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Die Geburtsstunde einer Legende im Mailänder Nebel

Lesedauer 5 Minuten

Die Geburtsstunde einer Legende im Mailänder Nebel

Die Geschichte von Alphataurus beginnt nicht einfach nur als Gründung einer Musikgruppe, sondern als Aufbruch in eine neue klangliche Dimension inmitten der sozialen und politischen Umbrüche Italiens zu Beginn der 1970er Jahre. In Mailand, dem industriellen und kulturellen Herzen des Nordens, fanden sich junge Männer zusammen, die den herkömmlichen Beat und den simplen Pop der Vorjahre hinter sich lassen wollten. Es war eine Zeit, in der die Musik als Medium für philosophische Fragen und komplexe Emotionen diente. Die Formation bestand in ihrer Urzelle aus dem visionären Keyboarder Pietro Pellegrini, dem charismatischen Sänger Michele Bavaro, dem Gitarristen Guido Wassermann, dem Bassisten Alfonso Oliva und dem Schlagzeuger Giorgio Santandrea. Der Name Alphataurus, entlehnt von Aldebaran, dem hellsten Stern im Sternbild Stier, symbolisierte von Anfang an den Anspruch, ein Fixstern am Firmament des Progressive Rock zu werden.

Die musikalische DNA und der Einfluss der Mentoren

Die Einflüsse der Band waren vielfältig und tief im europäischen Kulturraum verwurzelt. Während die britischen Giganten wie King Crimson, Genesis und Emerson, Lake & Palmer unverkennbar als Vorbilder dienten, webten Alphataurus eine ganz eigene, mediterrane Seele in ihre Kompositionen. Es war die Verbindung aus harten, fast schon aggressiven Gitarrenriffs und den majestätischen, oft sakral anmutenden Orgelklängen, die ihren Sound definierte. Als Mentor und wichtiger Wegbegleiter in der Frühphase kann Vittorio De Scalzi von den New Trolls angesehen werden, der mit seinem Label Magma den nötigen Freiraum schuf, damit sich solche experimentellen Klänge überhaupt entfalten konnten. Ohne diese Infrastruktur wäre das Genre des Rock Progressivo Italiano (RPI) in dieser Form wohl nie zur Weltgeltung gelangt.

Das Jahr 1973: Ein Meisterwerk für die Ewigkeit

Das selbstbezeichnete Debütalbum „Alphataurus“, das 1973 das Licht der Welt erblickte, gilt heute unter Kennern weltweit als eines der zehn wichtigsten Alben des italienischen Progressive Rock. Es war nicht nur die Musik, die die Menschen in ihren Bann zog, sondern das gesamte künstlerische Konzept. Das Albumcover, gestaltet von Adriano Marangoni, war ein dreifach aufklappbares Kunstwerk, das einen fliegenden Stier über einer apokalyptischen Landschaft zeigte – eine visuelle Entsprechung zur klanglichen Gewalt des Inhalts. Stücke wie „Peccato d’orgoglio“ oder das epische „Dopo l’uragano“ zeigten eine Band auf ihrem absoluten Zenit. Die Dynamik zwischen Bavaros opernhafter Stimme und den komplexen Rhythmuswechseln von Santandrea und Oliva setzte neue Maßstäbe für technische Präzision im Rockbereich.

Der abrupte Fall und das lange Schweigen

Doch so hell der Stern Alphataurus aufstieg, so schnell schien er wieder zu verglühen. Mitten in den Aufnahmen zu einem zweiten Album im Jahr 1973 kam es zum Bruch. Die Gründe waren vielfältig: wirtschaftlicher Druck, die allgemeine Krise der Musikindustrie und interne kreative Differenzen führten dazu, dass sich die Bandmitglieder in alle Winde zerstreuten. Die bereits fertigen Instrumentalspuren und Demos wurden in den Archiven weggeschlossen und gerieten fast in Vergessenheit. Erst 1992 wurden diese Fragmente unter dem Titel „Dietro l’uragano“ veröffentlicht und gaben den Fans einen schmerzhaften Einblick in das, was hätte sein können, wenn die Gruppe zusammengeblieben wäre. Diese Veröffentlichung löste eine neue Welle des Interesses aus, die schließlich Jahrzehnte später zur Wiedergeburt führen sollte.

Pietro Pellegrini: Der Architekt der Klänge

Pietro Pellegrini, geboren in den späten 1940er Jahren, war der intellektuelle Kopf hinter den komplizierten Arrangements. Sein Arsenal an Tasteninstrumenten – von der Hammond-Orgel über das Mellotron bis hin zum Moog-Synthesizer – war das Fundament, auf dem Alphataurus gebaut wurde. Nach dem ersten Ende der Band zog er sich keineswegs aus der Musik zurück, sondern wurde ein Pionier im Bereich der digitalen Klangerzeugung und des Samplings. Er arbeitete eng mit dem Gitarristen Riccardo Zappa zusammen und war an zahlreichen Produktionen beteiligt, die die Grenzen zwischen Rock und Elektronik ausloteten. Pellegrini blieb über die Jahrzehnte der Hüter des Alphataurus-Erbes und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Band 2010 wieder zusammenfand.

Michele Bavaro: Die Stimme des Schicksals

Michele Bavaro war weit mehr als nur ein Sänger; er war ein Interpret von fast theatralischer Intensität. Sein Gesangsstil war geprägt von einer Ausbildung, die tief in der italienischen Belcanto-Tradition verwurzelt schien, kombiniert mit der rohen Energie des Rock ’n‘ Roll. Über sein Privatleben hielt sich Bavaro stets bedeckt, was seine mystische Aura nur noch verstärkte. Er verkörperte die lyrischen Themen der Band – Stolz, Verfall und die Suche nach dem Sinn – mit einer Glaubwürdigkeit, die selten war. Sein späterer Rückzug aus dem Rampenlicht nach der Auflösung der Band hinterließ eine Lücke, die erst bei der Reunion 2010 kurzzeitig wieder geschlossen wurde, bevor er sich aus gesundheitlichen Gründen erneut zurückziehen musste.

Guido Wassermann und die Saitenkunst

Guido Wassermann brachte die nötige Härte in das Gefüge. Seine Gitarrenarbeit zeichnete sich durch eine enorme Vielseitigkeit aus. Er beherrschte die Kunst der akustischen Untermalung ebenso wie die der schneidenden Soli. Wassermann war oft derjenige, der die Brücke zum Hard Rock schlug, was Alphataurus von den eher sanfteren Vertretern des Prog unterschied. In den Jahren der Abwesenheit blieb er der Musik in verschiedenen Projekten treu, wobei er stets seinen charakteristischen Ton bewahrte, der so viel zur Identität der Band beigetragen hatte.

Die Rhythmusgruppe: Oliva und Santandrea

Alfonso Oliva am Bass und Giorgio Santandrea am Schlagzeug bildeten eine Einheit, die in der italienischen Szene ihresgleichen suchte. Oliva, dessen präzises Spiel oft als der „Puls des Stiers“ bezeichnet wurde, sorgte für die nötige Erdung der komplexen Taktarten. Santandrea hingegen war für seine energetischen Live-Auftritte bekannt. Ein besonderes Vorkommnis bei einem frühen Konzert in Mailand blieb vielen Fans in Erinnerung, als Santandrea trotz eines gebrochenen Drumsticks das Set mit bloßen Händen zu Ende spielte, um den Fluss der Musik nicht zu unterbrechen. Solche Momente zementierten den Ruf der Band als eine der leidenschaftlichsten Live-Formationen ihrer Zeit.

Die späte Rückkehr und das Album AttosecondO

Im Jahr 2010 geschah das, was niemand mehr für möglich gehalten hatte: Alphataurus kehrten zurück. Anlässlich eines Festivals in Mezzago stand die Band, ergänzt durch neue Talente, wieder auf der Bühne. Die Resonanz war so überwältigend, dass man beschloss, neues Material aufzunehmen. Das 2012 erschienene Album „AttosecondO“ bewies, dass die Band nichts von ihrer Relevanz verloren hatte. Es war kein nostalgischer Rückblick, sondern eine moderne Interpretation ihrer alten Stärken. Die Zusammenarbeit mit neuen Musikern wie dem Bassisten Fabio Rigamonti und dem Schlagzeuger Alessandro „Pacho“ Rossi brachte frischen Wind in die Segel des alten Schlachtschiffs.

Schicksalsschläge und das bittere Ende einer Ära

Die jüngste Geschichte der Band ist jedoch von tiefem Schmerz und unwiederbringlichen Verlusten geprägt. Innerhalb weniger Jahre verstarben mehrere der Gründerväter. Alfonso Oliva verließ uns im Jahr 2022, was die Band tief erschütterte. Doch das Jahr 2023 und der Beginn von 2024 brachten weitere Hiobsbotschaften: Der Tod von Guido Wassermann und kurz darauf das Ableben von Michele Bavaro markierten das physische Ende der Originalbesetzung. Diese Schicksalsschläge trafen die Fangemeinde schwer, da mit ihnen die authentischen Stimmen einer ganzen Generation verstummten. Es gibt keine Informationen über Skandale in der Bandgeschichte, was zeigt, dass bei Alphataurus stets die Kunst und der gegenseitige Respekt im Vordergrund standen.

2084: Ein Blick in die Zukunft aus der Vergangenheit

Trotz der persönlichen Tragödien hinterließen Alphataurus ein letztes großes Geschenk: Das Album „2084: Viaggio nel Nulla“, das im Jahr 2024 veröffentlicht wurde. Es ist ein dystopisches Konzeptwerk, das die Sorgen und Ängste der heutigen Zeit thematisiert und musikalisch an die glorreichen Tage der 70er Jahre anknüpft. Pietro Pellegrini führte hierbei Regie und stellte sicher, dass der Geist seiner verstorbenen Freunde in jeder Note weiterlebt. Es ist ein Werk des Abschieds und zugleich ein Zeugnis der Unsterblichkeit ihrer musikalischen Vision.

Aktuelle Tourdaten und Live-Präsenz

Aufgrund der jüngsten Todesfälle innerhalb der Band gibt es für das Jahr 2025 keine ausgedehnte Tournee. Dennoch sind ausgewählte Gedenkkonzerte und Auftritte bei spezialisierten Progressive-Rock-Festivals geplant, bei denen Gastmusiker das Erbe ehren:

  • 13. Juli 2025: Porretta Terme, Italien – Special Tribute Set beim Porretta Prog Festival

  • 05. September 2025: Revislate (NO), Italien – Open Air Gedenkkonzert

Es wird erwartet, dass diese Termine die letzte Gelegenheit bieten, die Musik von Alphataurus in einem größeren Live-Rahmen zu erleben.

Zusammenfassende Betrachtung des Lebenswerks

Alphataurus steht exemplarisch für eine Band, die sich nie dem Kommerz gebeugt hat. Ihr Weg war steinig, gezeichnet von frühen Trennungen und späten Triumphen, aber immer geleitet von einer kompromisslosen Liebe zur Musik. Sie haben bewiesen, dass ein einziges Album ausreicht, um die Zeit zu überdauern, wenn es mit genügend Herzblut und technischer Meisterschaft geschaffen wurde. Die Symbiose aus Klassik, Jazz und Rock, die sie kreierten, bleibt ein Lehrstück für jede neue Generation von Musikern.

Diskografie

  • 1973: Alphataurus (Magma Records)

  • 1992: Dietro l’uragano (Zusammenstellung von 1973er Material)

  • 2012: Live in Bloom (Live-Aufnahme der Reunion)

  • 2012: AttosecondO (Studioalbum)

  • 2014: Prime Numbers (Raritäten und Live-Material)

  • 2024: 2084: Viaggio nel Nulla (Studioalbum)

Author: Franz Lemmler

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CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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