
Der Abend des 5. Mai 2026 in Brooklyn gehört zu jenen Momenten, die sich in das kollektive Gedächtnis der Rockgeschichte einbrennen. In der ehrwürdigen ehemaligen Williamsburg Savings Bank, einem Baudenkmal aus Stein und vergoldetem Stuck, betreten Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood die Bühne. Kein Konzert, kein Stadion – eine Albumankündigung. Im Publikum: Leonardo DiCaprio, Moderator Conan O’Brien, Kameras aus aller Welt. Und eine Meldung, die innerhalb von Stunden die Schlagzeilen dominiert: Die Rolling Stones haben ein neues Album. Es heißt „Foreign Tongues“ und erscheint am 10. Juli 2026.
Das Phantom der Welttournee
Parallel zu dieser realen Nachricht kursiert im Internet eine andere Geschichte: Keith Richards kündige eine triumphale Soloworld-Tour 2026 mit 30 Konzerten an, Tickets ab 129 Dollar, VIP-Pakete bereits ausverkauft. Die Botschaft verbreitet sich rasant über soziale Medien und fragwürdige Clickbait-Seiten, garniert mit Ausrufezeichen und Großbuchstaben. Das Problem: Sie ist falsch. Eine solche Solotournee existiert nicht. Sie wurde von Richards zu keinem Zeitpunkt angekündigt. Wer genau hinschaut, erkennt in solchen Meldungen ein mittlerweile vertrautes Muster: Falschmeldungen über angebliche Konzerttouren bekannter Musiker, die Klicks generieren, Daten abgreifen und im schlimmsten Fall Fans dazu bringen, Geld für nicht existierende Tickets auszugeben. Im Fall von Keith Richards ist die Realität eine völlig andere – und sie ist, gemessen daran, kein bisschen weniger elektrisierend.
„Foreign Tongues“: Ein Album aus der Tiefe
Es war eine ungewöhnliche Enthüllungskampagne. Zunächst tauchten in London Plakate auf, die nichts weiter als den Bandnamen „The Cockroaches“ zeigten – ein Pseudonym, das die Stones in den 1970er Jahren für Geheimkonzerte in kleinen Clubs nutzten. Ein QR-Code führte zu einer Website, dahinter verbarg sich Universal Music. Das Rätselraten dauerte Tage. Dann: Die Auflösung in Brooklyn. Das 25. Studioalbum der Rolling Stones trägt den Titel „Foreign Tongues“ und wurde in weniger als einem Monat in den Metropolis Studios in West-London aufgenommen. Produzent ist erneut Andrew Watt, der bereits hinter dem Comeback-Album „Hackney Diamonds“ von 2023 stand. Das Ergebnis sind 14 Tracks, darunter die Single „In the Stars“ – ein Song, der mit einem eingängigen Refrain beginnt und sich in ein typisches Richards-Riff auflöst, das klingt wie eine Rückkehr nach Hause.
Stimmen aus dem Studio
Keith Richards, 81 Jahre alt, spricht in Brooklyn mit einer Ruhe, die manchen seiner jüngeren Kollegen fehlt. Für ihn, sagt er sinngemäß, stehe die Freude an der Musik im Mittelpunkt – er sei schlicht gesegnet, das noch tun zu können. Mick Jagger beschreibt die Intensität der Aufnahmen: der Raum nicht zu groß, die Energie spürbar von allen Seiten, 14 Songs in maximal möglicher Geschwindigkeit. Ronnie Wood ergänzt, die kreative Stimmung im Raum sei außergewöhnlich gewesen. Was das Album besonders macht: Es enthält eine letzte Aufnahme von Charlie Watts, dem 2021 verstorbenen Schlagzeuger der Band, eingespielt kurz vor seinem Tod. Dazu kommen Gastbeiträge von Paul McCartney, Steve Winwood, Robert Smith von The Cure und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers.
Die Frage nach der Tour – und Richards‘ Antwort
Kaum war „Foreign Tongues“ angekündigt, stellte sich die Frage, die Fans rund um den Globus bewegt: Gibt es eine Tour? Als der Associated Press Richards direkt fragt, ob die Stones 2026 auf die Bühne gehen, antwortet er auf seine typisch lakonische Art: Man könne nächstes Jahr darüber reden. Im Moment sei man einfach froh, die Platte fertig zu haben, und überlege in Ruhe, was danach kommt. Nicht dieses Jahr. Mick Jagger dagegen lässt keinen Zweifel an seinem eigenen Wunsch: Er würde eine Tournee lieben und wolle sie so bald wie möglich. Ein Wunsch, kein Plan. Es passt zu einer Band, die seit Jahrzehnten im Spannungsfeld zwischen Jaggerschem Vorwärtsdrang und Richardsscher Gelassenheit funktioniert – und genau deshalb seit über 60 Jahren existiert.
Das Cover und die Botschaft dahinter
Auch visuell setzt das neue Album ein Statement. Das Cover entwarf der US-amerikanische Künstler Nathaniel Mary Quinn: drei Gesichter, Jagger, Richards und Wood, die ineinander zu verschmelzen scheinen, in einer Bildsprache, die entfernt an Francis Bacon erinnert. Quinn selbst spricht von einer künstlerischen Ehre und einem Dialog mit einer der beständigsten Kräfte der Kulturgeschichte. Drei Männer, ein Klang, sechs Jahrzehnte – das Cover sagt das alles ohne ein einziges Wort.
Eine Legende, die sich nicht vermarkten lässt
Wer in den viralen Hype um eine nicht existierende Keith-Richards-Solotour investiert hat, Aufmerksamkeit oder gar Geld, hat schlicht einer Maschinerie des Internets vertraut, die Legenden als Lockmittel benutzt. Die tatsächliche Geschichte, ein neues Rolling-Stones-Album mit Paul McCartney, Robert Smith und einem letzten Gruß von Charlie Watts, ist dabei so viel stärker als jede erfundene Schlagzeile. Keith Richards, der Mann, dessen Überleben selbst Generationen von Ärzten fassungslos gemacht hat, braucht keine Clickbait-Kampagne. Er spielt einfach weiter.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: ABC News, Rolling Stone Magazine, PBS NewsHour, Consequence, Wikipedia, The Circle, Beatles Museum, Noise11, Seacoast Oldies
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