
Am 8. Dezember 1980 empfingen John Lennon und Yoko Ono in ihrer Wohnung im New Yorker Dakota-Gebäude ein kleines Radioteam des Senders KFRC aus San Francisco. Anlass war die Veröffentlichung des gemeinsamen Albums „Double Fantasy“ – Lennons erstes Studiowerk seit fünf Jahren. Was folgte, war ein ungewöhnlich offenes, fast drei Stunden langes Gespräch über Musik, Vaterschaft, Liebe, Politik und die Zukunft. Wenige Stunden später wurde Lennon vor dem Eingang seines Hauses erschossen. Das Tonband, das an jenem Nachmittag mitlief, blieb jahrzehntelang weitgehend unter Verschluss – bis der Regisseur Steven Soderbergh die Gelegenheit bekam, daraus einen Kinofilm zu machen.
Wie Soderbergh zu dem Projekt kam
Der Produzent Michael Sugar wandte sich im Herbst 2023 an Soderbergh mit dem Hinweis auf die Existenz dieser Aufnahme. Soderbergh, der sich nach eigenen Angaben zwar an den Abend von Lennons Ermordung erinnerte – er erfuhr davon beim Zuschauen eines Monday-Night-Football-Spiels – hatte von dem Interview selbst bis dahin nichts gewusst. Nach dem ersten Anhören ließ er keinerlei Zweifel daran, dass er den Film machen wollte. Die tonale Qualität des Audiomaterials erwies sich als überraschend gut, der Inhalt als außergewöhnlich persönlich und vielschichtig. In enger Zusammenarbeit mit Produzentin Nancy Saslow wurde das Rohmaterial auf eine kinoreife Länge von knapp 100 Minuten verdichtet.
Was das Gespräch verrät: Liebe als Antrieb
Für Soderbergh war das Bemerkenswerteste an den Aufnahmen nicht eine einzelne Aussage, sondern das, was sich als roter Faden durch das gesamte Gespräch zieht: Alles in Lennons Leben war letztlich von Liebe motiviert – zunächst die Liebe zur eigenen Kunst, später die Liebe zu Yoko Ono, und schließlich die tiefe Zuneigung zu seinem Sohn Sean. Die Jahre zwischen Seans Geburt 1975 und dem Tag des Interviews beschrieb Lennon als die glücklichsten seines Lebens. Soderbergh betonte in Gesprächen rund um die Cannes-Premiere, dass Lennons politische Haltung und sein Aufbegehren gegen gesellschaftliche Missstände nie aus Hass oder Destruktivität gespeist wurden, sondern aus einem genuinen Impuls der Zuwendung heraus entstanden – er war laut, weil er sich sorgte, nicht weil er verurteilte. Diese Qualität, so Soderbergh, mache Lennons Stimme auch für jüngere Generationen relevant, die Authentizität und Integrität suchen.
Das Gespräch selbst: Offen, persönlich, philosophisch
Die Unterhaltung in der Lennon-Wohnung bewegte sich weit jenseits bloßer Albumpromotion. Lennon und Ono sprachen über die Trennung und Wiederannäherung in ihrer Beziehung, über Lennons berüchtigtes „Lost Weekend“ Anfang der siebziger Jahre und über seine damalige Rückkehr. Sie reflektierten die gesellschaftlichen Veränderungen zwischen den Geschlechtern, die Gefahren exzessiver Medienkonsumption und die Haltung, die sie als Eltern einnahmen, um ihrem Sohn ein möglichst normales Aufwachsen zu ermöglichen. Lennon äußerte die Hoffnung, dass „Double Fantasy“ erst der Anfang einer neuen kreativen Phase sein würde. Die Journalist:innen, die das Gespräch führten, berichten noch heute mit spürbarer Bewegtheit davon, wie offen und lebendig Lennon an jenem Nachmittag war.
Die filmische Herausforderung: Aus Audio wird Kino
Die zentrale künstlerische Hürde des Projekts war offensichtlich: Ein Radiointerviewmitschnitt ohne Bildmaterial sollte zu einem abendfüllenden Kinofilm werden. Soderbergh löste das Problem vorrangig über Archivmaterial. In Zusammenarbeit mit dem Lennon-Nachlass wurden mehr als tausend Fotografien gesichtet und ausgewählt – viele davon bisher unveröffentlicht – die Lennons Privatleben, seine Zeit mit der Familie und sein künstlerisches Schaffen dokumentieren. Der Film feierte seine Weltpremiere als Special Screening bei den Filmfestspielen in Cannes 2026.
KI als kreatives Werkzeug: Kontroverse um zehn Prozent
Für rund zehn Prozent der Filmlaufzeit griff Soderbergh auf KI-generierte Bildwelten zurück – unterstützt von Meta als Technologiepartner. Diese Passagen entstanden überall dort, wo Lennon und Ono in abstrakte, philosophische Gedankenwelten abglitten, die sich konventionellem Archivmaterial entzogen. Soderbergh bezeichnete den Ansatz als „thematischen Surrealismus“ – Bilder, die keinen wörtlichen Bezug zum Gesagten herstellen, sondern in einem assoziativen, traumhaften Raum operieren. Gleichzeitig machte er deutlich, dass KI als Werkzeug seiner Meinung nach einer sehr engen menschlichen Kontrolle bedürfe. Die Verwendung dieser Technik löste unter Filmkritikern und Festivalbesuchern kontroverse Reaktionen aus: Während einige die ästhetische Wahl als legitimes kreatives Mittel verteidigten, empfanden andere die generierten Bilder als stilistischen Fremdkörper, der dem Ernst des Themas nicht angemessen sei.
Transparenz als Prinzip
Soderbergh betonte öffentlich die Bedeutung von Offenheit im Umgang mit KI-Technologie in künstlerischen Arbeiten. Für ihn ist entscheidend, dass KI niemals dazu benutzt wird, einer historischen Persönlichkeit Aussagen in den Mund zu legen, die sie nicht gemacht hat. In seinem Film sei das zu keinem Zeitpunkt der Fall – Lennon spreche stets für sich selbst, die KI-Bilder illustrierten lediglich und ergänzten, ohne je zu verfälschen. Für sein nächstes Projekt, einen Spielfilm über den Spanisch-Amerikanischen Krieg mit dem Schauspieler Wagner Moura, plant Soderbergh nach eigenen Angaben einen noch deutlich umfangreicheren Einsatz von KI-gestützter Bildgestaltung.
Ein Dokument der Nachwirkung
Was „John Lennon: The Last Interview“ letztlich leistet, ungeachtet aller Diskussionen über Ästhetik und Technologie, ist die Vergegenwärtigung einer Stimme, die an jenem Dezembertag 1980 in die Zukunft blickte – und sie nicht mehr erleben sollte. Der Film zeigt einen Lennon auf dem Höhepunkt seiner persönlichen Reife, voller Pläne, voller Zuversicht, voller Liebe. Dass diese Aufnahmen der Öffentlichkeit nun erstmals vollständig zugänglich gemacht werden, ist ein singuläres Zeitdokument – und ein später, stiller Beweis dafür, dass Lennons Botschaft nicht mit ihm starb.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone, Deadline, Variety, The Hollywood Reporter, IndieWire, PetaPixel, Micropsia, Letterboxd
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