
Es ist der 14. April 2026, und Liam Gallagher sitzt irgendwo mit einem Gerät in der Hand und schreibt auf X Dinge, die er vor zwei Jahren noch für undenkbar gehalten hätte. Oasis ist soeben offiziell in den Rock and Roll Hall of Fame der Klasse 2026 aufgenommen worden — nach zwei erfolglosen Nominierungen in den Jahren 2024 und 2025. Gallagher reagiert prompt, enthusiastisch und mit dem für ihn typischen Augenzwinkern: Er danke allen, die für die Band gestimmt hätten, es sei eine echte Ehre, und seit er als kleines Kind singend unter der Dusche gestanden habe, habe er von genau diesem Moment geträumt. Wer die Entwicklung der letzten zwei Jahre verfolgt hat, reibt sich die Augen.
Denn dieser Mann ist derselbe, der dieselbe Institution noch im Frühjahr 2025 als Angelegenheit für Vollidioten bezeichnet hatte, der erklärt hatte, er brauche keine wertlosen Auszeichnungen von irgendwelchen alten Männern in Cowboyhüten, und der 2024 gegenüber der britischen Sonntagspresse darauf bestand, die ganze Sache sei geistig gestört. Ein Widerspruch, größer als der Schlagzeugpart in »D'You Know What I Mean«.
»Reverse Psychology Vibes in the Area — Oasis RnR Hall of Farmers, ich meine Famers.«
Um zu verstehen, wie weit Gallagher von seinem früheren Standpunkt abgewichen ist, lohnt sich ein Gang durch die Archive. Als Oasis 2024 zum ersten Mal für die begehrte Ruhmeshalle nominiert wurde, ließ der Manchesterner keine Zweifel an seiner Meinung. In einem Interview mit der »Sunday Times« formulierte er seinen Standpunkt mit der ihm eigenen Direktheit: Die Nominierung sei so absurd, als würde man ihn in eine Rap-Ruhmeshalle aufnehmen. Er wolle kein Teil einer Institution sein, die er für geistig verwirrt hielt. Und als besonderes Draufgabe verwies er darauf, dass er für den Rock 'n' Roll mehr geleistet habe als die Hälfte jener Leute im Vorstand — das alles sei kompletter Schwachsinn.
Liam Gallagher
Geburtsdatum: 21. September 1972, Manchester
Rolle bei Oasis: Lead-Sänger (1991–2009, Reunion 2025–)
Solokarriere: seit 2017, drei Soloalben
Bekannt für: unverblümte Aussagen, charakteristisches Mikrofonstativ-Halte-Stil
Online war er noch unverblümter. Auf die Meldung, dass Oasis auf der Nominierungsliste für 2025 stand, reagierte er mit dem knappen Urteil, der Rock and Roll Hall of Fame sei eine Einrichtung für Trottel. Auf die Folgefrage eines Fans, was er tun würde, falls die Band tatsächlich aufgenommen werde, antwortete er mit sarkastischer Selbstironie: Er werde natürlich hingehen und erklären, es sei das Großartigste überhaupt.
In dieser Phase des kollektiven Augenrollens auf beiden Seiten befand sich auch Noels Verhältnis zu der Institution. Der ältere der Gallagher-Brüder hatte bereits 2017 gegenüber dem Rolling Stone erklärt, er wisse zwar, was die Hall of Fame sei, aber er werde dort nie auftreten. Damit war die Haltung der Familie klar definiert.
Die Reunion-Tour
- Auftakt Cardiff, Wales Juli 2025
- Finale São Paulo, Brasilien Nov. 2025
- Über 1,4 Mio. Tickets verkauft weltweit
- Erste gemeinsame Bühne seit 2009
- Doku von Steven Knight in Arbeit
Der Schlüssel zu Gallaghers Wandlung liegt nicht in einem plötzlichen Anfall von Dankbarkeit gegenüber dem amerikanischen Musikestablishment. Es ist die Geschichte einer Band, die sich selbst neu erfunden hat. Im August 2024 gaben Liam und Noel Gallagher bekannt, was Millionen Fans seit 2009 erhofft hatten: Oasis kehren zurück. Die Reunion-Tour »Live '25« begann im Sommer 2025 in Cardiff und endete im November desselben Jahres in São Paulo — ein triumphaler Umzug durch die Stadien der Welt.
Diese Tour veränderte die Dynamik der Gallagher-Brüder zueinander, aber auch ihre Stellung in der globalen Rocklandschaft. Laut Medienberichten versöhnten sich die beiden hinter den Kulissen auf bemerkenswerte Weise: Der Dokumentarfilmregisseur Steven Knight, der Filmmaterial für eine Doku über die Tour sicherte, soll »phänomenale« Aufnahmen von deren erstem Aufeinandertreffen vor den Shows haben. Noel Gallagher berichtete seinerseits, sein Bruder sei in »spektakulärer Form« — ein Satz, den man von ihm über seinen Bruder lange nicht gehört hatte.
Am Morgen des 14. April 2026 wurde bekannt, dass Oasis nun endlich zur Klasse 2026 des Rock and Roll Hall of Fame gehört — im dritten Anlauf, nach Nominierungen 2024 und 2025. Ausgewählt von einem Gremium aus mehr als 1.200 Musikerinnen, Musikern, Historikerinnen und Branchenfachleuten, teilen sie sich die Klasse mit Phil Collins, Billy Idol, Iron Maiden, Joy Division/New Order, Sade, Luther Vandross und Wu-Tang Clan. Die Zeremonie findet im November 2026 in Los Angeles statt.
Performer-Kategorie
- Oasis ★ Aufgenommen
- Phil Collins ★
- Billy Idol ★
- Iron Maiden ★
- Joy Division / New Order ★
- Sade ★
- Luther Vandross ★
- Wu-Tang Clan ★
Gallaghers Online-Reaktion war eine Mischung aus echtem Gefühl, bewusstem Augenzwinkern und klassischem Gallagher'schen Chaos. Zunächst erklärte er, das sei alles »Reverse Psychology« gewesen — er habe die Aufnahme mit seinen früheren Beleidigungen geradezu herbeigewünscht. Dann dankte er einzelnen Fans, die ihm mitteilten, für Oasis gestimmt zu haben. Er bezeichnete sich als »absolutely thrilled to bits«, witzelte, die Band habe wohl dafür zahlen müssen, und erklärte, er werde selbstverständlich zur Zeremonie erscheinen — nicht ohne den Hinweis, er träume seit seiner Kindheit von diesem Moment.
Als ein Fan ihn als Heuchler bezeichnete, antwortete Gallagher in der Art, die ihn berühmt gemacht hat: Er pflichtete einfach bei. Seiner Mutter habe er die Neuigkeit am Abend mitgeteilt, und sie habe gemeint, er solle aufhören, ein Idiot zu sein, hingehen und sich vielleicht sogar amüsieren.
Es wäre unfair, Gallagher allein für diesen Widerspruch hervorzuheben. Der Rock and Roll Hall of Fame hat eine lange Tradition solcher Bekehrungsgeschichten. Cher erklärte 2023 öffentlich, sie werde niemals ihre Meinung zur Hall of Fame ändern — um dann 2024 nicht nur an der eigenen Zeremonie teilzunehmen, sondern diese gleich selbst zu eröffnen. Es scheint, als besäße die Aufnahme eine eigene Schwerkraft, die selbst die hartnäckigsten Kritiker anzieht, sobald das eigene Lebenswerk darin verewigt wird.
Gallaghers Wandel offenbart auch etwas über den Unterschied zwischen prinzipiellen Überzeugungen und situativer Rhetorik. Die frühere Verachtung des Hall of Fame war zu einem erheblichen Teil Ausdruck des persönlichen Zustands von Oasis: eine zerstrittene Band, getrennt seit 2009, nicht nominiert, nicht relevant. Die neue Begeisterung folgt auf eine erfolgreiche Reunion, eine weltumspannende Tour und eine Nominierung im dritten Anlauf. Man kann das Heuchelei nennen — oder einfach menschlich.
Unabhängig davon, wie man zu Gallaghers rhetorischer Verlässlichkeit steht, bleibt die Frage, ob Oasis die Aufnahme verdient. Und hier ist die Antwort eindeutig. Die Band aus Manchester verkaufte bis 2026 über 100 Millionen Tonträger weltweit und gilt dem Guinness Buch der Rekorde zufolge als erfolgreichster Act im Vereinigten Königreich zwischen 1995 und 2005. Das zweite Album, »(What's the Story) Morning Glory?«, hat sich mehr als 22 Millionen Mal verkauft und ist nach einem Album der Beatles das meistgekaufte Studioalbum in der britischen Geschichte. 22 aufeinanderfolgende britische Top-Ten-Hits zwischen 1994 und 2008 sprechen eine deutliche Sprache.
Oasis in Zahlen
- Weltweite Plattenverkäufe > 100 Mio.
- Brit. UK Top-Ten-Hits in Folge 22
- Morning Glory Verkäufe > 22 Mio.
- Studioalben 7
- Gründungsjahr 1991
- Auflösung / Reunion 2009 / 2025
Knebworth 1996 — zwei Nächte, 250.000 Zuschauer pro Abend — ist bis heute ein Maßstab dafür, wie sehr eine britische Band den kollektiven Puls einer Nation treffen kann. Songs wie »Wonderwall«, »Don't Look Back in Anger« und »Champagne Supernova« sind längst Teil des kulturellen Gedächtnisses mehrerer Generationen. Dass eine Institution wie der Rock and Roll Hall of Fame diese Band erst im dritten Anlauf aufnimmt, sagt mehr über die Institutionen aus als über die Musik.
Die Zeremonie im November 2026 in Los Angeles wird zeigen, ob Liam Gallagher sein Versprechen hält und erscheint — und ob Noel Gallagher, der die Aufnahme bislang öffentlich unkommentiert ließ, sich zu einer gemeinsamen Bühne überreden lässt. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Gallagher-Brüder das Unwahrscheinliche möglich machen.