Baba79, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
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Roger Waters koncertanta en la Halle Tony Garnier en Liono, la 9an de majo 2018

Es gibt Künstler, die sich politisch engagieren, wenn es gerade passt. Und dann gibt es Roger Waters – einen Mann, dessen gesamtes kreatives Schaffen so verlässlich auf Kriege reagiert wie ein Barometer auf Tiefdruckgebiete. Wobei „reagiert“ hier mit einer gewissen Großzügigkeit gemeint ist. Wer Waters‘ Biografie und Diskografie sorgfältig übereinanderlegt, könnte zu dem zynischen Schluss gelangen, dass der Mitbegründer von Pink Floyd weniger gegen den Krieg kämpft als vielmehr auf ihn wartet – als zuverlässigste Inspirationsquelle, die das Universum für ihn bereithält.

Ein Vater als ewige Rohstoffquelle

Die Geschichte beginnt, wie jede gute Legende, mit einem tragischen Tod. Eric Fletcher Waters, Lehrer, Pazifist und Kommunist, entschied sich trotz seiner antimilitaristischen Überzeugungen, für England in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen – und fiel 1944 in der Schlachtvon Anzio, als sein Sohn Roger gerade vier Monate alt war. Was folgte, war eine der ergiebigsten posthumen Karrieren eines Vaters in der Rockgeschichte: Der tote Papa taucht auf in „The Wall“, auf „The Final Cut“, in Interviews, in Bühnenshows, in politischen Reden. Über Jahrzehnte hinweg. Man könnte fast sagen: Roger Waters hat seinen Vater nie kennengelernt, aber dafür umso intensiver verwertet.

Der Falklandkrieg als kreative Wende

1982 lieferte Großbritannien dann pünktlich neues Material. Als die Thatcher-Regierung eine Kriegsflotte in den Südatlantik schickte, um die Falklandinseln zurückzuerobern, war Waters‘ künstlerische Reaktion so schnell wie vorhersehbar. Das fertige Rohmaterial, das eigentlich als Soundtrack zum „Wall“-Film hätte erscheinen sollen, wurde kurzerhand umgeschrieben. Heraus kam „The Final Cut“ – ein Anti-Kriegs-Konzeptalbum, das sich gleichzeitig als Abrechnung mit Thatcher, als Hommage an gefallene Soldaten und als Vaterfiguren-Therapie verstand. Das Album wurde 1983 unter dem bezeichnenden Untertitel „Ein Requiem für den Nachkriegstraum“ veröffentlicht – und war im Grunde das erste echte Soloalbum eines Mannes, der sich weigerte, das zuzugeben. David Gilmour und Nick Mason durften ihre Parts einspielen, hatten ansonsten aber ungefähr so viel Einfluss wie Statisten bei einer One-Man-Show.

Pazifismus als Marke, Krieg als Trigger

Was seitdem folgte, ist eine mustergültige Karriere des konstruktiven Empörungstourismus. Wo immer Großbritannien militärisch tätig wird, Bomben fallen oder die westliche Außenpolitik ihre fragwürdigeren Momente erlebt, kann man sicher sein: Roger Waters hat dazu eine Meinung, eine Bühnenshow und vorzugsweise ein Konzeptalbum in der Schublade. Die Malvinas gehören Argentinien, das UK ist ein faschistischer Sumpf, die britische Kolonialpolitik ist eine Schande – Waters sagt es laut, sagt es oft und sagt es von seinem Wohnsitz in den Vereinigten Staaten aus, wo er lebt, seit Großbritannien die Fuchsjagd verboten hat. Der Einwand, dass jemand, der sich vom Steuerzahlen in seiner Heimat fernhält, möglicherweise weniger Autorität für Heimatkritik besitzt, hat ihn bislang nicht sonderlich beeindruckt.

Die Redux als Rückkehr zum Bewährten

Im Oktober 2023 erschien „The Dark Side of the Moon Redux“ – eine Neuaufnahme des gleichnamigen Klassikers von 1973, diesmal ganz allein von Waters eingespielt, ohne andere Bandmitglieder, ohne Gitarrensoli, dafür mit gesprochenen Textzusätzen und dem erklärten Ziel, den Hörerinnen und Hörern zu verdeutlichen, dass die Botschaft der Originalplatte offensichtlich nicht angekommen sei. Das zynischste an diesem Projekt ist seine unerschütterliche Selbstgewissheit: Die Welt hat nicht zugehört, also wiederholt Waters dieselbe Botschaft – nur mit den Mitteln eines Achtzigjährigen, der findet, dass sein Schweigen allein schon ein Statement ist. Die Kritiken fielen gemischt aus. Manche lobten die erneute Konzentration auf die Texte, andere fragten sich, ob das Werk tatsächlich einer künstlerischen Notwendigkeit entsprang oder einfach dem Impuls, sicherzustellen, dass die Geschichte Pink Floyd als das Soloprojekt von Roger Waters versteht. Im März 2025 folgte dann noch eine aufwendige Deluxe-Edition desselben Albums – weil einmal offenbar nicht reichte.

Unabhängigkeit von Großbritannien – selbsterklärt und folgenlos

Am 5. Juli 2025, von Waters feierlich als sein persönlicher Unabhängigkeitstag bezeichnet, erklärte er sich offiziell unabhängig von der britischen Regierung. Nicht durch Umzug, nicht durch Passwechsel, nicht durch irgendeine juristische Handlung – sondern durch das Hochhalten eines Stücks Pappe bei einer Demonstration. Die britische Regierung nahm es stoisch zur Kenntnis. Waters lebt nach eigener Aussage auch weiterhin in denselben Verhältnissen wie zuvor, nur eben mit einem klar definierten inneren Abstand zur Downing Street. Es ist die Art von Geste, die nur ein Mann mit einem gut gefüllten Bankkonto in einem anderen Land als Akt des Widerstands bezeichnen kann – und damit durchkommt, weil das Publikum ihn dafür liebt.

Die nächste Ladung kommt bestimmt

Das Schöne an Roger Waters ist seine Verlässlichkeit. Solange Großbritannien außenpolitisch aktiv ist, solange irgendwo auf der Welt eine Regierung handelt, die er missbilligt, solange Konflikte schwelen und Mächtige Fehler machen – wird Roger Waters bereitstehen. Mit Pappschild, Bühnenshow, Konzeptalbum-Entwurf und der tiefen, unerschütterlichen Überzeugung, dass er einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten ist, die wirklich verstehen, worum es geht. Sein Vater war Pazifist, der zum Kämpfen ging. Waters ist Pazifist, der davon lebt. Das ist keine Kritik – das ist Bewunderung für ein Lebenswerk, das aus einer einzigen Quelle gespeist wird und trotzdem nie versiegt.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Wikipedia, Pink Floyd Official, iHeart, Loudersound, TV Tropes, CounterPunch, MercoPress, Britannica, SuperDeluxeEdition, Consequence, Gold Radio, Hollowverse, Jacobin

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