Am 15. Mai 2026 erschien Drake alias Aubrey Graham, 39, mit einem Schlag gleich drei Alben: Iceman, das R&B-lastige Habibti und die Tanzplatte Maid of Honour, alle um Mitternacht veröffentlicht, nach einem groß inszenierten Livestream-Event in seiner Heimatstadt Toronto. Insgesamt umfasst das Paket 43 Songs. Das Medienecho fokussierte sich jedoch nahezu ausschließlich auf Iceman – nicht wegen seiner musikalischen Qualitäten, sondern wegen seiner Funktion als klingende Feindesliste. Selten hat ein Rapper auf einem Album so viele Schüsse in so viele Richtungen gleichzeitig abgefeuert.
Das Vorspiel: Zwei Jahre nach Kendrick Lamar
Um zu verstehen, was Iceman antreibt, muss man 2024 bemühen. Der Schlagabtausch zwischen Drake und Kendrick Lamar war der meistdiskutierte Rap-Beef der jüngeren Geschichte. Lamar veröffentlichte mit Not Like Us einen Diss-Track, der zum viralen Kulturphänomen wurde, beim Super Bowl-Halbzeitshow performt wurde und ihm fünf Grammy Awards einbrachte – darunter Song und Record of the Year. Drake zog juristisch nach und reichte Klage gegen seinen eigenen Mutterkonzern Universal Music Group sowie dessen Chef Lucian Grainge ein mit der Behauptung, UMG habe die Verbreitung des Tracks aktiv gefördert und seinem Ruf geschadet. Die Klage wurde zwischenzeitlich zurückgezogen, ohne Einigung. Das öffentliche Image Drakes hatte dennoch gelitten. Iceman ist die musikalische Antwort auf diese zwei Jahre.
Kendrick Lamar: Das Zentrum der Wut
Kein Schatten liegt so schwer über dem Album wie der Lamars. Auf mehreren Tracks versucht Drake, die Deutungshoheit über die Auseinandersetzung zurückzugewinnen. Er stellt Lamars Erfolg als aufgebläht und fremdmotiviert dar – von weißen Schuldgefühlen getragen, nicht von echter Qualität. Er behauptet, sich an keine einzige Zeile von Lamars Texten erinnern zu können und bezweifelt öffentlich, welches Jahr der Konkurrent überhaupt einen relevanten Moment in der Musik hatte. Die Angriffe sind kreativ, aber auch das Eingeständnis, dass Lamar unter die Haut gegangen ist – sonst bräuchte man sich nicht so ausdauernd mit ihm zu befassen.
LeBron James: Verrat aus dem Freundeskreis
Zu den überraschendsten Zielen des Albums gehört LeBron James, der NBA-Star der Los Angeles Lakers. Drake und James galten jahrelang als enge Freunde, der Rapper saß regelmäßig courtside bei Lakers-Spielen. Der Bruch erfolgte 2024: James besuchte Lamars Konzertveranstaltung The Pop Out im Kia Forum in Los Angeles und war dabei zu sehen, wie er sichtlich gut gelaunt zu Not Like Us mitging – jenem Diss-Track also, der explizit gegen Drake gerichtet war. In Drakes Augen war das eine öffentliche Loyalitätserklärung für die andere Seite.
Auf Make Them Remember geht Drake nun direkt auf James ein und rechnet ihm vor, seine gesamte NBA-Karriere auf Teamwechseln aufgebaut zu haben – von Cleveland nach Miami, zurück nach Cleveland, weiter nach Los Angeles. Der Angriff ist doppeldeutig: einerseits auf James‘ Karriereentscheidungen gemünzt, andererseits als Vorwurf der Unzuverlässigkeit in persönlichen Beziehungen. Zudem spielt Drake auf James‘ Trikotnummer 23 an und zieht Vergleiche über Herkunft und Authentizität. James hatte sich nach dem Konzertbesuch öffentlich geäußert und betont, es gebe keinen echten Hass zwischen ihnen, nur eine räumliche Entfernung. Drake nimmt das auf dem Album erkennbar nicht so gelassen.
A$AP Rocky: Alte Rivalitäten, neue Texte
Die Spannungen zwischen Drake und A$AP Rocky haben eine längere Vorgeschichte, die sich um Rihanna dreht. Bevor Rocky und Rihanna ihr gemeinsames Leben aufbauten und drei Kinder bekamen, gab es zwischen Drake und Rihanna eine komplizierte Geschichte. Rocky selbst hatte sich im Frühjahr 2026 öffentlich zu der Situation geäußert: Man sei früher befreundet gewesen, das sei vorbei, und er mache keinen Hehl daraus, dass ihn Drake nicht mehr interessiere – ausgelöst, wie er sagte, durch Frauenangelegenheiten. Drake reagiert auf Iceman gleich auf mehreren Tracks. Er mokiert sich über Rockys Fokus auf Mode und Außenwirkung, und auf Firm Friends wird er noch direkter, indem er Rockys vermeintlich ausbleibende Unterstützung für eigene Musik thematisiert.
Jay-Z, J. Cole, Pharrell und weitere: Die ehemaligen Allianz
Bemerkenswert ist die Breite der angegriffenen Personen, die einst als Verbündete oder respektierte Größen galten. Jay-Z wird auf Janice STFU und Whisper My Name ins Visier genommen – Drake lässt durchblicken, dass er von der älteren Generation keine Lektionen mehr entgegennehmen müsse und dass er lieber eine sechsstellige Geldsumme annehmen würde als ein Abendessen mit dem Roc-Nation-Gründer. Der Subtext: Jay-Z habe ihn während des Beef-Jahres im Stich gelassen. J. Cole, mit dem Drake über Jahre hinweg befreundet war und der sich während des Lamar-Konflikts letztlich aus der Auseinandersetzung zurückzog, bekommt ebenfalls seine Zeilen. Pharrell Williams, Pusha T, Travis Scott, Rick Ross, DJ Khaled und Mustard finden sich ebenfalls in den Texten wieder – teils als verräterische frühere Partner, teils als gleichgültig gewordene einstige Gefährten.
Playboi Carti wird auf Whisper My Name adressiert: Carti hatte 2024 eine Feature-Anfrage Drakes abgelehnt und sich damit indirekt auf die Seite Lamars gestellt. DJ Khaled, langjähriger Kollaborateur, scheint auf Make Them Pay angesprochen zu werden. DeMar DeRozan, ehemaliger Toronto-Raptor und alter Bekannter, sowie weitere NBA-Figuren tauchen ebenfalls auf.
Ein Werk als Zeitdokument des Misstrauens
Iceman ist das wütendste Album, das Drake je veröffentlicht hat. Es ist auch das persönlichste – und möglicherweise das aufschlussreichste. Was es dokumentiert, ist eine Landschaft aus gebrochenen Freundschaften, empfundenen Verrätern und der schwer verdaulichen Erfahrung, einen öffentlichen Kampf verloren zu haben. Die Frage ist, ob ein solches Album im Jahr 2026 noch Wirkung entfalten kann. Kendrick Lamar hat den Grammy eingesackt, die Super Bowl-Bühne bespielt und das Erzählen der Geschichte längst in die Hand genommen. Wer nach zwei Jahren Wut-Inkubation ein Album mit dieser Gemengelage veröffentlicht, riskiert, vor allem den eigenen Schmerz zu exponieren. Was als Abrechnung gedacht ist, wirkt in Teilen wie ein Bestandsprotokoll der Verluste.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone, Billboard, TMZ, Consequence, NOW Toronto, Just Jared, Heavy.com, Art Threat, MusiCulture
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