

John Mayall
Einleitung: Der Patriarch des weißen Blues
Wenn man die Geschichte der Rockmusik betrachtet, stößt man unweigerlich auf Namen, die wie Monolithen in der Landschaft stehen. Doch hinter den glitzernden Fassaden von Bands wie Fleetwood Mac, Cream oder den Rolling Stones verbirgt sich oft ein gemeinsamer Nenner, ein Fundament, auf dem diese Paläste errichtet wurden. John Mayall war genau dieses Fundament. Er war nicht nur ein Musiker; er war eine Institution, ein Mentor, ein strenger Lehrmeister und ein Visionär, der den Blues aus dem Mississippi-Delta nahm und ihn im regnerischen England neu interpretierte. Ohne ihn sähe die musikalische Landkarte des 20. Jahrhunderts vollkommen anders aus. Er war derjenige, der jungen, ungestümen Talenten eine Bühne bot, ihnen Disziplin beibrachte und sie dann, wenn sie flügge waren, in die Welt entließ, um Geschichte zu schreiben.
Die frühen Jahre: Vom Baumhaus zum Blues
Geboren am 29. November 1933 in Macclesfield, Cheshire, wuchs John Brumwell Mayall in einer Umgebung auf, die weit entfernt vom Glamour des Showgeschäfts war. Sein Vater, Murray Mayall, war ein leidenschaftlicher Sammler von Jazz-Platten und selbst Gitarrist. In diesem Haushalt hallten die Klänge von Lead Belly, Albert Ammons und Eddie Lang wider, lange bevor der Rock ’n’ Roll geboren wurde. Diese frühen akustischen Eindrücke brannten sich tief in das Bewusstsein des jungen John ein. Er brachte sich das Klavierspiel, die Gitarre und die Mundharmonika selbst bei, getrieben von einer fast obsessiven Liebe zu dieser Musik, die so fremd und doch so vertraut klang.
Seine Jugend war geprägt von einer gewissen Exzentrik. Nach dem Besuch der Kunstschule in Manchester und dem Dienst im Koreakrieg, wo er als Schreibstubenhengst diente, kehrte er nach England zurück und arbeitete zunächst als Grafikdesigner. Doch die Konventionen des bürgerlichen Lebens waren ihm zu eng. Bekannt ist die Anekdote, dass er zeitweise in einem Baumhaus im Garten seines Elternhauses lebte – ein erstes Zeichen seines Drangs nach Unabhängigkeit und Nonkonformismus. Musikalisch war er zu dieser Zeit in lokalen Bands aktiv, doch der Norden Englands war nicht der Ort, an dem musikalische Revolutionen stattfanden.
Der Ruf nach London und die Geburt der Bluesbreakers
Es war Alexis Korner, der andere große Pionier des britischen Blues, der Mayall 1963 davon überzeugte, seinen Job als Grafiker an den Nagel zu hängen und nach London zu ziehen. London war zu dieser Zeit ein Schmelztiegel. Die Jugend gierte nach etwas Echtem, Rauem, und der amerikanische Blues lieferte genau das. Mayall gründete die Bluesbreakers, ein Name, der bald mehr sein sollte als nur eine Bandbezeichnung; es wurde ein Gütesiegel.
In den ersten Jahren war die Besetzung der Band so fließend wie die Themse. Musiker kamen und gingen, oft gefeuert von Mayall, wenn sie seinen hohen Ansprüchen nicht genügten oder dem Alkohol zu sehr zusprachen. Doch Mayall hatte ein fast unheimliches Gespür für Talent. Er suchte nicht nach Perfektionisten, sondern nach Musikern mit Feuer.
Die Ära Clapton: Ein Gott wird geboren
Der Wendepunkt kam 1965. Eric Clapton, frustriert von der pop-orientierten Ausrichtung der Yardbirds, suchte Zuflucht im reinen Blues. Mayall nahm ihn auf. Was folgte, war eine musikalische Explosion, die in der Aufnahme des Albums mündete, das oft einfach als das „Beano“-Album bezeichnet wird, weil Clapton auf dem Cover den Comic „The Beano“ liest.
Meilenstein: Blues Breakers with Eric Clapton (1966)
Dieses Album gilt als die Bibel des britischen Blues-Rock. Claptons übersteuerter Les Paul Sound durch einen Marshall-Verstärker definierte, wie eine E-Gitarre zu klingen hat.
- All Your Love
- Hideaway
- Little Girl
- Another Man
- Double Crossing Time
- What’d I Say
- Key to Love
- Parchman Farm
- Have You Heard
- Ramblin‘ on My Mind
- Steppin‘ Out
- It Ain’t Right
Während dieser Zeit tauchten in London die berühmten „Clapton is God“-Graffiti auf. Mayall bot Clapton den Raum, sich zu entfalten, doch er achtete stets darauf, dass der Blues die Basis blieb. Claptons Zeit bei Mayall war kurz, aber sie zementierte den Ruf der Bluesbreakers als die Talentschmiede schlechthin. Als Clapton ging, um Cream zu gründen, dachten viele, das sei das Ende. Für Mayall war es nur der Anfang eines neuen Kapitels.
Peter Green: Der Ton, der unter die Haut ging
Die Lücke, die Clapton hinterließ, schien unmöglich zu füllen. Doch Mayall fand Ersatz in einem jungen Mann namens Peter Green. Green hatte nicht die aggressive Virtuosität Claptons, aber er hatte etwas anderes: einen Ton von unendlicher Traurigkeit und Tiefe, ein Sustain, das, wie B.B. King später sagte, „mir den kalten Schweiß ausbrechen ließ“.
Mit Green, dem Bassisten John McVie und später dem Schlagzeuger Mick Fleetwood entstand eine Besetzung, die musikalisch vielleicht sogar noch dichter und emotionaler war als die vorherige. Das Album „A Hard Road“ zeugt von dieser Phase. Hier begann sich auch Greens Talent als Songwriter zu zeigen, mit Stücken wie „The Super-Natural“, einem Instrumental, das bereits den Weg zu Fleetwood Mac andeutete. Es war eine ironische Fügung des Schicksals, dass Mayall auch diese Musiker verlor, als Green, McVie und Fleetwood gingen, um eine der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte zu gründen. Mayall nahm es mit stoischer Gelassenheit. Er wusste, dass seine Rolle die des Katalysators war.
Meilenstein: A Hard Road (1967)
Das definitive Dokument der Peter Green Ära. Weniger aggressiv als der Vorgänger, dafür mit mehr atmosphärischer Dichte.
- A Hard Road
- It’s Over
- You Don’t Love Me
- The Stumble
- Another Kinda Love
- Hit the Highway
- Leaping Christine
- Dust My Blues
- There’s Always Work
- The Same Way
- The Super-Natural
- Top of the Hill
Mick Taylor: Das Wunderkind
Wieder stand Mayall ohne Leadgitarristen da. Und wieder zog er ein Ass aus dem Ärmel. Ein erst 18-jähriger Mick Taylor, der sich bei einem Konzert einfach aus dem Publikum heraus angeboten hatte, weil Clapton nicht aufgetaucht war, bekam den Job. Taylor brachte eine flüssige, fast jazzige Technik in die Band ein. Mit ihm entstanden Alben wie „Crusade“ und das konzeptionell ambitionierte „Bare Wires“, das Bläsersätze und jazzige Strukturen integrierte. Taylor blieb zwei Jahre, bis auch er dem Ruf des Ruhms folgte und Brian Jones bei den Rolling Stones ersetzte. Wieder hatte Mayall einen Weltstar geformt.
Amerika und der Wandel zum Jazz-Fusion
Ende der 60er Jahre zog es Mayall in die USA. Er ließ sich im Laurel Canyon in Los Angeles nieder, einem Ort, der damals das Epizentrum der Gegenkultur war. Musikalisch vollzog er einen radikalen Schnitt. Er verzichtete auf das Schlagzeug und experimentierte mit akustischen Besetzungen.
Meilenstein: The Turning Point (1969)
Live aufgenommen im Fillmore East. Ohne Schlagzeug, aber mit einer unglaublichen rhythmischen Intensität. Enthält den Klassiker „Room to Move“.
- The Laws Must Change
- Saw Mill Gulch Road
- I’m Gonna Fight for You J.B.
- So Hard to Share
- California
- Thoughts About Roxanne
- Room to Move
Diese Phase zeigte Mayalls unglaubliche Vielseitigkeit. Er war nicht mehr nur der Blues-Purist, er integrierte Jazz, Funk und Folk. Musiker wie Jon Mark und Johnny Almond prägten diesen Sound. Mayall selbst sang nicht nur, er spielte Mundharmonika, Keyboards und zunehmend auch Gitarre. Seine Stimme, nasal und unverkennbar, blieb das bindende Glied.
Die Katastrophe von 1979: Feuer im Canyon
Das Schicksal schlug im Jahr 1979 grausam zu. Ein verheerender Waldbrand im Laurel Canyon vernichtete Mayalls Haus vollständig. Es war nicht nur ein materieller Verlust. Mayall, der akribische Archivar, verlor seine gesamte Sammlung an seltenen Blues-Platten, seine Tagebücher, die er seit den 50er Jahren geführt hatte, und unzählige Masterbänder unveröffentlichter Aufnahmen. Jahrzehnte der Musikgeschichte lösten sich in Rauch auf. Dieser Schlag traf ihn hart, doch Mayall wäre nicht er selbst gewesen, wenn er aufgegeben hätte. Er baute sein Leben und seine Karriere wieder auf, getrieben von derselben Zähigkeit, die ihn durch die harten Jahre in Nordengland gebracht hatte.
Die Wiedergeburt der Bluesbreakers
In den 80er Jahren kehrte Mayall zu dem Format zurück, das ihn berühmt gemacht hatte: John Mayall & The Bluesbreakers, elektrisch, laut und gitarrenlastig. Wieder bewies er sein Händchen für Talente. Er rekrutierte die amerikanischen Gitarristen Coco Montoya und Walter Trout. Diese Besetzung brachte eine neue Energie, die perfekt in die Zeit passte, in der Stevie Ray Vaughan dem Blues neues Leben einhauchte. Mayall tourte unermüdlich, oft über 100 Konzerte im Jahr, ein Arbeitspensum, das selbst Musiker, die halb so alt waren wie er, in die Knie gezwungen hätte.
Familie und Privatleben
Hinter dem Musiker stand auch immer der Familienvater, auch wenn das Tourleben seinen Tribut forderte. Mayall war zweimal verheiratet, zunächst mit Pamela, die er bereits 1964 geheiratet hatte, und später, ab 1982, mit Maggie. Aus seinen Beziehungen gingen insgesamt sechs Kinder hervor: Gaz, Jason, Red, Ben, Zak und Samson. Viele seiner Söhne folgten ihm in die kreative Welt, sei es als Musiker oder in anderen künstlerischen Bereichen. Trotz der Brüche in seinem Privatleben blieb die Familie ein wichtiger Anker, besonders in seinen späten Jahren in Kalifornien.
Das Spätwerk und das Vermächtnis
Auch im hohen Alter dachte Mayall nicht an den Ruhestand. Zu seinem 70. Geburtstag gab er ein Konzert in Liverpool, bei dem alte Weggefährten wie Eric Clapton und Mick Taylor zu ihm auf die Bühne kamen. Es war eine Versöhnung mit der Vergangenheit und eine Feier dessen, was sie gemeinsam geschaffen hatten.
Im Jahr 2005 wurde er von der Queen zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) ernannt. Es war eine späte Anerkennung für den Mann, der den amerikanischen Blues nach England importiert und ihn dann, veredelt und verstärkt, in die Welt zurückgeschickt hatte.
Bis kurz vor seinem Tod blieb er aktiv. Im Jahr 2024 wurde ihm endlich die Ehre zuteil, in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden – eine Auszeichnung, die viele Kritiker als längst überfällig ansahen.
Abschied von einer Legende
John Mayall verstarb am 22. Juli 2024 in seinem Haus in Kalifornien, umgeben von seiner Familie. Er wurde 90 Jahre alt. Mit ihm ging der letzte große Patriarch der britischen Blues-Explosion. Er hinterlässt eine Diskografie von gigantischem Ausmaß und, was vielleicht noch wichtiger ist, ein Netzwerk von Schülern und Bewunderern, das die gesamte Rockwelt umspannt. Er lehrte uns, dass der Blues nicht nur eine Musikform ist, sondern eine Haltung: ehrlich, direkt und kompromisslos.
Aufgrund des Todes von John Mayall am 22. Juli 2024 finden keine weiteren Konzerte oder Tourneen statt. Wir gedenken einer Legende, deren Musik auf den Bühnen dieser Welt für immer nachhallen wird.
Interaktive Diskografie (Auszug)
Klicken Sie auf die Titel, um die Titellisten anzuzeigen.
John Mayall Plays John Mayall (1965)
- Crawling Up a Hill
- I Wanna Teach You Everything
- When I’m Gone
- I Need Your Love
- The Hoot Owl
- R&B Time: Night Train / Lucille
- Crocodile Walk
- What’s the Matter With You
- Doreen
- Runaway
- Heartache
- Chicago Line
Crusade (1967)
- Oh, Pretty Woman
- Stand Back Baby
- My Time After Awhile
- Snowy Wood
- Man of Stone
- Tears in My Eyes
- Driving Sideways
- The Death of J.B. Lenoir
- I Can’t Quit You Baby
- Streamline
- Me and My Woman
- Checkin‘ Up on My Baby
The Blues Alone (1967)
Ein Solo-Projekt, bei dem Mayall fast alle Instrumente selbst spielte.
- Brand New Start
- Please Don’t Tell
- Down the Line
- Sonny Boy Blow
- Marsha’s Mood
- No More Tears
- Catch That Train
- Cancelling Out
- Harp Man
- Brown Sugar
- Broken Wings
- Don’t Kick Me
Bare Wires (1968)
- Bare Wires Suite
- I Know Now
- Open a New Door
- Fire
- She’s Too Young
- Sandy
- Killing Time
Blues from Laurel Canyon (1968)
- Vacation
- Walking on Sunset
- Laurel Canyon Home
- 2401
- Ready to Ride
- Medicine Man
- Somebody’s Acting Like a Child
- The Bear
- Miss James
- First Time Alone
- Long Gone Midnight
- Fly Tomorrow
USA Union (1970)
- Nature’s Disappearing
- You Must Be Crazy
- Night Flyer
- Off the Road
- Possessive Emotions
- Where Did My Legs Go
- Took the Car
- Crying
- My Pretty Girl
- Deep Blue Sea
Back to the Roots (1971)
Ein Doppelalbum, das viele ehemalige Mitglieder wie Clapton und Taylor zurückbrachte.
- Prisons on the Road
- My Children
- Accidental Suicide
- Groupie Girl
- Blue Fox
- Home Again
- Television Eye
- Marriage Madness
- Looking at Tomorrow
- Dream with Me
- Full Speed Ahead
- Mr. Censor Man
- Force of Nature
- Boogie Albert
- Goodbye December
- Unanswered Questions
- Devil’s Tricks
- Travelling
Jazz Blues Fusion (1972)
- Country Road
- Messin‘ Around
- Good Times Boogie
- Change Your Ways
- Dry Throat
- Exercise in C
- Got to Be This Way
Wake Up Call (1993)
- Mail Order Mystics
- Maydell
- I Could Cry
- Wake Up Call
- Loaded Dice
- Undercover Agent for the Blues
- Light the Fuse
- Anything I Can Say
- Nature’s Disappearing
- I’m on Your Side
- Switchboard Susan
- Ain’t That Lovin‘ You Baby
Stories (2002)
- Southside Story
- Dirty Water
- Feels Just Like Home
- Kids Got the Blues
- The Witching Hour
- Oh, Leadbelly
- Demons in the Night
- Pride and Faith
- Kokomo
- Romance Class
- Dark Side of Midnight
- Pieces and Parts
- I Thought I Heard the Devil
- The Mists of Time
Talk About That (2017)
- Talk About That
- It’s Hard Going Up
- The Devil Must Be Laughing
- Gimme Some of That Gumbo
- Goin‘ Away Baby
- Cards on the Table
- I Didn’t Mean to Hurt You
- Don’t Deny Me
- Blue Midnight
- Across the County Line
- You Never Know
The Sun Is Shining Down (2022)
- Hungry and Ready
- Can’t Take No More
- I’m as Good as Gone
- Got to Find a Better Way
- One Special Lady
- Chills and Thrills
- A Quitter Never Wins
- Deep Blue Sea
- Driving Wheel
- The Sun Is Shining Down