
Berlinale 2026 im Kreuzfeuer der Kritik
Mitten in die laufende Berlinale 2026 platzt ein offener Brief, der in der internationalen Filmwelt für erheblichen Wirbel sorgt. Rund 81 Filmschaffende aus aller Welt haben das renommierte Berliner Filmfestival scharf dafür kritisiert, keine klare Haltung zum anhaltenden Krieg in Gaza einzunehmen. Das Branchenmagazin Variety veröffentlichte das Schreiben am Dienstagabend, woraufhin es umgehend für internationale Schlagzeilen sorgte.
Prominente Unterstützer des Briefes
Zu den Unterzeichnern gehören namhafte Persönlichkeiten der Filmbranche: der spanische Schauspieler Javier Bardem, die britische Schauspielerin Tilda Swinton – die im Vorjahr den Goldenen Ehrenbären der Berlinale erhalten hatte –, die US-amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin, der britische Regisseur Mike Leigh sowie sein US-amerikanischer Kollege Adam McKay. Auch Schauspieler wie Brian Cox, Tobias Menzies und Tatiana Maslany haben den Brief unterzeichnet. Sie alle eint die Forderung, dass die Berlinale als politisches Filmfestival Stellung beziehen müsse.
Der Kern der Vorwürfe
Die Unterzeichnenden bringen in dem Schreiben ihre Bestürzung darüber zum Ausdruck, dass die Berlinale bislang kein institutionelles Wort zum Vorgehen Israels im Gazastreifen verloren habe. Sie werfen dem Festival zudem vor, an der Einschränkung künstlerischer Meinungsfreiheit beteiligt zu sein, indem Filmschaffende, die sich öffentlich für palästinensisches Leben ausgesprochen hatten, angeblich massiv zurechtgewiesen worden seien. Das Palestine Film Institute habe laut dem Brief zudem dokumentiert, dass das Festival in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei Filmemacher überwacht habe. Darüber hinaus sehen die Unterzeichnenden die deutsche Bundesregierung in der Pflicht, da diese nach ihrer Einschätzung eine wesentliche Mitverantwortung trage.
Wim Wenders und die Frage nach der Politik
Der Auslöser für den Brief liegt in einer Aussage von Jurypräsident Wim Wenders, die er auf der Eröffnungspressekonferenz am 12. Februar 2026 traf. Auf die Frage des Journalisten Tilo Jung nach der Haltung der Berlinale und der deutschen Regierung gegenüber Gaza erklärte Wenders, das Festival müsse sich aus der Politik heraushalten. Kino sei das Gegenteil von Politik, es solle Empathie und Mitgefühl fördern. In dem offenen Brief widersprechen die Unterzeichnenden dieser Auffassung entschieden: Film und Politik seien untrennbar miteinander verbunden. Bezeichnend ist auch, dass die Übertragung der Pressekonferenz ausgerechnet während Jungs Frage technische Unterbrechungen aufwies – ein Umstand, der von internationalen Medien wie Deadline und Variety eigens vermerkt wurde.
Arundhati Roy sagt ab – und spricht Klartext
Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, bekannt durch ihren Roman Der Gott der kleinen Dinge, hatte bereits im Vorfeld des Briefes ihre Berlinale-Teilnahme aus Protest zurückgezogen. In einem Statement bezeichnete sie es als erschütternd, Jury-Mitglieder öffentlich bekunden zu hören, Kunst solle unpolitisch sein. Das sei ihrer Auffassung nach nichts anderes als die Unterdrückung eines Gesprächs über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – eines, das sich in Echtzeit vollziehe. Künstler und Filmemacher hätten die Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um solche Verbrechen zu stoppen.
Die Antwort der Berlinale-Leitung
Festivalleiterin Tricia Tuttle stellte sich grundsätzlich hinter die Werte des Festivals und betonte, die Berlinale sei ein Ort freier Meinungsäußerung. In einem Statement erklärte sie, dass alle auf dem Festival vertretenen Filmschaffenden ein tief verwurzeltes Bewusstsein für Menschenwürde und weltweites Leid teilten – sei es in Gaza, im Sudan, in der Ukraine oder anderswo. Zugleich wehrte sie sich gegen die Erwartung, dass jeder Künstler zu jeder politischen Frage öffentlich Stellung nehmen müsse. Damit wich sie einer direkten Positionierung zum Gaza-Krieg aus, was die Kritiker des Festivals als Bestätigung ihrer Vorwürfe werteten.
Ein Festival mit politischer Geschichte
Die Berlinale gilt seit Jahrzehnten als politisch engagiertes Filmfestival. Dass die aktuelle Debatte so heftig eskaliert, ist auch vor dem Hintergrund der Vorjahre zu verstehen: Bereits nach der Abschlussgala 2024 war das Festival in die Schlagzeilen geraten, weil mehrere Preisträger von der Bühne aus das Vorgehen Israels in Gaza scharf kritisiert hatten. Damals wie heute steht die Berlinale vor der Frage, wie viel politische Haltung ein Kunstfestival einnehmen darf – oder muss. Der Vergleich der Unterzeichnenden mit früheren klaren Positionierungen des Festivals zu Gräueltaten im Iran und in der Ukraine macht deutlich, dass sie eine Ungleichbehandlung wahrnehmen, die aus ihrer Sicht nicht hinnehmbar ist.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Variety, Rolling Stone Deutschland, Schweizer Illustrierte, nord24.de, news.at, dpa, AFP
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