

Bröselmaschine – Die Unverwüstlichen des deutschen Krautrock
Der Funke im Ruhrgebiet: Wie alles begann
Es war das Jahr 1968, eine Zeit des Umbruchs, der Rebellion und der Suche nach neuen Lebensformen. Mitten im Herzen des Ruhrgebiets, in Duisburg, fand sich eine Gruppe junger Musiker zusammen, die nicht nur gemeinsam musizieren, sondern auch gemeinsam leben wollte. So entstand Bröselmaschine, eine der ersten echten Rock-Kommunen Deutschlands. Die Gründung der Band war untrennbar mit dem Lebensgefühl dieser Ära verbunden. Man teilte sich eine große Villa, teilte die Einnahmen, das Essen und die kreative Energie. Der treibende Motor dieser Gemeinschaft war Peter Bursch, der später als der „Gitarrenlehrer der Nation“ Berühmtheit erlangen sollte, und der charismatische Willi Kissmer.
Der Name der Band sorgt bis heute für Schmunzeln und Mythenbildung. Während offizielle Lesarten manchmal von einem lauten Motorradgeräusch sprechen, das an eine zermalmende Maschine erinnerte, ist die in der Szene verbreitete Legende eine andere: Der Name referenziert ein Gerät zur Zerkleinerung von Cannabisblüten, eine sogenannte Bröselmaschine. Diese Doppeldeutigkeit passte perfekt zum psychedelischen Zeitgeist der späten 60er Jahre, in dem die Grenzen des Bewusstseins ebenso ausgelotet wurden wie die Grenzen der Musik.
Das Debütalbum und der Pilz-Sound
Das Jahr 1971 markierte den ersten großen Meilenstein. Das selbstbetitelte Debütalbum erschien auf dem legendären Pilz-Label, das für den progressiven deutschen Folk-Rock stand.
MEILENSTEIN: Bröselmaschine (1971) – Hier klicken für Details
Erscheinungsjahr: 1971
Label: Pilz
Stil: Folk-Rock, Psychedelic, Krautrock
- Gedanken
- Lassie
- Gitarrenstück
- The Old Man’s Song
- Schmetterling
- Nossa Bova
Anmerkung: Dieses Album gilt als absoluter Klassiker des Krautrock. Mit Stücken wie „Gedanken“ definierte die Band einen Sound, der akustische Gitarren, Sitar-Klänge und weiche Flötenmelodien mit rockigen Rhythmen verband.
Die Musik auf diesem Erstling war eine Offenbarung. Sie war nicht aggressiv oder laut wie der Hardrock jener Tage, sondern fließend, fast meditativ, durchzogen von indischen Einflüssen und getragen von Peter Burschs Sitar-Spiel sowie dem Gesang von Jenni Schücker. Die Band tourte exzessiv, spielte auf den großen Festivals und teilte sich die Bühne mit internationalen Größen wie Pink Floyd. Sie waren Teil einer Bewegung, die deutsche Texte und eigenständige Kompositionen salonfähig machte, lange bevor der Begriff „Deutschrock“ etabliert war.
Wandel und Experimente: Die 70er und 80er
Wie viele Kollektive dieser Zeit durchlief auch Bröselmaschine zahlreiche Metamorphosen. Die Kommune löste sich irgendwann auf, die Besetzung wechselte. Ein besonders prominenter Gastmusiker in den frühen Jahren war kein Geringerer als Helge Schneider. Bevor er als singende Herrentorte die Comedy-Welt eroberte, bediente er bei Bröselmaschine zeitweise das Saxophon und die Tasteninstrumente. Diese Verbindung zeigt, wie offen und experimentierfreudig das Netzwerk um Peter Bursch war.
Mitte der 70er Jahre wandelte sich der Sound. Mit dem Album „Peter Bursch und die Bröselmaschine“ wurde es akustischer, fast liedermacherartig. Das Album „Graublau“ aus den 80ern zeigte dann wiederum eine modernere Seite. Doch über all dem schwebte immer die Konstante Peter Bursch. Während er mit seinen Gitarrenlehrbüchern Millionen von Menschen das Spielen beibrachte – ein pädagogisches Imperium, das seinesgleichen sucht –, hielt er den Namen Bröselmaschine am Leben, auch wenn es zwischendurch ruhiger um die Band als Live-Formation wurde.
Die Köpfe hinter der Musik
Peter Bursch – Der Fels in der Brandung
Ohne Peter Bursch gäbe es keine Bröselmaschine. Geboren 1949 in Duisburg, ist er das Herz und das Hirn der Band. Seine sanfte Art zu spielen, oft auf der akustischen Gitarre oder der Sitar, prägt den Sound bis heute. Bursch ist nicht nur Musiker, er ist eine Institution. Seine Buchreihe ist legendär; kaum ein deutscher Gitarrist, der nicht mit seinen Griffbildern die ersten Akkorde gelernt hat. Privat lebt er beständig und verwurzelt in seiner Heimatstadt Duisburg, oft unterstützt von seiner Frau Marita, die im Hintergrund viele Fäden zieht.
Willi Kissmer – Der Farbenmagier (1951–2018)
Willi Kissmer war mehr als nur der zweite Gitarrist und Sänger der Gründungsformation. Er war eine künstlerische Seele durch und durch. Nach den wilden Anfangsjahren konzentrierte sich Kissmer zunehmend auf die bildende Kunst. Er wurde ein international anerkannter Maler, berühmt für seine hyperrealistischen Darstellungen von Stofffalten und drapierten Tüchern, die oft in einer sinnlichen Ästhetik arrangiert waren. Seine Gemälde hängen in Galerien weltweit. Der Schicksalsschlag traf die Band und Fans im Juli 2018 schwer, als Willi Kissmer verstarb. Sein musikalisches und künstlerisches Erbe bleibt jedoch in den frühen Aufnahmen und der visuellen Identität der Band unvergessen.
Die neue Generation und treue Weggefährten
Eine Band, die über 50 Jahre existiert, braucht frisches Blut. In den letzten Jahren hat sich eine stabile Besetzung um Peter Bursch formiert, die den alten Spirit mit neuer Energie füllt. Detlef Wiederhöft am Bass und der Schlagzeuger Manni von Bohr, selbst eine Legende des deutschen Rockschlagzeugs (unter anderem bekannt durch seine Arbeit mit Birth Control und als Chefredakteur von Schlagzeug-Magazinen), bilden das rhythmische Rückgrat. Michael Dommers an der Gitarre sorgt für die rockigen Spitzen.
Ein besonderer Glücksgriff der jüngeren Geschichte war die Zusammenarbeit mit der Sängerin Stella Tonon. Ihre rauchige, kraftvolle Blues-Stimme brachte auf dem Album „Elegy“ eine ganz neue Farbe in den Kosmos der Bröselmaschine. Sie trat in die Fußstapfen früherer Sängerinnen wie Jenni Schücker oder Liz und drückte dem Material ihren eigenen Stempel auf.
Die Rückkehr des indischen Kamels
Lange Zeit war Bröselmaschine eher ein Mythos, der in den Plattenregalen von Sammlern lebte. Doch 2017 geschah das Unerwartete: Mit „Indian Camel“ veröffentlichte die Band ihr erstes Studioalbum seit 32 Jahren.
ALBUM: Indian Camel (2017) – Inhalt anzeigen
Erscheinungsjahr: 2017
Stil: Krautrock Revival, Ethno-Rock
- Indian Camel
- Peace of Heaven
- Stacey
- Don’t Cross My Way
- Daydream
- Fall into the Sky
Das Album wurde von Kritikern gefeiert. Es klang nicht wie der müde Aufguss alter Tage, sondern frisch, dynamisch und doch unverkennbar nach Bröselmaschine. Der Titelsong ist eine Hommage an die langen, jam-artigen Improvisationen der 70er.
Der Erfolg von „Indian Camel“ bewies, dass die Zeit reif war für eine Renaissance des ehrlichen, handgemachten Rock. Beflügelt von der positiven Resonanz legte die Band 2019 mit „Elegy“ nach. Dieses Album wirkt düsterer, bluesiger und reifer. Es ist auch ein Abschied und eine Verarbeitung von Verlusten, nicht zuletzt eine musikalische Verbeugung vor den gegangenen Weggefährten.
Interaktive Diskografie
Klicken Sie auf die Titel, um die Titellisten zu sehen.
Bröselmaschine (1971)
- Gedanken
- Lassie
- Gitarrenstück
- The Old Man’s Song
- Schmetterling
- Nossa Bova
Peter Bursch und die Bröselmaschine (1976)
- Black, Brown & White Blues
- I Feel Fine
- Windy & Warm
- Once I Had A Sweetheart
- La Rotta
- Schiermonnikoog
- Last Song For Shelby Jean
- Powder Rag
Graublau (1985)
- Bei uns zuhaus
- Erinnerungen
- Liebe auf den ersten Blick
- ‚N altes Lied
- Mahlzeit
- In uns’rer alten Straße
- Mitternacht
Indian Camel (2017)
- Indian Camel
- Peace of Heaven
- Stacey
- Don’t Cross My Way
- Daydream
- Children of the Revolution (Live Cover/Bonus oft enthalten)
Elegy (2019)
- Bliss
- Elegy
- Oriental Mind
- I’d Rather Go Blind
- Black Is Your Color
- Indian Camel (Live Version)
- Fall
Unterwegs 2025: Live-Termine
Die Maschine läuft weiter. Auch im Jahr 2025 bringt die Band ihren einzigartigen Sound auf die Bühnen der Republik. Erleben Sie die Legenden hautnah an folgenden Terminen:
Bitte beachten Sie, dass sich Tourdaten kurzfristig ändern können. Es wird empfohlen, die lokalen Veranstalterankündigungen zu prüfen.