Bei der Ankündigungsveranstaltung für das neue Rolling-Stones-Album Foreign Tongues am 5. Mai 2026 in Brooklyn überraschte Mick Jagger das Publikum nicht nur mit der Nachricht über das Album selbst, sondern auch mit der Geschichte dahinter: wie es dazu kam, dass Robert Smith von The Cure als Gastmusiker auf der Platte vertreten ist. Jagger schilderte die Begegnung als vollkommen unerwarteten Studiomoment. Er sei eines Tages in die Metropolis Studios in West London gekommen, um seine Vocals einzusingen – und habe dort einen Mann mit dem Rücken zu ihm bemerkt, der eine lange schwarze Robe trug. Als sich der Mann umdrehte, war sein Gesicht mit Lippenstift bedeckt. Jagger erkannte ihn sofort als Robert Smith und stellte fest, dass sie sich tatsächlich noch nie persönlich begegnet waren. Seine Reaktion war pragmatisch und mit dem für ihn typischen trockenen Humor vorgetragen: Wenn man schon mal da sei, solle man auch gleich etwas singen. So entstand die Zusammenarbeit.
Zwei Ikonen, zwei Epochen – eine gemeinsame Aufnahmesession
Was auf den ersten Blick wie eine unwahrscheinliche Begegnung wirkt, ergibt bei näherer Betrachtung durchaus eine eigene Logik. Sowohl die Rolling Stones als auch The Cure gehören zu jenen Bands, die Jahrzehnte überdauert haben, ohne sich musikalisch verbiegen zu müssen. Beide verbindet ein Eigensinn, der sie von kommerziellem Mittelmaß unterscheidet. Robert Smith, 66 Jahre alt und optisch seit Jahrzehnten unverändert mit seiner charakteristischen Erscheinung, gilt als einer der einflussreichsten britischen Songwriter der Post-Punk- und Alternative-Ära. Dass Produzent Andrew Watt – der auch die Aufnahmesessions für Foreign Tongues leitete – eine Umgebung geschaffen hatte, in der solche Begegnungen möglich wurden, gehört offenbar zur Philosophie dieser Produktionsweise: offen, spontan, bereit für das Unerwartete.
Die Gästeliste: Vier starke Namen, vier unterschiedliche Verbindungen
Robert Smith ist bei Weitem nicht der einzige prominente Gast auf Foreign Tongues. Das Album enthält Beiträge von insgesamt vier Gastmusikern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch alle auf ihre eigene Weise zur Bandgeschichte der Stones in Bezug stehen.
Paul McCartney war bereits auf Hackney Diamonds vertreten und kehrte für das neue Album zurück. Jagger berichtete bei der Release-Veranstaltung mit spürbarer Wärme, dass McCartney die Zusammenarbeit regelrecht herbeigesehnt habe. Er habe keinerlei Berührungsangst mitgebracht und einfach spielen wollen. Dass zwei der bekanntesten Gesichter der britischen Rockgeschichte inzwischen regelmäßig miteinander im Studio sitzen, wirkt fast unwirklich – und doch ist es längst Routine.
Steve Winwood, der als Gründer von Traffic und als Soloartist mit Titeln wie Higher Love zu den prägenden Figuren des britischen Rock und Soul der Sechziger- bis Achtzigerjahre zählt, bringt auf Foreign Tongues eine Klangfarbe mit, die stilistisch gut zu dem passt, was die Stones selbst in dieser Ära pflegten. Seine Mitwirkung dürfte insbesondere die älteren Generationen ansprechen, die mit beiden Künstlern aufgewachsen sind.
Chad Smith, der Schlagzeuger der Red Hot Chili Peppers und damit derjenige unter den Gastmusikern, der einer anderen Generation angehört, rundet die Gästeliste ab. Sein Mitwirken fügt dem Album eine rhythmische Energie hinzu, die über das hinausweist, was man von einer typischen Stones-Produktion erwarten würde.
Charlie Watts ist ein drittes Mal dabei – auf seine eigene Art
Eine besondere emotionale Dimension hat die Beteiligung des 2021 verstorbenen Schlagzeugers Charlie Watts. Wie bereits auf Hackney Diamonds wurde auch für Foreign Tongues auf Aufnahmematerial aus einer seiner letzten Studiosessions zurückgegriffen. Was das konkret bedeutet – ob ein vollständiger Track, eine Rhythmusspur oder ein einzelner Parts – wurde bislang nicht präzisiert. Die Bandmitglieder haben in der Vergangenheit stets betont, wie bedeutsam Watts für den Klang und die Seele der Stones war, und die Entscheidung, ihn auch auf dem zweiten posthumen Album zu verewigen, unterstreicht diese Haltung.
Produzent Andrew Watt: Das Scharnier, das alles zusammenhält
Der eigentliche Ermöglicher all dieser Begegnungen ist Produzent Andrew Watt, der bereits Hackney Diamonds verantwortet hatte und nun auch Foreign Tongues produzierte. Watt, der unter anderem mit Ozzy Osbourne, Lady Gaga, Elton John und Paul McCartney zusammengearbeitet hat, gilt als jemand, der in Studiosituationen eine Energie erzeugt, die Bands aus ihrer Komfortzone herausbewegt. Bei der Veranstaltung in Brooklyn erntete sein Name spontanen Applaus aus dem Saal, als Conan O’Brien ihn erwähnte – ein deutliches Zeichen dafür, wie hoch sein Ansehen auch unter Brancheninsidern ist. Die Stones beschrieben seine Rolle als treibende Kraft in Momenten, in denen im Studio die Energie zu verebben drohte.
Ein Album, das von Weltoffenheit erzählt
Nicht zufällig trägt das Album den Titel Foreign Tongues – fremde Stimmen, fremde Zungen. Die Übersetzung des berühmten Zunge-und-Lippen-Logos in zahlreiche Weltsprachen, die als Kampagnenmotiv auf Plakatwänden in Metropolen rund um den Globus zu sehen war, ist dabei mehr als eine Marketingidee. Sie spiegelt wider, was die Gästeliste des Albums inhaltlich ausdrückt: die Bereitschaft, sich auf Stimmen einzulassen, die nicht die eigene sind – und dabei trotzdem unverwechselbar Rolling Stones zu bleiben. Foreign Tongues erscheint am 10. Juli 2026.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Consequence, NME, Rolling Stone, Variety, PBS NewsHour, The Blues Magazine, King FM, The Quietus
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