: Die Geburt des Anti-Hits und die Satire der 90er

Der embryonale Ur-Klang: Von Primate zu Primus und die Gründungsmitglieder

Nach der Gründung der Band Primate, die später zu **Primus** umbenannt wurde (weil der Name Primate bereits vergeben war), manifestierte Claypools Vision endlich eine Form. Die frühe Besetzung mit dem Gitarristen **Todd Huth** und dem Schlagzeuger **Jay Lane** war der Keim des unverwechselbaren Primus-Sounds: eine Mischung aus bizarre Erzählungen und musikalischem Hochseilakt, weit entfernt von der Lederhosen-Ästhetik des zeitgenössischen Metal. Mit der Veröffentlichung des Live-Albums *Suck on This* (1989) und dem Studio-Debüt *Frizzle Fry* (1990) legte die Band den Grundstein für ihren Ruf. Diese frühen Werke etablierten Claypool als einen **Songwriter-Karikaturisten** der amerikanischen Vorstädte, der Themen wie Arbeitslosigkeit („To Defy the Laws of Tradition“) und Militärdienst („Too Many Puppies“) mit schwarzem Humor und surrealen Anekdoten versah.

Meilenstein: Frizzle Fry (1990)

Das erste Studioalbum, oft als Blaupause des Primus-Sounds angesehen. Hier manifestiert sich Claypools Gabe, Funk, Progressive Rock und Metal in einer neuen, schrägen Form zu verschmelzen. Es etabliert seinen einzigartigen Bass-Sound und legt mit Stücken wie „Too Many Puppies“ einen frühen Fokus auf **sozialkritische Themen**, insbesondere die Kritik am Militarismus und dem leichtfertigen Umgang mit Menschenleben.

Die klassische Ära und der Durchbruch: Lalonde, Alexander und das Album-Trio

Die „klassische“ Besetzung von Primus, die ab 1989 die größten Erfolge feierte, bestand aus Claypool, dem Gitarristen **Larry „Ler“ LaLonde** und dem Schlagzeuger **Tim „Herb“ Alexander**. LaLonde, der vom Death Metal (Possessed) und experimentellem Metal (Blind Illusion) stammte, brachte eine chaotische, fast improvisatorische Textur in die Musik, die perfekt zu Claypools Bass-Dominanz passte. Alexander wiederum etablierte sich als eine rhythmische Urgewalt, dessen komplexe, unorthodoxe Schlagzeugmuster die Musik von Primus wie ein verschobenes Uhrwerk antrieben.

Mit *Sailing the Seas of Cheese* (1991) und insbesondere dem Hit **“Jerry Was a Race Car Driver“** gelang der Band der Durchbruch. Plötzlich fand ein Millionenpublikum Gefallen an ihrem seltsamen Mix aus Funk, Metal und Zirkusmusik. Doch der wahre Höhepunkt der sozialkritischen und düsteren Phase der Band ist zweifellos **Pork Soda** (1993). Das Album, mit seiner oft dissonanten und klaustrophobischen Atmosphäre, war ein direkter Kommentar auf die Verzweiflung und den Zerfall der amerikanischen Seele der frühen 90er Jahre.

Meilenstein: Pork Soda (1993)

Das Album, das Primus auf Platz 7 der US-Charts brachte. Es markiert den düstersten, **sozialkritischsten** Punkt in Claypools Karriere. Titel wie „My Name Is Mud“ (über einen mordenden Außenseiter) und „The Ol‘ Diamondback Sturgeon“ (über seine Liebe zur Fischerei) sind Beispiele für die lyrische Bandbreite, während „Mr. Krinkle“ die makabre Seite des amerikanischen Traums beleuchtet. Es ist ein dichtes, zutiefst unkomfortables Meisterwerk, das sich offen gegen den optimistischen Geist des Alternative Rock stellte.

Konzerte und die Beziehung zum Publikum: Der Spagat zwischen Star und Störenfried

Primus-Konzerte waren und sind ein Spektakel des Absurden, doch Les Claypool pflegte stets eine ambivalente Beziehung zu seinen Fans. Er war bekannt dafür, **Störenfriede** direkt von der Bühne aus zurechtzuweisen. Es gab Berichte, dass er zeitweise den Song **“Wynona’s Big Brown Beaver“** nicht spielen wollte, weil das Publikum bei diesem Stück regelmäßig übermütig wurde und die Konzerte in tumultartige Zustände kippten. Ein besonderes Vorkommnis war der Wurf einer **Schweinsmaske** auf die Bühne, die ihn traf und ihn befürchten ließ, einen Finger gebrochen zu haben. Diese Vorfälle verdeutlichen Claypools Bedürfnis, die Kontrolle zu behalten und die Kunst über den reinen Entertainment-Faktor zu stellen – eine Haltung, die im krassen Gegensatz zum „Kunden ist König“-Gedanken der Musikindustrie steht. Er erlaubt zwar Audio-Mitschnitte seiner Konzerte, um die musikalische Gemeinschaft zu fördern, verbietet aber strikt Videoaufnahmen, um die Unmittelbarkeit und den Fokus auf das Klangerlebnis zu bewahren.


Die Stimme der Satire: Claypools scharfer Blick auf Gier und Militarismus

Das lyrische Vermächtnis: Kapitalismus, Gier und die American Life-Karikatur

Les Claypools Texte sind das lyrische Gegenstück zu seiner musikalischen Komplexität: sie sind absurd, humorvoll und zutiefst **sozialkritisch**. Der Kern seiner Satire liegt in der Karikatur des modernen amerikanischen Lebens. Er nutzt die surrealen, oft makabren Geschichten, um ein scharfes Licht auf die Missstände der Gesellschaft zu werfen, wobei seine Arbeiterklasse-Wurzeln immer durchscheinen. Die Thematik der **Gier** ist ein wiederkehrendes Motiv. In Stücken wie **“The Candyman“** (vom Album *Sailing the Seas of Cheese*) wird der Kapitalismus als süße, aber zutiefst korrumpierende Kraft dargestellt. Die Süßigkeiten, die der Candyman verteilt, stehen symbolisch für die Konsumgüter und die leeren Versprechungen des amerikanischen Traums – eine Verführung, die die Massen in kindlicher Abhängigkeit hält. Auch **“Southbound Pachyderm“** (*Tales from the Punchbowl*) kann als eine verschlüsselte Kritik am Raubbau an der Natur und dem unaufhaltsamen Marsch der Industrie interpretiert werden, der die „Pachyderme“ – die trägen Giganten – in den Untergang treibt.

Seine Musik ist ein ungeschönter Blick auf die hässliche Seite des „American Life“. Claypool verzerrt und überzeichnet Charaktere und Situationen, um die dahinter liegenden Missstände hervorzuheben. Seine Figuren sind oft Außenseiter, die am Rande der Gesellschaft agieren – die verlorenen Seelen, die in den Rissen des Systems gefangen sind. **“My Name Is Mud“** ist das ultimative Porträt des gesellschaftlich Ausgestoßenen, der in seiner Isolation und seinem Zorn endet. Dies ist keine glorifizierende Darstellung, sondern eine nüchterne Beobachtung des Zerfalls, der aus der Entfremdung resultiert. Diese Fähigkeit, tiefgründige Themen in absurden, fast kindlichen Geschichten zu verpacken, macht seine Kritik so eindringlich und zeitlos.

Kritik an Autorität und dem Militär: Der Protest in verzerrten Tönen

Ein weiteres zentrales Thema, das Claypool frühzeitig aufgriff, ist die Kritik an **Militarismus** und blindem Autoritätsgehorsam. Bereits 1990 thematisierte **“Too Many Puppies“** die leichtfertige Haltung gegenüber dem Krieg und der Rekrutierung junger Menschen als Kanonenfutter. Die „Welpen“ (Puppies) sind die jungen Soldaten, die von einer zynischen Maschinerie verheizt werden. Claypools sozialkritische Haltung ist dabei niemals dogmatisch oder platt politisch; sie ist vielmehr eine **humanistische Satire** auf die strukturellen Gewaltakte, die in der Gesellschaft als normal akzeptiert werden. In jüngerer Zeit griff Claypool diese Haltung im **Primus-EP *Conspiranoid*** (2022) auf, insbesondere mit dem über elfminütigen Titeltrack „Conspiranoia“. Dieses Werk ist ein direkter Kommentar zum Zustand der zeitgenössischen Welt, in der **Verschwörungstheorien**, Misstrauen und mentale Zersplitterung die öffentliche Debatte dominieren. Claypool beschreibt damit die Paranoia und den kollektiven Wahn, der die Gesellschaft in einem Zeitalter der Desinformation lähmt – eine klare und scharfe Kritik an der postmodernen Fragmentierung der Wahrheit.


Die Kernelemente des Chaos: Ein Blick auf die Primus-Besetzung

Larry „Ler“ LaLonde: Der Gitarrist des Anti-Solos

Die musikalische Identität von Primus wäre ohne **Larry „Ler“ LaLonde** unvorstellbar. LaLonde ist mehr als ein Begleitmusiker; er ist der notwendige chaotische Gegenpol zu Claypools rhythmischer Präzision. Seine Karriere begann in der extremen Ecke des Metal, als Gitarrist der einflussreichen Death-Metal-Band **Possessed** und später in der technischen Thrash-Band **Blind Illusion**. Diese Härte und Komplexität übertrug er in den Primus-Sound, allerdings in einer völlig transformierten Form. Er weigerte sich, traditionelle Rock-Soli zu spielen. Stattdessen sind seine Beiträge oft atonale, verzerrte und psychedelische Sound-Texturen, die das Gesamtbild wie eine schwelende, surrealistische Kulisse ergänzen. Er arbeitet nicht *gegen* Claypools Bass, sondern webt seine Klänge *um* ihn herum, was den Bass erst zum unangefochtenen Lead-Instrument macht. Privat musste LaLonde 2025 einen schweren **Schicksalsschlag** hinnehmen, als sein Haus bei den verheerenden Waldbränden in Kalifornien zerstört wurde – ein Ereignis, das die Musik-Community zu Spenden aufrief und die fragile Realität des Lebens in der Nähe der Natur in den Fokus rückte.

Tim „Herb“ Alexander: Die polyrhythmische Maschine

**Tim „Herb“ Alexander** gilt als der definitive Schlagzeuger der Primus-Ära, auch wenn die Besetzung mehrmals wechselte. Er war in drei verschiedenen Inkarnationen der Band tätig (1988–1992, 1997–2003, 2013–2024). Alexanders Spiel ist ein Meisterwerk der **Polyrhythmik** und Unvorhersehbarkeit. Er spielt nicht einfach nur den Takt; er verschiebt, bricht und dekonstruiert ihn, was den Songs von Primus ihre tanzbare, aber gleichzeitig intellektuell herausfordernde Basis verleiht. Seine Fähigkeit, komplexe Grooves mit einer scheinbaren Leichtigkeit zu verbinden, machte ihn zu einem der meistrespektierten Schlagzeuger des Alternative Rock. Im Jahr 2024 trat Alexander „mit sofortiger Wirkung“ von seiner Rolle zurück, um sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen, wobei er den Verlust seiner Leidenschaft als Grund angab. Sein Abgang markiert das Ende einer Ära und zwang Claypool und LaLonde, nach einem Nachfolger zu suchen, den sie in einem ironisch betitelten „Primus Interstellar Drum Derby“ öffentlich suchten.

Jay Lane und Bryan „Brain“ Mantia: Die anderen Rhythmus-Katalysatoren

Neben Alexander prägten auch andere Schlagzeuger den Klang der Band. **Jay Lane** war ein Gründungsmitglied und spielte bereits in der Ur-Formation Sausage mit Claypool und Huth. Er kehrte von 2010 bis 2013 für die „Reinvention“ der Band zurück und ist ein vielseitiger Musiker, der auch in Claypools Solo-Projekten (z.B. Frog Brigade) eine Rolle spielte. **Bryan „Brain“ Mantia** (1994–1996, 2003–2010) ersetzte Alexander während dessen erster Pause und brachte einen härteren, funk-orientierteren Stil ein, der die Alben *Tales from the Punchbowl* und *Antipop* prägte. Mantia ist ebenfalls ein gefragter Schlagzeuger, der in Bands wie Guns N‘ Roses und Praxis spielte.


Der rastlose Geist: Soloprojekte und die Allianz mit musikalischen Titanen

Die Ära der Seitenprojekte: Zwischen Frog Brigade und Holy Mackerel

Les Claypools Kreativität beschränkt sich nicht auf Primus; sie entlädt sich in einem ständigen Strom von Seitenprojekten und Kollaborationen, die es ihm erlauben, unterschiedlichste musikalische Facetten auszuleben. Das Projekt **Sausage** war streng genommen die Reinkarnation der ursprünglichen Primus-Besetzung (Claypool, Huth, Lane) und veröffentlichte 1994 das Album *Riddles Are Abound Tonight*. Es war ein humorvolles, funkiges Abbild ihrer Anfänge. Das Projekt **Les Claypool and the Holy Mackerel** mit dem Album *Highball with the Devil* (1996) war ein frühes Vehikel für Claypools Solokompositionen, das oft als „Primus-light“ beschrieben wurde, aber eigenständige Akzente setzte, etwa durch den Einsatz des von ihm selbst erfundenen, einschneitigen Instruments **Whamola** (eine Variation des Waschwannenbasses).

Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der **Colonel Claypool’s Fearless Flying Frog Brigade** im Jahr 2000. Diese „Frog Brigade“ war ein echtes Jam-Band-Experiment, das ihm erlaubte, Pink Floyds gesamtes Album *Animals* live zu covern und mit dem Album *Purple Onion* (2002) eigene, komplexere Kompositionen zu veröffentlichen. Das nächste Experiment war **Colonel Claypool’s Bucket of Bernie Brains** (2004), eine Supergruppe mit dem legendären Keyboarder **Bernie Worrell** (Parliament/Funkadelic) und dem mysteriösen Gitarren-Virtuosen **Buckethead**. Die Zusammenarbeit war ein spontanes, fast improvisiertes Projekt, das die Grenzen zwischen Funk, Psychedelia und Experimental-Rock auslotete.

Kollaboration: Oysterhead (2001)

Ein einzigartiger Supergroup-Meilenstein mit **Trey Anastasio** (Gitarre, Phish) und **Stewart Copeland** (Schlagzeug, The Police). Das Album *The Grand Pecking Order* war eine Verschmelzung aus Claypools skurrilem Funk-Rock, Copelands komplexer Rhythmik und Anastasios Jam-Band-Ästhetik. Es zeigte Claypools Fähigkeit, sich in völlig neue, hochkarätige musikalische Kontexte einzufügen.



Die Kunst der Duo-Formationen: Lennon Delirium und Tom Waits

Besondere Beachtung verdient seine Zusammenarbeit mit **Sean Lennon**, dem Sohn von John Lennon. **The Claypool Lennon Delirium** (seit 2016) ist eine psychedelische, von den 60er und 70er Jahren inspirierte Allianz. Ihre Musik ist ein traumhafter, detailverliebter Trip, der an die besten Werke von Pink Floyd und den Beatles erinnert, aber stets Claypools unverkennbare Handschrift trägt. Alben wie *Monolith of Phobos* (2016) und *South of Reality* (2019) bewiesen, dass Claypool seine surrealistische Lyrik auch in klassischen Songstrukturen meisterhaft einsetzen kann. Das jüngere Projekt **Duo De Twang** (2014) mit Marc „MIRV“ Haggard war eine Rückkehr zur Wurzelmusik – ein akustisches, folk-bluesiges Experiment, das seine erzählerischen Qualitäten auf eine minimalistische Bühne hob.

Darüber hinaus arbeitete Claypool als Session-Musiker mit einigen der größten Namen der Rock- und Avantgarde-Szene zusammen. Seine vielleicht wichtigste Gastrolle hatte er auf mehreren Alben von **Tom Waits** (*Bone Machine*, *Mule Variations*, *Real Gone*). Claypools Bassspiel verlieh Waits‘ knorrigen, apokalyptischen Balladen und Grooves eine zusätzliche Ebene von klanglicher Tiefe und Schrägheit. Er trug auch zu Alben von Künstlern wie **Jerry Cantrell** (Alice in Chains) und dem Prog-Gitarristen **Adrian Belew** bei, was seine Bandbreite und seinen Ruf als einer der vielseitigsten Bassisten seiner Generation unterstrich.




Jenseits der Bühne: Weinbau, Familie und die Philosophie des Eigenbrötlers

Privatleben: Familie, Sonoma County und das Weingut Purple Pachyderm

Im krassen Gegensatz zu den wilden, oft verstörenden Bühnenpersönlichkeiten und Musikvideos, die er schuf, pflegt Les Claypool ein vergleichsweise stabiles und bodenständiges Privatleben. Er ist seit Dezember 1995 mit der Modedesignerin **Chaney Smith** verheiratet. Das Paar lebt in Sonoma County, Kalifornien, wo sie ihre Kinder – einen Sohn und eine Tochter – großzogen. Sonoma County ist auch der Ort, an dem Claypool seine zweite große Leidenschaft nach der Musik auslebt: den **Weinbau**. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er das Weingut **Purple Pachyderm** (benannt nach dem Maskottchen von Primus und einem Songtitel), das sich auf Pinot Noir spezialisiert. Dieses Unternehmen spiegelt seine Vorliebe für Geschmack und Handwerkskunst wider und zeigt, wie Claypool seine kreative Energie auch außerhalb der Musik in konkrete Projekte lenkt. Seine Verbindung zum Land und zu hochwertigen, handgemachten Produkten steht symbolisch für eine Ablehnung der Massenproduktion – eine weitere Form des sozialkritischen Kommentars durch die Tat.

Die Philosophie des Außenseiters

Les Claypool verkörpert die Philosophie des lebenslangen **Außenseiters**, des „Weirdo“, wie er sich selbst nannte. Er hat sich stets geweigert, sich den Regeln der Musikindustrie, den Erwartungen des Mainstreams oder den Konventionen seines Instruments zu beugen. Die Anekdote seiner Ablehnung durch Metallica – er sei „zu gut“ und „zu schräg“ – wurde zum Leitmotiv seiner Karriere. Er hat eine Kunst geschaffen, die gleichzeitig hochvirtuos und zutiefst albern ist, zutiefst persönlich und universell sozialkritisch. Er nutzt Surrealismus, um die Realität besser verständlich zu machen, und schrillen Humor, um düstere Wahrheiten zu enthüllen. Seine gesamte Karriere ist ein Plädoyer für Authentizität und die Weigerung, sich für Erfolg zu verleugnen. Er hat bewiesen, dass es einen Weg gibt, Millionen von Alben zu verkaufen, indem man strikt man selbst bleibt – ein inspirierendes Vermächtnis in einer Welt, die oft Konformität belohnt.


Umfangreiche Diskografie (Auswahl)

Die Diskografie von Les Claypool ist ein beeindruckender Beweis für seine Kreativität und genreübergreifende Produktivität, aufgeschlüsselt nach seinen wichtigsten Projekten. Die Liste ist ein interaktives Archiv seiner Arbeit, von den Primus-Klassikern bis zu den experimentellsten Solo-Ausflügen.

Primus

  • 1990: Frizzle Fry (Interscope Records)

    Das offizielle Studio-Debüt. Definiert den Primus-Sound: Funk, Metal und ein Hauch von Zirkusmusik.

  • 1991: Sailing the Seas of Cheese (Interscope Records)

    Der kommerzielle Durchbruch mit den Hits „Jerry Was a Race Car Driver“ und „Tommy the Cat“.

  • 1993: Pork Soda (Interscope Records)

    Das düsterste und sozialkritischste Album der Band; Platz 7 der US-Charts.

  • 1995: Tales from the Punchbowl (Interscope Records)

    Enthält den MTV-Hit „Wynona’s Big Brown Beaver“ und „Southbound Pachyderm“.

  • 1999: Antipop (Interscope Records)

    Kollaborationen mit Tom Waits, Matt Stone, Fred Durst, und James Hetfield. Ein Versuch, den Sound neu zu beleben.

  • 2011: Green Naugahyde (ATO/Prawn Song)

    Das Comeback mit Jay Lane am Schlagzeug, Rückkehr zum ursprünglichen, erdigen Sound.

  • 2014: Primus & the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble (ATO/Prawn Song)

    Neuinterpretation des Soundtracks von *Willy Wonka & the Chocolate Factory*.

  • 2017: The Desaturating Seven (ATO Records)

    Ein Konzeptalbum, das auf einem italienischen Kinderbuch basiert; Rückkehr zur Prog-Ära.

Solo- und Supergroup-Projekte (Auswahl)

  • 1994: Riddles Are Abound Tonight (als **Sausage**) (Interscope Records)

    Ein einziges Album der Ur-Besetzung von Primus (Claypool, Huth, Lane).

  • 1996: Highball with the Devil (als **Les Claypool and the Holy Mackerel**) (Interscope Records)

    Claypools erstes offizielles Solo-Album, stark Bass-dominiert.

  • 2001: The Grand Pecking Order (als **Oysterhead**) (Elektra Records)

    Das einzige Studioalbum der Supergroup mit Trey Anastasio und Stewart Copeland.

  • 2002: Purple Onion (als **Colonel Claypool’s Frog Brigade**) (Prawn Song Records)

    Eines seiner populärsten Soloalben, mit dem Gastauftritt von Tom Waits.

  • 2004: The Big Eyeball in the Sky (als **Colonel Claypool’s Bucket of Bernie Brains**) (Prawn Song Records)

    Improvisations-basiertes Projekt mit Buckethead und Bernie Worrell.

  • 2006: Of Whales and Woe (als **Les Claypool**) (Prawn Song Records)

    Ein weiteres Solo-Projekt, das sich mit der Tiefsee und surrealen Erzählungen beschäftigt.

  • 2014: Four Foot Shack (als **Duo De Twang**) (ATO/Prawn Song)

    Akustisches Blues/Folk-Duo mit Marc „MIRV“ Haggard.

  • 2016: Monolith of Phobos (als **The Claypool Lennon Delirium**) (ATO Records)

    Psychedelische Rock-Kollaboration mit Sean Lennon.

  • 2019: South of Reality (als **The Claypool Lennon Delirium**) (ATO Records)

    Zweites Album mit Sean Lennon, setzt den psychedelischen und komplexen Sound fort.

Wichtige Gastbeiträge (Auswahl)

  • 1992: Bone Machine (Tom Waits)

    Claypools einzigartige Basslinien tragen zum düsteren, perkussiven Sound des Albums bei.

  • 1998: Garage Inc. (Metallica)

    Spielte auf dem Track „Tuesday’s Gone“ (Lynyrd Skynyrd Cover).

  • 1999: Mule Variations (Tom Waits)

    Erneute Zusammenarbeit, bekannt für den funky, knorrigen Track „Big in Japan“.

  • 1999: Significant Other (Limp Bizkit)

    Bass auf dem Track „Know Your Enemy“ – ein seltener Ausflug in den Nu Metal.

  • 2005: Side One (Adrian Belew)

    Gemeinsam mit Danny Carey (Tool) am Schlagzeug.

  • 2011: Bad As Me (Tom Waits)

    Erneut als Bassist auf Waits‘ letztem Studioalbum.

Quellenangaben

Die Informationen für diese Biografie basieren auf einer Zusammenfassung und Umschreibung der folgenden Quellen (Auszug):

Wikipedia (Deutsch und Englisch), Interviews von Les Claypool mit Consequence.net (Diskografie-Breakdown), Guitar World Magazine (Einflüsse), Quora Community-Diskussionen, Angelfire Archiv-Interview (Familienhintergrund), Offizielle Les Claypool Website (Tourdaten, Projekte).

Copyright © 2025 Franz Lemmler. Veröffentlicht auf Xenopolias.de

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CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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