Nach den ganzen Bandvorstellungen, die ich über Schweizer Bands gemacht habe, ist mein früheres Bild über die Schweiz völlig demoliert.


Coilguns: Eine Bandvorstellung wie ein Präzisionsuhrwerk unter Strom
Vergessen Sie bitte für einen Moment alles, was Sie über die Schweiz zu wissen glauben. Vergessen Sie Schokolade, vergessen Sie pünktliche Züge und vergessen Sie vor allem die beschauliche Alpenidylle. Bereiten Sie sich stattdessen auf eine Lektion in Lärm vor, auf eine akustische Naturgewalt, die so subtil ist wie ein Presslufthammer in einer Bibliothek. Wir sprechen über Coilguns, eine Band, die aus dem Herzen der Schweizer Uhrenindustrie stammt, aber deren Präzision sich nicht in filigranen Zahnrädern, sondern in ohrenbetäubender, mathematisch exakter Zerstörung manifestiert.
Stellen Sie sich vor, vier Uhrmacher aus La Chaux-de-Fonds, der höchstgelegenen Stadt Europas, beschließen eines Tages, dass sie genug von winzigen Schrauben und der Stille der Berge haben. Sie tauschen ihre Lupen gegen Gitarren, ihre Pinzetten gegen Drumsticks und ihre Werkstatt gegen einen Proberaum, der klingt, als würde ein Güterzug entgleisen. Das Ergebnis ist Coilguns. Eine Band, die nicht einfach nur Musik macht. Eine Band, die den Klang selbst unter Hochspannung setzt, ihn bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und ihn dem Publikum als kathartisches Erlebnis serviert. Dies ist keine Musik zum Entspannen. Dies ist Musik, die man überlebt.
Wer zum Teufel sind diese Lärm-Architekten?
Um den Wahnsinn zu verstehen, muss man die Wahnsinnigen kennen. Coilguns ist kein zufälliger Haufen Musiker, sondern ein Kollektiv von Gleichgesinnten, die ihre musikalischen Fähigkeiten in anderen renommierten Formationen geschärft haben, bevor sie diesen Moloch gründeten. Die Kernbesetzung besteht aus drei Männern, die eine gemeinsame Vergangenheit in der international gefeierten Post-Metal-Band The Ocean Collective teilen. Dies ist kein Zufall, sondern eine Blaupause für technische Brillanz.
Da wäre Louis Jucker, der Mann am Mikrofon und manchmal auch an der Gitarre. Jucker ist nicht nur Musiker, er ist ein Tausendsassa, ein „Vollzeit-DIY-Musiker“ und, kein Witz, studierter Architekt. Diese duale Natur ist in jedem seiner Schreie zu hören. Er konstruiert Lärm nicht nur, er baut Kathedralen daraus. Seine Stimme ist kein Instrument im klassischen Sinne, sondern eine Waffe, die zwischen gequältem Flüstern, manischem Sprechgesang und einem infernalischen Brüllen pendelt, das klingt, als hätte er Nägel gefrühstückt. Wenn er nicht gerade mit Coilguns die Bühnen Europas abreißt, verfolgt er eine ebenso faszinierende Solokarriere, die seine introspektive, folkigere Seite zeigt. Bei Coilguns jedoch lässt er das Biest von der Leine. Er ist der Zeremonienmeister des Chaos, der Architekt der Apokalypse.
Dann haben wir Jona Nido an der Gitarre. Nido ist das pulsierende, strategische Gehirn hinter der Operation. Er ist nicht nur für die Riffs verantwortlich, die klingen, als würde man ein Klavier eine Treppe hinunterwerfen und das Ganze rückwärts abspielen. Er ist auch der Gründer und Betreiber von Hummus Records, dem hauseigenen Plattenlabel der Band. Nido verkörpert den DIY-Ethos der Band bis ins Mark. Warum auf ein Label warten, wenn man selbst eines gründen kann? Warum einen Manager bezahlen, wenn man die Kontrolle behalten kann? Seine Gitarrenarbeit ist ein Abbild dieser Philosophie: unvorhersehbar, dissonant, komplex und doch mit einer unerbittlichen Zielstrebigkeit. Er spielt keine Akkorde, er spielt geometrische Figuren, die scharfe Kanten haben.
Am Schlagzeug sitzt Luc Hess. Wer Hess einmal live gesehen hat, stellt die menschliche Anatomie in Frage. Er ist kein Schlagzeuger, er ist ein Uhrwerk, das auf Amphetaminen läuft. Seine Präzision ist unmenschlich, seine Geschwindigkeit atemberaubend und seine Ausdauer legendär. Die Vergangenheit bei The Ocean hat ihn zu einer Maschine geformt, die Polyrhythmen und halsbrecherische Taktwechsel mit einer stoischen Ruhe aus dem Handgelenk schüttelt. Hess ist das Fundament, auf dem Jucker und Nido ihre Lärmgebäude errichten können. Er ist der Anker im Sturm, auch wenn dieser Anker selbst ein Wirbelsturm ist.
Komplettiert wird das Quartett durch Kevin Galland am Bass und Synthesizer. Er ist das Element, das dem ohnehin schon dichten Klangteppich noch mehr Textur und ein grollendes, tiefes Fundament verleiht. Seine Basslinien sind weniger Melodien als vielmehr seismische Erschütterungen, während seine Synthesizer-Einsätze dem Chaos eine düstere, fast filmische Atmosphäre verleihen. Er ist der Mörtel zwischen den Ziegelsteinen des Lärms.
Die Philosophie der totalen Kontrolle
Coilguns wurde 2011 ursprünglich als spaßiges Nebenprojekt gegründet, eine Möglichkeit für die Mitglieder, schnellen, einfachen und rohen Lärm zu machen, als Kontrastprogramm zu der komplexen, epischen Musik von The Ocean. Doch wie das oft mit guten Ideen passiert, geriet das Projekt schnell außer Kontrolle. Aus dem Spaß wurde Ernst, aus dem Nebenprojekt wurde eine Vollzeitbeschäftigung. Der Drang, Musik zu machen, die schnell, laut und unkompliziert war, entwickelte sich zu einer tiefgreifenden Philosophie.
Das Herzstück von Coilguns ist der „Do It Yourself“-Ethos, aber auf einem professionellen, fast schon manischen Niveau. Jona Nido gründete Hummus Records nicht nur, um die eigene Musik zu veröffentlichen, sondern um ein ganzes Ökosystem für gleichgesinnte Schweizer Bands zu schaffen. Coilguns sind das Aushängeschild dieser Bewegung. Sie buchen ihre Touren selbst. Sie drucken ihr Merchandise im Siebdruckverfahren selbst. Sie verwalten sich selbst. Sie behalten die volle kreative und finanzielle Kontrolle über jeden Aspekt ihres Schaffens.
Diese Haltung ist kein Marketing-Gag, sie ist eine Notwendigkeit. In einem Interview beschrieb die Band ihre Herkunft aus La Chaux-de-Fonds einmal humorvoll als „Bergproleten, die Uhren bauen“. Es ist diese Mentalität des Handwerkers, die ihre Musik durchdringt. Sie sehen sich nicht als Rockstars, sondern als Arbeiter. Ihre Musik ist ein Handwerk, das Präzision, Hingabe und eine Menge Schweiß erfordert. Sie glauben an den Wert der Abweichung und des freien Selbstausdrucks, weit weg von den „Business-Fähigkeiten“ und Kommunikationskonzepten der modernen Musikindustrie. Sie wollen nicht gefallen, sie wollen existieren, und zwar zu ihren eigenen Bedingungen.
Diese Philosophie spiegelt sich direkt in ihrem Aufnahmeprozess wider. Coilguns nehmen ihre Musik bevorzugt live auf, ohne Overdubs, ohne digitale Tricks, ohne Sicherheitsnetz. Sie wollen den Moment einfangen, die rohe Energie, die entsteht, wenn vier Musiker an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zusammenspielen. Sie suchen nicht nach Perfektion, sie suchen nach Wahrheit. Und ihre Wahrheit ist laut, dissonant und brutal ehrlich.
Meilensteine aus der Lärmfabrik
Die Diskografie von Coilguns ist ein Zeugnis dieser unerbittlichen Arbeitsmoral. Jedes Album ist eine Momentaufnahme, ein Dokument eines Experiments, das oft an ungewöhnlichen Orten stattfindet.
Ein frühes, legendäres Beispiel ist die Aufnahme ihrer „Stadia Rods“ EP. Die Band hatte nur vier Tage Studiozeit gebucht, um dreißig Minuten neues Material aufzunehmen. Die Fristen waren absurd kurz. Am vierten Tag zogen sie das gesamte Aufnahme-Equipment in einen Veranstaltungsort um, um zwei Songs live aufzunehmen. Der Druck war immens. Wie Jona Nido in einem Interview beschrieb, war es schwierig zu wissen, ob das, was sie taten, gut war, weil alles so überhastet geschah. Aber der Aufnahmeprozess selbst war einfach: Mikrofone aufstellen, das Live-Setup verwenden und spielen. Nach vier Takes waren sie meistens durch mit einem Song. An einem Tag nagelten sie fünf oder sechs Tracks in drei Stunden fest, und mittags waren sie betrunken und drehten ein Musikvideo auf der Studiottoilette. Das ist der Geist von Coilguns.
Ihr Debütalbum „Commuters“ von 2013 trieb diese Live-Philosophie auf die Spitze. Es wurde fast vollständig live eingespielt, jeder Song in einem einzigen Take. Nur der Gesang wurde später hinzugefügt. Das Album ist ein Meilenstein des modernen Mathcore, ein 35-minütiger Angriff, der keine Gefangenen macht. Es war auch das Album, das Gastauftritte von Größen wie Pete Adams von Baroness und Keijo Niinimaa von Rotten Sound enthielt, was dem Status der Band in der Szene einen enormen Schub gab.
Album-Meilenstein: Commuters (2013)
- Commuters Part 1
- Commuters Part 2
- Hypnograms
- Machines of Sleep
- Plug-In Citizens
- Submarine Warfare Anthem
- Minkowski Manhattan Distance
- Blunderbuss Committee
- 21 Almonds A Day
- Flippists / Privateers
- Earthians
Für das zweite Album „Millennials“ (2018) zog sich die Band im Januar 2016 in ein abgelegenes, mit Holzofen beheiztes Ferienhaus mitten in Deutschland zurück. Sie bauten ein komplettes 16-Spur-Analogstudio auf und nahmen das Album ohne einen einzigen Computer auf, direkt auf alte Second-Hand-Tonbänder. Das Ergebnis, das sie selbst als „fauler, fetter und düsterer“ als ihre vorherige Arbeit beschrieben, ist ein atemloses, lo-fi und tiefgestimmtes epileptisches Werk. Es hinterfragt ihr eigenes Verhalten als Bürger einer globalisierten Welt und ist ein klangliches Manifest gegen die digitale Glätte der modernen Produktion.
Das Album „Watchwinders“ (2019) setzte diesen Weg fort und thematisierte die Schnelllebigkeit, die Angst und das Gefühl, dass die Zeit abläuft – passend für eine Band aus dem „Watch Valley“. Das jüngste Werk, „Odd Love“ (2024), wurde im legendären Oceansound Recordings Studio in Norwegen aufgenommen. Über diesen Prozess wurde sogar ein Dokumentarfilm gedreht, der die Band auf ihrer Reise durch Europa zeigt und ihre Freundschaft, ihre Zweifel und ihre unermüdliche Suche nach Bedeutung im Lärm dokumentiert.
Live: Eine kontrollierte Explosion
So beeindruckend ihre Alben auch sind, der wahre Lebensraum von Coilguns ist die Bühne. Ein Coilguns-Konzert ist kein Konzert im herkömmlichen Sinne. Es ist ein physisches Ereignis, eine Prüfung der Ausdauer, sowohl für die Band als auch für das Publikum. Die Band selbst hat ihre Live-Shows einmal als „Satan, Dunkelheit, hohe Energie und Gewalt“ beschrieben. In einem anderen denkwürdigen Zitat verglichen sie das Erlebnis mit einem „guten, rauen Fick“: „Während du es tust, schlägst, spuckst und würgst du, aber wenn es vorbei ist, sind alle glücklich und hatten eine gute Zeit.“
Diese rohe, kompromisslose Energie ist es, was sie auszeichnet. Die Lautstärke ist oft unerträglich hoch, was laut Jona Nido auch daran liegt, dass sein Hauptverstärker ein altes Modell ist, bei dem die Lautstärke zwischen 0.01 und 11 kaum einen Unterschied macht. Es ist diese Art von humorvoller Resignation gegenüber dem Chaos, die sie so sympathisch macht. Ein Zitat, das sie auf ihrer Facebook-Seite geteilt haben, fasst ihre Live-Philosophie vielleicht am besten zusammen: „Wenn ein Instrument auf der Bühne versagt, verspottet es dich und muss zerstört werden.“
Sie sind bekannt für ihre euphorischen, schweißtreibenden Auftritte, die die Grenze zwischen Band und Publikum oft verwischen. Es geht um den gemeinsamen Exzess, das kollektive Ausflippen als Akt der Befreiung. Sie bedienen die „tanzenden Freaks und die Crowdsurfing-Weirdos“ mit einer Hingabe, die ansteckend ist. Ein Coilguns-Konzert zu besuchen bedeutet, sich auf ein Experiment einzulassen, dessen Ausgang ungewiss ist, das aber mit Sicherheit ein unvergessliches Erlebnis sein wird. Auf eigene Gefahr, versteht sich.
Kollaborationen: Lärm kennt keine Grenzen
Trotz ihres eng verbundenen Kerns ist Coilguns keine isolierte Einheit. Als Zentrum des Hummus-Records-Universums sind Kollaborationen ein natürlicher Bestandteil ihres Schaffens. Die vielleicht bemerkenswerteste ist die Split-Veröffentlichung „You and I in the Gap“ mit der französischen Post-Hardcore-Band Birds in Row. Das gesamte Projekt war ein Experiment unter Zeitdruck: Die Künstler hatten nur sieben Tage Zeit, um alles zu schreiben, zu produzieren und aufzunehmen. Das Ergebnis ist eine faszinierende Verschmelzung zweier der aufregendsten Bands der europäischen Szene, bei der die Rollen neu verteilt wurden: zwei Schlagzeuger, drei Gitarristen, ein Bassist und Louis Jucker, der sich auf den Gesang und die Gesamtkomposition konzentrierte. Es ist ein weiteres Beispiel für ihren unstillbaren kreativen Drang und ihre Bereitschaft, Risiken einzugehen.
Aktuelle Tourdaten (Stand: November 2025)
Die Maschine steht selten still. Coilguns sind fast ununterbrochen auf der Straße, um ihre Lärm-Messe zu verbreiten. Hier sind die nächsten Gelegenheiten, das Kollektiv live zu erleben (und zu überleben):
- Mittwoch, 12. November 2025: Rise and Fall Festival, Niort, Frankreich
- Donnerstag, 13. November 2025: L’Astrolabe, Orleans, Frankreich
(Das Damnation Festival in Manchester am 9. November 2025 liegt bei Veröffentlichung dieses Artikels bereits knapp in der Vergangenheit.)
Interaktive Diskografie (Zum Ausklappen)
Hier ist eine Auswahl der wichtigsten Veröffentlichungen aus der Lärmfabrik von Coilguns. Klappen Sie die Einträge aus, um den Inhalt der Alben zu sehen.
Stadia Rods (EP, 2012)
- Stadia Rods
- The Bukkake Tsunami
- Django
- Earsplitting
- La Ténébreuse
- Pornogrind Is Not A Crime
Commuters (Album, 2013)
- Commuters Part 1
- Commuters Part 2
- Hypnograms
- Machines of Sleep
- Plug-In Citizens
- Submarine Warfare Anthem
- Minkowski Manhattan Distance
- Blunderbuss Committee
- 21 Almonds A Day
- Flippists / Privateers
- Earthians
Millennials (Album, 2018)
- Anchorite
- Deletionism
- Millennials
- Spectrogram
- Music Circus Clown Care
- Ménière’s
- Wind machines For Company
- Self Employment Scheme
- Blackboxing
- The Screening
Watchwinders (Album, 2019)
- Shortcuts
- Subculture Encryptors
- Big Writer’s Block
- Watchwinders
- The Growing Block View
- Manicheans
- Prioress
- Broken Records
- Periscope
- A Dummies‘ Guide To FM-Synthesis
Odd Love (Album, 2024)
- We Missed the Parade
- Placeholders
- Generic Skincare
- Black Chyme
- Bandwagoning
- Caravel
- Venetian Blinds
- Featherweight
- The Wind to Wash the Pain
- Bunker Vaults (Intro)
- Bunker Vaults
Quellen
Diese Bandvorstellung basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen, Interviews und Rezensionen, die bis November 2025 verfügbar waren. Die narrative Aufbereitung und die humorvollen Einordnungen sind eine Interpretation des Autors und sollen den Geist der Band widerspiegeln, ohne Zitate direkt zu kopieren.
Hauptinformationsquellen waren unter anderem Artikel und Datenbankeinträge von: Hummus Records, Last.fm, Dreams Of Consciousness, Mowno, Echoes And Dust, VISIONS, Pelagic Records und diverse Konzertankündigungen.
Fotoquelle(n):
G.Garitan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons