Eine Geschichte von Rebellion, Familie und dem ewigen Widerstand
Es gibt Bands, die Musik machen, und es gibt Bands, die eine Lebensweise definieren. New Model Army gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Seit über vier Jahrzehnten stehen sie wie ein Fels in der Brandung der schnelllebigen Musikindustrie – unbestechlich, leidenschaftlich und kategorisch schwer einzuordnen. Wer versucht, sie in eine Schublade zu stecken – sei es Punk, Post-Punk, Folk-Rock oder Goth – wird schnell feststellen, dass die Schublade klemmt. Dies ist die Geschichte einer Band, die sich nach einer revolutionären Armee benannte und selbst zu einer Legende wurde.
Der düstere Atem von Bradford: Die Gründung (1980)
Die Geschichte beginnt im Jahr 1980 in Bradford, einer Stadt im Norden Englands, die zu jener Zeit schwer unter dem industriellen Niedergang und der eisernen Faust der Thatcher-Regierung litt. Die Fabrikschlote rauchten kaum noch, die Arbeitslosigkeit stieg, und die soziale Kälte kroch in jede Ritze der Backsteinhäuser. In dieser Atmosphäre der Frustration und der aufgestauten Energie trafen drei junge Männer aufeinander, die den Soundtrack für diesen Widerstand schreiben sollten.
An der Spitze stand Justin Sullivan, der sich damals noch den vielsagenden Namen „Slade the Leveller“ gab – eine Anspielung auf die „Levellers“, eine radikale politische Bewegung im englischen Bürgerkrieg. Zusammen mit dem Bassisten Stuart Morrow und dem Schlagzeuger Phil Tompkins (der bald darauf ersetzt wurde) gründete er die Band. Der Name „New Model Army“ war kein Zufall: Er bezog sich auf die Parlamentsarmee von Oliver Cromwell, die im 17. Jahrhundert gegen die Monarchie kämpfte. Es war eine klare Kampfansage. Sie wollten keine harmlose Popmusik machen; sie wollten aufrütteln.
Vengeance und der frühe Zorn (1980–1984)
Die frühen Jahre waren geprägt von roher Energie und dem unverwechselbaren Bassspiel von Stuart Morrow. Morrows Stil war nicht nur begleitend, sondern führend – melodisch, hektisch und treibend. Zusammen mit Sullivans heiserem, dringlichem Gesang und den politisch aufgeladenen Texten schufen sie einen Sound, der sofort einschlug.
Ihr Debütalbum „Vengeance“ (1984) gilt heute als Klassiker. Es verdrängte sogar The Smiths von der Spitze der Independent-Charts. Songs wie „Vengeance“ oder „Small Town England“ fingen das Gefühl der Perspektivlosigkeit der britischen Arbeiterklasse perfekt ein. Doch schon damals zeigten sie Haltung: Als die Band eingeladen wurde, in der populären TV-Sendung „Top of the Pops“ aufzutreten, stellten sie Bedingungen – sie wollten live spielen, kein Playback. Eine Haltung, die ihnen zwar Türen verschloss, aber den Respekt ihrer wachsenden Anhängerschaft sicherte.
Der Pakt mit dem Major und die Ära Heaton (1985–1990)
Mitte der 80er Jahre stand die Band vor einer Zerreißprobe. Stuart Morrow verließ die Band, was viele für das Ende hielten. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Ein junger Schlagzeuger und Multiinstrumentalist namens Robert Heaton trat auf den Plan. Sein Einstieg markierte den Beginn der wohl kreativsten und bedeutendsten Phase der Bandgeschichte. Heaton war nicht nur ein Taktgeber; er war ein begnadeter Komponist, der Sullivans Wut mit musikalischer Raffinesse und Melancholie unterfütterte.
Der Wechsel zum Major-Label EMI sorgte in der Independent-Szene für Aufschrei („Sell-out“-Vorwürfe waren laut), doch die Band nutzte die Ressourcen, um ihren Sound zu verfeinern, ohne ihre Seele zu verkaufen. Das Album „No Rest for the Wicked“ (1985) zeigte bereits die neue Richtung, doch der wirkliche Meilenstein folgte 1989.
„Thunder and Consolation“ ist für viele Fans und Kritiker das Magnum Opus der Band. Hier verschmolzen wütender Rock mit Folk-Elementen, Violinen (gespielt von Ed Alleyne-Johnson) und lyrischer Tiefe zu einem Meisterwerk. Hymnen wie „Green and Grey“ oder „Vagabonds“ sind bis heute fester Bestandteil fast jedes Konzerts. Das Album fing die Sehnsucht nach Freiheit und die Melancholie des Verlustes so perfekt ein, dass es weit über die Grenzen Englands hinaus Kultstatus erreichte.
Kontroversen, Skandale und der unermüdliche Kampf
New Model Army war nie eine Band, die Skandalen aus dem Weg ging, auch wenn diese meist politischer Natur waren. Ein bemerkenswerter Vorfall ereignete sich 1993 mit der Veröffentlichung der Single „Here Comes the War“. Die Band legte der Platte eine Anleitung bei, wie man theoretisch einen nuklearen Sprengsatz baut. Dies sorgte für einen Aufschrei in den Medien und bei den Behörden, unterstrich aber die kompromisslose pazifistische und gleichzeitig warnende Botschaft des Songs.
Ein dauerhaftes Hindernis in der Karriere der Band war das Verhältnis zu den USA. Aufgrund „moralischer Vergehen“ in der Jugend (kleinere Konflikte mit dem Gesetz) wurde Justin Sullivan jahrelang die Einreise in die USA verweigert. Dies führte dazu, dass die Band in den 90ern, als sie in Europa Stadien füllten, den amerikanischen Markt nicht touren konnte – ein Umstand, der ihren weltweiten kommerziellen Durchbruch vielleicht verhinderte, aber ihren Mythos als „Outlaws“ nur stärkte.
Jüngere Kontroversen sind selten, doch die Pandemie-Jahre forderten ihren Tribut: Im Jahr 2022 trennte sich die Band von ihrem langjährigen Gitarristen Marshall Gill. Der Grund war dessen Weigerung, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, was internationale Touren zu jener Zeit logistisch unmöglich machte. Es war eine pragmatische, aber schmerzhafte Entscheidung für das Kollektiv.
Schicksalsschläge: Der Verlust von Robert Heaton
Die Geschichte von New Model Army ist auch eine Geschichte von Tragödien. Der schwerste Schlag traf die Band und ihre Fans in den frühen 2000er Jahren. Robert Heaton, der musikalische Architekt vieler Hits, musste die Band Ende der 90er Jahre aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Er litt an einem Hirntumor, der operiert wurde. Während er sich davon erholte, traf ihn eine weitere Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Am 4. November 2004 verstarb Robert Heaton im Alter von nur 43 Jahren. Sein Tod hinterließ eine Lücke, die menschlich nicht zu schließen war. Die Band war am Boden zerstört. Heaton war nicht nur Musiker, er war Sullivans Seelenverwandter im Songwriting. Viele glaubten, dies sei das endgültige Ende. Doch Justin Sullivan entschied sich, weiterzumachen – auch um das Erbe und die Musik, die sie zusammen geschaffen hatten, am Leben zu erhalten.
Ein weiterer schwerer Schlag war der plötzliche Tod ihres langjährigen Managers und Freundes Tommy Tee im Jahr 2008, der im Alter von 46 Jahren unerwartet starb. Diese Verluste schweißten die verbliebenen Mitglieder und die Crew nur noch enger zusammen.
Die „Family“ und die unsichtbare Mentorin Joolz Denby
Man kann über New Model Army nicht sprechen, ohne Joolz Denby zu erwähnen. Sie ist zwar kein Musiker auf der Bühne, wird aber oft als das „fünfte Bandmitglied“ bezeichnet. Die Poetin, Künstlerin und Tätowiererin ist seit den allerersten Tagen an Sullivans Seite. Sie gestaltet fast jedes Albumcover, entwirft das Merchandise und prägt die visuelle Ästhetik der Band maßgeblich. Ihre düsteren, mythischen Kunstwerke geben der Musik ein Gesicht. Darüber hinaus hat sie als Mentorin und lyrische Inspiration großen Einfluss auf Sullivan.
Um die Band herum hat sich über die Jahrzehnte eine Fangemeinde gebildet, die sich selbst als „The Family“ bezeichnet. Es ist mehr als ein Fanclub. Viele Fans folgen der Band quer durch Europa, oft in traditionellen Holzschuhen („Clogs“) tanzend – ein Ritual, das bei Konzerten einen unvergleichlichen, donnernden Rhythmus erzeugt. Diese Loyalität ist in der Musikwelt nahezu einzigartig.
Wiedergeburt und späte Meisterwerke (2010–Heute)
Anstatt sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, erlebte die Band in den 2010er Jahren eine kreative Renaissance. Mit dem Einstieg neuer Mitglieder wie dem Bassisten Ceri Monger veränderte sich der Sound erneut. Das Album „Between Dog and Wolf“ (2013) überraschte mit komplexen Tribal-Rhythmen und einer fast filmischen Atmosphäre. Es war das erfolgreichste Album seit zwanzig Jahren.
Auch das 2019 erschienene „From Here“, aufgenommen auf der winzigen norwegischen Insel Giske, zeugt von der ungebrochenen Kraft der Band. Die Isolation und die raue Natur Norwegens sind in jeder Note hörbar. Im Jahr 2024 veröffentlichte die Band ihr neuestes Werk „Unbroken“. Der Titel könnte passender nicht sein. Er steht für eine Band, die Trends, Tragödien und die Zeit selbst überdauert hat.
Die Bandmitglieder im Detail
Justin Sullivan (Gesang, Gitarre)
Geboren: 1956 in Jordans, Buckinghamshire.
Hintergrund: Sullivan entstammt einer Quaker-Familie, was seine humanistischen, aber strengen moralischen Wertvorstellungen prägte. Er ist das einzige verbliebene Gründungsmitglied.
Privates: Justin schützt sein Privatleben extrem. Er lebt in Bradford und ist eng mit der Künstlerin Joolz Denby verbunden. Bekannt ist seine Liebe zur Natur und zum Reisen, die sich oft in seinen Texten (z.B. im Soloalbum Navigating by the Stars) widerspiegelt.
Robert Heaton (Schlagzeug, Gesang, † 2004)
Geboren: 1961 in Knutsford, Cheshire.
Gestorben: 4. November 2004 an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Bedeutung: Heaton war der musikalische Motor der goldenen Ära. Er schrieb die Musik zu Klassikern wie „Green and Grey“. Er hinterließ eine Ehefrau, Robin, und einen Sohn, Marlon. Sein Tod wird jedes Jahr von der „Family“ betrauert.
Michael Dean (Schlagzeug)
Status: Aktiv.
Eintritt: Michael Dean stieß in den späten 90ern zur Band und hatte die schwere Aufgabe, Robert Heaton zu ersetzen. Er meisterte dies, indem er nicht versuchte, Heaton zu kopieren, sondern seinen eigenen, kraftvollen Stil einbrachte. Er ist zudem oft in die Produktion der Alben involviert.
Dean White (Keyboards, Gitarre)
Status: Aktiv.
Eintritt: Ursprünglich als Gitarrentechniker und Tourmanager mit der Band verbunden, wurde er 1993 festes Mitglied. Er ist der ruhende Pol auf der Bühne und sorgt für die atmosphärischen Klangteppiche, die den Sound der Band so voll machen.
Ceri Monger (Bass)
Status: Aktiv.
Eintritt: Seit 2012 dabei. Als deutlich jüngeres Mitglied brachte Ceri frischen Wind in die Band. Er ist ein Multiinstrumentalist, der neben dem Bass auch oft zu Percussion-Instrumenten greift und so den tribalen Sound der neueren Alben unterstützt.
Ehemalige wichtige Mitglieder:
Stuart Morrow: Der erste Bassist, dessen virtuoses Spiel den frühen Sound definierte. Er verließ die Band 1985.
Nelson (Peter Nice): Bassist von 1990 bis 2012. Er war über zwei Jahrzehnte eine feste Größe und prägte die Ära nach Heaton maßgeblich mit.
Marshall Gill: Gitarrist bis 2022. Sein bluesiger Stil bereicherte die Live-Shows enorm.
Diskografie (Studioalben)
Hier sind die wichtigsten Meilensteine der Bandgeschichte in chronologischer Reihenfolge:
1984 – Vengeance: Das Debütalbum. Roh, punkig und voller Wut. Enthält Klassiker wie „Christian Militia“ und „Small Town England“. Es definierte den frühen Sound der Band: Bass-getrieben und direkt.
1985 – No Rest for the Wicked: Das erste Album für EMI. Der Sound wird breiter, aber die politische Schärfe bleibt. Songs wie „No Rest“ und „My Country“ zeigen Sullivans lyrische Entwicklung.
1986 – The Ghost of Cain: Ein Fan-Favorit. Enthält den absoluten Über-Hit „51st State“ (eine Kritik an der US-Hörigkeit Großbritanniens) und das epische „The Hunt“.
1989 – Thunder and Consolation: Das Meisterwerk. Die perfekte Symbiose aus Folk und Rock. „Green and Grey“, „Vagabonds“ und „Stupid Questions“ sind zeitlose Hymnen. Ein Album über Verlust, Heimat und Hoffnung.
1990 – Impurity: Folkiger und experimenteller. „Get Me Out“ und „Purity“ sind die herausragenden Stücke. Die Violine spielt hier eine tragende Rolle.
1993 – The Love of Hopeless Causes: Der Wechsel zu Epic Records. Der Sound wird härter, rockiger und düsterer. „Here Comes the War“ ist der zentrale, aggressive Track dieses Albums.
2000 – Eight: Ein Album des Übergangs und der Rückkehr zur Unabhängigkeit. Es markiert die späte Phase mit Robert Heaton.
2005 – Carnival: Das erste Album nach dem Tod von Robert Heaton. Es ist ein Werk der Trauerverarbeitung („Fireworks Night“), aber auch des Neuanfangs.
2007 – High: Ein kraftvolles Rockalbum, das die Band wieder in voller Stärke zeigte. „Into the Wind“ und „Wired“ sind Live-Favoriten.
2009 – Today Is a Good Day: Nach dem Börsencrash 2008 ein wütendes, hartes Album. Der Titeltrack ist purer Zynismus und Energie.
2013 – Between Dog and Wolf: Eine musikalische Neuerfindung. Viel Percussion, weniger verzerrte Gitarren, eine dichte Atmosphäre. Kritikerlob weltweit.
2016 – Winter: Ein Konzeptalbum über das Älterwerden und die Kälte der Welt, aber auch über Widerstandskraft.
2019 – From Here: Aufgenommen in Norwegen. Weite Klanglandschaften, epische Songs wie „Never Arriving“.
2024 – Unbroken: Das aktuelle Werk. Eine Mischung aus dem klassischen NMA-Sound und der modernen Produktion.
Aktuelle Tourdaten: Unbroken Tour 2024/2025
Die Band ist bekannt für ihren unermüdlichen Tourplan. Aktuell sind sie mit ihrem Album „Unbroken“ unterwegs. Hier sind die anstehenden Termine für Ende 2025 (Auswahl):
20.11.2025: Münster, Jovel (Deutschland)
21.11.2025: Venlo, Grenswerk (Niederlande) – Ausverkauft
22.11.2025: Liège, Reflektor Club (Belgien)
12.12.2025: Nottingham, Rock City (UK)
13.12.2025: Bradford, Bradford Live (UK) – Das legendäre Weihnachtskonzert
20.12.2025: Köln, Palladium (Deutschland) – Das große Jahresabschlusskonzert
21.12.2025: Amsterdam, Melkweg (Niederlande)
(Bitte beachten Sie, dass sich Tourdaten ändern können. Prüfen Sie immer die offiziellen Kanäle.)
Quellenangaben:
Wikipedia (De/En) – Bandgeschichte und Diskografie
Newmodelarmy.org – Offizielle Biografie und Tourdaten
Laut.de – Künstlerprofil und Rezensionen
Metalinside.de – Nachruf Robert Heaton
Interviews mit Justin Sullivan (diverse Musikmagazine 2010–2024)
Fotoquelle: Fred Gasch
Author: Franz Lemmler Webseite: Xenopolias.de Copyright: © 2025