
Cannes, 17. Mai 2026. Beim 79. Filmfestival an der Côte d’Azur sprach die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett, 57, im Rahmen einer öffentlichen Gesprächsrunde mit Moderator Didier Allouch über ein Thema, das die Filmbranche seit fast einem Jahrzehnt begleitet – und das nach ihrer Einschätzung längst nicht gelöst ist: den Stand der MeToo-Bewegung. Ihre Diagnose fiel knapp und klar aus. Die Bewegung, die 2017 eine weltweite Debatte über Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe ausgelöst hatte, sei sehr rasch beendet worden. Das sei durchaus bemerkenswert, so Blanchett.
Eine Bewegung, die nicht überleben durfte
Blanchett stellte in Cannes eine Frage, die sie offenbar seit Jahren beschäftigt: Warum wird eine Bewegung zum Schweigen gebracht, in der Menschen mit gesellschaftlicher Sichtbarkeit öffentlich berichten, was ihnen widerfahren ist – und in der gleichzeitig die so genannte durchschnittliche Frau auf der Straße einstimmt und dasselbe sagt? Ihre Antwort liegt in dem, was MeToo freigelegt hat: ein strukturelles Muster des Missbrauchs, das nicht auf die Filmbranche beschränkt ist, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen und Berufsfeldern existiert. Wer dieses Muster nicht benenne, könne es nicht lösen. Wer die Debatte schließe, verhindere jeden Fortschritt. Es sei kein Zeichen von Stärke, ein Problem zu ignorieren – es sei die verlässlichste Methode, sicherzustellen, dass es bestehen bleibt.
Alltag auf dem Filmset: Zählen statt Gleichstellen
Blanchett ergänzte ihre grundsätzliche Einschätzung mit einem sehr konkreten Bild aus ihrer täglichen Arbeit. Noch immer zähle sie jeden Morgen am Set, wer anwesend sei – und das Ergebnis sei noch immer dasselbe: rund zehn Frauen stehen rund 75 Männern gegenüber. Sie betonte, sie möge Männer. Aber was in einem solchen Umfeld passiere, sei vorhersehbar: die Witze würden die gleichen, die Atmosphäre homogen, man müsse sich innerlich leicht wappnen. Nicht aus Feindseligkeit, sondern weil es einfach immer dasselbe sei. Das werde irgendwann schlicht langweilig – für alle Beteiligten – und habe nach ihrer Einschätzung letztlich auch Auswirkungen auf die Qualität der Arbeit, die in einem solchen Umfeld entsteht.
Damit steht Blanchett in Cannes nicht allein. Julianne Moore, die für ihre Hauptrolle in Still Alice mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, schilderte in einem separaten Gespräch beim Kering Women in Motion Talk eine ähnliche Erfahrung: Sie erinnere sich an Drehs, bei denen sie und eine Kameraassistentin die einzigen Frauen weit und breit gewesen seien.
2018 und 2026: Ein Vergleich mit ernüchterndem Ergebnis
Blanchetts aktuelles Statement ist nicht losgelöst von ihrer persönlichen Geschichte mit dem Thema. 2018, auf dem Höhepunkt der MeToo-Bewegung, war sie Jury-Präsidentin in Cannes und führte einen Frauenmarsch auf den Stufen des Palais des Festivals an. Die Zahl 82 – die Anzahl der Frauen, die an diesem Marsch teilnahmen – war damals kein Zufall: Sie entsprach der Gesamtzahl weiblicher Regisseure, die bis dahin in der Geschichte des Festivals im Wettbewerb vertreten gewesen waren, verglichen mit 1.866 männlichen Regisseuren im selben Zeitraum. Frauen seien keine Minderheit auf der Welt, hatte sie damals betont – das Bild, das die Filmbranche von sich zeichne, erzähle allerdings eine andere Geschichte.
Knapp acht Jahre später klingt ihre Bilanz nicht nach einem Fortschrittsbericht. Die strukturelle Schieflage, über die sie damals sprach, ist aus ihrer Sicht weiterhin sichtbar – jeden Morgen, wenn sie die Köpfe auf dem Set zählt.
Lichtblicke und Grenzen: Das Versprechen der Festivalchefs
Blanchett zeigte sich nicht ohne Hoffnung. Sie begrüße, dass die Leitungen der großen Filmfestivals der Welt eine formelle Selbstverpflichtung unterzeichnet hätten, die Repräsentation von Frauen zu erhöhen. Wenn die Stimmen, die ein Festival prägen, immer dieselben seien, werde das Programm gleichförmig und letztlich auch für das Publikum weniger bereichernd. Es brauche Vielfalt – nicht als moralische Pflichtübung, sondern weil sie die Qualität der Kunst beeinflusse. Dennoch machte sie deutlich: Zusagen seien ein Anfang, kein Abschluss. Mehr müsse getan werden.
KI, Einwilligung und die Frage der Kontrolle
In derselben Gesprächsrunde äußerte sich Blanchett auch zur Debatte über Künstliche Intelligenz im Filmbereich. Sie hat gemeinsam mit anderen RSL Media mitgegründet, eine gemeinnützige Initiative, die Systeme entwickelt, die sicherstellen sollen, dass KI-Nutzung von menschlicher Einwilligung abhängt. Menschliche Zustimmung müsse im Mittelpunkt stehen, damit Innovation und menschliches Schaffen nebeneinander existieren könnten. Sie erkenne die Unausweichlichkeit der KI an – aber jedes mächtige Werkzeug erfordere Respekt und Vorsicht im Umgang. Den Gedanken, dass KI menschliche Schauspielerinnen und Schauspieler gänzlich ersetzen könnte, wies sie zurück – vor allem, weil sie dahinter kein künstlerisches Ziel, sondern ein wirtschaftliches Kalkül vermutet: Es sei billiger.
Politik und Festivals: Ein trauriger Befund
Blanchett äußerte sich in Cannes auch zu den politischen Dimensionen, die das Festival zunehmend prägen. Sie sei für ihren öffentlichen Einsatz zum Thema Palästina von Festivalbesuchern angesprochen worden, berichtete sie – und reagierte mit einem Satz, der die Situation präzise zusammenfasste: Es sei ein trauriger Zustand, wenn Filmfestivals zu den wenigen Orten würden, an denen noch öffentlich über Kriege, Konflikte und Massenverbrechen gesprochen werden könne – so als ob solche Orte diese Probleme lösen könnten. Es sei wichtig, diese Themen im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Sie wünsche sich nur, dass Parlamente weltweit ehrlicher arbeiteten und tatsächlich auf Lösungen hinarbeiteten.
Nebenbei wurde bekannt, dass Blanchett demnächst mit Regisseur Brady Corbet an einem neuen Filmprojekt arbeiten wird.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Variety, Deadline, Rolling Stone, Screen Daily, Just Jared, The News, Yahoo Entertainment
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