
Am Abend des 5. Mai 2026 versammelten sich in der Weylin, einer prunkvollen Eventlocation in einem umgebauten historischen Bankgebäude im Brooklyner Stadtteil Williamsburg, Hunderte geladener Gäste aus Musik- und Entertainmentwelt. Unter ihnen Leonardo DiCaprio, Christie Brinkley und Lindsey Vonn. Moderiert wurde der Abend vom Komiker und Talkmaster Conan O’Brien, der die Veranstaltung mit dem trockenen Hinweis eröffnete, hier gehe es um eine Band, die nach Jahren im Verborgenen endlich ihren großen Moment erleben solle. Das Publikum verstand den Witz – die Rolling Stones sind seit über sechs Jahrzehnten eine der erfolgreichsten Rockbands der Welt. Und nun kündigten Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood ihr 25. Studioalbum an: Foreign Tongues, erscheint am 10. Juli 2026 über Capitol Records und Polydor/Universal Music.
Ein Monat, 14 Songs – das war möglich
Was viele Beobachter überraschte, war die Geschwindigkeit der Entstehung. Das gesamte Album wurde in weniger als einem Monat in den Metropolis Studios im Westen Londons eingespielt. Produziert wurde es erneut von Andrew Watt, der bereits Hackney Diamonds aus dem Jahr 2023 betreut hatte und der Szene auch durch seine Arbeit mit Künstlern wie Post Malone, Lady Gaga, Elton John und Ozzy Osbourne bekannt ist. Ronnie Wood beschrieb die Stimmung im Studio als außergewöhnlich kreativ und berichtete, viele Tracks seien bereits beim ersten Anlauf geglückt. Jagger sprach von einer intensiven, aber zugleich freudigen Arbeitsphase, bei der die vergleichsweise kleine Größe des Raumes dazu beigetragen habe, dass man die Energie und Leidenschaft jedes Einzelnen hautnah spüren konnte. Keith Richards nannte das Ergebnis einen Monat konzentrierter Energie und ergänzte, er sei schlicht dankbar, das noch machen zu können. Conan O’Brien verglich die Unmittelbarkeit des Albums mit Exile on Main Street – einem der meistverehrten Stones-Alben aller Zeiten.
Das Musikvideo und die digitale Verjüngung von Mick Jagger
Eines der diskutiertesten Details des Abends war die Enthüllung, dass Mick Jagger für das Musikvideo zur ersten Single digital verjüngt worden war. Auf diese Weise konnte der 82-Jährige für bestimmte Szenen mit einem jüngeren Erscheinungsbild präsentiert werden. Technisch handelt es sich um ein Verfahren, das in der Filmproduktion bereits seit Jahren eingesetzt wird und nun auch in der Musikvideobranche Einzug hält. Die Entscheidung dazu wurde von der Band und dem Produktionsteam bewusst getroffen, um visuelle Sequenzen zu ermöglichen, die auf herkömmlichem Weg nicht realisierbar gewesen wären.
In the Stars und Rough and Twisted – zwei unterschiedliche Zugänge zum selben Album
Zum Zeitpunkt der Ankündigung wurden zwei Songs vorab veröffentlicht: die offizielle Leadsingle In the Stars sowie der bereits seit einigen Wochen bekannte Track Rough and Twisted. Letzterer war zuvor unter dem Decknamen The Cockroaches – einem Pseudonym, das die Band in der Vergangenheit bereits mehrfach genutzt hatte – als Vinyl-Singleveröffentlichung in limitierter Auflage erschienen und sofort ausverkauft. In the Stars präsentiert sich als druckvoller Pop-Rock-Song mit einer eigenwilligen Melodie im Refrain, der im Sound an die frühen Achtzigerjahre der Band erinnert, aber mit frischen Details versehen ist, darunter ein auffälliges Klaviermotiv und mehrschichtige Hintergrundvokale. Rough and Twisted hingegen ist ein bluesig stampfender Rocker mit Slidegitarre, Boogie-Woogie-Piano und Saxofon, der klanglich stärker an die frühen Siebzigerjahre anknüpft.
Starke Gästeliste – und eine letzte Aufnahme von Charlie Watts
Das Album enthält eine bemerkenswert hochkarätige Riege an Gastmusikern. Paul McCartney, der bereits auf Hackney Diamonds vertreten war, wirkt auch auf Foreign Tongues mit. Jagger berichtete über den Aufnahmeprozess mit ihm mit spürbarer Wärme: McCartney habe die Zusammenarbeit geradezu herbeigesehnt und nicht den geringsten Respektabstand zur Band gespürt. Neben McCartney haben Steve Winwood, Robert Smith von The Cure sowie Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers Beiträge beigesteuert. Die emotionalste Erwähnung des Abends war indes jene von Charlie Watts: Der 2021 verstorbene Stones-Schlagzeuger ist auf dem Album mit einer Aufnahme vertreten, die während einer seiner letzten Studiosessions vor seinem Tod entstand. Es ist die zweite Stones-Platte nach Hackney Diamonds, auf der Watts posthum zu hören ist. Als regulärer Drummer fungiert Steve Jordan, der das Amt bereits beim Vorgängeralbum übernommen hatte.
Die Cockroaches-Kampagne und ein internationales Rätselspiel
Wochen vor der offiziellen Ankündigung hatte die Band eine mehrstufige Teaserkampagne gestartet, die Fans weltweit in Atem hielt. Zunächst tauchten in mehreren Großstädten Plakatwände auf, auf denen das berühmte Zunge-und-Lippen-Logo der Band gemeinsam mit dem Schriftzug Foreign Tongues in verschiedenen Sprachen zu sehen war – auf Dänisch, Niederländisch, Tagalog, Koreanisch und Französisch, unter anderem. Kurz darauf wurde die offizielle Website der Band mit stimmungsvollen Studioaufnahmen in Überwachungskamera-Ästhetik aktualisiert. Am Sonntag vor dem Ankündigungstermin teilten die Bandmitglieder auf ihren jeweiligen Social-Media-Kanälen Einzelteile des Albumcovers – drei separate Bildausschnitte, die zusammengefügt das vollständige Artwork ergaben. Geschaffen wurde dieses von dem US-amerikanischen Maler Nathaniel Mary Quinn, der ineinander verwobene Gesichtszüge von Jagger, Richards und Wood in einem einzigen Motiv zusammenführt.
Die Frage nach der Tour bleibt offen
Was beim Präsentationsabend auffallend unerwähnt blieb: jegliche Ankündigung von Live-Auftritten. Das Thema wurde von Jagger, Richards und Wood zu keinem Zeitpunkt angesprochen. Auch O’Brien verzichtete darauf, direkt danach zu fragen. Bekannt ist bereits, dass die Band geplante Stadion-Auftritte in Großbritannien und Europa für 2026 abgesagt hatte, weil Richards nicht in der Lage war, sich dazu zu verpflichten. Für die Promotion des neuen Albums sind zwar Einzelauftritte bei der Tonight Show mit Jimmy Fallon geplant – Jagger, Richards und Wood erscheinen dort an separaten Abenden –, ein Liveauftritt als Band ist dabei offenbar nicht vorgesehen. Ob die Rolling Stones damit dauerhaft zu einer reinen Studioband geworden sind oder ob sich noch Konzertdaten für einen späteren Zeitpunkt ankündigen werden, bleibt die offene Frage, die Fans und Branchenbeobachter in gleicher Weise beschäftigt.
Ein Abend mit Stargästen und einem Gespür für Humor
Der Ton des Abends war entspannt, selbstironisch und voller Wärme. O’Brien traf mit seiner Moderation genau die richtige Balance zwischen Respekt und Augenzwinkern. Als er Jagger nach dem Geheimnis seiner nach wie vor außergewöhnlichen Stimmkraft fragte, antwortete der Sänger zunächst mit einem Witz über seinen erhöhten Drogenkonsum im Jahr 1968, um dann mit trockenem Ernst nachzuschieben, das eigentliche Geheimnis sei ganz einfach: Übung. Der Saal lachte. Die Band wirkte gelöst, sichtlich vergnügt an dem, was sie tut. Foreign Tongues erscheint am 10. Juli 2026 in einer Vielzahl von Formaten, darunter Standard-CD, Deluxe-Editionen, Kassette, mehrere Vinyl-Varianten sowie ein limitiertes Box-Set.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone, NME, PBS NewsHour, Variety, Billboard Canada, The Blues Magazine, Rock Cellar Magazine, Rock and Blues Muse, Radio X, Jamaica Observer, Local10 News, Yahoo Entertainment, WHBL
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