Zwischen Jamaika und der Welt: Eine Kindheit unter Strenge und Sonne
Grace Beverly Jones erblickte am 19. Mai 1948 in Spanish Town, einer Stadt in der Nähe von Kingstons Zentrum auf Jamaika, das Licht der Welt. Sie wuchs als drittes von sechs Kindern einer Familie auf, die von zwei stark prägenden Kräften geformt wurde: dem tiefen religiösen Glauben ihrer Mutter Marjorie Williams (1930–2017) und dem politisch-gesellschaftlichen Einfluss ihres Vaters Robert Winston Jones (1924–2008), der nicht nur Prediger war, sondern Mitte der 1950er Jahre in die Vereinigten Staaten übersiedelte, um dort eine eigene Kirchengemeinde zu gründen. 1956 rief er in Syracuse im Bundesstaat New York die Apostolic Church of Jesus Christ ins Leben.
Grace und ihre Geschwister blieben zunächst auf der Karibikinsel zurück und wurden von der Großmutter erzogen, einer ebenso strenggläubigen Frau, in deren Haus die Bibel allgegenwärtig war. Die kleine Grace erlebte eine Kindheit, die von Disziplin, Gottesfurcht und körperlicher Züchtigung geprägt war – Eindrücke, die sich tief in ihr einbrannten. Sie beschrieb später, dass das Schlagen und das ständige Bibelstudium ihre frühesten Erinnerungen dominierten. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre holten die Eltern die Kinder nach Amerika. Für die junge Grace, nun Teenagerin in einer ihr fremden, von sozialen Spannungen zerrissenen amerikanischen Stadt, begann ein innerer Widerstand zu wachsen. Dieser Widerstand gegen alle Konventionen und Zwänge sollte ihre gesamte Karriere und ihr Leben prägen.
Sie besuchte zunächst das Onondaga Community College in Syracuse und trat in eine Theaterklasse ein. Mit dem dortigen Lehrer und dessen neugegründeter Gruppe, den Ruskin Players, begab sie sich auf Tournee. In Philadelphia angekommen, kehrte sie nicht mehr in das elterliche Haus zurück. Der Bruch mit dem Elternhaus war endgültig. Um unerkannt zu bleiben, arbeitete sie unter dem Pseudonym Grace Mendoza als Go-go-Tänzerin in Nachtclubs, experimentierte mit LSD in Hippiekommune und testete alle Freiheiten aus, die ihr die Gegenkultur der späten Sechzigerjahre bot. Ein erstes Vorsingen bei den Musikproduzenten Kenny Gamble und Leon Huff scheiterte an ihrer eigenen Nervosität. Sie zog weiter nach New York, schloss einen Vertrag mit der Modelagentur Black Beauty und wechselte später zur renommierten Wilhelmina Models, einer 1967 gegründeten Agentur, bei der sie ihren ersten professionellen Modeljob erhielt.
Paris, Mode und die Geburt eines Phänomens
Im Jahr 1970 zog Grace Jones nach Paris – und es war diese Entscheidung, die alles veränderte. In der Stadt an der Seine fiel sie auf. Nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen Körpergröße von 1,75 Metern, sondern wegen ihrer unverwechselbaren Präsenz: kantig, androgyn, magnetisch. Sie begann, mit Modedesignern wie Yves Saint Laurent, Kenzo Takada und Claude Montana zusammenzuarbeiten, lernte Größen wie Giorgio Armani und Karl Lagerfeld kennen und erschien auf den Titelseiten der begehrtesten Modemagazine der Welt – darunter Vogue und Elle. Der Fotograf Helmut Newton erkannte ihre Besonderheit früh und fotografierte sie in Bildern, die Skandale provozierten: Ein Titelbild des Sterns, auf dem Jones unbekleidet in Fußketten lag, führte 1978 zu einer Klage von Alice Schwarzer, Inge Meysel und weiteren prominenten Frauen wegen entwürdigender Frauendarstellungen.
In Paris wurde sie auch zum ersten Mal ernsthaft als Sängerin wahrgenommen. Ihren ersten Auftritt als Performerin hatte sie 1976 im Rahmen einer Japantournee des Designers Issey Miyake. Zum Abschluss der Show Issey Miyake and Twelve Black Girls präsentierte sie in einem Hochzeitskleid den Song I Need a Man, der als ihre erste Single erschien und von dem Produzenten Tom Moulton produziert wurde.
Disco, Studio 54 und die frühen Alben: Portfolio, Fame, Muse
Zurück in New York schloss Grace Jones einen Vertrag mit Island Records und veröffentlichte im September 1977 ihr Debütalbum Portfolio. Es enthielt überwiegend Coverversionen von Broadway-Klassikern und Disco-Nummern und war ganz dem Sound jener Zeit verpflichtet: opulente Streicherarrangements, dramatische Gesangslinien, Dancefloor-Energie. Produziert wurde das Album von Tom Moulton, der als Mitbegründer des modernen Remixes gilt. Die Version von Édith Piafs unvergänglichem La vie en rose avancierte dabei zur bekanntesten Einspielung des gesamten Frühwerks.
In dieser Zeit wurde Grace Jones zu einer zentralen Figur des legendären Studio 54 in New York, das 1977 eröffnet worden war und unter seinem Mitgründer Steve Rubell zur Schaltzentrale der internationalen Disco-Gesellschaft wurde. Dort traf sich die Crème de la Crème des Jetsets, der Kunstwelt und der Popkultur – und Grace Jones gehörte zum inneren Zirkel. Ihre extravaganten Outfits, ihre imposante Erscheinung und ihr unterkühltes, fast bedrohliches Charisma machten sie zur Königin der Dancefloors. Die Schwulenszene verehrte sie bedingungslos; man krönte sie zur Queen of the Gay Discos. 1978 nahm sie an der Gay Pride Rally im New Yorker Central Park teil, ein Auftritt, der vom Filmemacher Rosa von Praunheim dokumentiert wurde.
In rascher Folge erschienen Fame (1978) und Muse (1979), beide ebenfalls von Tom Moulton produziert und beide mit demselben Disco-Rezept gebraut. Jones selbst war mit dieser Phase zunehmend unzufrieden. Sie empfand sich als Dekoration für die Vision eines anderen, nicht als eigenständige Künstlerin. Diese Unzufriedenheit trieb sie dazu, eine radikale Neuerfindung in Angriff zu nehmen – musikalisch, optisch und persönlich.
Die Compass Point All Stars und der künstlerische Aufbruch
Der Wendepunkt kam durch Chris Blackwell, den Gründer von Island Records. Gemeinsam mit ihm stieg Jones in die Compass Point Studios auf den Bahamas, in Nassau, und stellte eine Gruppe von Studiomusikern zusammen, die als Compass Point All Stars in die Musikgeschichte eingehen sollten. Diese Band bestand aus dem jamaikanischen Rhythmusduo Sly Dunbar (Schlagzeug) und Robbie Shakespeare (Bass), dem Gitarristen Barry Reynolds, dem Keyboarder Wally Badarou sowie dem Tontechniker und Produzenten Alex Sadkin. Ergänzt wurden sie zeitweise von weiteren Musikern, die den unverwechselbaren Sound des Ensembles mitformten.
Sly Dunbar, am 10. August 1952 in Kingston geboren, und Robbie Shakespeare, am 27. September 1953 ebenfalls in Kingston geboren, galten und gelten bis heute als eines der einflussreichsten Rhythmus-Duos der Musikgeschichte. Gemeinsam hatten sie bereits mit Peter Tosh, Bunny Wailer und zahllosen anderen Reggae-Größen gearbeitet. Ihr Zusammenspiel war präzise, hypnotisch und unwiderstehlich – ein Fundament, auf dem Jones ihre neue Identität errichten konnte. Robbie Shakespeare verstarb am 8. Dezember 2021 in einem Krankenhaus in Miami nach einer Nierentransplantation, was die Musikwelt tief erschütterte.
Barry Reynolds, der britische Gitarrist, brachte New-Wave-Einflüsse und eine klirrende Eigenständigkeit in den Sound. Wally Badarou, 1955 in Paris als Sohn einer beninischen Diplomantenfamilie geboren, steuerte subtile Keyboard-Texturen bei, die den Brücke zwischen karibischen Grooves und europäischem Synthpop bildeten. Alex Sadkin fungierte als Architekt des Klangs, der alle Elemente zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügte.
Das erste gemeinsame Werk, Warm Leatherette (1980), markierte eine atemberaubende Kurskorrektur. Das Album enthielt Coverversionen von Songs wie Warm Leatherette der Industrial-Band The Normal, Love Is the Drug von Roxy Music und Private Life von den Pretenders. Jones‘ Umgang mit diesem Material war kühl, kontrolliert, androgyn – und gleichzeitig intensiv erotisch. Die Kritik staunte, das Publikum folgte.
Das nachfolgende Nightclubbing (1981) wurde zum Meilenstein, nicht nur in Jones‘ Karriere, sondern in der Popgeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Album enthielt u.a. Coverversionen von Iggy Pops titelgebendem Song Nightclubbing, den Pop gemeinsam mit David Bowie geschrieben hatte, sowie She’s Lost Control von Joy Division, Walking in the Rain von Flash and the Pan und die von Sting eigens für Jones verfasste Demolition Man. Der letztere Track tauchte später auch auf dem Album Ghost in the Machine der Police auf. I’ve Seen That Face Before (Libertango) nutzte das berühmte Thema von Astor Piazzolla und schuf damit eine der atemberaubendsten Synthesen aus Tango, New Wave und Reggae, die je auf einem Vinylträger verewigt wurde. Nightclubbing wurde vom britischen New Musical Express zum Album des Jahres 1981 gewählt und erreichte in den NME-Kritikercharts Platz 1. Musikexpress setzte es auf Rang 24 der besten Alben der 1980er Jahre. Es ist das kommerzielle und künstlerische Herzstück des Jones-Katalogs.
Living My Life (1982) schloss die Trilogie der Compass-Point-Ära ab. Es enthielt u.a. Nipple to the Bottle und Pull Up to the Bumper, das als eine der eingängigsten und zugleich seltsamsten Dancesingle der frühen Achtziger gilt. Am Songwriting für Breakdown war der amerikanische Rockmusiker Tom Petty beteiligt; I’ve Done It Again stammte aus der Feder von Marianne Faithfull.
Die One Man Show: Kunst, Theater und das androgynes Gesamtkunstwerk
Parallel zur musikalischen Metamorphose entwickelte Jones zusammen mit dem französischen Fotografen und Illustrator Jean-Paul Goude ein visuelles Konzept von ungeheurer Radikalität: die One Man Show. Goude, mit dem Jones Ende der 1970er Jahre eine intensive Liebes- und Arbeitsbeziehung einging, schuf eine Bühnenwelt, die Elemente aus Kubismus, Minimalismus, Absurdem Theater und Performance-Art zusammenführte. Ihre Konzerte wurden zu Gesamtkunstwerken, die weit über herkömmliche Popshows hinausgingen.
Den Konzertauftakt gestaltete Jones stets in einem Gorillakostüm, trommelnd eine Treppe hinaufsteigend – eine Referenz an Marlene Dietrichs Auftritt in dem Film Blonde Venus. Oben angekommen, trat sie aus der Tierkostümierung heraus und enthüllte ihr eigentliches Ich. Begleitet wurde sie von männlichen Tänzern, die roboterhafte Bewegungen ausführten, Grace-Jones-Masken trugen und in identische Armani-Anzüge gekleidet waren, sodass die Bühne von multiplen Jones-Spiegelbildern bevölkert schien. Im Verlauf der Show wurden die Scheinwerfer regelmäßig ins Publikum gerichtet, was die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum auflöste.
Eine der dramatischsten Szenen: Jones trug zu Living My Life einen Rock, der von Oskar Schlemmers Kostümentwürfen inspiriert war, führte einen Revolver an die Schläfe, drückte ab, fiel zu Boden und sang im Liegen weiter. Das Publikum verstand zunächst nicht, was geschah, brach nicht in Applaus aus – und blieb wie gelähmt sitzen. Erst mit zeitlichem Abstand begriffen die Zuschauer, dass sie Zeugen einer theatralischen Kunstinstallation geworden waren. Die One Man Show wurde 1982 als 45-minütiges Video veröffentlicht und für den Grammy nominiert.
Zum Song Pull Up to the Bumper lief Jones regelmäßig über einen Laufsteg in die Zuschauermenge, zog einzelne Personen auf die Bühne und inszenierte provokante choreografische Szenen, in denen sie eindeutig die männliche Rolle einnahm – eine bewusste Umkehrung überkommener Geschlechterstereotype.
Aus der Beziehung mit Jean-Paul Goude ging 1979 ein Sohn hervor: Paulo Goude, der später selbst als Musiker tätig wurde und Grace Jones zur Großmutter machte.
Slave to the Rhythm, Trevor Horn und der internationale Durchbruch
Nach einer Phase relativen Rückzugs wandte sich Jones 1985 einem neuen Projekt zu und kooperierte mit Trevor Horn, dem britischen Produzenten, der in den frühen Achtzigerjahren mit Frankie Goes to Hollywood, ABC, Yes und Paul McCartney Popgeschichte geschrieben hatte. Horns Konzeptalbum Slave to the Rhythm war kein gewöhnliches Album – es war ein mehrdimensionales Klangereignis, das den Titeltrack in zahlreichen Variationen und Arrangements präsentierte. Die Singleauskopplung Slave to the Rhythm kletterte auf Platz 4 der deutschen Charts und entwickelte sich zu einem der bekanntesten Jones-Songs überhaupt, einem, der bis heute in Clubs und auf Playlisten aller Generationen zu finden ist.
Im selben Jahr erschien die Compilation Island Life, ebenfalls 1985, mit einem Cover, das Jean-Paul Goude gestaltet hatte und das Jones‘ Körper in einer unmöglichen, skulpturalen Pose zeigte – ein Bild, das längst ikonischen Status besitzt.
Das nachfolgende Studioalbum Inside Story (1986) entstand in Zusammenarbeit mit Nile Rodgers, dem Gitarristen und Produzenten von Chic, einer der einflussreichsten Disco-Funk-Bands der Geschichte. Rodgers hatte zuvor unter anderem David Bowie und Madonna produziert. Die Zusammenarbeit mit Jones verlief nicht ohne kreative Spannungen; das Album griff kommerziell nicht so hoch wie seine Vorgänger, bot aber musikalisch interessante Momente.
Schauspiel: Von Conan bis zum Bond-Girl May Day
Grace Jones‘ außergewöhnliche Erscheinung und ihre Fähigkeit, mit schierem Blick und Körperhaltung ganze Räume zu beherrschen, machten sie früh zur begehrten Schauspielerin. 1984 erschien sie in Conan der Zerstörer neben Arnold Schwarzenegger als kriegerische Figur – eine Rolle, die ihr androgynes Kraftpaket-Image perfekt bediente. 1985 folgte der James-Bond-Film Im Angesicht des Todes, in dem sie die Figur May Day verkörperte, die gefährliche und loyale Handlangerin des Bösewichts Max Zorin (Christopher Walken) gegenüber Geheimagent James Bond (Roger Moore). May Day wurde eine der am häufigsten erinnerten Figuren der gesamten Bond-Filmreihe. Eine Anekdote aus den Dreharbeiten: Nachdem Jones erfahren hatte, dass Roger Moore die Angewohnheit hatte, seine Partnerinnen bei Bettszenen körperlich zu heben, schnallte sie sich eigenhändig einen Gummipenis um – eine klassische Jones-Geste, die Provokation mit Humor verband.
1986 spielte sie in Vamp die Hauptrolle eines Vampirs, 1987 war sie in Straight to Hell an der Seite von Dennis Hopper und Elvis Costello zu sehen. 1992 erschien sie in Eddie Murphys Komödie Boomerang, 2001 in dem Horrorfilm Wolfgirl als Hybrid-Figur zwischen Mann und Frau. 2007 hatte sie eine Nebenrolle in der österreichischen Falco-Biografie Falco – Verdammt, wir leben noch!. Ihre Filmkarriere war immer ein Korrektiv und eine Erweiterung ihres Musikschaffens, nie eine Flucht daraus.
Skandale und außergewöhnliche Vorfälle
Das Leben einer Frau wie Grace Jones verläuft nicht ohne Brüche und Skandale. Im britischen Fernsehen wurde sie 1981 zur Hauptdarstellerin eines kurzen, aber unvergesslichen Eklats: In einer Talkshow schlug sie dem Moderator Russell Harty auf den Rücken, weil dieser sich während ihres Gesprächs einem anderen Studiogast zuwandte. Jones empfand dies als Missachtung und reagierte spontan physisch – eine Szene, die in den britischen Medien intensiv diskutiert wurde.
1988 handelte sie sich ein lebenslanges Hausverbot in sämtlichen Disney-Parks weltweit ein, nachdem sie während eines Konzerts in der Disney World ihre Brüste entblößt hatte – eine Geste, die für Disney inakzeptabel war, die Jones aber wohl kaum schlaflose Nächte bereitete.
Im Jahr 2005 wurde sie in London beim Schwarzfahren in der U-Bahn erwischt und randalierte anschließend. Der Vorfall war für eine Frau von ihrem Status peinlich, passte aber zugleich in das Bild einer Künstlerin, die sich stets außerhalb gesellschaftlicher Konventionen verortete.
Das Helmut-Newton-Foto von 1978, das Jones nackt in Fußketten zeigte und zu der erwähnten Sexismus-Klage geführt hatte, war ein frühes Beispiel für die Art von Bildern, die ihre Karriere begleiteten: Provokationen, die einerseits Empörung auslösten, andererseits Grenzen verschoben und die Diskussion über Körper, Macht, Rasse und Geschlecht anheizten.
Liebesleben, Ehen und Familie
Grace Jones führte im Laufe ihres Lebens mehrere prägende Beziehungen. Die intensivste und folgenreichste war jene mit Jean-Paul Goude, dem französischen Fotografen und Illustrator, der nicht nur ihr wichtigster kreativer Partner war, sondern aus deren Verbindung 1979 ihr einziger Sohn Paulo hervorging. Die Beziehung war leidenschaftlich und kreativ explosiv, scheiterte aber letztlich.
Mitte der 1980er Jahre lernte sie in New York den schwedischen Schauspieler Dolph Lundgren kennen, der damals als ihr Bodyguard tätig war und kurz darauf zu einem der bekanntesten Actionfilm-Darsteller Hollywoods aufstieg. Die Beziehung mit Lundgren war für beide prägend; Lundgren berichtete später, dass Jones ihm viele Türen in der Unterhaltungswelt geöffnet habe.
1989 heiratete Jones den Musikproduzenten Chris Stanley – eine Verbindung, die nicht von langer Dauer war. 1996 folgte eine zweite Ehe mit dem türkischen Bodyguard Atila Altaunbay, den sie in Belgien kennengelernt hatte. Auch diese Ehe zerbrach; das Paar lebt seit Jahren getrennt, ist nach aktuellem Stand jedoch juristisch nicht geschieden.
Sohn Paulo Goude, der 1979 geboren wurde, machte Grace Jones zur Großmutter, als er selbst Vater wurde – ein Moment, der die Sängerin nach eigenen Aussagen zutiefst bewegte und ihr persönliches Leben neu ausrichtete.
Hurricane: Die Rückkehr und das späte Meisterwerk
Fast zwei Jahrzehnte lang erschien kein neues Studioalbum. Erst 2008, fast 20 Jahre nach Bulletproof Heart (1989), meldete sich Grace Jones mit Hurricane zurück. Das Album wurde vom Produzenten Ivor Guest produziert, mit dem sie auch zeitweise liiert war, und markierte nicht nur ein Comeback, sondern eine Reifung. Hurricane war düsterer, persönlicher und roher als alles, was sie je zuvor veröffentlicht hatte. Es enthielt den Track Williams‘ Blood, eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte und dem patriarchalischen Erbe ihres Vaters, sowie Corporate Cannibal, ein elektronisches Stück, das Kapitalismuskritik und Körperlichkeit auf einzigartige Weise verband.
Das Album wurde von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und demonstrierte, dass Grace Jones keine Nostalgie-Reise antrat, sondern weiterhin Gegenwart schuf.
Vorbilder und Mentoren
Mehrere Künstlerinnen und Künstler prägten Jones‘ Entwicklung maßgeblich. Marlene Dietrichs Bühnenpräsenz und ihre spielerische Subversion von Geschlechterrollen waren für Jones eine frühe Inspiration – die Gorillakostüm-Einlage zu Konzertbeginn war eine direkte Hommage an Dietrichs legendären Auftritt im Film Blonde Venus. Die Chansonnière Édith Piaf, deren La vie en rose Jones zu einer ihrer bekanntesten Interpretationen formte, war ein weiteres Vorbild: die kompromisslose Emotionalität und die unverwechselbare Klangsprache Piafs hatten Jones fasziniert.
David Bowie, mit dem Jones persönlich bekannt war und dessen Songwriting (via Iggy Pop) sie auf Nightclubbing verewigt hatte, gilt als einer der wesentlichsten kreativen Bezugspunkte. Wie Bowie verstand Jones die Popmusik als Bühne für Identitätsexperimente und Selbsterfindung. Roxy Music und Brian Eno, die den Art-Rock und Glam-Ästhetizismus in den 1970er Jahren neu definierten, standen ebenfalls auf ihrer Liste der Einflüsse.
Chris Blackwell von Island Records war mehr als ein Geschäftspartner – er war ein Ermöglicher, der ihr künstlerische Freiräume öffnete, die in der damaligen Musikindustrie selten gewährt wurden.
Kollaborationen und kreative Partnerschaften
Neben den bereits genannten Kooperationen mit Sly & Robbie, Trevor Horn, Nile Rodgers und Jean-Paul Goude bestehen weitere bedeutende musikalische Verbindungen. Sting schrieb für sie Demolition Man, was die Freundschaft und den gegenseitigen Respekt zwischen beiden Künstlern belegt. Tom Petty lieferte Textbeiträge. Marianne Faithfull war als Songwriterin beteiligt. Brian Eno arbeitete ebenso mit ihr zusammen wie die experimentelle Musikerin Grimes, das R&B-Duo Wendy and Lisa und der britische Trip-Hop-Pionier Tricky.
Im Jahr 2002 trat Jones gemeinsam mit Luciano Pavarotti beim Benefizkonzert Pavarotti & Friends für Angola in Modena auf und sang ein Duett mit dem legendären Tenor – ein Zusammentreffen zweier Welten, das die Grenzen des Denkbaren in der Popmusik abermals verschob.
Mit der britischen Band Arcadia, einem Seitenproject von Duran Duran, lieferte sie Gastgesang auf Election Day und The Flame, auf dem 1985er Album So Red the Rose.
Ihr Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen ist immens: Lady Gaga, Rihanna, Santigold, M.I.A., Janelle Monáe, Basement Jaxx, Hot Chip, LCD Soundsystem und unzählige weitere haben Jones als prägende Referenz benannt. Sie gilt als Pionierin der androgynen Selbstdarstellung, als frühe Ikone der LGBTQ+-Bewegung und als Künstlerin, die die Grenzen zwischen Mode, Musik, Performance und Bildender Kunst systematisch aufhob.
Das Jubilee-Konzert und Hula-Hoop für die Königin
Einen ihrer spektakulärsten Auftritte absolvierte Grace Jones im Jahr 2012 beim Diamond Jubilee Konzert zu Ehren von Queen Elizabeth II. Vor Zehntausenden von Zuschauern in London sang sie Slave to the Rhythm und bewies dabei Fitness und Starpräsenz: Während des gesamten Songs drehte sie ununterbrochen einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüfte – ein Bild, das um die Welt ging und einmal mehr zeigte, dass Jones keine Alterserscheinungen kannte. Sie war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt.
Memoiren und das literarische Ich
2015 erschien Jones‘ Autobiografie unter dem Titel I’ll Never Write My Memoirs – ein Titel, der sowohl Koketterie als auch Selbstironie atmete, da er ja eben das tat, was er verneinte. Das Buch wurde zu einem der eindringlichsten Künstlerporträts des Jahrzehnts und gab einen seltenen Blick auf das innere Leben einer Frau, die nach außen stets undurchdringlich wirkte. Jones schrieb offen über ihre Kindheit, ihre Beziehungen, ihre Kämpfe mit der Musikindustrie und ihre Überzeugungen über Kunst, Körper und Identität.
Eine lebende Legende: Das Erbe von Grace Jones
Grace Jones ist, was nur wenige in der Popgeschichte werden konnten: ein Original. Kein Trend hat sie geformt, den sie nicht selbst mitbegründet hätte. Kein Genre hat sie eingezwängt, das sie nicht selbst gesprengt hätte. Ihr Werk – von den Disco-Jahren über die Reggae-New-Wave-Synthese bis zum späten Hurricane – ist eine Abfolge mutiger Neu-Definitionen, die nie nach Konsens suchten, sondern nach Wahrheit. Ihre Stimme – ein tiefes, rauchiges Instrument, das ebenso gut sprechen wie singen konnte – war das Gegenteil von allem, was die Popindustrie damals für verkäuflich hielt. Und genau deshalb verkaufte sie sich millionenfach.
Sie hat Plattencover ikonisch gemacht, Konzerte in Kunstinstallationen verwandelt, Modewelten verändert und Generationen von Künstlerinnen und Künstlern inspiriert, die eigene Andersartigkeit nicht zu verbergen, sondern zur Bühne zu machen. Grace Jones ist keine Vergangenheit. Sie ist eine Gegenwart.
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DISKOGRAFIE
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STUDIOALBEN
1977 – Portfolio (Island Records)
Produzent: Tom Moulton
Highlights: La Vie en Rose, I Need a Man, Send in the Clowns
1978 – Fame (Island Records)
Produzent: Tom Moulton
Highlights: Fame, Do or Die, Autumn Leaves
1979 – Muse (Island Records)
Produzent: Tom Moulton
Highlights: What I Did for Love, For Today, A Rolling Stone
1980 – Warm Leatherette (Island Records)
Produzenten: Chris Blackwell, Alex Sadkin
Musiker: Compass Point All Stars (Sly Dunbar, Robbie Shakespeare, Barry Reynolds, Wally Badarou)
Highlights: Warm Leatherette, Private Life, Love Is the Drug, Breakdown
1981 – Nightclubbing (Island Records)
Produzenten: Chris Blackwell, Alex Sadkin
Musiker: Compass Point All Stars
Highlights: Nightclubbing, Pull Up to the Bumper, I’ve Seen That Face Before (Libertango), Demolition Man, She’s Lost Control
Auszeichnungen: NME Album des Jahres 1981; Top 10 in fünf Ländern
1982 – Living My Life (Island Records)
Produzenten: Chris Blackwell, Alex Sadkin
Highlights: Nipple to the Bottle, Walking in the Rain, Living My Life
1985 – Slave to the Rhythm (ZTT / Island Records)
Produzent: Trevor Horn
Highlights: Slave to the Rhythm (verschiedene Versionen), Jones the Rhythm, The Fashion Show
1986 – Inside Story (Manhattan / Island Records)
Produzent: Nile Rodgers
Highlights: I’m Not Perfect (But I’m Perfect for You), Party Girl, Crush
1989 – Bulletproof Heart (Capitol Records)
Produzenten: Jones, Chris Stanley, David Cole, Robert Clivilles
Highlights: Bulletproof Heart, Love on Top of Love, Amado Mio
2008 – Hurricane (Wall of Sound / PIAS)
Produzent: Ivor Guest
Highlights: Corporate Cannibal, Williams‘ Blood, Hurricane, This Is
WICHTIGE KOMPILATIONEN UND LIVEWERKE
1985 – Island Life (Compilation, Island Records)
1982 – A One Man Show (Videoalbum, Grammy-nominiert)
1993 – Sex Drive (Single / Remix-Projekt)
2014 – Me! I Disconnect From You (Single, Tubeway-Army-Cover)
WICHTIGE SINGLE-AUSKOPPLUNGEN (Auswahl)
1977 – I Need a Man (Nr. 1 Billboard Dance Chart)
1977 – La Vie en Rose
1981 – Pull Up to the Bumper
1981 – I’ve Seen That Face Before (Libertango)
1985 – Slave to the Rhythm (Nr. 1 Billboard Dance Chart; Platz 4 Deutschland)
1986 – I’m Not Perfect (But I’m Perfect for You)
1989 – Love on Top of Love (Nr. 1 Billboard Dance Chart)
1993 – Sex Drive (Nr. 1 Billboard Dance Chart)
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TOURDATEN 2026
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28. Februar 2026 – Sydney, Australien – Sydney Opera House Forecourt
02. März 2026 – Melbourne, Australien – Palace Foreshore
05. März 2026 – Brisbane, Australien – South Bank Cultural Forecourt
07. März 2026 – Adelaide, Australien – WOMADelaide Festival
(Veranstalter: Handsome Tours / Astral People)
Weitere Tourdaten für Europa und Nordamerika lagen zum Redaktionsschluss nicht vor.
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Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Wikipedia (deutsch), Wikipedia (englisch), Who’s Who Biografie, ByteFM Artists, Last.fm Biografie, Laut.de, Indiepedia, Musikexpress, The Circle Magazin, Discographien.de, Handsome Tours, Songkick, Festivaly.eu, Was-war-wann.de
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