AmberFilm, CC0, via Wikimedia Commons
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Die Geburtsstunde im Dortmunder Untergrund

Es ist der Winter 1969, als in den dunklen, verrauchten Kellerräumen des Dortmunder Musikclubs „Fantasio“ etwas entsteht, das die deutsche Rockgeschichte nachhaltig prägen sollte. In einer Zeit, in der die Musikwelt im Umbruch ist, finden sich der britische Gitarrist Cliff Jackson und sein Landsmann, der Schlagzeuger James McGillivray, mit dem deutschen Bassisten Bernd Kolbe zusammen. Zunächst unter dem Namen „Fagau’s Epitaph“ gestartet, verkürzt sich der Name bald auf das prägnante EPITAPH. Was als Experiment in einem Übungskeller begann, entwickelte sich rasch zu einer festen Größe. Die Band war von Anfang an eine Besonderheit: Britische Wurzeln trafen auf deutschen Tatendrang, was zu einem Sound führte, der weit über die Grenzen des herkömmlichen „Krautrock“ hinausreichte. Ihre Musik war internationaler, geschliffener und doch voller roher Energie.

Der steinige Weg zum Ruhm und transatlantische Träume

Die frühen 1970er Jahre waren geprägt von unermüdlichem Touren und der Suche nach dem eigenen Platz im Rock-Olymp. Mit dem Einstieg des zweiten Gitarristen Klaus Walz festigte die Band ihren charakteristischen Twin-Guitar-Sound, der oft mit Größen wie Wishbone Ash verglichen wurde. Doch EPITAPH wollten mehr. Ein entscheidender Meilenstein war der Vertrag mit dem Label Polydor und die anschließende Reise in die USA. Es war die Ära der großen Träume, in der die Band in den renommierten Omega-Studios in Chicago produzierte. Doch der amerikanische Traum erwies sich als zweischneidiges Schwert. Trotz beachtlicher Erfolge und einer wachsenden Fangemeinde machten finanzielle Fehlkalkulationen und die Insolvenz ihres damaligen Managements den großen Durchbruch zunichte. Es war ein bitterer Rückschlag, der die Band zur Rückkehr nach Europa zwang, aber ihren künstlerischen Willen nicht brechen konnte.

Die Architekten des Sounds: Die Mitglieder im Porträt

Cliff Jackson ist das Herz und die Seele von EPITAPH. Geboren in der industriell geprägten Stahlstadt Sheffield, brachte er eine unverkennbare britische Rock-Attitüde mit nach Deutschland. Als Gründungsmitglied, charismatischer Frontmann und versierter Gitarrist hat er die Geschicke der Band über fünf Jahrzehnte hinweg gelenkt. Jackson ist bekannt für sein präzises Spiel und seine Fähigkeit, Melodie und Härte zu vereinen. Über sein Privatleben bewahrt er eine gewisse Diskretion, doch seine Hingabe zur Musik ist sein offenes Buch.

Bernd „Bernie“ Kolbe ist der Fels in der Brandung am Bass und steuert zudem wesentliche Gesangsteile bei. Er begann seine musikalische Reise bereits im zarten Alter von zwölf Jahren an der Gitarre, bevor er zum Bass wechselte. Kolbe und Jackson bilden das untrennbare Gespann, das EPITAPH durch alle Stürme getragen hat. Seine tiefe, sonore Stimme und sein rhythmisches Fundament sind unverzichtbare Bestandteile des Bandgefüges.

Heinz Glass stieß Mitte der 70er Jahre zur Formation und bereicherte den Sound durch sein außergewöhnliches Talent an der Slide-Gitarre und der akustischen Gitarre. Glass brachte eine neue Textur in die Musik, die besonders bei den atmosphärischeren Stücken der Band zur Geltung kommt. Er gilt als einer der technisch versiertesten Gitarristen der deutschen Rockszene.

James „Jim“ McGillivray, der ursprüngliche Schlagzeuger aus Schottland, prägte die frühen Jahre durch sein kraftvolles und zugleich variables Drumming. Er verließ die Band in den späten 70ern, kehrte jedoch für Reunion-Projekte immer wieder zurück, was die tiefe Verbundenheit der Gründungsmitglieder unterstreicht.

Klaus Walz, ein weiterer Eckpfeiler der klassischen Besetzung, trug maßgeblich zur Entwicklung des zweistimmigen Gitarrenspiels bei. Nach seiner Zeit bei EPITAPH wurde er ein wichtiger Teil der Band Jane, blieb aber im Geiste und bei gelegentlichen Kollaborationen immer ein Teil der EPITAPH-Familie.

Carsten Steinkämper übernahm in späteren Jahren den Posten am Schlagzeug und brachte frischen Wind sowie eine moderne Dynamik in die Live-Auftritte der Band. Er versteht es meisterhaft, die Brücke zwischen den klassischen Rhythmen der Frühzeit und einem zeitgemäßen Rock-Sound zu schlagen.

Schicksalsschläge und der Diebstahl der Existenz

Das Leben „on the road“ war für EPITAPH nicht immer nur von Applaus gekrönt. Ein besonders einschneidendes und schmerzhaftes Ereignis ereignete sich im Jahr 1983 in Dortmund. In einer einzigen Nacht wurde der Band nahezu ihre gesamte Ausrüstung gestohlen – Instrumente, Verstärker und technisches Equipment, das über Jahre hinweg mühsam zusammengestellt worden war. Da die Musiker zu diesem Zeitpunkt ohnehin mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hatten, bedeutete dieser Raub das vorläufige Aus. Ohne Werkzeuge für ihr Handwerk und ohne die Mittel für eine Neuanschaffung löste Cliff Jackson die Band schweren Herzens auf. Es war ein Moment der totalen Resignation, der die Band für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden ließ. Erst viel später fanden sie die Kraft für einen Neuanfang. Auch menschliche Verluste prägten den Weg, wie der Tod des langjährigen Weggefährten und Freundes Reinhard Stroetmann im Jahr 2023, der die Band tief erschütterte.

Meilensteine und musikalische Monumente

In der Diskografie von EPITAPH ragen einige Werke besonders hervor. Das Album „Outside The Law“ aus dem Jahr 1974 gilt bis heute als ein Meilenstein des Progressive Rock „Made in Germany“. Es verbindet komplexe Strukturen mit eingängigen Hooks und zeigt die Band auf ihrem ersten kreativen Gipfel. Ein weiteres bedeutendes Werk ist „Fire from the Soul“ (2016), das bewies, dass die Band auch im hohen Alter nichts an Relevanz und Spielfreude verloren hat. Besonders hervorzuheben sind auch die „Acoustic Sessions“, in denen die Band ihre alten Klassiker in ein völlig neues, intimes Gewand kleidete und damit ihre kompositorische Klasse unterstrich. Ein besonderes Vorkommnis in ihrer Karriere war der legendäre Auftritt im WDR-Rockpalast 1977. Damals sprang kurzfristig Fritz Randow von der Band Eloy am Schlagzeug ein, da Jim McGillivray die Band kurz zuvor verlassen hatte. Trotz minimaler Vorbereitungszeit lieferten sie eine Performance ab, die bis heute als Sternstunde des deutschen Fernsehens in Sachen Rockmusik gilt.

Netzwerke und Synergien: Die Zusammenarbeit mit anderen Größen

EPITAPH waren nie eine isolierte Einheit. Über die Jahrzehnte pflegten sie intensive Kontakte zu anderen Musikern der Szene. Besonders eng ist die Verbindung zur Band Jane, nicht zuletzt durch den personellen Austausch von Klaus Walz. Auch mit Musikern wie Fritz Randow oder dem Keyboarder Detlev Schmidtchen (beide Eloy) gab es immer wieder Berührungspunkte und gegenseitige Unterstützung. In den 2000er Jahren beteiligten sie sich am „Krautrock Meeting“, wo sie gemeinsam mit Legenden wie Amon Düül II und Birth Control auf der Bühne standen. Diese Synergien halfen der Band, auch in schwierigen Zeiten präsent zu bleiben und ihren Status als „Musicians‘ Musicians“ – also Musiker, die besonders von ihren Kollegen geschätzt werden – zu festigen.

Diskografie der Legenden

Epitaph (1971) Stop, Look and Listen (1972) Outside the Law (1974) Return to Reality (1979) See You in Hell (1981) Danger Man (1982) Resurrection (Live, 2001) Live in the 21st Century (2001) Remember the Past (2007) Dancing with Ghosts (2009) The Acoustic Sessions (2014) Fire from the Soul (2016) A Night at the Old Station (Live, 2017) Long Ago Tomorrow (2019) Don’t Let the Gray Hair Fool You (2024)

Konzerttermine der Epitaph Tour 2026

13.03.2026 – Bremen, Modernes 20.03.2026 – Leipzig, Felsenkeller 21.03.2026 – Gotha, Stadthalle 10.04.2026 – Steinberg, Brauerei Gutshof Wernesgrün 11.04.2026 – Berlin, Huxleys Neue Welt 17.04.2026 – Stuttgart, Im Wizemann 18.04.2026 – Nürnberg, Hirsch 11.07.2026 – Querfurt, Burgkirche (Special Open Air)

Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Rockzirkus Blog, Epitaph Offizielle Bandseite, Berlin.de Veranstaltungskalender, Eventim, Rocktimes Archiv, Bear Family Records

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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