
In einem ausführlichen Gespräch im britischen Podcast „The Rest Is Entertainment“, moderiert von Richard Osman und Marina Hyde, hat Paul McCartney offen über den Zustand der Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump gesprochen. Der 83-jährige Beatle-Legende griff dabei auf ein konkretes Erlebnis aus seiner Bühnenerfahrung zurück, um zu beschreiben, welche heilende Kraft er der Musik zuschreibt.
Wenn „Hey Jude“ die Gräben schließt
McCartney schilderte, wie es ihm bei Live-Auftritten immer wieder auffalle, dass das gemeinsame Singen bestimmter Songs eine nahezu magische Wirkung auf das Publikum habe. Besonders „Hey Jude“, der 1968 veröffentlichte Beatles-Klassiker, habe diesen Effekt in eindrucksvoller Weise. Wenn er diesen Song spiele, so McCartney, verschwänden in den Sälen auf einmal die Gräben zwischen politischen Lagern. Zuschauer, die sonst in weltanschaulich feindliche Lager aufgeteilt seien, würden plötzlich gemeinsam singen — unabhängig davon, ob sie republikanisch oder demokratisch wählen. Diesen Moment beschrieb er als außerordentlich und berührend, als ein kurzes Aufflackern von Einheit in einer Atmosphäre tief sitzender politischer Feindschaft. Er betonte, solche Erlebnisse seien wertvoll — denn im Gesang vergäßen Menschen für einen Augenblick, wogegen sie sich eigentlich abgrenzen wollen.
Durchhalten als Lebensthema
McCartney verknüpfte seine Einschätzung zur gesellschaftlichen Funktion von Musik mit einer grundsätzlichen Haltung, die er als roten Faden in seinem gesamten Schaffen beschrieb. Sein Credo laute, dass man auch in schwierigen Zeiten weitermachen müsse, anstatt sich von den Umständen niederdrücken zu lassen. Diese Einstellung führte er auf seine Kindheit in der Nachkriegszeit zurück. Die Generation, in der er aufgewachsen sei, habe die Bilder des Krieges noch direkt vor Augen gehabt — Hitlers Bombergeschwader, die Überlebenden der Konzentrationslager in ihren gestreiften Häftlingskleidern. Wer das gesehen habe, so McCartney, könne nicht verstehen, wie Menschen den Holocaust leugnen könnten — das sei schlicht ungeheuerlich. Aus dieser Erfahrung heraus habe seine Generation zugleich den Antrieb gezogen, Gutes zu schaffen und zu zeigen, dass sich selbst aus dunkelsten Perioden ein Ausweg finden lasse.
Künstler zwischen Bühne und Politik
McCartneys Äußerungen reihen sich ein in eine Welle öffentlicher Stellungnahmen altgedienter Rockmusiker zu den gesellschaftlichen Verwerfungen in den USA. Rod Stewart hatte zuletzt ähnlich kritische Töne angeschlagen, und Bruce Springsteen nutzt seine laufende Tournee wiederholt als Plattform, um sich gegen die aktuelle US-Regierung zu positionieren — was ihm einen Boykottaufruf Trumps gegenüber seinen Fans eingebracht hatte. McCartney hingegen wählt einen eher vermittelnden Ansatz: Er zeigt auf, was Musik im günstigsten Fall vermag, ohne direkte politische Konfrontation zu suchen.
Neues Album und intime Auftritte in Los Angeles
Die Podcast-Auftritte dienen McCartney auch als Bühne für sein kommendes Soloalbum. „The Boys of Dungeon Lane“ erscheint am 29. Mai 2026 über Capitol Records und ist sein erstes Soloprojekt seit dem pandemiebedingten Heimstudio-Album „McCartney III“ aus dem Jahr 2020. Produziert hat es Andrew Watt, der zuletzt auch mit den Rolling Stones an deren Album „Hackney Diamonds“ gearbeitet hatte. In fünfjährigen Aufnahmesessions, aufgeteilt zwischen Los Angeles und McCartneys Studio in East Sussex, entstand ein Werk, das er selbst als sein bislang persönlichstes bezeichnet. Die 14 Tracks kreisen um Kindheitserinnerungen in Liverpool, um die Straßen und Jungs seiner Herkunft — Dungeon Lane ist ein realer Weg im Stadtteil Speke, der einst zu McCartneys Streifzügen gehörte. Gleichzeitig wollte McCartney klanglich nicht in alte Muster zurückfallen. Er und Watt hätten sich bewusst dagegen gesperrt, einfach das Vertraute zu wiederholen — das Ziel war, etwas anderes zu machen.
Die Leadsingles „Days We Left Behind“ und „Home to Us“ — letzterer ein Duett mit Ringo Starr, dem ersten gemeinsamen Gesangsstück der beiden überhaupt — wurden bereits veröffentlicht und fanden breites Echo. Am 5. Mai lud McCartney zu einem Listening-Event in den Abbey Road Studios ein. Im März spielte er zwei intime Konzerte im rund 1.200 Plätze fassenden Fonda Theatre in Hollywood — seine ersten Auftritte seit dem Ende seiner ausgedehnten Tournee im November 2025. Am 16. Mai wird er zudem als musikalischer Gast im Saisonfinale von Saturday Night Live auftreten.
Eine Stimme, die nicht verstummt
Mit 83 Jahren ist Paul McCartney weit davon entfernt, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Ob auf der Bühne, im Podcast-Gespräch oder mit neuem Songmaterial — er meldet sich zu Wort, wenn ihm etwas am Herzen liegt. Dass er dabei keinen Unterschied macht zwischen dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen, zwischen Nostalgie und Zeitkommentar, macht seine Aussagen so wirkungsvoll. Ein Song, der ein Publikum zum gemeinsamen Singen bringt, mag keine Wahl entscheiden — aber er erinnert daran, was möglich ist, wenn Menschen kurz innehalten und aufhören, sich zu bekämpfen.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Variety, Consequence of Sound, Ultimate Classic Rock, Billboard, Salon, Wikipedia, The Rest Is Entertainment Podcast
All articles on Xenopolias are available in all common languages.