
In einer Zeit, in der Rockmusik in den großen Kulturerzählungen zunehmend als nostalgisches Relikt behandelt wird, passiert in Brooklyn etwas, das viele bereits für unmöglich gehalten hatten: Eine junge Band revitalisiert das Genres mit einer Konsequenz und Energie, die selbst erfahrene Kritikerinnen und Kritiker verblüfft. Die Band heißt Geese, und ihr viertes Studioalbum Getting Killed, erschienen am 26. September 2025, wurde von Publikationen wie Time, dem New Yorker und der New York Times zum besten Album des Jahres 2025 gekürt. Dazu kommen ein Metacritic-Score von 89 aus 100 und die Auszeichnung als Internationale Gruppe des Jahres bei den BRIT Awards 2026. Eine Band, die als Teenager im Keller eines Elternhauses probt, landet wenige Jahre später auf den bedeutendsten Bestenlisten der englischsprachigen Kulturwelt – das ist keine Selbstverständlichkeit.
Vier Schulfreunde und ein Keller in Fort Greene
Die Geschichte von Geese beginnt 2016 in New York City. Die Gründungsmitglieder lernten sich an der Brooklyn Friends School und der Little Red School House kennen und begannen gemeinsam zu proben – im Keller des Elternhauses von Drummer Max Bassin im Brooklyner Stadtteil Fort Greene. Das erste Stück, das sie miteinander spielten, war ein Song von Tame Impala. Der Bandname geht auf den Spitznamen der Gitarristin Emily Green zurück, die schlicht Goose genannt wurde. Die ersten Veröffentlichungen entstanden in Eigenregie: eine EP im Jahr 2018, das Debütalbum A Beautiful Memory im selben Jahr, eine zweite EP ein Jahr später. Als das Demo zum Album Projector fertig war, schickte es ein Musikscout namens Willie Upbin an einen Anwalt, der einen Plattenvertrag in Aussicht stellte. Ein Bieterverfahren folgte, das die vier Schulfreunde unvorbereitet traf und überforderte – und gleichzeitig in die professionelle Musikwelt katapultierte. Mit Partisan Records, dem Label, das auch IDLES und Fontaines D.C. unter Vertrag hat, hatten sie einen Partner gefunden, der ihr Ethos verstand.
Projector, 3D Country, Getting Killed: Drei Alben, drei Welten
Was Geese von vielen ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unterscheidet, ist die Weigerung, ein einmal etabliertes Klangbild zu konservieren. Projector, 2021 erschienen, war ein dunkel getöntes Indie- und Post-Punk-Album, das Einflüsse der Velvet Underground, Television und der frühen Strokes aufnahm und zu einem eigenständigen, dringlichen Sound verdichtete. Produzent Dan Carey, der zuvor Black Midi und Fontaines D.C. betreut hatte, sorgte für einen Mix, der die Textur des Basement-Sounds bewahrte und gleichzeitig radikal durchhörbar machte. Das Folgealbum 3D Country von 2023 brach mit fast allem, was Projector aufgebaut hatte: Cowboy-Ästhetik, psychedelischer Country-Rock, gelegentliche Leichtigkeit – eine Stilübung, die nicht jeden überzeugte, aber die kompositorische Risikobereitschaft der Band unmissverständlich dokumentierte. Frontmann Cameron Winter beschrieb das Album als Kommentar auf den Hochmut des frühen Erwachsenenalters und als Reflexion auf Klimaangst und drohende Endzeitstimmung.
Getting Killed, das vierte Album, entstand in zehn intensiven Tagen in Los Angeles – in den Putnam-Hill-Studios von Produzent Kenny Beats, also Kenneth Blume, während die Luft der Stadt vom Rauch der Waldbrände in Südkalifornien geschwängert war. Die Umstände hinterließen Spuren im Klang. Das Album ist laut, abrasiv, rhythmisch obsessiv und gleichzeitig melodisch präziser als alles, was die Band zuvor veröffentlicht hatte. Das Zusammentreffen mit Blume war dabei kein geplanter Schritt, sondern eines jener Zufälle, die die Musikgeschichte immer wieder auszeichnen: Blume hatte Geese-Merch entdeckt, wurde neugierig, und das erste persönliche Treffen beim Austin City Limits Festival im Oktober 2024 mündete in einer Studiopartnerschaft, die das Beste aus beiden Welten zog.
Cameron Winter: Das Gravitationszentrum
Ohne Cameron Winter lässt sich die Faszination, die Geese auf Kritik und Publikum ausüben, nicht vollständig erklären. Der Sänger, Pianist und Songschreiber ist das kreative Zentrum der Band – ein Vokalperformer, dessen Stimme ebenso zu verhaltenem Flüstern wie zu explosiven Ausbrüchen fähig ist und der in den Texten eine Sprache gefunden hat, die surreale Bilder, Gewalt, Machtfragen und Transformation miteinander verknüpft. Im Dezember 2024 veröffentlichte er sein Debüt-Soloalbum Heavy Metal, das trotz geringer kommerzieller Erwartungen seitens des Labels zu einem Kulterfolgwerk wurde und die kritische Aufmerksamkeit für Geese nachhaltig verstärkte. Winter trat zudem beim Carnegie Hall-Konzert auf, arbeitete mit Filmregisseur Paul Thomas Anderson zusammen und wurde im Dezember 2025 in einem Saturday-Night-Live-Sketch parodiert – ein Zeichen für den Grad an popkultureller Durchdringung, den eine Indie-Rockfigur erst erreichen muss, bevor SNL sie als Ziel entdeckt.
JPEGMAFIA, BRIT Award, SNL und Tiny Desk
Getting Killed öffnet sich mit dem Track Trinidad, einem gemeinsamen Stück mit dem experimentellen Hip-Hop-Künstler JPEGMAFIA, der ebenfalls mit Kenny Beats zusammengearbeitet hat. Das Feature steht exemplarisch für die Weigerung der Band, Genregrenzen als relevant zu betrachten. Es folgten ein Auftritt in der NPR-Reihe Tiny Desk Concerts, der für seine intime Intensität breites Lob erhielt, und der SNL-Auftritt am 24. Januar 2026, bei dem Geese die Songs Au Pays du Cocaine und Trinidad spielten. Die BBC bezeichnete sie als erste bedeutende amerikanische Rockband der Generation Z, das GQ nannte sie Amerikas aufregendste junge Rockband. Den Abschluss dieser Phase markierte der BRIT Award als Internationale Gruppe des Jahres 2026 – eine Auszeichnung, die in der Vergangenheit von Acts wie den Strokes, Arcade Fire und den White Stripes gewonnen worden war. Geese sind damit in einer Gesellschaft angekommen, die ihre eigenen Ansprüche illustriert.
Kontroverse um algorithmische PR
Zu einer vollständigen Bestandsaufnahme gehört auch die Schattenseite des Aufstiegs. Im Jahr 2025 wurde öffentlich bekannt, dass die PR-Firma Chaotic Good Projects für Geese und Cameron Winter sogenannte Narrative Campaigns durchgeführt hatte – darunter der Aufbau von Hunderten gefälschter Social-Media-Accounts, die kommentarseiten überschwemmen und Algorithmen auf Plattformen wie TikTok manipulieren sollten. Chaotic Good entfernte daraufhin die entsprechenden Einträge von ihrer Website, bestätigte die Zusammenarbeit mit der Band jedoch gegenüber dem Technologiemagazin Wired. Die Debatte, die folgte, war gespalten: Kritiker verwiesen darauf, dass diese Methoden in der Musikbranche keine Ausnahme seien, Befürworter sahen darin eine strukturelle Benachteiligung von Künstlerinnen und Künstlern, die ohne Major-Label-Budget antreten. Musikerin Eliza McLamb, die die Debatte mit einem Substack-Artikel angestoßen hatte, betonte ausdrücklich, sie halte Geese nicht für eine von der Industrie fabrizierte Kunstfigur.
Tourdaten 2026
Die Frühjahr-Europa-Tournee der Getting-Killed-Tour ist für den deutschsprachigen Raum bereits gelaufen. Die vier deutschen Konzerte im März 2026 in München, Berlin, Hamburg und Köln waren überwiegend ausverkauft oder von hoher Nachfrage geprägt. Für den Herbst 2026 kündigt sich die Getting Killed Again World Tour an, die ab Ende September bis Mitte November durch Nordamerika führt, mit mehr als 30 Stopps darunter Los Angeles, New York, Mexiko-Stadt und Toronto. Im Sommer 2026 spielen Geese zahlreiche Festivalauftritte in den USA und Europa, unter anderem gemeinsam mit The Strokes, Wednesday und Spoon. Tickets für die Herbst-Nordamerikatour sind ab Mai 2026 erhältlich, die Preise beginnen je nach Venue bei 60 bis 95 US-Dollar.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Wikipedia, OnesToWatch, Daily Nexus UCSB, DIFFUS Magazin, egoFM, livegigs.de, Ticketmaster DE, Eventim DE, Yahoo Entertainment, The Circle
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