Carlos Varela from São Paulo, Brazil, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
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Singer Axl Rose in 2011

Es war der 2. Juli 1991, und Guns N‘ Roses befanden sich mitten auf ihrer Use Your Illusion Tour, einer der aufwendigsten und kommerziell bedeutendsten Rocktouren jener Ära. Das Konzert im Riverport Amphitheatre in Maryland Heights, einem Vorort von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, verlief über weite Strecken als exzellenter Abend. Die Band war in Hochform, das Publikum begeistert, und fast eine vollständige Show lang hatte alles funktioniert, wie es sollte. Dann, mitten im Stück Rocket Queen, dem 15. Song des Abends, entdeckte Frontmann Axl Rose in den vorderen Reihen einen Mann mit einer Kamera.

Viermal ignoriert – dann handelte Rose selbst

Kameras waren auf Guns-N‘-Roses-Konzerten strikt verboten, und das Sicherheitspersonal des Veranstalters hatte beim Einlass offenbar versäumt, die Taschen der Konzertbesucher entsprechend zu kontrollieren. Rose unterbrach seinen Gesang, zeigte auf den Fan und forderte den Sicherheitsdienst mehrfach und unmissverständlich auf, einzugreifen. Berichten zufolge stellte das Band-eigene Team insgesamt vier separate Anfragen an die Venue-Security – ohne Reaktion. Als keine Reaktion kam, entschied Rose, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Er sprang von der Bühne direkt ins Publikum.

Was folgte, war ein kurzes, aber heftiges Handgemenge. Der betroffene Fan hieß Bill Stephenson, und er hatte das gesamte Geschehen auf einer Videokamera festgehalten. Rose landete ausgerechnet in einer Gruppe, die einem Motorradclub mit dem Namen Saddle Tramps angehörte. Es kam zu einer Rangelei, bei der Rose sowohl den Fan als auch mehrere Sicherheitskräfte traf, bevor ihn Tour-Mitarbeiter schließlich zurück auf die Bühne zerrten. Dort angekommen, schnappte er sich das Mikrofon und warf dem Sicherheitsdienst vor, den Abend ruiniert zu haben. Dann schmetterte er das Mikrofon auf die Bühnenboden und verschwand. Bassist und Gitarrist Slash trat ans Mikrofon und informierte das Publikum knapp, die Band verlasse nun die Bühne. Damit war das Konzert vorbei.

Drei Stunden Chaos – 60 Verletzte, 200.000 Dollar Schaden

Das Publikum reagierte mit einer Wut, die sich in rund drei Stunden ausgedehnter Ausschreitungen entlud. Fans rissen Absperrungen nieder, schleuderten Gegenstände umher und zerstörten Bühnenequipment sowie Teile des Amphitheaters. Etwa 60 Personen wurden verletzt, der materielle Sachschaden wurde auf rund 200.000 US-Dollar beziffert. Die Polizei versuchte, die Lage unter Kontrolle zu bringen, war aber lange Zeit machtlos gegen die aufgebrachte Menge. Erst in den frühen Morgenstunden beruhigte sich die Situation. Der Abend ging als Riverport Riot in die Rockgeschichte ein, gelegentlich auch als Rocket Queen Riot bezeichnet, nach dem Song, bei dessen Aufführung der Zwischenfall begann.

Anklage, Flucht ins Ausland, Freispruch

Die Behörden von St. Louis erhoben gegen Axl Rose Anklage wegen Anstiftung zur Randale. Doch die Zustellung der entsprechenden Papiere gestaltete sich als ausgesprochen schwierig: Guns N‘ Roses setzten ihre Welttournee in Europa fort und waren damit außerhalb des unmittelbaren Zugriffs der US-Justiz. Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis Rose schließlich im Jahr 1992 bei seiner Rückkehr nach New York am Flughafen Kennedy in Handschellen abgeführt werden konnte. Das Bild eines gefesselten Axl Rose auf dem Rücksitz eines Polizeiautos ging durch die internationalen Medien. Letztlich sprach ein Richter ihn von allen Vorwürfen frei: Rose habe durch sein Verhalten zwar den Anstoß für die Stimmung gegeben, die Ausschreitungen aber nicht unmittelbar verursacht.

Duff McKagan trug Schrammen davon – und Izzy Stradlin zog Konsequenzen

Der Tumult blieb nicht ohne physische Folgen für die Band selbst. Bassist Duff McKagan wurde Berichten zufolge von Flaschen getroffen, die aus dem Publikum geworfen wurden. Gitarrist Izzy Stradlin, der zu diesem Zeitpunkt noch Mitglied der Band war, äußerte sich später tief betroffen über den Vorfall und verwies auf einen ähnlich gelagerten tragischen Abend aus dem Jahr 1988, als beim Monsters-of-Rock-Festival in Donington zwei Fans im Gedränge ums Leben gekommen waren. Seine Frage, was hätte passieren können, wenn erneut Menschen in der Masse zerquetscht worden wären, klang wie eine öffentliche Distanzierung von Roses Verhalten. Nicht lange nach dem Riverport Riot verließ Stradlin die Band.

Das böse Wort in den Danksagungen

Die Band fand eine ungewöhnliche Form, ihren Unmut über den Abend dauerhaft festzuhalten. In den Liner Notes der im September 1991 erschienenen Doppelalbum-Veröffentlichung Use Your Illusion I und II – dem Werk, auf dessen Tournee der Riot stattgefunden hatte – findet sich in den Danksagungen der Eintrag mit dem sinngemäßen Inhalt: Danke nicht, St. Louis. Die Stadt und ihr Sicherheitspersonal wurden damit vor Millionen von Albumkäufern öffentlich abgewatscht, in einer Form, die wohl einmalig in der Geschichte des Formats ist.

Roses Version der Ereignisse

Axl Rose meldete sich noch im Sommer 1991 in einem Interview mit dem Musikmagazin Musician ausführlich zu Wort. Er beschrieb die Sicherheitssituation der gesamten Veranstaltung als von Anfang an problematisch. Sein eigenes Team habe wiederholt darauf hingewiesen, dass Zuschauer verbotene Gegenstände wie Messer, Flaschen und Kameras in die Halle mitgebracht hätten, ohne dass die Venue-Security reagiert habe. Der Fan mit der Kamera sei dabei lediglich der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Rose betonte außerdem ausdrücklich, er habe den Fan nicht geschlagen, sondern lediglich an seiner Jacke festgehalten. Die Sicherheitskräfte des Veranstalters hätten aktiv verhindert, dass er die Kamera konfiszieren konnte, was seinen Ärger zusätzlich befeuert habe.

Ein Skandal mit langem Nachhall

Der Riverport Riot gilt bis heute als eines der berüchtigtsten Ereignisse der Rockkonzertgeschichte und ist untrennbar mit dem Namen Guns N‘ Roses verbunden. Er markierte nicht nur den Anfang vom Ende der klassischen Bandbesetzung, sondern warf auch grundlegende Fragen über die Verantwortung von Künstlern, Veranstaltern und Sicherheitsdiensten bei Großveranstaltungen auf. Die Einführung strengerer Einlasskontrollen bei Konzerten, der Umgang mit unruhigen Fans sowie die rechtliche Verantwortlichkeit bei Bühnen-Zwischenfällen wurden in den Jahren darauf bundesweit neu diskutiert. St. Louis und Guns N‘ Roses brauchten rund 26 Jahre, bis die Band erstmals wieder in der Stadt auftrat – im Rahmen der Not-in-This-Lifetime-Tour im Jahr 2017.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Rolling Stone DE, Indiepedia, Society of Rock, American Songwriter, Billboard, Tone Deaf, Song Facts Calendar

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