
Die ungezähmte Seele des Blues-Rock: Steamhammer
In den späten 1960er Jahren, als die britische Musikszene von einer wilden Mischung aus Blues, Psychedelic und aufkeimendem Progressive Rock durchgeschüttelt wurde, entstand in dem kleinen Küstenort Worthing eine Band, die sich weigerte, in Schubladen zu passen. Steamhammer formierte sich 1968 und verkörperte von Anfang an diesen rohen, erdigen Geist, der die Pubs und Clubs Englands eroberte. Gegründet von Sänger und Harmonikaspieler Kieran White, den Gitarristen Martin Quittenton und Martin Pugh, Bassist Steve Davy sowie Schlagzeuger Michael Rushton, begann alles mit harten Blues-Riffs und langen, improvisierten Jams, die das Publikum in Ekstase versetzten.
Die Band tourte früh als Begleitgruppe für den legendären Blues-Gitarristen Freddie King durch England, was ihnen nicht nur wertvolle Bühnenerfahrung einbrachte, sondern auch half, ihren eigenen Sound zu schärfen – eine explosive Fusion aus traditionellem Blues, folkigen Elementen und ersten Ausflügen in jazzige und klassisch inspirierte Territorien. Es war eine Zeit, in der Musiker noch wirklich lebten, was sie spielten: schweißtreibende Nächte, endlose Sessions und der unstillbare Hunger nach Ausdruck.
Die explosiven Anfänge und das Debüt, das Europa eroberte
Das selbstbetitelte Debütalbum, das 1969 unter dem Namen Steamhammer (manchmal auch Reflection genannt) erschien, wurde zum sofortigen Statement. Tracks wie die stampfende Hymne „Junior’s Wailing“ – eine Adaption eines alten Blues-Stücks – entwickelten sich zu einem Hit, besonders in Westdeutschland, wo die Band eine treue Fangemeinde fand. Das Album mischte Covers von Größen wie B.B. King mit eigenen Kompositionen, die von introspektiven Texten und experimentellen Gitarrenklängen lebten. Gastmusiker wie Flötist Harold McNair und Pianist Pete Sears bereicherten den Sound und gaben ihm eine unerwartete Tiefe.
Live waren Steamhammer eine Naturgewalt. Ihre Auftritte dehnten sich oft zu epischen Jam-Sessions aus, bei denen die Grenzen zwischen Blues und Psychedelic verschwammen. In deutschen Clubs und auf Festivals wurden sie für ihre Intensität gefeiert – Momente, in denen die Menge nicht nur zusah, sondern Teil des Chaos wurde.
Wechsel im Line-up und der Sprung ins Progressive
1969 verließen Quittenton und Rushton die Band, um anderen Projekten nachzugehen. An ihre Stelle traten Saxophonist und Flötist Steve Jolliffe sowie der dynamische Schlagzeuger Mick Bradley. Mit diesem neuen Line-up entstand 1970 Mk II, ein Album, das vollständig aus Eigenkompositionen bestand und stärker in jazzige und progressive Gefilde vordrang. Die Songs wurden komplexer, die Improvisationen länger, und der Blues diente nun als Fundament für ausufernde Strukturen.
Doch Jolliffe hielt es nicht lange – er ging 1970. Zurück blieb ein Quartett: White, Pugh, Davy und Bradley. In dieser Besetzung nahmen sie Mountains auf, das im Dezember 1970 erschien und zu einem Höhepunkt avancierte. Der epische Track „Riding on the L & N“ – eine über zehnminütige Live-Version – zeigte die Band auf dem Zenit ihrer Kraft: treibende Rhythmen, brennende Soli und eine Energie, die selbst im Studio spürbar blieb. Das Album kehrte zu schwereren Blues-Wurzeln zurück, behielt aber die experimentelle Ader bei.
Schwere Schicksalsschläge und das Ende der ersten Ära
1971 verließ Davy die Formation, Louis Cennamo (ehemals bei Renaissance) kam als Bassist hinzu. Nach einer intensiven Europatour stieg White aus – ein herber Verlust, da seine charismatische Stimme und seine Songwriting-Fähigkeiten zentral gewesen waren. Das verbliebene Trio Pugh, Bradley und Cennamo lud Garth Watt-Roy als Gastvokalisten ein und nahm 1972 Speech auf. Das Album markierte einen radikalen Wandel: Drei lange, meist instrumentale Stücke, die tief in progressive Rock-Gefilde eintauchten, mit schweren Riffs und atmosphärischen Passagen.
Doch das Schicksal schlug hart zu. Schlagzeuger Mick Bradley erkrankte plötzlich und starb am 8. Februar 1972 im Alter von nur 25 Jahren an einer unerkannten Leukämie – kurz vor Abschluss der Album-Mischung. Die Band war am Boden zerstört. Ein Gedenkkonzert im Londoner Marquee Club brachte Acts wie Atomic Rooster und Beggars Opera zusammen, um Bradley zu ehren. Steamhammer versuchte, weiterzumachen: John Lingwood übernahm das Schlagzeug, Ian Ellis kam als Sänger. Ihr Debüt in dieser Besetzung fand im Mai 1972 statt, gefolgt von Tourneen durch Europa und Großbritannien. Bruce Michael Paine ersetzte Ellis später, und sogar Quittenton kehrte kurz zurück. 1973 traten sie als Axis auf, doch die Magie war verflogen – Ende des Jahres löste sich die Band auf.
Die verstreuten Wege der Mitglieder nach dem Ende
Kieran White, geboren am 27. Juli 1948, nahm 1975 das Soloalbum Open Door auf, arbeitete als Songwriter und emigrierte in die USA, wo er als Lkw-Fahrer in Oregon lebte. Er starb am 9. August 1995 an Krebs. Martin Quittenton schrieb Hits für Rod Stewart wie „Maggie May“ mit, bevor er 2015 verstarb. Louis Cennamo spielte später bei Illusion und Stairway. Martin Pugh zog sich weitgehend zurück, kehrte aber 2002/2003 für Sessions mit 7th Order zurück. Steve Jolliffe schloss sich Tangerine Dream an.
Besonders erwähnenswert ist Pughs Beteiligung an Armageddon 1975 mit Keith Relf (Yardbirds), das ein Album veröffentlichte, bevor Relf 1976 tragisch durch einen Stromschlag ums Leben kam.
Die unerwartete Wiedergeburt 2020
Jahrzehnte später, 2020, hauchte Martin Pugh Steamhammer neues Leben ein. Mit Bassist und Keyboarder Pete Sears (bekannt von Jefferson Starship), Schlagzeuger John Lingwood und dem charismatischen Sänger, Gitarristen und Harmonikaspieler Phil Colombatto entstand eine Formation, die den alten Geist ehrt und gleichzeitig frisch wirkt. Das Comeback-Album Wailing Again erschien 2022 und knüpft an die bluesgetränkten Wurzeln an, mit kraftvollen Vocals und treibenden Grooves.
Colombatto bringt eine raue, soulige Präsenz ein, die Whites Erbe würdigt, ohne zu kopieren. Sears‘ vielseitiges Spiel auf Bass und Keys fügt Tiefe hinzu, Lingwood sorgt für den pulsierenden Beat. Pugh selbst bleibt das Herzstück – sein Gitarrenspiel, das schon in den 60ern faszinierte, hat nichts an Biss verloren.
Aktuelle Tourdaten 2026
Zurzeit sind keine spezifischen Tourdaten für 2026 bekannt. Die Band konzentriert sich auf selektive Auftritte und Projekte, bleibt aber aktiv und könnte jederzeit wieder die Bühnen erobern.
Diskografie
- Steamhammer (auch Reflection) (Juni 1969)
- Mk II (Februar 1970)
- Mountains (Dezember 1970)
- Speech (1972)
- Wailing Again (2022)
Kompilationen:
- This is … Steamhammer (1974)
- Riding on the L&N – The Anthology (2012)
Singles:
- „Junior’s Wailing“ / „Windmill“ (1969)
- „Autumn Song“ / „Blues For Passing People“ (1969)
- „Mountains“ / „I Wouldn’t Have Thought“ (1971)
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Wikipedia, AllMusic, Discogs, offizielle Bandwebsite steamhammer.com, Prog Archives, Rate Your Music
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