Die Welle des Widerstands gegen geplante Europa-Konzerte des Rappers Ye, bürgerlicher Name Kanye West, hat eine weitere Stadt erfasst. In Prag haben die Föderaton der Jüdischen Gemeinden in Tschechien sowie die Jüdische Gemeinde Prag in einem öffentlichen Statement unmissverständlich die Absage des geplanten Konzerts am 25. Juli 2026 gefordert. Ihre Begründung ist klar und historisch verankert: Es sei nicht hinnehmbar, dass eine Person, die öffentlich Sympathien für den Nationalsozialismus geäußert habe, in einem Land auftrete, das die Verbrechen des Holocaust selbst erlebt habe und in dem bis heute Überlebende der NS-Herrschaft leben.
Eine Geschichte der Eskalation
Was den Protest in Prag von einer abstrakten politischen Debatte unterscheidet, ist die konkrete Schwere der Vorwürfe, die gegen den Rapper erhoben werden – und die allesamt auf seinen eigenen öffentlichen Handlungen beruhen. West hatte sich in der Vergangenheit in einer Reihe von Interviews, Social-Media-Beiträgen und öffentlichen Auftritten mehrfach antisemitisch geäußert. Er bezeichnete sich selbst als Nazi, äußerte Bewunderung für Adolf Hitler und erklärte, er liebe diesen Mann. Im Februar 2025 begann er, T-Shirts mit Hakenkreuz-Aufdruck zu verkaufen. Im Mai 2025 veröffentlichte er einen Song mit dem Titel Heil Hitler, in dem er den NS-Diktator glorifizierte. Anfang 2026 schaltete West eine ganzseitige Entschuldigungsanzeige im Wall Street Journal, in der er erklärte, kein Nazi und kein Antisemit zu sein und an einer bipolaren Störung zu leiden. Viele Organisationen und Politiker sahen darin jedoch keine ausreichende Grundlage, ihm öffentliche Auftrittsflächen in Europa zu gewähren.
Absagen in London, Polen, Frankreich und der Schweiz
Der Prager Protest reiht sich in eine Serie europäischer Reaktionen ein. Die britische Regierung verweigerte Ye die Einreise ins Vereinigte Königreich – mit der Konsequenz, dass das gesamte Wireless Festival, bei dem er als Headliner aufgetreten wäre, abgesagt werden musste. In Polen und der Schweiz wurden geplante Konzerte ebenfalls gestrichen. In Frankreich verhinderten die Behörden den geplanten Auftritt in Marseille am 11. Juni 2026. Nach dem Muster dieser Absagen wächst auch der Druck auf die Veranstalter in anderen europäischen Städten, in denen Konzerte noch im Tourplan stehen.
Prags Bürgermeister: Keine Genehmigung
Politisch erhielt der Protest in Prag eine prominente Unterstützung. Der Prager Oberbürgermeister Bohuslav Svoboda erklärte öffentlich gegenüber tschechischen Medien, in Prag gebe es keinen Platz für Antisemitismus und es existierten keinerlei offizielle Vereinbarungen über ein Konzert. Selbst wenn Veranstalter entsprechende Anträge einreichen sollten, werde die Stadtverwaltung diese nicht genehmigen. Auch ein offener Brief zahlreicher tschechischer Kulturschaffender, der sich an den Bürgermeister richtete, erhärtete die ablehnende Haltung. Die Unterzeichnenden warfen West darin vor, Kriegsgewalt zu verherrlichen und die Opfer des NS-Regimes zu verhöhnen, und verwiesen ausdrücklich auf den Heil-Hitler-Song sowie den Hakenkreuz-Merch als Belege.
Italien unter Druck – und Tirana als Gegenbeispiel
Während Prag und andere europäische Städte den Widerstand formieren, zeichnet sich ein gespaltenes Bild auf dem Kontinent ab. In Italien wächst der Druck auf die Veranstalter des Hellwatt Festivals in Reggio Emilia, wo West am 18. Juli 2026 als Headliner der RCF Arena auftreten soll. Die jüdische Gemeinde der Stadt, antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften und Parlamentspolitikerinnen verlangen die Absage. Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno von der Demokratischen Partei Italiens, verwies darauf, dass das Vereinigte Königreich die Einreise bereits verweigert und Frankreich das Marseille-Konzert faktisch verhindert habe, und fragte öffentlich, warum Italien zögere. Der künstlerische Leiter des Festivals verteidigte die Verpflichtung mit dem Argument der künstlerischen Meinungsfreiheit und dem Hinweis auf Wests Entschuldigung zu Jahresbeginn.
Ein vollkommen anderes Bild zeigt sich in Albanien. In Tirana wurde Wests geplanter Auftritt von der Regierung ausdrücklich begrüßt. Das Nationalstadion wird derzeit sogar baulich erweitert, um bis zu 60.000 Besuchern Platz bieten zu können – ein Kontrast zur europäischen Gesamtlage, der kaum schärfer ausfallen könnte.
Die Frage nach den Grenzen der Kunstfreiheit
Die Debatte rund um Ye und seine Europa-Tour berührt eine grundlegende gesellschaftliche Frage: Wo endet der Schutz künstlerischer Meinungsfreiheit, und wo beginnt die staatliche oder gesellschaftliche Verantwortung, öffentliche Auftrittsflächen zu verweigern? Das Vereinigte Königreich hat mit dem Einreiseverbot eine staatliche Grenze gesetzt. Frankreich hat über behördliche Interventionen dasselbe Ergebnis erzielt. Die tschechische Stadtverwaltung in Prag signalisiert denselben Weg. Andere Länder wie Italien oder Albanien treffen, aus unterschiedlichen Beweggründen, andere Entscheidungen. Was bleibt, ist ein Rapper, der in weiten Teilen Europas keine Bühne mehr findet – und eine Debatte, die mit jedem weiteren Konzerttermin neu entflammt.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Musikexpress, Radio Prague International, Jüdische Allgemeine, Euronews DE, hiphop.de
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