Timo Hämäläinen, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons
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Saxophonist Sonny Rollins' concert "Saxophone '72" at the Finlandia Hall in Helsinki 30.8.1972.

Die Jazzwelt trauert. Sonny Rollins, einer der bedeutendsten Saxophonisten aller Zeiten, ist am 25. Mai 2026 in seinem Zuhause in Woodstock im Bundesstaat New York im Alter von 95 Jahren gestorben. Seine Sprecherin Terri Hinte bestätigte den Tod dem Nachrichtendienst AP. Eine offizielle Todesursache wurde nicht genannt. Bekannt war jedoch, dass Rollins in den letzten Jahren zunehmend an körperlichen Beschwerden litt und kaum noch das Haus verlassen konnte. Mit ihm geht nicht nur einer der letzten lebenden Großen der Bebop-Ära, sondern ein Mensch, der dem Jazz über sieben Jahrzehnte hinweg sein Gesicht gegeben hat.

Von Harlem in die Ewigkeit – die frühen Jahre

Walter Theodore Rollins wurde im September 1930 in New York City als Sohn von Eltern aus den Amerikanischen Jungferninseln geboren und wuchs in Harlem auf. Mit sieben Jahren sah er zum ersten Mal ein Saxophon – und war sofort fasziniert. Zunächst spielte er wie sein älterer Bruder Klavier, bevor er mit 14 zum Altsaxophon wechselte und schließlich 1946 das Tenorsaxophon zu seinem eigentlichen Instrument machte. Erste Aufnahmen entstanden 1948 und 1949, als er gerade einmal 18 Jahre alt war. Schon früh zog er die Aufmerksamkeit der Besten seiner Zeit auf sich: Thelonious Monk nahm ihn in der Highschool unter seine Fittiche, Charlie Parker erkannte sein Talent, und Miles Davis sowie John Coltrane wurden zu Weggefährten. Die Musik war sein Weg aus einer schwierigen Jugend, in der er zeitweise in kriminelle Milieus abgetaucht war und Chicago aufgesucht hatte, um sich von negativen Einflüssen zu lösen.

Die Brücke – eine Legende des Jazz

Was Sonny Rollins von fast allen anderen Musikern seiner Generation unterschied, war seine kompromisslose Suche nach Perfektion – selbst auf Kosten des Ruhms. Ende der 1950er Jahre stand er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hatte bahnbrechende Alben eingespielt und galt als der herausragende Tenorsaxophonist seiner Zeit. Und dann verschwand er. Von 1959 bis Ende 1961 zog er sich vollständig aus dem Konzert- und Studiobetrieb zurück. Er gab das Rauchen auf, wurde Rosenkreuzer, begann Yoga zu praktizieren und versuchte nach eigenen Worten, das Saxophonspielen gewissermaßen von vorne zu erlernen. Da das Üben in seiner Wohnung im Erdgeschoss auf der Lower East Side die Nachbarn störte, verlegte er seine Übungssessions auf die Fußgängerbrücke der Williamsburg Bridge, wo er bisweilen bis zu 16 Stunden täglich spielte – allein, gegen den Himmel und den Wind. Die Jazzwelt rätselte, munkelte, wartete. Als Rollins 1962 zurückkehrte, nannte er sein erstes neues Album schlicht The Bridge. Die Legende war geboren.

Der Klang einer Ära – Werk und Einfluss

Über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg prägte Rollins den Jazz wie kaum ein anderer. Sein Ton war unverwechselbar: herb, eigenwillig, von scharfer melodischer Intelligenz und gleichzeitig von einem trockenen Humor durchzogen, der ihm einen ganz eigenen Platz in der Geschichte des Instruments sicherte. Er schrieb Kompositionen, die längst zum unverzichtbaren Kanon des Jazz gehören, darunter Airegin, Doxy, Oleo und St. Thomas, ein karibisch angehauchtes Stück, das seine familiären Wurzeln spiegelte. Sein Album Saxophone Colossus aus dem Jahr 1956 gilt bis heute als eines der wichtigsten Jazzalben überhaupt und gab ihm jenen Beinamen, den er für den Rest seines Lebens trug. Im selben Jahr spielte er auf Tenor Madness gemeinsam mit dem jungen John Coltrane – eine Begegnung zweier Titanen, die der Jazzgeschichte eingeschrieben ist. Rollins hörte nie auf, sich zu wandeln: Hard Bop, Free Jazz, Avantgarde, Latin Jazz, Fusion – er erkundete alle diese Formen mit derselben Neugier, die ihn schon als Teenager angetrieben hatte.

Zwischen Jazz und Rock – die Rolling Stones

Einem Millionenpublikum außerhalb der Jazzwelt wurde Rollins durch eine unerwartete Zusammenarbeit bekannt: Auf dem Rolling-Stones-Album Tattoo You aus dem Jahr 1981 ist er mit einem elegischen Saxophonsolo auf der Ballade Waiting on a Friend zu hören. Dass Mick Jagger und Keith Richards ausgerechnet Sonny Rollins für diesen Auftritt verpflichteten, war ein Ausdruck des Respekts, den die Rockwelt dem Jazzmusiker entgegenbrachte. Das Solo wurde zu einem der bekanntesten seiner späten Karriere.

Rückzug, Krankheit und innere Ruhe

Im Jahr 2015 zog sich Rollins endgültig von der Bühne zurück. Als Ursache nannte er eine Lungenerkrankung, die er sich nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 zugezogen hatte, als er in seiner New Yorker Wohnung nahe Ground Zero über Wochen hinweg giftigen Partikeln ausgesetzt war. Die letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen in Woodstock, zunehmend ans Haus gebunden, aber nach Berichten derer, die ihm nahestanden, geistig wach und in sich ruhend. Er hinterließ nach Angaben seines Umfeldes eine große Sammlung unveröffentlichter Aufnahmen – was damit geschehen soll, hatte er bewusst offengelassen. Er sei nach seinem Tod nicht mehr derjenige, der darüber bestimmen könne, sagte er einmal sinngemäß – und das sei auch gut so.

Ein spiritueller Mensch bis zuletzt

In einem Interview aus dem Jahr 2009 hatte Sonny Rollins seinen Umgang mit Vergänglichkeit in Worte gefasst, die seine Familie nun in der Todesanzeige aufgriff. Der kreative Mensch höre nicht einfach auf zu existieren, wenn sein Leben ende, so der Kern seiner Aussage damals – er sei jemand, der daran glaube, dass dieses Dasein nicht alles sei. Diese Haltung, die sein gesamtes Schaffen durchzog und ihn immer wieder zu meditativen Pausen und spirituellen Suchen geführt hatte, begleitete ihn bis zum letzten Atemzug.

Die Jazzwelt, die Musikwelt insgesamt und all jene, die je den Ton seines Tenorsaxophons gehört haben, verlieren mit Sonny Rollins einen Menschen, dessen Werk weit über seine Zeit hinausweist. Der Colossus ist gegangen. Die Musik bleibt.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Associated Press, CNN, Washington Post, NPR, Variety, ABC7 New York, Paste Magazine, Deadline, Best Classic Bands, Wikipedia, sonnyrollins.com

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