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Deftones @ Aragon Ballroom, Chicago 10/23/2012
Deftones @ Aragon Ballroom, Chicago 10/23/2012

In den staubigen Straßen von Sacramento begann eine Reise, die das Gesicht der modernen harten Musik für immer verändern sollte. Es ist das Jahr 1988, als sich eine Gruppe von Skateboard-begeisterten Teenagern zusammenfindet, ohne zu wissen, dass sie Jahrzehnte später als die Architekten eines völlig neuen Klanguniversums gefeiert werden würden. Die Deftones sind weit mehr als nur eine Band; sie sind ein lebendiges, atmendes Paradoxon aus brutaler Härte und zerbrechlicher Schönheit.

Die Garagen-Genesis in Sacramento

Alles nahm seinen Anfang an der C.K. McClatchy High School. Stephen Carpenter, ein junger Mann mit einer tiefen Leidenschaft für Heavy Metal, war im Alter von 15 Jahren von einem Auto angefahren worden, während er auf seinem Skateboard stand. Während der monatelangen Genesung im Rollstuhl brachte er sich selbst das Gitarrespielen bei, indem er zu Platten von Anthrax und Metallica jammte. Gemeinsam mit seinen Schulfreunden Chino Moreno und Abe Cunningham begann er in seiner Garage zu proben. Moreno, dessen Herz damals eher für New Wave und Punk schlug, brachte eine völlig andere Dynamik in den Sound. Diese Reibung zwischen Carpenters harten Riffs und Morenos Vorliebe für Bands wie The Cure oder Depeche Mode sollte später zum Markenzeichen der Band werden.

Der steinige Weg zum Adrenalin

Die frühen 90er Jahre waren geprägt von Besetzungswechseln und dem harten Kampf um Aufmerksamkeit in der lokalen Clubszene. Nachdem Chi Cheng als fester Bassist zur Gruppe gestoßen war, festigte sich das Fundament. Ihr Schicksal wendete sich bei einem Konzert in Los Angeles, als sie Guy Oseary beeindruckten, einen Vertreter von Maverick Records – dem Label, das unter anderem von Madonna mitbegründet worden war. 1995 erschien schließlich das Debütalbum „Adrenaline“. Es war roh, ungeschliffen und atmete den Geist der Straße. Während die Welt damals im Grunge versank, lieferten die Deftones einen Sound, der später oft fälschlicherweise rein in die Schublade des Nu-Metal gesteckt wurde, doch schon damals war klar, dass diese Band zu groß für nur ein Genre war.

Zwischen Pelz und weißem Pony: Der Aufstieg zur Legende

Mit dem Nachfolger „Around the Fur“ im Jahr 1997 gelang der weltweite Durchbruch. Songs wie „My Own Summer (Shove It)“ wurden zu Hymnen einer ganzen Generation. Doch den ultimativen Meilenstein setzten sie im Jahr 2000 mit „White Pony“. Hier integrierten sie Frank Delgado offiziell als festes Mitglied an den Turntables und Keyboards, was den Sound um sphärische, elektronische Ebenen erweiterte. Das Album gewann einen Grammy für den Song „Elite“ und bewies, dass man gleichzeitig extrem hart und künstlerisch anspruchsvoll sein kann. Es war die Geburtsstunde des „Art-Metal“.

Dunkle Wolken und der Schmerz von Sacramento

Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Die Mitte der 2000er Jahre war für die Band eine Zerreißprobe. Während der Aufnahmen zu „Saturday Night Wrist“ (2006) stand die Gruppe kurz vor der Auflösung. Interne Spannungen, Drogenprobleme und Kommunikationslosigkeit dominierten den Alltag. Chino Moreno kämpfte damals mit persönlichen Dämonen, was sich in den oft düsteren und fragmentierten Texten widerspiegelte. Doch der schwerste Schlag sollte erst noch folgen.

Am 4. November 2008 veränderte ein tragischer Autounfall in Santa Clara alles. Chi Cheng, der charismatische Bassist und das spirituelle Herz der Band, wurde schwer verletzt, als er nicht angeschnallt aus einem Fahrzeug geschleudert wurde. Er fiel in ein Koma, aus dem er nie wieder vollständig erwachen sollte. Die Band war am Boden zerstört und legte die Arbeit an dem bereits fast fertigen Album „Eros“ auf Eis. Dieser Schicksalsschlag schweißte die verbliebenen Mitglieder jedoch enger zusammen als je zuvor. In tiefer Trauer entschieden sie sich, weiterzumachen – auch um Chis Erbe zu ehren. Sergio Vega, ein langjähriger Freund der Band und ehemaliges Mitglied von Quicksand, übernahm den Bass.

Der Abschied von einem Bruder

Jahre des Hoffens und Bangens folgten, in denen die Fans weltweit Geld für Chis medizinische Versorgung sammelten. Doch am 13. April 2013 verstarb Chi Cheng im Alter von 42 Jahren an Herzversagen. Sein Tod markierte das Ende einer Ära und hinterließ eine Lücke, die niemals ganz gefüllt werden kann. Die Band widmete ihm fortan jedes Konzert und jede Note, die sie spielten.

Das Kollektiv der Kontraste: Die Mitglieder im Detail

Chino Moreno Geboren als Camillo Wong Moreno am 20. Juni 1973 in Sacramento, ist er die unverkennbare Stimme der Deftones. Sein Gesangsstil wandert mühelos zwischen flüsterndem Hauch und markerschütterndem Schrei. Chino ist ein Familienmensch; er war in erster Ehe mit Celeste Schroeder verheiratet, mit der er zwei Söhne hat, Jakobi und Christian. Später heiratete er Risa Mora, mit der er eine Tochter namens Lola hat. Neben den Deftones ist er in zahlreichen Nebenprojekten wie Team Sleep, Crosses (†††) und Palms aktiv. Seine musikalischen Vorbilder reichen von Morrissey bis hin zu Bad Brains.

Stephen Carpenter Der Lead-Gitarrist wurde am 3. August 1970 geboren. „Stef“ ist der Architekt der massiven Riff-Wände. Er ist bekannt für seine Vorliebe für siebensaitige, achtsaitige und mittlerweile sogar neunsaitige Gitarren. Sein Spiel ist stark von Mentoren wie Meshuggah geprägt. Carpenter ist verheiratet und gilt innerhalb der Band oft als derjenige, der die metallische Härte gegen Morenos atmosphärische Ausflüge verteidigt. In den letzten Jahren sorgte er für Gesprächsstoff durch seine Weigerung, für internationale Tourneen zu fliegen, weshalb er bei Konzerten außerhalb der USA oft durch Ersatzmusiker wie Lance Jackman vertreten wird.

Abe Cunningham Der Schlagzeuger, geboren am 27. Juli 1973, gilt als einer der talentiertesten Drummer der Szene. Sein Spiel zeichnet sich durch eine unglaubliche Dynamik und einen besonderen Groove aus. Abe war mit Annalynn Cunningham verheiratet, die sogar Background-Gesang auf dem Song „MX“ beisteuerte. Das Paar hat zwei Söhne. Er ist seit der Gründung dabei, mit einer kurzen Unterbrechung Anfang der 90er Jahre, in der er kurzzeitig bei der Band Phallucy spielte.

Frank Delgado Geboren am 29. November 1970, war Frank zunächst nur Gastmusiker, bevor er 1999 fest integriert wurde. Er ist kein klassischer DJ, der nur scratched; er erschafft Klanglandschaften und Texturen, die den Sound der Deftones erst vervollständigen. Über sein Privatleben hält er sich bedeckt, gilt aber als der Ruhepol der Gruppe.

Chi Cheng (In Memoriam) Geboren am 15. Juli 1970, verstorben am 13. April 2013. Er hinterließ seinen Sohn Gabriel. Chi war nicht nur Musiker, sondern auch ein begnadeter Lyriker, der einen Gedichtband namens „The Bamboo Parachute“ veröffentlichte. Er war bekannt für sein soziales Engagement und seine tiefe Menschlichkeit.

Zusammenarbeit und musikalische Allianz

Die Deftones waren nie eine isolierte Einheit. Ihre Kollaborationen sind legendär. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Song „Passenger“ vom White-Pony-Album, ein Duett mit Maynard James Keenan von Tool. Auch die Zusammenarbeit mit Max Cavalera (Soulfly, Sepultura) beim Song „Headup“ ist geschichtsträchtig. Dieser Song war dem verstorbenen Dana Wells gewidmet, dem Stiefsohn Cavaleras und engen Freund von Chino Moreno. Der Begriff „Soulfly“ entstammt übrigens einer Textzeile dieses Songs. Weitere Kooperationen gab es mit Musikern wie Mike Patton oder Robert Smith von The Cure, der die Band als eine seiner Lieblingsgruppen bezeichnete – ein Ritterschlag für Moreno.

Ekstase auf der Bühne: Besondere Momente

Wer einmal ein Deftones-Konzert besucht hat, weiß um die unberechenbare Energie. Chino Moreno ist dafür bekannt, die Barrieren zwischen Bühne und Publikum einzureißen, oft buchstäblich. Er klettert auf Lichttraversen oder springt mitten in die Menge. Unvergessen bleibt ein Vorfall in den späten 90ern, als die Band bei einem Konzert in Deutschland die Bühne vorzeitig verlassen musste, weil die schiere Wucht des Sounds und die Euphorie der Fans die Sicherheitsvorkehrungen sprengten. Jedes Konzert beginnt heute oft mit einem stillen Gedenken an Chi Cheng, was eine fast spirituelle Atmosphäre schafft, bevor das klangliche Gewitter losbricht.

Die Diskografie der Deftones

Die musikalische Reise lässt sich am besten anhand ihrer Veröffentlichungen nachvollziehen:

1995: Adrenaline 1997: Around the Fur 2000: White Pony 2003: Deftones 2005: B-Sides & Rarities (Compilation) 2006: Saturday Night Wrist 2010: Diamond Eyes 2011: Covers (Compilation) 2012: Koi No Yokan 2016: Gore 2020: Ohms 2025: Private Music

Deftones Tournee-Termine 2026

Die Band befindet sich aktuell auf ihrer Welttournee zum Album „Private Music“. Für das Jahr 2026 sind folgende Stationen in Europa bestätigt:

29.01.2026: Paris, Adidas Arena (Frankreich) 30.01.2026: Brüssel (Belgien) 01.02.2026: Hamburg, Barclays Arena (Deutschland) 03.02.2026: München, Zenith (Deutschland) 05.02.2026: Lodz (Polen) 06.02.2026: Berlin, Max-Schmeling-Halle (Deutschland) 07.02.2026: Dortmund, Westfalenhalle (Deutschland) 09.02.2026: Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle (Deutschland)

Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Last.fm, Revolver Magazin, Rolling Stone, MoreCore, Deftones Official Website, Loudwire

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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