digboston, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
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Boston Calling Day Two: Robyn, Odeza, Miike Snow, City and Colour, Courtney Barnett, Børns, The Vaccines, Battles, Lizzo, Palehound. Photos © 2016 by Andy Moran.

Es war der Sommer 2023, und Melissa Viviane Jefferson, der Welt bekannt als Lizzo, schien auf dem Zenit ihrer Karriere zu stehen. Ihr Song About Damn Time hatte ihr bei der Grammy-Verleihung 2023 den begehrten Record of the Year eingebracht, ihre Special World Tour hatte sie monatelang durch Europa und Nordamerika geführt, und ihr öffentliches Image als unerschrockene Kämpferin für Body Positivity, Selbstliebe und soziale Gerechtigkeit war so strahlend wie nie. Dann, im August desselben Jahres, erschütterte eine Zivilklage vor einem kalifornischen Gericht das gesamte Konstrukt.

Drei Tänzerinnen erheben Anklage

Die Klägerinnen hießen Arianna Davis, Crystal Williams und Noelle Rodriguez – drei Frauen, die alle für Lizzo gearbeitet hatten, zwei von ihnen nachdem sie durch ihre Reality-Show Watch Out for the Big Grrrls bekannt geworden waren. In ihrer gemeinsamen Klage, die sich auch gegen Lizzos Produktionsfirma Big Grrrl Big Touring sowie Lizzos Cheftänzerin Shirlene Quigley richtete, erhoben sie eine Reihe schwerer Vorwürfe: sexuelle Belästigung, Diskriminierung, Fat Shaming und in einem Fall sogar Freiheitsberaubung. Die Klage beinhaltete den Vorwurf, dass Lizzo die Tänzerinnen bei einem Besuch in einem Amsterdamer Club unter Druck gesetzt habe, nackte Sexarbeiterinnen zu berühren. Ebenfalls beschrieben wurde ein stundenlanges Nachvortanzen im April 2023, das die Sängerin angeblich als disziplinarische Maßnahme angeordnet hatte, nachdem sie den Tänzerinnen vorwarf, während Auftritten Alkohol getrunken zu haben. Eine Tänzerin sei ferner wegen ihrer Gewichtszunahme öffentlich angegangen und anschließend entlassen worden – ein besonders pikanter Vorwurf gegenüber einer Künstlerin, die öffentlich für die Akzeptanz aller Körperformen eingetreten war.

Rassismus, Religion und eine Telefondurchsuchung

Die Anklageschrift listete noch weitere Punkte auf. Weiße Führungskräfte in Lizzos Team hätten schwarze Tänzerinnen regelmäßig als faul und unprofessionell bezeichnet, während vergleichbare Kritik gegenüber nicht schwarzen Teammitgliedern ausgeblieben sei. Die Cheftänzerin soll versucht haben, die religiösen Überzeugungen der Tänzerinnen zu beeinflussen, explizit über ihre eigenen sexuellen Vorstellungen gesprochen und öffentlich über das Liebesleben von Teammitgliedern spekuliert haben. In einem weiteren Vorfall habe ein Mitarbeiter eine der Klägerinnen in einem Hotelzimmer festgehalten, weil er sie zur Herausgabe ihres Mobiltelefons zwingen wollte – auf dem befand sich nach Angaben der Klägerin ein Video einer internen Besprechung.

Lizzos Reaktion: Vehementes Dementi

Lizzo meldete sich noch am selben Tag der Klageeinreichung über Instagram zu Wort. Sie bezeichnete die Vorwürfe als aufgebauschte Geschichten früherer Mitarbeiterinnen, die selbst zugegeben hätten, dass ihr eigenes Verhalten als unangemessen und unprofessionell eingestuft worden sei. Nichts nehme sie ernster als den Respekt gegenüber Frauen, betonte sie. Kurz darauf kündigte ihr Anwalt an, Lizzo erwäge, die ehemaligen Tänzerinnen wegen böswilliger Strafverfolgung ihrerseits zu verklagen.

Weitere Klagen schließen sich an

Das Erdbeben weitete sich in den folgenden Wochen aus. Im September 2023 reichte Kostümbildnerin Asha Daniels eine separate Klage ein, in der sie von einer Unternehmenskultur des Rassismus und der Einschüchterung berichtete und Lizzo sowie mehreren Mitgliedern ihres Teams rassistische und sexuelle Belästigung, Diskriminierung und rechtswidrige Kündigung vorwarf. Daniels beschrieb, wie leitende Mitarbeiterinnen in Amsterdam Sexarbeiterinnen für anzügliche Handlungen engagiert hätten, und behauptete, selbst unter Druck gesetzt worden zu sein, daran teilzunehmen. Lizzos Anwälte bezeichneten diese Klage als unbegründet und frivolös und verwiesen darauf, dass Daniels ihren Posten an einem entscheidenden Arbeitstag verlassen habe.

Gerichte räumen Klage teilweise aus dem Weg – Reste bleiben

Das juristische Bild blieb im weiteren Verlauf uneinheitlich. Ein Richter entschied 2024, dass die Fat-Shaming-Vorwürfe nicht weiter verfolgt werden könnten, da die Klägerinnen keinen hinreichenden Nachweis erbringen konnten, dass das Körpergewicht tatsächlich der ausschlaggebende Grund für eine Entlassung gewesen war. In einem weiteren Verfahren, das von einer Stylistin eingereicht worden war, entschied ein Gericht, dass Lizzo persönlich in diesem Fall nicht haftbar gemacht werden könne. Die Klage gegen ihre Firma Big Grrrl Big Touring blieb jedoch anhängig. Die schwerwiegenden Vorwürfe rund um den Amsterdam-Vorfall und das Arbeitsumfeld auf der Tour wurden weiterverfolgt.

Das Bild einer Ikone zerbricht

Was den Fall gesellschaftlich so wirkungsvoll machte, war der Kontrast. Lizzo hatte jahrelang eine Künstlerinnen-Persona aufgebaut, die auf Selbstermächtigung, Mitgefühl und dem Kampf gegen Körperscham beruhte. Ihre Fans hatten in ihr eine Pionierin gesehen, die den Raum für größere Körper in der Popmusik mit schier unerschütterlicher Energie erkämpft hatte. Die Vorwürfe stellten genau diese Grundüberzeugung in Frage. Eine der Tänzerinnen brachte es gegenüber Medien auf den Punkt, als sie ihre Erfahrung mit dem Satz beschrieb, man solle seine Idole niemals persönlich kennenlernen.

Rückzug, Comeback, Scheitern

Im April 2024 deutete Lizzo über Instagram ihren Rückzug aus dem Musikgeschäft an. Sie schrieb, sie habe es satt, sich in ihrem Leben und im Internet herumschubsen zu lassen. Alles, was sie wolle, sei Musik machen und Menschen glücklich machen – doch dafür müsse sie sich stattdessen ständig gegen Lügen verteidigen. Im Sommer 2025 versuchte sie eine Rückkehr und veröffentlichte zwei Singles sowie ein Mixtape mit dem Titel My Face Hurts from Smiling. Gegenüber dem New York Magazine räumte sie ein, dass ihr Comeback nicht wie geplant verlaufen sei. Sie habe drei Jahre lang daran gearbeitet, und trotzdem sei vieles, was sie sich vorgestellt hatte, nicht eingetreten. Die Musiklandschaft habe sich verändert, was im vergangenen Jahr funktioniert hatte, funktioniere heute nicht mehr. Für 2025 und 2026 sind keine Konzerttermine angekündigt.

Ein Biopic als nächstes Kapitel

Trotz allem ist Lizzos Name nicht verschwunden. Sie soll die Hauptrolle in einem geplanten Biopic über Sister Rosetta Tharpe übernehmen, eine der einflussreichsten Musikerinnen der amerikanischen Musikgeschichte, die als Wegbereiterin von Gospel und frühem Rock’n’Roll gilt. Ob und wann dieses Projekt realisiert wird, ist noch offen. Die rechtlichen Auseinandersetzungen sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Lizzos Kapitel ist demnach noch nicht zu Ende geschrieben – aber es sieht gänzlich anders aus als das, das sie sich im Sommer 2023 noch vorgestellt haben dürfte.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Berliner Zeitung, Business Insider DE, Musikexpress, Backstage PRO, blue News, Nachrichten.at, Tageblatt, Revolt TV, FILMSTARTS.de, Songkick

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