
Am 24. Mai 2026 steht im Deutschen Bank Park in Frankfurt ein Konzertabend an, der metalltypisch laut und imposant werden dürfte – und gleichzeitig mehr Gesprächsstoff liefert als reine Musik. Metallica gastieren im Rahmen ihrer M72 World Tour gleich zweimal in Frankfurt, und für den zweiten Abend haben sie sich Pantera als Supportband an die Seite geholt. Die Wiedervereinigung von Pantera hat die Metal-Welt seit ihrer Rückkehr gespalten, und der Grund dafür hat einen Namen: Phil Anselmo.
Der Skandal von 2016: Was damals geschah
Am 22. Januar 2016 fand in Hollywood die jährliche Dimebash statt, ein Tribute-Event zu Ehren des 2004 verstorbenen Pantera-Gitarristen Dimebag Darrell. Am Ende einer Performance des Pantera-Klassikers Walk streckte Phil Anselmo den rechten Arm zum Hitlergruß aus und rief einen rassistischen Schlachtruf in die Menge. Der Moment wurde von einem Zuschauer gefilmt und verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit in der gesamten Metalszene.
Widersprüchliche Reaktionen und eine verspätete Entschuldigung
Anselmos erste Reaktion auf die Kritikwelle war alles andere als einsichtig. Er versuchte den Vorfall als harmlosen Insider-Witz abzutun und erklärte, man habe backstage Weißwein getrunken, der Ausruf sei darauf bezogen gewesen. Musikerkollegen widersprachen dieser Darstellung umgehend. Robb Flynn von Machine Head, der an diesem Abend selbst auf der Bühne stand, machte in einem ausführlichen Video öffentlich, dass es an jenem Abend keinen Weißwein im Backstage-Bereich gegeben habe. Eine Flasche, die Anselmo auf einem Foto als Beweis ins Feld führte, zeigte demnach tatsächlich Wodka. Flynn nutzte die Gelegenheit, um grundsätzlich auf das Problem des Rassismus in der Metalszene hinzuweisen. Auch andere Bandmitglieder und Künstler wie All Shall Perish und Darkest Hour äußerten sich scharf kritisch.
Anselmo legte schließlich eine ernsthafte Entschuldigung nach, räumte ein, die Kritik verdient zu haben und entschuldigte sich aufrichtig bei allen, die Anstoß an seinem Verhalten genommen hatten. In späteren Interviews, unter anderem gegenüber dem Metal Hammer, bekräftigte er, er habe mit seiner Aktion keinerlei politische Aussage treffen wollen und sehe sich als jemanden, der jeden Menschen als Individuum akzeptiere.
Eine Vorgeschichte, die nicht vergessen wird
Der Dimebash-Vorfall war nicht der erste Moment, der Zweifel an Anselmos Haltung weckte. Bereits in den 1990er Jahren machte er bei Konzerten Aussagen, die als rassistisch eingestuft wurden. 2016, nach dem Dimebash-Eklat, wurden alle verbleibenden Europatourdaten seiner Band Down abgesagt, darunter auch ein geplanter Auftritt beim Hellfest in Frankreich. Als Pantera 2023 ihre Reunion-Tour ankündigten, reagierten zwei der größten deutschen Musikfestivals, Rock am Ring und Rock im Park, mit einer Auslage der Band aus ihrem Programm. Die Veranstalter begründeten die Entscheidung mit intensiven Gesprächen mit Künstlern, Partnern und Fans.
Metallica und das auffällige Schweigen
Bemerkenswert ist, dass Metallica zu der Diskussion rund um Anselmo bislang kein öffentliches Statement abgegeben haben. Das fällt auf, weil die Band selbst eine klare gesellschaftliche Haltung pflegt. James Hetfield wandte sich nach den Ausschreitungen in Charlottesville 2017 ausdrücklich an sein Konzertpublikum und betonte, dass bei Metallica alle willkommen seien und Unterschiede keine Rolle spielten. Die Band betreibt zudem eine eigene gemeinnützige Stiftung. Dass die Wahl des Supportacts am zweiten Frankfurter Abend nun so wenig Kommentar nach sich zieht, wird von Beobachtern und Teilen der Fangemeinschaft als widersprüchlich wahrgenommen. Metallica-Bassist Robert Trujillo war 2016 selbst beim Dimebash anwesend, als Anselmo den Arm hob.
Pantera: Eine Band, die mehr ist als ihr Frontmann
Unbestreitbar bleibt, dass Pantera musikgeschichtlich ein bedeutendes Erbe hinterlassen haben. Mit rund 40 Millionen verkauften Tonträgern zählten sie zu den einflussreichsten Metal-Acts der 1990er Jahre und prägten mit ihrem Groove-Metal-Stil ganze Generationen von Bands. Die aktuelle Reunion-Besetzung besteht neben Anselmo und Bassist Rex Brown aus Gitarrist Zakk Wylde und Schlagzeuger Charlie Benante, die an die Stelle der verstorbenen Brüder Dimebag Darrell und Vinnie Paul getreten sind.
Ein Konzertabend zwischen Faszination und Unbehagen
Der Frankfurter Abend am 24. Mai 2026 wird stattgefunden haben, wenn dieser Artikel erscheint – das Konzert war vollständig ausverkauft. Was bleibt, ist die Frage, die viele Fans, Kritiker und Teile der Musikbranche beschäftigt: Wie viel Skandalgeschichte darf oder muss man einem Musiker mitgeben, wenn er auf einer der größten Bühnen der Welt steht? Die Debatte um Phil Anselmo und Pantera wird damit nicht enden – sie ist ein Spiegel für eine Branche, die sich immer noch mit dem Umgang zwischen Kunst, Charakter und Verantwortung auseinandersetzt.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone DE, Metal Hammer, Musikexpress, Visions, Vice, FM4 ORF, Stereogum, Laut.de, Burn Your Ears, Journal Frankfurt, Deutsche Bank Park, Eventim, Ticketmaster
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