Rasadeva, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
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Jazz-Rock Group Sweet Smoke with their Ford Transit van in 1974

In einer Zeit, in der die Welt sich zwischen politischem Umbruch und psychedelischer Träumerei neu erfand, betrat eine Gruppe junger Männer die Bühne, die den Begriff „Freiheit“ musikalisch radikal neu definieren sollte. Dies ist die Geschichte von Sweet Smoke – einer Band, die nicht nur Töne, sondern Lebensentwürfe komponierte.

Die Wurzeln im Asphalt von Brooklyn

Die Geschichte beginnt nicht etwa in den nebligen Tälern des Rheins, sondern im pulsierenden Herzen von New York City. Mitte der 1960er Jahre fanden sich in Brooklyn talentierte Musiker aus verschiedenen lokalen Gruppen zusammen. Andrew „Andy“ Dershin am Bass, Michael Paris (eigentlich Michael Fontana) am Saxophon und an der Flöte, Jay Dorfman am Schlagzeug und Marvin Kaminovitz an der Lead-Gitarre bildeten den Kern. Später stieß Steve Rosenstein hinzu.

In der Enge der New Yorker Clubs, wie dem legendären Cafe Wha?, schleiften sie ihren Sound. Doch der Big Apple war damals ein hartes Pflaster für eine Band, die sich dem „Süßen Rauch“ – ihrem Namensgeber – und endlosen Improvisationen verschrieben hatte. Nach einem Engagement in der Karibik, bei dem sie in Puerto Rico und auf den Jungferninseln spielten, reifte ein kühner Plan: Europa.

Die Reise ins Unbekannte und das Wunder von Emmerich

Es war das Jahr 1969, als die Gruppe beschloss, den USA den Rücken zu kehren. Ihr Ziel war eigentlich Amsterdam, das damalige Mekka der Hippie-Bewegung. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. An der niederländischen Grenze abgewiesen, strandete die Band im beschaulichen nordrhein-westfälischen Emmerich. Was wie ein Scheitern aussah, entpuppte sich als Geburtsstunde einer Legende.

Im örtlichen Postamt begegneten sie dem Bildhauer Waldemar Kuhn. Dieser erkannte das Potenzial der langhaarigen Exoten und bot ihnen nicht nur eine Unterkunft, sondern wurde zu einer Art Mentor und Manager. Die Band bezog eine alte Molkerei nahe der Grenze und lebte dort in einer Kommune – die „Sweet Smoke Family“. Hier, in der deutschen Provinz, entstand ein Schmelztiegel aus Jazz-Strukturen, Rock-Energie und meditativen Klängen.

Just a Poke – Ein Meilenstein des psychedelischen Jazz-Rocks

Im Jahr 1970 schufen sie in Köln ihr Opus Magnum: „Just a Poke“. Das Album bestand aus nur zwei Stücken, die jeweils eine komplette Plattenseite füllten. „Baby Night“ und „Silly Sally“ wurden zu Hymnen einer Generation. Besonders die markante Flötenmelodie von Michael Paris in „Baby Night“ brannte sich in das Gedächtnis der Hörer ein.

Die Produktion unter dem legendären Conny Plank, der später auch Kraftwerk und Ultravox prägte, gab dem Ganzen eine klangliche Tiefe, die weit über den Standard der Zeit hinausging. Es war eine Musik, die zum Zuhören zwang, die hypnotisierte und den Hörer auf eine Reise schickte, ohne dass er den Raum verlassen musste.

Wegbegleiter und musikalische Paten

Die Einflüsse von Sweet Smoke waren so vielfältig wie ihre Kompositionen. In Gesprächen nannten die Musiker immer wieder die Beatles als fundamentale Inspiration für Songstrukturen, während die instrumentale Freiheit eines Jimi Hendrix oder Eric Clapton den Rahmen für ihre Gitarrensoli bildete. Auch der Free-Jazz-Pionier John Coltrane und der exzentrische Frank Zappa hinterließen deutliche Spuren in ihrem Verständnis von Improvisation.

Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit Waldemar Kuhns Sohn, Rochus Kuhn, der mit seinem Cello-Spiel auf dem zweiten Album „Darkness to Light“ neue, kammermusikalische Dimensionen eröffnete. Diese Verbindung zwischen klassischer Ausbildung und psychedelischem Freigeist war damals nahezu einzigartig.

Der spirituelle Ruf des Ostens

Nach dem ersten großen Erfolg suchte die Band nach tieferer Bedeutung. Wie viele Zeitgenossen zog es sie nach Indien. Diese spirituelle Suche beeinflusste ihr zweites Werk „Darkness to Light“ (1973) massiv. Der Sound wurde akustischer, indische Instrumente wie die Sitar und die Tamboura hielten Einzug. Das Stück „Kundalini“ zeugt von dieser Phase der inneren Einkehr.

Doch der Erfolg forderte seinen Tribut. Die ursprüngliche Einheit begann zu bröckeln. Michael Paris blieb zeitweise in Indien, um sich dort spirituell zu vertiefen. Die Bandmitglieder veränderten sich, und die Leichtigkeit der frühen Tage in der Emmericher Kommune wich einer Ernsthaftigkeit, die nicht mehr alle Mitglieder teilen konnten.

Dramatische Wendungen und Schicksalsschläge

Das Leben der Musiker verlief nach der Auflösung der Band im Jahr 1974 weitgehend abseits des Rampenlichts, doch das Schicksal schlug in späteren Jahren grausam zu. Marvin Kaminovitz, der Mann, dessen Gitarrenspiel den Sound von Sweet Smoke so maßgeblich geprägt hatte, erlitt vor einigen Jahren ein schweres Gehirn-Aneurysma sowie einen Schlaganfall. Diese gesundheitliche Tragödie beendete jede Hoffnung auf eine dauerhafte Rückkehr zur aktiven Musikkarriere.

Auch im familiären Umfeld gab es tiefe Einschnitte. Jeffrey Dershin, der Bruder von Andy, kehrte bereits 1973 in die USA zurück, um seiner Verantwortung als Vater gerecht zu werden – ein Schritt, der die Band musikalisch schwächte, aber menschlich notwendig war. Die Bandmitglieder zogen sich nach der endgültigen Trennung in bürgerliche Berufe zurück, arbeiteten als Lehrer, Therapeuten oder Kunsthandwerker.

Die Mitglieder im Porträt

Andrew „Andy“ Dershin (Bass): Der Anker der Band. Mit seinen flüssigen, fast schon singenden Basslinien bildete er das Fundament, auf dem die anderen Musiker ihre Kathedralen aus Klang errichteten. Er blieb zeitlebens der ruhende Pol der Gruppe.

Michael Paris (Saxophon, Flöte, Gesang): Der Melodiker. Sein Spiel war geprägt von einer Leichtigkeit, die oft an den Flug eines Vogels erinnerte. Seine Hinwendung zum Hinduismus und sein Aufenthalt in Indien markierten den Wendepunkt in der Biografie der Band.

Jay Dorfman (Schlagzeug, Perkussion): Der Motor. Bekannt für sein minutenlanges, technisch brillantes Solo in „Silly Sally“, bei dem erstmals massiv mit Stereo-Effekten im Panorama gespielt wurde. Er war der rhythmische Visionär.

Marvin Kaminovitz (Lead-Gitarre, Gesang): Das Herz. Seine Soli waren nie Selbstzweck, sondern erzählten Geschichten. Nach seinem Schlaganfall wird er heute in einer Pflegeeinrichtung betreut, sein musikalisches Erbe bleibt jedoch unvergessen.

Steve Rosenstein (Rhythmus-Gitarre, Violine, Gesang): Der Allrounder. Er ersetzte das Gründungsmitglied Victor Sacco und brachte mit seinem Geigenspiel eine orchestrale Note in die Band, die besonders auf „Darkness to Light“ zur Geltung kam.

Das Vermächtnis und die späte Rückkehr

Obwohl sich Sweet Smoke offiziell 1974 nach einem fulminanten Live-Konzert in Berlin auflösten, blieb ihre Musik lebendig. Sie wurden oft fälschlicherweise dem Krautrock zugeordnet, da sie ihre größten Erfolge in Deutschland feierten, doch ihr Stil war eigenständig und unkopierbar.

Im Jahr 1999 kam es zu einer einmaligen Reunion. Die alten Freunde fanden sich zusammen, um ihre alten Stücke noch einmal aufleben zu lassen. Es war kein kommerziell motivierter Akt, sondern ein Zeichen der ungebrochenen Freundschaft und der Liebe zur Musik. Ein letztes Mal flammte das Feuer auf, bevor sie endgültig in die Anonymität des Alltags zurückkehrten.

Diskografie der Band

1970 – Just a Poke (Enthält die legendären Tracks: Baby Night, Silly Sally)

1973 – Darkness to Light (Enthält: Just an Empty Dream, I’d Rather Burn Than Disappear, Kundalini, Believe Me My Friends, Show Me the Way to the War, Darkness to Light)

1974 – Sweet Smoke Live (Aufgenommen an der Musikhochschule Berlin; enthält u.a. Shadout Mapes, Ocean of Fears)

1996 – Sweet Smoke Live (Remastered Edition) (Wiederveröffentlichung des Live-Albums mit verbessertem Klang und Bonustracks wie „People Are Hard“ und „Schyler’s Song“)

2000 – Just a Poke / Darkness to Light (Compilation) (Zusammenfassung der beiden Studioalben auf einer CD)

Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Last.fm, It’s Psychedelic Baby Magazine, Bear Family Records, Jazz Music Archives, Prog Archives, Discogs, MusicBrainz.

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Von Franz Lemmler

CEO und Gründer von Xenopolias.de, Xenolandia Grid, Radio Xenolandia und JazzVortex. Webmaster, Redakteur und Autor auf dieser Webpage. Geboren vor langer Zeit im Herzen des Ruhrgebiets.

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