Jan Beránek, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
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American film director Steven Soderbergh at the 58th Karlovy Vary International Film Festival

Es war der 8. Dezember 1980, ein Montagabend in New York. John Lennon und Yoko Ono hatten wenige Stunden zuvor im Apartment des Paares im Dakota Building dem Radiosender RKO ein ausführliches Interview gegeben, in dem sie offen und ungefiltert über Kunst, Liebe, Musik und Politik sprachen. Noch in derselben Nacht wurde Lennon vor seinem Wohnhaus erschossen. Das Gespräch, das er und Ono an jenem Nachmittag führten, wurde zu dem letzten bedeutenden Interview seines Lebens. Rund 45 Jahre später hat sich der Oscar-prämierte Regisseur Steven Soderbergh dieses historische Tondokument vorgenommen und daraus eine Dokumentation geformt, die im Mai 2026 bei den Filmfestspielen in Cannes ihre Weltpremiere feiern soll.

Ein Film aus einem reinen Tonmitschnitt

Die zentrale Herausforderung des Projekts lag von Anfang an auf der Hand: Das Interview existiert ausschließlich als Audioaufnahme. Soderbergh hatte die Unterstützung von Lennons Nachlass, der dem Filmteam Zugang zu umfangreichem Archivmaterial gewährte. Fotografien, Filmaufnahmen, historische Dokumente – all das ließ sich für den Großteil des knapp 90-minütigen Films nutzen. Doch an jenen Stellen, an denen Lennon und Ono ins Philosophische abglitten, über abstrakte Gedanken zu Kreativität, Liebe oder der Natur von Kunst sprachen, stieß das verfügbare Archivmaterial an seine Grenzen. Für diese Passagen suchte Soderbergh nach einem anderen Ansatz.

Meta als technologischer Partner – und als Retter in der Not

Die Lösung kam über den Produzenten Michael Sugar, der vorschlug, ein Gespräch mit dem Technologiekonzern Meta aufzunehmen, der zu diesem Zeitpunkt an neuen videobasierten KI-Generierungswerkzeugen arbeitete. Die Unterredung führte zu einer ungewöhnlichen Vereinbarung: Meta wollte einen erfahrenen Filmemacher als Testpiloten für seine noch in Entwicklung befindlichen Werkzeuge gewinnen, und Soderbergh war bereit, diese Rolle zu übernehmen. Im Gegenzug stellte das Unternehmen die Technologie zur Verfügung und half dabei, den Film in der Postproduktion zu finalisieren. Soderbergh beschrieb die Zusammenarbeit als glückliche Fügung im richtigen Moment, da das Produktionsbudget zu diesem Zeitpunkt ohnehin an seine Grenzen gestoßen war.

Zehn Prozent KI – aber welche zehn Prozent?

Das Ergebnis: Rund zehn Prozent des gesamten Films bestehen aus KI-generierten Bildsequenzen. Die verbleibenden neunzig Prozent sind ausschließlich mit historischem Archivmaterial unterlegt. Für die KI-Abschnitte wählte Soderbergh einen Ansatz, den er selbst als thematischen Surrealismus bezeichnet. Keine Versuche, Lennon digital zu rekonstruieren oder die Vergangenheit so darzustellen, als wäre sie gefilmt worden. Stattdessen sollen die KI-generierten Bilder metaphorisch wirken – als visueller Kommentar zu dem, was Lennon und Ono in jenen abstrakten Momenten des Interviews in Worte zu fassen suchten. Soderbergh beschrieb diesen Raum als eine Art Traumebene, die nicht buchstäblich, sondern assoziativ mit dem Gesprochenen korrespondiert.

Transparenz als oberstes Prinzip

Dass sein Entschluss, künstliche Intelligenz zu verwenden, Widerspruch auslösen würde, war Soderbergh von Beginn an bewusst. Die erste Reaktion vieler Menschen auf die Nachricht, er setze KI in einer Lennon-Dokumentation ein, sei gewesen anzunehmen, er wolle den verstorbenen Beatle digital zum Leben erwecken. Soderbergh wies diese Deutung entschieden zurück und verwies darauf, dass ein solches Vorhaben seiner gesamten filmischen Haltung widersprechen würde. Seine wichtigste Maxime in der Debatte rund um KI sei Transparenz. Wer KI einsetze, müsse offenlegen, wie und warum – und genau das tat er. Für ihn unterscheide sich der Einsatz generativer KI als Gestaltungsmittel, bei dem für das Publikum klar erkennbar ist, dass es sich um KI handelt, grundlegend von dem Versuch, Zuschauer über die Echtheit von Bildern zu täuschen.

Was Lennon dazu gesagt hätte

Soderbergh sprach für das Projekt auch mit Sean Ono Lennon, dem gemeinsamen Sohn von John Lennon und Yoko Ono, der dem Vorhaben seine Zustimmung gab. Sean Lennon äußerte gegenüber dem Regisseur die Einschätzung, sein Vater hätte sich für neue Technologien interessiert und wäre bereit gewesen, mit ihnen zu experimentieren. John Lennon und die übrigen Beatles seien ihrer Zeit stets offen und neugierig begegnet. Diese Einschätzung eines Fünfjährigen zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters bleibt naturgemäß spekulativ, trug aber dazu bei, die moralische und familiäre Dimension des Projekts abzusichern.

Sean Lennon äußerte außerdem eine Hoffnung, die über das technische Experiment hinausgeht: Er wolle, dass junge Menschen durch den Film erfahren, wofür sein Vater abseits der Musik stand – als Denker, Aktivist und Mensch.

Cannes als Bühne für eine grundsätzliche Frage

Die Weltpremiere von John Lennon: The Last Interview ist für die Filmfestspiele in Cannes geplant, die vom 12. bis 23. Mai 2026 stattfinden. Die Wahl des Festivalprogramms für diesen Film ist kein Zufall. Cannes gilt als jener Ort, an dem die Filmwelt grundsätzliche Debatten über das Medium führt. Und grundsätzlicher als die Frage, ob und wie generative KI in Dokumentarfilmen eingesetzt werden darf, wird die Debatte in den kommenden Jahren kaum werden. Soderbergh selbst räumte ein, dass er auf eine wichtige Antwort wartet: Werden Zuschauer instinktiv spüren, wenn Bildmaterial KI-generiert ist, und werden sie darauf mit Ablehnung reagieren? Diese Frage, so der Regisseur, könne letztlich nur das Publikum beantworten.

Ein breiteres Bild: KI in Film und Fernsehen

Soderberghs Dokumentation ist nicht das einzige prominente Projekt, das derzeit den Einsatz von KI in der Filmproduktion neu verhandelt. Wenig mehr als ein Jahr nach seinem Tod wird der Schauspieler Val Kilmer durch KI-Technologie in einem kommenden Spielfilm dargestellt, mit ausdrücklicher Zustimmung seiner Familie. Regisseur Darren Aronofsky wurde für die KI-Nutzung in einer Geschichtsserie hingegen deutlich kritischer aufgenommen. Und Soderbergh selbst arbeitet parallel an einem ambitionierten Filmprojekt über den Spanisch-Amerikanischen Krieg, bei dem KI eine noch umfangreichere, wenn auch anders gelagerte Rolle spielen soll. Ob KI ein Werkzeug wie Spezialeffekte oder eine fundamentale Bedrohung kreativer Berufe darstellt, bleibt die offene Frage, auf die die Filmwelt in den kommenden Jahren Antworten finden muss. Soderbergh hat zumindest für seinen Teil eine klare Position bezogen: Es kommt nicht darauf an, ob man KI nutzt. Es kommt darauf an, wie und warum.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone, Deadline Hollywood, NME, AV Club, AOL Entertainment, AceShowbiz, Beatles Magazine, 101.9 The Keg

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