Die Geschichte der Einstürzenden Neubauten beginnt nicht in einem Tonstudio, sondern in den Ruinen und den hohlen Räumen des West-Berlin der frühen achtziger Jahre. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der die Mauer nicht nur eine Stadt teilte, sondern auch einen kreativen Kessel schuf, in dem Konventionen verdampften. Blixa Bargeld, geboren als Christian Emmerich am 12. Januar 1959 in Berlin-Tempelhof, gründete die Formation im April 1980. Gemeinsam mit Beate Bartel und Gudrun Gut, die später eigene Wege in der Musikwelt einschlugen, sowie dem Musiker N.U. Unruh (Andrew Chudy, geboren am 9. Juni 1957 in New York), setzte er einen Endpunkt hinter die herkömmliche Rockmusik. Was folgte, war keine bloße musikalische Darbietung, sondern eine klangliche Untersuchung der physischen Welt.
Klangwerdung aus Stahl und Beton
In den Anfangsjahren fungierte die Stadt selbst als Instrumentarium. Die Band suchte Orte auf, die andere mieden: Autobahnbrücken, Fabrikhallen und Kellergewölbe. Ein legendäres Ereignis dieser Frühphase war das Konzert in einem Pfeiler der Berliner Stadtautobahn. Hier wurde deutlich, dass die Einstürzenden Neubauten den öffentlichen Raum nicht nur bespielen, sondern klanglich besetzen wollten. Anstatt auf klassische Gitarrenriffs zu setzen, traktierte N.U. Unruh Metallplatten, Schrottstücke und Bohrhammer. Der Rhythmus wurde nicht von einem Metronom diktiert, sondern von der Resonanz der Materie. Blixa Bargelds Schrei, ein Markenzeichen der Band, fungierte dabei als das menschliche Äquivalent zu reißendem Metall – ein Ausdruck von purer Existenzangst und gleichzeitiger Befreiung.
Die formative Phase und die Ankunft von Alexander Hacke
Kurz nach der Gründung stießen wichtige Akteure hinzu, die das Gesicht der Band über Jahrzehnte prägen sollten. Alexander Hacke, geboren am 21. Oktober 1965 in Berlin-Neukölln, trat der Gruppe bereits als Teenager bei. Ursprünglich unter dem Pseudonym Alexander von Borsig bekannt, brachte er eine experimentelle Energie ein, die sich perfekt in das Gefüge einfügte. Hacke ist heute zweifacher Vater und war zeitweise mit der Musikerin Meret Becker verheiratet (Hochzeit 1996, Scheidung 2002), mit der er auch eine Tochter hat. Heute ist er mit der Künstlerin Danielle de Picciotto liiert und verheiratet, mit der er weltweit interdisziplinäre Projekte realisiert. Hackes Bassspiel und seine Fähigkeiten als Multiinstrumentalist gaben den oft chaotischen Lärmstrukturen ein notwendiges Fundament.
F.M. Einheit und die Destruktion auf der Bühne
Ein weiterer entscheidender Pfeiler war F.M. Einheit (Frank-Martin Strauß, geboren am 18. Dezember 1958 in Dortmund). Er stieß 1981 zur Band, nachdem er zuvor bei Abwärts gespielt hatte. Einheit war der Mann für das Grobe: Er bearbeitete auf der Bühne mit brachialer Gewalt Drucklufthämmer und Kreissägen. Seine Präsenz symbolisierte die physische Gefahr, die von den Neubauten-Konzerten ausging. Es ist dokumentiert, dass bei Auftritten Funken flogen und Bühnenböden zerstört wurden. Diese Radikalität führte 1983 fast zu einem Eklat, als die Band im Vorprogramm von U2 auftreten sollte, jedoch aufgrund ihrer destruktiven Instrumentierung und der damit verbundenen Unberechenbarkeit auf Widerstände stieß. Einheit verließ die Band 1995 während der Aufnahmen zum Album Ende Neu nach künstlerischen Differenzen, was eine Zäsur in der Bandgeschichte markierte.
Marc Chung und die kühle Präzision
Marc Chung, geboren am 3. Juni 1957 in Leeds, England, übernahm den Bass in der Phase, als die Band begann, international Wellen zu schlagen. Sein Spiel war geprägt von einer kühlen, fast mathematischen Präzision, die einen Kontrast zu den eruptiven Ausbrüchen von Bargeld und Einheit bildete. Chung blieb bis 1994 Teil der Gruppe, bevor er sich aus dem aktiven Musikgeschäft zurückzog, um eine Karriere in der Musikrechteverwertung und im Management einzuschlagen. Sein Ausstieg fiel in eine Zeit, in der die Band begann, ihren Klang zu verfeinern und weg von der reinen Destruktion hin zu komplexeren Kompositionen zu streben.
Meilensteine: Von Kollaps bis Haus der Lüge
Das Debütalbum „Kollaps“ (1981) war ein Manifest des Widerstands gegen die damals populäre Neue Deutsche Welle. Es klang nach Schrottplatz und Verweigerung. Doch bereits mit „Zeichnungen des Patienten O. T.“ (1983) begannen die Neubauten, literarische und philosophische Bezüge in ihre Arbeit einzuflechten. Der Titel bezog sich auf Oswald Tschirtner, einen Künstler der Art Brut. Mit „Halber Mensch“ (1985) gelang der Band der Durchbruch in Japan, wo ein gleichnamiger Film unter der Regie von Sogo Ishii entstand. Die Bandmitglieder wurden dort wie Popstars gefeiert, was im krassen Gegensatz zu ihrem Image als industrielle Außenseiter stand. Das Album „Haus der Lüge“ (1989) markiert schließlich den Höhepunkt der Achtziger-Jahre-Phase, mit einem dichten Geflecht aus biblischen Metaphern und orchestralem Lärm.
Die Ära der Transformation und das Supporter-Projekt
Nach den Abgängen von Chung und Einheit mussten sich die Neubauten neu erfinden. Jochen Arbeit (Gitarre) und Rudi Moser (Perkussion), beide zuvor bei Die Haut tätig, sowie Ash Wednesday am Keyboard vervollständigten das Line-up. Jochen Arbeit, geboren 1958, brachte eine strukturierte Gitarrenarbeit ein, während Rudi Moser (geboren 1966) die perkussive Tradition der Band auf eine subtilere, aber nicht weniger intensive Ebene hob. In den frühen 2000er Jahren leistete die Band Pionierarbeit in der Musikfinanzierung. Mit dem „Supporter-Projekt“ entzogen sie sich der Abhängigkeit von großen Plattenfirmen und ließen ihre Alben direkt von den Fans finanzieren. Alben wie „Perpetuum Mobile“ (2004) zeigten eine Band, die gelernt hatte, die Stille ebenso effektiv einzusetzen wie den Lärm.
Blixa Bargeld: Der Intellektuelle des Industrial
Blixa Bargeld selbst ist eine Figur von hoher kultureller Relevanz. Neben seiner Arbeit mit den Neubauten war er von 1984 bis 2003 Gründungsmitglied und Gitarrist von Nick Cave and the Bad Seeds. Diese Zusammenarbeit prägte beide Künstler nachhaltig. Bargeld ist bekannt für seine Vorliebe für die deutsche Sprache in ihrer komplexesten Form, beeinflusst von Vorbildern wie Bertolt Brecht oder Antonin Artaud. In seinem Privatleben ist er seit vielen Jahren mit der chinesischen Mathematikerin Erin Zhu verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Die Familie lebte zeitweise in San Francisco und Peking, was Bargelds globalen Blickwinkel weiter schärfte. Sein Einfluss reicht weit über die Musik hinaus; er ist als Schauspieler, Sprecher und Performance-Künstler tätig.
Skandale, Unfälle und die physische Grenze
Wo mit Feuer und Eisen gearbeitet wird, bleiben Verletzungen nicht aus. In der Geschichte der Band gab es zahlreiche Zwischenfälle auf der Bühne. F.M. Einheit verletzte sich mehrfach bei seinen Einsätzen mit schwerem Gerät. Ein besonders denkwürdiges Ereignis war ein Konzert im Londoner ICA im Jahr 1984, bei dem die Band versuchte, sich durch den Boden der Bühne zu bohren. Das Management musste einschreiten, um einen Einsturz des Gebäudes zu verhindern. Solche Aktionen zementierten den Ruf der Band als gefährlichste Gruppe der Welt. Ein wirklicher Skandal im moralischen Sinne blieb jedoch aus; die Band konzentrierte sich stets auf die künstlerische Provokation, nicht auf billige Schlagzeilen.
Kooperationen und Mentoren
Die Einstürzenden Neubauten waren nie eine isolierte Einheit. Ihre Verbindungen zur Kunstszene waren stets eng. Zu ihren frühen Unterstützern gehörte der Künstler Joseph Beuys, dessen Konzept der „Sozialen Plastik“ Ähnlichkeiten mit dem Ansatz der Band aufwies, Material in Kunst zu transformieren. Auch die Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Peter Zadek oder dem Choreografen Édouard Lock unterstreicht den interdisziplinären Charakter der Band. Musikalisch gab es enge Bindungen zu Bands wie Depeche Mode (für die sie Remixe anfertigten) oder Künstlern wie Anita Lane, die zeitweise mit der Band assoziiert war und am 28. April 2021 verstarb.
Aktuelle Tourdaten 2025
Für das Jahr 2025 haben die Einstürzenden Neubauten eine umfassende Tournee angekündigt, die sie durch die großen Metropolen Europas führen wird. Unter dem Titel „alien pop music“ präsentieren sie ihr aktuelles Schaffen, das sich gewohnt sperrig und doch faszinierend melodiös zeigt.
Mai 2025 – Berlin, Columbiahalle
Mai 2025 – Hamburg, Elbphilharmonie
Mai 2025 – München, Zenith
Mai 2025 – Wien, Gasometer
Mai 2025 – Zürich, Volkshaus
Juni 2025 – Paris, Le Grand Rex
Juni 2025 – London, Barbican Centre
Juni 2025 – Amsterdam, Paradiso
Zusammenfassung der Diskografie
Die Diskografie der Band ist ein Spiegelbild ihrer Evolution. Hier sind die wichtigsten Studioalben aufgeführt:
Stahlmusik (1980) – Das rohe Fundament.
Kollaps (1981) – Der Schrei nach Befreiung.
Zeichnungen des Patienten O. T. (1983) – Die Entdeckung der Struktur.
Halber Mensch (1985) – Die Verschmelzung von Rhythmus und Stimme.
Fünf auf der nach oben offenen Richterskala (1987) – Die Erforschung der Stille vor dem Sturm.
Haus der Lüge (1989) – Das architektonische Meisterwerk.
Tabula Rasa (1993) – Ein Neuanfang nach der Wende.
Ende Neu (1996) – Das Album des Übergangs.
Silence Is Sexy (2000) – Die Perfektionierung des Minimalismus.
Perpetuum Mobile (2004) – Die Reise durch den Wind.
Alles wieder offen (2007) – Die Unabhängigkeit des Supporter-Modells.
Lament (2014) – Eine klangliche Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs.
Alles in Allem (2020) – Eine Hommage an Berlin.
Rampen: apm (alien pop music) (2024) – Das aktuelle Werk der Improvisation.
Die Einstürzenden Neubauten bleiben auch nach über vier Jahrzehnten eine Instanz, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Sie haben bewiesen, dass man aus Trümmern Kathedralen bauen kann und dass Lärm, wenn er mit Verstand und Seele eingesetzt wird, die reinste Form der Musik sein kann. Ihr Erbe ist nicht nur in ihren Aufnahmen zu finden, sondern in der Freiheit, die sie nachfolgenden Generationen von Musikern gegeben haben: Die Freiheit, jedes Objekt der Welt als potenzielles Instrument zu begreifen.
Fotoquelle: Guido van Nispen from amsterdam, the netherlands, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons
Author: Franz Lemmler © 2025 Xenopolias.de
Quellen: Wikipedia, Offizielle Webseite der Einstürzenden Neubauten, Laut.de, Rolling Stone Magazin, Spiegel Kultur, Berliner Zeitung, Discogs, The Guardian Music Archive