Fred von Lohmann from san francisco, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
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Jack White performing at Golden Gate Park for the Outside Lands Music and Arts Festival on August 12, 2012 in San Francisco, California.

Es ist ein milder Mittwochvormittag in Florida. Auf dem gepflegten Gelände des Trump National Doral Golf Club in Miami wird Geschichte gemacht – zumindest behauptet das Pastor Mark Burns, der engste spirituelle Berater des Präsidenten und Abgeordneter aus South Carolina. In der Mitte einer kleinen Menschenansammlung aus evangelikalen Pastoren, religiösen Führern und Unterstützern ragt sie auf: eine rund sieben Meter hohe, vergoldete Statue Donald Trumps. Die Faust ist gereckt, der Blick siegreich. Das Abbild zeigt den Moment, als Trump im Juli 2024 nach dem Attentat auf einer Wahlkampfveranstaltung in Butler, Pennsylvania, wieder aufstand – Blut an der Wange, Faust in den Himmel gestreckt. „Don Colossus“ nennen die Schöpfer das Werk, das laut Medienberichten rund 450.000 Dollar gekostet hat. Trump schaltet sich telefonisch in die Zeremonie ein, seine Stimme ertönt aus einem Lautsprecher, den Burns ans Mikrofon hält.

Das goldene Kalb des 21. Jahrhunderts

Kaum ist das Enthüllungsvideo auf den sozialen Medien verbreitet, beginnt das Internet zu kochen. Kritiker erkennen sofort die theologische Ironie, die in dem Spektakel steckt: Im Buch Exodus, zweites Buch der Bibel, schmieden die Israeliten nach ihrer Flucht aus Ägypten ein goldenes Kalb und beten es an – die Urszene der Götzenverehrung im Judeo-Christlichen Glaubenssystem. Ausgerechnet jene evangelikale Bewegung, die jahrelang vor einem kommenden Antichristen warnte, der sich als gottgleich inszenieren würde, steht nun vor einer vergoldeten Statue und segnet sie feierlich ein. Der Vergleich macht die Runde mit einer Geschwindigkeit, die zeigt, wie treffend viele ihn empfinden.

Pastor Burns reagiert auf die Kritik, indem er eine klare Linie zieht: Verehrung sei etwas anderes als Ehrerbietung. Man bete nicht zu Trump, man bete nicht für Erlösung durch Trump. Die Statue stehe für Resilienz, Freiheit, Patriotismus und die Kraft, weiterzukämpfen. Sie sei ein Wunder Gottes, nicht ein Götze. Diese Erklärung verfängt bei einem Teil des Publikums – bei einem anderen weicht sie die ohnehin schon fragile Grenzlinie zwischen religiöser Devotion und politischem Personenkult endgültig auf.

Jack White: Ein Mann ringt um Worte

An einem Samstag, wenige Tage nach der Enthüllungszeremonie, greift Jack White zu seinem Smartphone und öffnet Instagram. Der 50-jährige Musiker, als Frontmann der White Stripes und The Raconteurs einer der prägendsten Rockgitarristen seiner Generation, ist für gewöhnlich nicht um Worte verlegen, wenn es um Donald Trump geht. Er hat ihn in der Vergangenheit als schlimmsten Amerikaner aller Zeiten bezeichnet, als offensichtlichen Faschisten, als verabscheuungswürdigen Verlierer. Er ist katholisch aufgewachsen, kennt die Theologie, weiß um die Symbole. Doch diesmal, angesichts einer sieben Meter hohen Goldstatue, die von Pastoren geweiht wird, fehlen ihm beinahe die Worte.

Fast. Er postet ein Bild der Statue mit einem kurzen, aber präzisen Satz: Das Frustrierendste am modernen amerikanischen Leben sei der Versuch, Menschen zu verstehen, die es schlicht nicht interessiert, ob das, was sie tun, irgendeine innere Logik besitzt. Es ist kein Wutausbruch. Es ist etwas, das schwerer wiegt: echtes, rationales Unverständnis.

Die Eskalation: Vom Antichristen-Vorwurf bis zur Apokalypse

Burns antwortet öffentlich auf Jack White – sachlich, biblisch und mit einer Portion Rechtfertigungswille. Doch White lässt es dabei nicht bewenden. In einem weiteren Post kehrt er die Rhetorik der evangelikalen Bewegung gegen ihre eigene Tradition um. Er erinnert daran, wie genau dieselben Kreise seit Jahrzehnten davor warnen, ein Antichrist werde sich am Ende der Zeiten als gottgleich inszenieren, einen letzten Krieg entfachen und Jerusalem ins Zentrum rücken. Dann weist er auf die aktuelle Realität hin und fragt implizit: Schaut euch das an. Wen hat diese Bewegung erschaffen? Wen verehrt sie jetzt?

Es ist ein rhetorisches Manöver, das weit über Twitter-Politik hinausgeht. White, der Theologieinteressierte, trifft damit einen wunden Punkt der evangelikalen Trumpisten – nicht von außen, sondern von innen, mit ihren eigenen Texten und ihrer eigenen Prophetie.

„The Boys“ und die Pop-Kultur-Kollision

Der kulturelle Widerhall hört nicht bei Jack White auf. Die Statue trägt eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Szene aus der Superheldensatire „The Boys“, in der ein faschistoider Held namens Homelander auf einem Sockel aus Gold thront. Eric Kripke, Schöpfer der Serie, kommentiert das Nebeneinander beider Bilder auf Instagram mit einem knappen, ungläubigen Ausruf. Was als politisches Statement begann, hat nun auch die Popkultur erreicht: Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Satire und Ernst, zwischen Prophetie und Parodie verschwimmen auf eine Weise, die gleichzeitig komisch und beängstigend wirkt.

Eine Statue, viele Spiegel

Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht mit einem Bild oder einem Instagram-Post beantworten lässt: Wie weit ist es noch von der Ehrerbietung zur Anbetung, wenn die Ehrerbietung eine Goldstatue wiegt, Pastoren um sie herumstehen und der Geehrte selbst telefonisch einschaltet? Jack White liefert keine Antwort. Er stellt die Frage. Und dass ein Rockgitarrist aus Detroit mit wenigen Worten den Nerv trifft, den politische Kommentatoren mit langen Analysen verfehlen, sagt vielleicht mehr über den Zustand der amerikanischen Öffentlichkeit aus als jede Statue aus Gold.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone, The Daily Beast, HuffPost, IBTimes UK, Billboard, Snopes, Yahoo Entertainment, T-Online

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