Die Geburtsstunde einer progressiven Legende
Die Geschichte von Atomic Rooster beginnt in den turbulenten Ausläufern der späten 1960er Jahre, einer Ära, in der die Grenzen zwischen Psychedelic Rock und dem aufkommenden Progressive Rock verschwammen. Die Wurzeln der Formation liegen in der Auflösung von „The Crazy World of Arthur Brown“. Als Arthur Brown während einer US-Tournee im Jahr 1969 zeitweise untertauchte, entschieden sich der Organist Vincent Crane und der Schlagzeuger Carl Palmer, eigene Wege zu gehen. Zurück in England planten sie zunächst eine Zusammenarbeit mit dem kurz zuvor bei den Rolling Stones ausgeschiedenen Brian Jones. Dessen plötzlicher Tod am 3. Juli 1969 machte diese Pläne jedoch zunichte. Crane und Palmer ließen sich nicht beirren und gründeten stattdessen Atomic Rooster, ein Name, der lautmalerisch von der US-Band Rhinoceros inspiriert war.
Musikalische Meilensteine und der Aufstieg in den Rock-Olymp
Der Weg von Atomic Rooster war geprägt von einem ständigen Wandel, sowohl stilistisch als auch personell. Das selbstbetitelte Debütalbum „Atomic Roooster“, das im Februar 1970 erschien, markierte den Startpunkt. Es war eine wilde Mischung aus Blues, Jazz und schweren Orgelklängen. Doch der erste große kommerzielle Durchbruch gelang mit dem zweiten Album „Death Walks Behind You“ (September 1970). Das markante Cover, das die Radierung „Nebuchadnezzar“ von William Blake zeigt, wurde zum Symbol für den düsteren, kraftvollen Sound der Band. Mit der Single „Tomorrow Night“ landeten sie einen echten Charterfolg, der sie bis in die legendäre Sendung „Top of the Pops“ führte.
Ein weiterer Höhepunkt war das Album „In Hearing of Atomic Rooster“ aus dem Jahr 1971. Mit dem Hit „Devil’s Answer“ erreichte die Band Platz 4 der britischen Charts – ihr größter kommerzieller Triumph. In dieser Zeit festigte die Gruppe ihren Ruf als eine der intensivsten Live-Bands ihrer Generation. Ein besonderes Vorkommnis ereignete sich im September 1971 beim Benefizkonzert auf dem Oval Cricket Ground vor über 65.000 Menschen, wo sie neben Größen wie The Who und The Faces auftraten und bewiesen, dass sie auch auf den ganz großen Bühnen bestehen konnten.
Schicksalsschläge und die Schattenseiten des Ruhms
Hinter der Fassade des musikalischen Erfolgs verbargen sich tiefgreifende persönliche Tragödien. Der Bandkopf Vincent Crane litt zeit seines Lebens unter einer schweren bipolaren Störung. Diese psychische Erkrankung führte immer wieder zu Nervenzusammenbrüchen und Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, was die Stabilität der Band massiv beeinträchtigte. Crane suchte oft Trost in der Musik, doch die Krankheit blieb ein ständiger Begleiter, der schließlich zu seinem frühen Tod durch eine Überdosis Schmerzmittel am 14. Februar 1989 im Alter von nur 45 Jahren führte.
Auch andere Mitglieder blieben vom Schicksal nicht verschont. Der Gitarrist John Du Cann verstarb am 21. September 2011 an den Folgen eines Herzinfarkts. Paul Hammond, ein langjähriger Schlagzeuger der Band, erlag bereits im Jahr 1992 einem Herzleiden. Diese Verluste markierten das Ende der Ära der Gründungs- und Kernmitglieder und hinterließen eine Lücke in der Welt des progressiven Hardrocks.
Die Architekten des Sounds: Die Bandmitglieder im Detail
Vincent Rodney Cheesman, besser bekannt als Vincent Crane, wurde am 21. Mai 1943 in Reading geboren. Er war ein klassisch ausgebildeter Musiker, der das Trinity College of Music besuchte. Crane war zweimal verheiratet; seine Witwe Jeannie Crane pflegt bis heute sein musikalisches Erbe. Er war das einzige konstante Mitglied und die treibende kreative Kraft hinter Atomic Rooster.
Carl Frederick Kendall Palmer kam am 20. März 1950 in Birmingham zur Welt. Er stammte aus einer musikalischen Familie und wurde zu einem der einflussreichsten Schlagzeuger der Rockgeschichte. Er war von 1985 bis 2004 mit Maureen Fraser verheiratet, aus dieser Ehe stammt seine Tochter Carissa. Seit 2004 ist er mit seiner Frau Katie verheiratet. Palmer verließ die Band bereits 1970, um die Supergroup Emerson, Lake & Palmer (ELP) mitzugründen.
John William Cann, der später den Künstlernamen John Du Cann annahm, wurde am 2. Juni 1946 in Leicester geboren. Er war für den härteren, gitarrenorientierten Sound verantwortlich, der die erfolgreichste Phase der Band prägte. Nach seinem Tod hinterließ er ein beachtliches Erbe an Instrumenten, das seiner Mutter zufiel; er war zum Zeitpunkt seines Todes nicht verheiratet und hatte keine Kinder.
Nick Graham war das dritte Gründungsmitglied am Bass und Gesang. Er steuerte Flötenparts und Vocals zum ersten Album bei, verließ die Band aber bald, um sich Skin Alley anzuschließen. Später feierte er große Erfolge als Songschreiber, unter anderem mit dem Welthit „The Flame“ für die Band Cheap Trick.
Ric Parnell (geboren am 14. August 1951, verstorben am 1. Mai 2022) stammte aus einer bekannten Musikerfamilie; sein Vater Jack Parnell war ein berühmter Jazz-Schlagzeuger. Ric erlangte später kuriose Berühmtheit durch seine Rolle als Pechvogel-Drummer Mick Shrimpton im Kultfilm „This Is Spinal Tap“.
Einflüsse, Mentoren und musikalische Weggefährten
Atomic Rooster war keine Band, die im luftleeren Raum existierte. Vincent Crane nannte oft Graham Bond als seinen wichtigsten Mentor an der Hammond-Orgel. Die Einflüsse reichten von klassischer Musik über Jazz bis hin zum harten Blues eines Eric Clapton.
Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern war vielfältig. Vincent Crane spielte Klavier für Rory Gallagher und war Teil der Dexys Midnight Runners auf deren Album „Don’t Stand Me Down“. John Du Cann wiederum vertrat zeitweise Brian Robertson bei Thin Lizzy während einer Deutschland-Tournee im Jahr 1974. Auch die Kooperation mit dem Soul-Sänger Chris Farlowe in den Jahren 1972 bis 1974 verlieh der Band eine völlig neue, bluesige Note, die auf den Alben „Made in England“ und „Nice ’n‘ Greasy“ zu hören ist. Sogar David Gilmour von Pink Floyd trat 1983 kurzzeitig als Gastmusiker in Erscheinung.
Das Vermächtnis und die Rückkehr auf die Bühne
Nach einer langen Pause und verschiedenen Wiederbelebungsversuchen in den 80er Jahren kehrte der Name Atomic Rooster im Jahr 2016 zurück. Mit der Erlaubnis von Cranes Witwe formierten sich ehemalige Mitglieder wie Steve Bolton (Gitarre) und Pete French (Gesang) neu, um das Erbe am Leben zu erhalten. Die heutige Besetzung trägt den Geist der Band in die Gegenwart und beweist, dass die zeitlosen Kompositionen von Vincent Crane nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben.
Umfassende Diskografie
Studioalben:
Atomic Roooster (1970)
Death Walks Behind You (1970)
In Hearing of Atomic Rooster (1971)
Made in England (1972)
Nice ’n‘ Greasy (1973)
Atomic Rooster (1980)
Headline News (1983)
Singles (Auswahl):
Friday the 13th (1970)
Tomorrow Night (1971)
Devil’s Answer (1971)
Stand by Me (1972)
Save Me (1972)
Do You Know Who’s Looking for You? (1980)
Live-Alben und Kompilationen:
BBC Radio 1 Live in Concert (1993)
Devil’s Answer: The BBC Sessions (1998)
Close Your Eyes: A Collection 1965-1986 (2008)
Aktuelle Tourdaten 2026
Die Legende lebt weiter. Für das Jahr 2026 sind folgende Auftritte von Atomic Rooster bestätigt:
Februar 2026: Kinross, Schottland – Backstage at The Green Hotel
März 2026: Derby, England – The Flowerpot
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Wikipedia, Record Collector Magazine, Legacy Magazin, Rockzirkus-Blog, Ticketmaster, Last.fm, Independent Obituary John Du Cann
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