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The Exploited; RockHard Festival 2016

Dreck, Schweiß und Irokesen: Die ewige Schlacht der Exploited

Setz dich hin, schenk dir einen billigen Whiskey ein und vergiss alles, was du über polierte Rockstars zu wissen glaubst. Wir reden hier nicht von Jungs, die sich für das nächste Hochglanzmagazin die Haare richten. Wir reden von den Exploited. Wenn Punk ein brennender Müllcontainer in einer regnerischen Gasse von Edinburgh ist, dann ist Wattie Buchan der Typ, der das Benzin reingießt und dabei lacht, während seine Lunge unter der Last von tausend Zigaretten und Jahrzehnten des Chaos ächzt.

Es war das Jahr 1978, als die Welt eigentlich schon dachte, der Punk sei tot, begraben unter den Disco-Kugeln und dem Kokain-Nebel der späten Siebziger. Doch in Schottland regte sich etwas. Stevie Ross und Terry Buchan hatten die Nase voll. Sie wollten keinen Kunsthochschul-Punk, sie wollten Krieg. Terry verkrümelte sich zwar schnell wieder, aber er hinterließ das Beste, was er hatte: seinen Bruder Walter „Wattie“ Buchan. Wattie, ein ehemaliger Soldat der britischen Armee, brachte genau die Mischung aus Disziplinlosigkeit und Kasernenhofton mit, die das Genre brauchte, um nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Er ist der einzige, der diesen Wahnsinn bis heute durchgezogen hat, während um ihn herum die Bandmitglieder wechselten wie die Unterhosen in einem besetzten Haus.

Das Manifest des Untergangs und die Auferstehung des Drecks

1981 war das Jahr, in dem die Bombe platzte. „Punks Not Dead“ schrie es von den Plattencovern, und es war kein höfliches Klopfen an der Tür der Musikindustrie, es war ein Rammbock. Wattie und seine damaligen Mitstreiter – Big John Duncan an der Gitarre, Gary McCormack am Bass und Dru Stix hinter den Kesseln – traten der Welt mit einer Wut gegenüber, die man förmlich riechen konnte. Sie waren die Antwort auf die zweite Welle des britischen Punks, roher als die Sex Pistols und schneller als alles, was davor kam.

Dabei war der Weg alles andere als sauber. Skandale gehörten zum guten Ton. Man legte sich mit Jello Biafra von den Dead Kennedys an, den Wattie als „falsche Schlange“ beschimpfte. Es gab Prügeleien, Auftrittsverbote und eine ständige Aura der Gefahr. Wenn The Exploited in der Stadt waren, wusste die Polizei, dass Überstunden anstanden. Die Texte waren politisch unkorrekt, direkt und trafen den Nerv einer Jugend, die von Margaret Thatcher und der Perspektivlosigkeit in den britischen Industriestädten in die Ecke gedrängt worden war.

Die Architekten des Chaos: Wer sind diese Irren eigentlich?

Man muss sich die Besetzungsliste der Band wie ein Drehtür-Hospital für Unruhestifter vorstellen. Wattie Buchan, geboren am 24. Juli 1957 in Edinburgh, ist der unumstrittene Anführer. Er ist das Gesicht mit dem roten Irokesen, das man auch in hundert Jahren noch auf verwaschenen T-Shirts sehen wird. Über sein Privatleben ist erstaunlich wenig im Sinne einer bürgerlichen Idylle bekannt. Keine glänzenden Hochzeitsfotos in der Gala. Er lebt für die Straße und die Bühne. Sein Bruder Willie Buchan, der 1982 am Schlagzeug übernahm, ist der Fels in der Brandung, der Wattie durch die dunkelsten Zeiten begleitete.

Dann war da „Big John“ Duncan. Geboren 1958, war er der Mann, der den Sound der frühen Tage prägte. Er war ein Mentor für viele, die nach ihm kamen, und schaffte es später sogar kurzzeitig als Roadie und Live-Gitarrist zu Nirvana – ein Beweis dafür, dass der Einfluss der Exploited weit über den schottischen Matsch hinausreichte. McCormack und Dru Stix komplettierten die legendäre Frühbesetzung. Dru Stix, bürgerlich Andrew Campbell, hatte später seine eigenen Dämonen zu bekämpfen und landete zeitweise wegen bewaffneten Raubüberfalls hinter Gittern – ein Schicksalsschlag, der die Band hart traf, aber auch ihren Ruf als echte Outlaws zementierte.

Herzstillstand auf der Bühne: Wenn der Tod den Takt vorgibt

Die wohl krassesten Momente in der Geschichte der Band sind nicht die Prügeleien mit Skinheads oder Polizisten, sondern Watties Kampf gegen den eigenen Körper. Der Mann ist ein medizinisches Wunder oder einfach zu stur zum Sterben. Im Februar 2014, während eines Konzerts in Lissabon, blieb sein Herz einfach stehen. Mitten im Song brach er zusammen. Herzinfarkt. Die Welt hielt den Atem an, doch Wattie kam zurück.

Doch die Einschläge kamen näher. 2017 in Belgien: erneuter Zusammenbruch, wieder Herzprobleme. Dezember 2022 in Kolumbien: Wattie geht wieder in die Knie. Und erst kürzlich, im Februar 2026, gab es den nächsten Schock in Wiesbaden. Er brach erneut auf der Bühne zusammen. Man fragt sich, wie viel ein Mensch aushalten kann. Die Ärzte schütteln die Köpfe, die Fans beten zum Gott des Krachs, und Wattie? Er macht weiter, sobald er wieder Luft bekommt. Das ist kein Marketing-Gag, das ist der pure Wille zur Selbstzerstörung im Dienste des Punkrock.

Meilensteine aus Stahl und Galle

Musikalisch haben sie sich nie verbogen, aber sie haben sich entwickelt. „Troops of Tomorrow“ von 1982 war der nächste große Wurf. Der Sound wurde metallischer, düsterer. Später, mit Alben wie „The Massacre“ (1990) und dem brutalen „Beat the Bastards“ (1996), verschmolzen sie Punk mit Crossover-Trash, der so mancher Metal-Band die Schamesröte ins Gesicht trieb.

Besondere Erwähnung verdient die Zusammenarbeit mit anderen Größen der Szene. Man teilte sich die Bühnen mit Discharge und GBH, bildete das unheilige Dreigestirn des UK-82-Punks. Ihre Einflüsse sind überall zu finden, von Slayer – die sogar ein Medley ihrer Songs coverten – bis hin zu zahllosen Garagenbands in den Hinterhöfen von Berlin bis Bogota. Sie haben nie den Ausverkauf geprobt. Jedes Riff von „Fuck the System“ (2003) spuckt der Gesellschaft immer noch denselben Hass entgegen wie damals in den besetzten Kellern von Edinburgh.

Das Vermächtnis des Widerstands

Was bleibt also von The Exploited im Jahr 2026? Eine Band, die mehr Narben trägt als ein alter Kriegsveteran. Sie haben alles gesehen: den Aufstieg des Punks, den Niedergang, die Kommerzialisierung und die totale Ignoranz der Massenmedien. Sie sind die letzte Bastion derer, die sich nicht anpassen wollen. Wattie Buchan ist vielleicht nicht der Vater, den man sich für seine Kinder wünscht, aber er ist der General einer Armee von Ausgestoßenen, die niemals kapituliert.

Wenn sie heute auf die Bühne treten, sofern Watties Herz mitspielt, ist das keine Nostalgie-Show. Es ist eine Erinnerung daran, dass Wut eine Energie ist, die nicht altert. Sie sind die Exploited – die Ausgebeuteten –, aber sie haben sich niemals unterkriegen lassen. Und solange noch ein Funke Leben in Watties Körper steckt, wird der Irokesenschnitt wie eine Kriegsbemalung über der Meute thronen.

Diskografie der Schande und des Stolzes

Studioalben:

  • Punks Not Dead (1981)

  • Troops of Tomorrow (1982)

  • Let’s Start a War… (Said Maggie One Day) (1983)

  • Horror Epics (1985)

  • Death Before Dishonour (1987)

  • The Massacre (1990)

  • Beat the Bastards (1996)

  • Fuck the System (2003)

Singles und EPs (Auswahl):

  • Army Life (1980)

  • Exploited Barmy Army (1980)

  • Dogs of War (1981)

  • Dead Cities (1981)

  • Don’t Let ‚Em Grind You Down (Split mit Anti-Pasti) (1981)

  • Attack/Alternative (1982)

  • Computers Don’t Blunder (1982)

  • Rival Leaders (1983)

  • Jesus Is Dead (1986)

  • War Now (1988)

Live-Alben und Kompilationen:

  • On Stage (1981)

  • Live at the Whitehouse (1986)

  • Totally Exploited (1984)

  • 25 Years of Anarchy and Chaos (2005)

Schlachtplan 2026: Die Tourdaten

Die Maschine rollt weiter, trotz aller medizinischen Warnungen. Hier sind die Termine, an denen ihr eure Ohren blutig schlagen lassen könnt:

  • 07.02.2026 – Berlin, Astra Kulturhaus (mit Discharge & GBH)

  • 25.04.2026 – Edinburgh, Scotland Calling Festival

  • Weitere Termine für den Sommer 2026 sind nach Watties Genesungspause in Planung, haltet die Augen offen in den ranzigen Ecken des Internets.

Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Nuclear Blast Archiv, Metal Hammer Deutschland, Laut.de, Discogs, Vice Magazine, Last.fm, Ticketmaster.

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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