Peter Hutchins from DC, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
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Kanye West performing atop a mountain at the Verizon Center on November 21, 2013 in Washington, D.C. on The Yeezus Tour.

Es ist der erste Montag im Mai 2026, und in einem Bundesgericht im Herzen von Los Angeles beginnt ein Verfahren, das in der Musikbranche mit Spannung erwartet wurde. Erstmals in seiner von mehr als einem Dutzend Urheberrechtsklagen begleiteten Karriere steht der Künstler Ye, früher bekannt als Kanye West, mit einem Sample-Streit vor einer Jury. Acht Geschworene hörten am 4. Mai die Eröffnungsplädoyers beider Seiten. Noch in dieser Woche soll Ye selbst aussagen.

Das Sample, der Song und die Vorwürfe

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht eine etwas mehr als eine Minute lange Instrumentalaufnahme mit dem Titel MSD PT2, die die vier Musikproduzenten Khalil Abdul Rahman, bekannt als DJ Khalil, Sam Barsh, Dan Seeff und Josh Mease im Jahr 2018 gemeinsam aufnahmen. Dieses Stück, ursprünglich als Teil eines Komponistenpaketes zum Kauf angeboten, soll Ye ohne Genehmigung und ohne Bezahlung in frühen Demoversionen seines Grammy-prämierten Songs Hurricane verwendet haben, der später auf seinem zehnten Studioalbum Donda aus dem Jahr 2021 erschien. Die vier Musiker klagen über eine Gesellschaft namens Artist Revenue Advocates LLC, die sie 2024 eigens zu diesem Zweck gründeten, nachdem sie drei Jahre lang vergeblich versucht hatten, ihren Anteil an den Einnahmen zu erhalten.

Listening Party im Stadion: Wo der Schaden entstand

Das Verfahren dreht sich nicht um die offiziell veröffentlichte Albumversion von Hurricane, sondern um die frühen Demoversionen des Songs, die Ye im Juli 2021 bei einem spektakulären Listening Event im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta einem Massenpublikum vorspielte. Zehntausende Fans hörten die unveröffentlichte Fassung des Songs. Dieser Event spülte nach Darstellung der Kläger rund 14 Millionen US-Dollar an Merchandise-Einnahmen in die Kassen. Genau hiervon wollen die vier Musiker ihren Anteil. Sie fordern eine Entschädigung von rund 564.000 US-Dollar. Kurz vor der Auslieferung des Albums wurden die direkten Samples durch musikalisch ähnliche, aber neu gespielte Versionen – sogenannte Interpolationen – ersetzt, weshalb ein Bundesrichter den Großteil der ursprünglichen Klage im Februar 2026 abgewiesen hat. Was übrig blieb, ist der enge, aber konkrete Vorwurf der ungenehmigten Nutzung des Originalsamples in den Demofassungen vor der Albumveröffentlichung.

Zwei gegensätzliche Erzählungen im Gerichtssaal

Die Anwältin der Kläger, Irene Lee, schilderte den Geschworenen, wie die vier Produzenten zunächst begeistert gewesen seien, als Ye Interesse an ihrer Arbeit zeigte. Doch was ihnen angeboten wurde, habe ihre Erwartungen an eine faire Vergütung nicht erfüllt. Sie hätten ihr Material freiwillig mit Yes Team geteilt, im guten Glauben darauf, angemessen beteiligt zu werden, falls es tatsächlich verwendet werde – eine Erwartung, die nach ihrer Darstellung enttäuscht wurde. Bassiste Dan Seeff, als erster Zeuge am Montagnachmittag vernommen, erklärte den Geschworenen, MSD PT2 sei die eigentliche Grundlage des gesamten Sounds von Hurricane, da sich das Stück durch den Song wiederhole.

Für Ye sprach sein Anwalt Eduardo Martorell eine komplett andere Sprache. Er beschrieb den Einsatz des Samples als eine Art Probefahrt mit stillschweigender Einwilligung der Musiker. Die vier Produzenten hätten es für selbstverständlich gehalten, dass ein Weltstar mit ihrer Musik experimentiert, und wenn das Sample es auf das Album geschafft hätte, wäre eine Vergütung selbstverständlich gewesen. Da es aber nicht auf der offiziellen Albumversion gelandet sei, bestehe keine Zahlungsverpflichtung. Zudem kritisierte Martorell, die Kläger versuchten nun über die Musikrechte hinaus auch an Einnahmen aus dem Bekleidungsgeschäft beteiligt zu werden – ein Bereich, mit dem ein einminütiges Instrumental nach seiner Einschätzung nichts zu tun habe.

Eine Premiere in Ja jahrzehntelanger Klagehistorie

Dass es überhaupt zu einem Geschworenenprozess gekommen ist, ist bemerkenswert. Ye wurde erstmals 2008 wegen eines ungenehmigten Samples auf seinem zweiten Studioalbum Late Registration verklagt und hat seither mindestens 16 ähnliche Klagen kassiert. In keinem einzigen dieser Fälle kam es je zu einem Jury-Verfahren. Alle früheren Auseinandersetzungen wurden entweder aus prozessualen Gründen abgewiesen oder außergerichtlich beigelegt. Dieses Mal entschied Ye, die Klage von Artist Revenue Advocates vor einer Jury zu verteidigen. Sein Entschluss, nicht zu vergleichen, macht den Prozess zu einem Präzedenzfall – jedenfalls in seiner persönlichen Rechtsgeschichte.

Milo Yiannopoulos als Zeuge, Ye als Hauptdarsteller

Auf der Zeugenliste stehen neben Ye selbst auch sein Stabschef Milo Yiannopoulos sowie mehrere Produzenten, die an Donda beteiligt waren, darunter Nascent, 88-Keys, BoogzdaBeast und Digital Nas. Wann Ye genau in den Zeugenstand treten wird, war zu Prozessbeginn noch nicht festgelegt, der Verfahrensbeginn legt jedoch nahe, dass es noch in dieser Woche geschehen soll. Der Prozess ist auf etwa eine Woche angelegt. Es ist nicht Ye’s erster Auftritt vor Gericht in jüngster Zeit: Wenige Wochen zuvor sagte er nur einen Häuserblock entfernt, ebenfalls in einem Gericht in Los Angeles, in einem anderen Verfahren aus – dort ging es um Verletzungen eines Bauarbeiters auf seinem Anwesen in Malibu.

Was auf dem Spiel steht

Der geforderte Betrag von rund 564.000 US-Dollar ist für einen Künstler wie Ye finanziell überschaubar. Weit bedeutsamer ist der symbolische und präzedenzhafte Charakter des Verfahrens. Hurricane gewann bei den Grammy Awards 2022 die Auszeichnung als beste melodische Rap-Performance und erreichte Platz sechs der US-Billboard-Charts. Das Album Donda generierte nach Angaben der Kläger allein durch Streaming mehr als 15 Millionen US-Dollar. Wie ein Gericht die Frage bewertet, ob die Nutzung eines Samples in unveröffentlichten Demofassungen, die bei öffentlichen Listening Events gespielt wurden, ohne Lizenz zulässig ist, könnte die gängige Praxis im Umgang mit nicht freigegebenen Samples in der gesamten Musikindustrie beeinflussen.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone, Bloomberg Law, Billboard, Variety, K-Jewel 99.3 FM, Wikipedia, Music Business Worldwide

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