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Der „Highdelberg“ Gitarren-Zauberer und Echo-Bändiger

Lesedauer 7 Minuten Ax Genrich – Der Hohepriester der kosmischen Gitarre | Biografie & Diskografie


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Ax Genrich: Der „Highdelberg“ Gitarren-Zauberer und Echo-Bändiger

Prolog: Wenn der Elektrolurch zur Gitarre greift

Es gibt Musiker, die spielen Noten. Und dann gibt es Musiker, die spielen Zustände. Ax Genrich gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wenn man über die Geschichte des deutschen Rock spricht – und ich meine hier nicht den schlageresken Einheitsbrei, sondern den echten, dreckigen, psychedelischen Urknall, den die internationale Presse ehrfurchtsvoll und zugleich spöttisch „Krautrock“ taufte –, dann kommt man an diesem Namen nicht vorbei. Ax Genrich. Der Name klingt schon wie ein verzerrender Verstärker, der kurz vor der Explosion steht.

Man könnte meinen, er sei schon immer da gewesen, sitzend auf einem Berg aus Röhrenverstärkern in Heidelberg, die Stratocaster in der Hand, während um ihn herum die Zeit vergeht. Aber Ax ist mehr als nur ein Relikt aus den wilden Siebzigern. Er ist ein Überlebender, ein Innovator, ein Punk wider Willen und vor allem: ein verdammt guter Gitarrist, der dem „Echo“ eine ganz neue Bedeutung gegeben hat. Wir schreiben das Jahr 2025, Ax feiert seinen 80. Geburtstag (ja, richtig gelesen, Achtzig!), und er ist immer noch lauter als die meisten Bands, die seine Enkel sein könnten. Schnallen Sie sich an, wir drehen die Zeit zurück und dann wieder voll auf.



Kapitel 1: Von Berliner Trümmern zum Skiffle-Beat

Alles begann in einer Zeit, als „Streaming“ noch bedeutete, dass Wasser einen Fluss hinabfloss. Axel „Ax“ Genrich erblickte am 24. März 1945 in Berlin das Licht der Welt. Eine Stadt in Trümmern, kurz vor dem Ende des Wahnsinns. Vielleicht ist es dieses Szenario des kompletten Neuanfangs, das Ax‘ musikalische DNA geprägt hat. Wenn nichts mehr steht, kann man alles aufbauen.

Wie viele Jungs seiner Generation wurde er nicht vom Konservatorium, sondern vom Radio erzogen. Die ersten musikalischen Gehversuche unternahm der junge Axel ganz klassisch im Skiffle. Das war die Punk-Musik der 50er Jahre: Man nehme ein Waschbrett, eine Teekisten-Bass und eine klapprige Gitarre und mache Lärm. Es war roh, es war ehrlich, und es brauchte keinen Strom. Doch der Strom sollte bald kommen, und mit ihm der Beat.



Mit den „Rockin‘ Chairs“ und später „Music Transmission“ tauchte Ax in die Berliner Szene ein. Berlin war damals eine Insel, eingemauert und politisch aufgeladen, ein Schnellkochtopf für Kreativität. Hier musste man laut sein, um gehört zu werden. Ax studierte zwar nebenbei, aber sein Herz schlug im 4/4-Takt. Er entwickelte schon früh diesen Drang, nicht nur Lieder nachzuspielen, sondern die Gitarre als Stimme zu nutzen.

Der kurze Flirt mit Agitation Free

1970, das Jahr, in dem alles passierte. Ax landete bei „Agitation Free“, einer Band, die später Legendenstatus erreichen sollte. Doch für Ax war es nur ein kurzes Gastspiel von drei Monaten. Man könnte sagen, es war die Aufwärmphase. Agitation Free war experimentell, sicher, aber das Schicksal hatte einen anderen Plan für den blonden Gitarristen. Einen Plan, der „Guru Guru“ hieß und der sein Leben komplett auf den Kopf stellen sollte.

Kapitel 2: Die Guru Guru Offenbarung

Die Legende besagt, dass Ax Genrich Guru Guru zum ersten Mal im Berliner Sportpalast sah. Mani Neumeier (der Mann, der vermutlich das Trommeln erfunden hat, während er noch in der Höhle wohnte) und Uli Trepte suchten einen neuen Gitarristen. Ihr bisheriger Saitenhexer war ausgefallen, und die Band trat als Duo auf. Ax, mutig oder einfach nur musikbesessen, sprach sie an. „Ich kann das“, sagte er sinngemäß. Die Antwort war typisch pragmatisch: „Dann hol deine Klampfe.“



Das Problem: Ax hatte keinen Führerschein und die Gitarre war zu Hause. Ein Freund musste als Chauffeur herhalten, eine wilde Fahrt durch Berlin, Gitarre geschnappt, zurück zum Konzert, eingestöpselt – und BAM! Es funkte sofort. Es war, als hätten sich drei fehlende Puzzleteile gefunden, die zusammen ein Bild von absolutem Chaos und harmonischer Ekstase ergaben.

MEILENSTEIN: UFO (1970)

Das erste gemeinsame Werk. Kein Albumtitel könnte passender sein. Es klang nicht von dieser Welt.

Album: UFO – Inhalt anzeigen

Erscheinungsjahr: 1970

Besetzung: Mani Neumeier (Drums), Uli Trepte (Bass), Ax Genrich (Gitarre)

Beschreibung: Roher, ungefilterter Heavy-Psych. Songs wie „Stone In“ und „Der LSD-Marsch“ definierten ein ganzes Genre neu. Es gab fast keine Strukturen, nur pure Energie und Improvisation.

Was folgte, war eine Zeit, die man nur als „organisierten Wahnsinn“ bezeichnen kann. Die Band lebte zusammen, erst im Tourbus, dann in einer Kommune in Langenthal im Odenwald. Man teilte alles: Essen, Geld, Schlafplätze und vermutlich auch die Realität. Diese Lebensweise schweißte sie musikalisch zusammen. Sie verstanden sich blind. Wenn Mani einen Schlag auf das Becken setzte, wusste Ax genau, welches Feedback er aus seinem Verstärker kitzeln musste.



Ax Genrichs Stil in dieser Zeit war revolutionär. Er spielte die Gitarre nicht nur, er kämpfte mit ihr. Er nutzte das Echo-Gerät wie ein eigenes Instrument. Seine Soli waren keine Ansammlung von Skalen, sondern Klanglandschaften. Mal klang es wie ein startendes Flugzeug, mal wie ein weinender Wal, dann wieder wie ein Presslufthammer aus Samt.

MEILENSTEIN: HINTEN (1971)

Das Album mit dem Hintern auf dem Cover. Provokant? Ja. Genial? Absolut.

Album: Hinten – Inhalt anzeigen

Erscheinungsjahr: 1971

Besonderheit: Aufgenommen im Studio von Conny Plank. Hier wurde der Sound etwas definierter, aber keineswegs zahmer.

Tracks: „Electric Junk“, „The Meaning of Meaning“. Ax Genrichs Gitarrenarbeit auf „Bo Diddley“ ist eine Lektion in kontrolliertem Feedback.

Mit „Känguru“ (1972) und dem selbstbetitelten „Guru Guru“ (1973) festigte Ax seinen Ruf als einer der besten Gitarristen Deutschlands. Er wurde in einem Atemzug mit internationalen Größen genannt. Doch das Leben in der Kommune und der ständige Tourstress forderten ihren Tribut. Die Demokratie in der Band war anstrengend, die Diskussionen endlos. 1974, nach dem Album „Don’t Call Us, We Call You“, zog Ax den Stecker. Er verließ Guru Guru. Für viele Fans war das das Ende der klassischen Ära.

Kapitel 3: Highdelberg und der Solopfad

Nach dem Ausstieg fiel Ax nicht in ein Loch, sondern in ein Studio. Und zwar in das von Conny Plank, dem legendären Produzenten, der den Krautrock-Sound quasi im Alleingang technisch perfektionierte. Ax hatte noch Ideen, die bei Guru Guru keinen Platz fanden. Er wollte strukturierter arbeiten, melodischer, aber ohne seine experimentelle Seele zu verkaufen.

Das Ergebnis war „Highdelberg“. Ein Wortspiel, das seinen neuen Lebensmittelpunkt und vielleicht auch seinen Geisteszustand beschrieb. Heidelberg wurde seine Heimat, der Odenwald sein Rückzugsort.

MEILENSTEIN: HIGHDELBERG (1975)

Das erste Solo-Statement. Weg vom reinen Lärm, hin zur atmosphärischen Dichte.

Album: Highdelberg – Inhalt anzeigen

Erscheinungsjahr: 1975

Gäste: Conny Plank, Dieter Moebius, Hans Joachim Roedelius (Cluster), sowie Mitglieder von Kraan.

Stil: Eine Mischung aus Rock, Psychedelik und fast schon ambienten Klängen. Tracks wie „Odenwaldpolka“ zeigen seinen Humor und seine Bodenständigkeit.



In dieser Zeit heiratete Ax auch seine Frau Sharon Levinson, die Tochter des bekannten Rabbiners Nathan Peter Levinson. Eine Verbindung, die ihm privat Stabilität gab. Sie bekamen eine Tochter, Mira. Ax war nun Familienvater, aber die Musik ließ ihn nicht los. Dennoch wurde es in den späten 70ern ruhiger um den „Guitar Wizard“. Die Musikwelt veränderte sich. Disco kam, Punk kam. Und was machte Ax? Er passte sich an – auf seine ganz eigene, bizarre Weise.

Kapitel 4: Punk, Rockabilly und die wilden Jahre

Stellen Sie sich vor: Einer der Urväter des 20-Minuten-Gitarrensolos gründet eine Punkband. Klingt wie ein Witz? War aber Realität. Ende der 70er Jahre gründete Ax die Band „RIF“. Weg mit den Effektgeräten, weg mit den endlosen Jams. Jetzt hieß es: Drei Akkorde, kurz, schnell, deutschsprachig und direkt auf die Zwölf.

Es war ein Kulturschock für seine alten Fans, aber ein Beweis für Ax‘ Vielseitigkeit. Er wollte nicht als Museumsstück enden. Er wollte spüren, was die Jugend bewegte. RIF war rotzig und politisch, aber mit einer gitarristischen Finesse, die den meisten Punkbands damals fehlte.

Doch auch diese Phase ging vorbei. In den 90ern, als Techno die Welt eroberte, griff Ax zu ganz anderen Wurzeln zurück. Mit den „Rockin‘ Daddies“ spielte er Skiffle und Rockabilly. Zurück zu den Anfängen. Kein großes Effektboard, nur der reine Rhythmus. Es scheint, als müsse Ax alle paar Jahre seine musikalische Haut häuten, um frisch zu bleiben.

Kapitel 5: Die Rückkehr des Jedi-Meisters (2000er – Heute)

Man kann dem Schicksal nicht entkommen. Der Krautrock erlebte weltweit ein Revival. Bands in Amerika und Japan beriefen sich plötzlich auf Guru Guru und Ax Genrich. Es war Zeit, das alte Raumschiff wieder zu starten.

Mit Alben wie „Psychedelic Guitar“ (1994) und „Wave Cut“ (1995) hatte er sich schon wieder an seinen Signature-Sound herangetastet. Aber so richtig los ging es erst wieder im neuen Jahrtausend. Das Projekt „Psychedelic Monsterjam“ (2003) brachte ihn wieder mit Mani Neumeier zusammen, ergänzt durch Dave Schmidt (Sula Bassana). Es war wie ein Klassentreffen der Verrückten.

In den letzten 15 Jahren ist Ax aktiver denn je. Mit seiner eigenen Band „Ax Genrich & Band“ tourt er unermüdlich. Er hat Musiker um sich geschart, die halb so alt sind wie er, aber genau verstehen, worum es geht: Den Geist der 70er ins Heute zu transportieren, ohne dass es angestaubt klingt.

AKTUELLES WERK: FROM SILENCE TO CRESCENDO (2025)

Pünktlich zum 80. Geburtstag beschenkt sich Ax und uns mit einem neuen Meisterwerk.

Album: From Silence to Crescendo – Inhalt anzeigen

Erscheinungsjahr: 2025

Kritik: Ein Album, das beweist, dass Alter nur eine Zahl ist. Es beginnt ruhig, fast meditativ, und steigert sich in jene explosiven Gitarrenorgien, für die wir Ax lieben. Es ist die Summe aus 60 Jahren Bühnenerfahrung.

Aktuelle Tourdaten 2025

Ja, er steht noch auf der Bühne! Wer Ax Genrich 2025 live erleben will, sollte die lokalen Ankündigungen im Auge behalten. Es stehen einige Festivals und Club-Gigs an, um das neue Album und das runde Jubiläum zu feiern.

  • 21.11.2025: Krachfest 2025, Aachen (Heute!)
  • Weitere Termine: Bitte die Aushänge der lokalen Clubs und Festival-Webseiten prüfen. Der Mann ist 80, er spielt, wann er will!

Ax Genrich ist nicht nur ein Musiker. Er ist ein lebendes Denkmal, das sich weigert, stillzustehen. Er hat den Krautrock miterfunden, den Punk umarmt und den Rockabilly geküsst. Er lebt immer noch in der Nähe von Heidelberg, gärtnert vermutlich zwischen zwei Gitarrensoli und beweist uns allen, dass man auch mit grauen Haaren (oder gar keinen) noch der coolste Typ im Raum sein kann. Danke, Ax, für die Musik, das Feedback und den ewigen Trip.

Interaktive Diskografie

Eine Auswahl der wichtigsten Werke. Klicke auf die Titel, um mehr zu erfahren.

Mit Guru Guru

UFO (1970)
Die Geburtsstunde. Enthält „Stone In“, „Girl Call“, „Next Time See You At The Dalai Lhama“.
Hinten (1971)
Kult-Cover, Kult-Sound. Enthält „Electric Junk“, „The Meaning of Meaning“, „Bo Diddley“.
Känguru (1972)
Das Brain-Label Debüt. Enthält „Oxymoron“, „Immer lustig“, „Baby Cake Walk“.
Guru Guru (1973)
Enthält „Der Elektrolurch“ (Live oft gespielt, hier als Studio-Version Vorläufer), „The Story of Life“.
Don’t Call Us, We Call You (1973)
Letztes Studioalbum mit Ax. Enthält „Africa Steals the Show“, „Round Dance“.

Solo & Projekte

Highdelberg (1975)
Ax Genrichs erstes Soloalbum. Gäste: Mani Neumeier, Dieter Moebius. Tracks: „Odenwaldpolka“, „Kosmische Phyrze“.
Psychedelic Guitar (1994)
Das Comeback-Album. Reine Gitarrenkunst, zurück zu den Wurzeln.
Wave Cut (1995)
Fortsetzung des eingeschlagenen Weges. Instrumentale Rockmusik mit Tiefgang.
Psychedelic Monsterjam (2003)
Kollaboration mit Mani Neumeier und Dave Schmidt. Improvisierte Jams der Extraklasse.
Spontaneous Combustion (2009)
Live-Album von Ax Genrich & Band. Zeigt die rohe Energie seiner Bühnenpräsenz.
Fretboard Jungle (2012)
Studioalbum. Ein Dschungel aus Riffs und Melodien.
In a World of Dinosaurs (2014)
Mit „Ax Genrich & Band“. Eine Hommage an die alten Zeiten mit modernem Soundgewand.
Out of the Desert (2018)
Wüstensounds aus dem Odenwald. Kritisch gefeiertes Spätwerk.
The Melting Butter Sessions (2019)
Session-Album, das zeigt, wie flüssig Ax‘ Spiel immer noch ist.
Krauts & Other Herbivores (2020)
Veröffentlicht zum 75. Geburtstag. Ein Rückblick und Ausblick zugleich.
From Silence to Crescendo (2025)
Das aktuelle Werk zum 80. Geburtstag. Dynamisch, kraftvoll und weise.
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CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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