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David Bowie in promotional photo for album Tonight, 1984.

Es war der 25. Juni 2004, ein warmer Sommerabend auf dem Eichenring in Scheeßel, Niedersachsen. David Bowie stand auf der Hauptbühne des Hurricane Festivals und lieferte das, wofür er seit Jahrzehnten gefeiert wurde: einen mitreißenden, professionellen, energiegeladenen Auftritt. Es war die 112. und letzte Station der A Reality Tour, einer der längsten Welttourneen seiner gesamten Karriere. Niemand im Publikum ahnte, dass er diesen Mann nie wieder auf einer Bühne sehen würde. Bowie selbst ahnte es vermutlich auch nicht – wenngleich sein Körper schon länger Signale aussendete, die er und sein Umfeld nicht richtig zu deuten wussten.

A Reality Tour – ein Mammutprojekt kurz vor dem Ende

Die A Reality Tour begann im Oktober 2003 in Kopenhagen und führte Bowie und seine Band durch Nordamerika, Europa und zurück. Mit über hundert Konzertterminen war es eine der ambitioniertesten Touren seines Lebens. Die Begleitband war erstklassig besetzt: Gitarrist Earl Slick, der bereits in den 1970ern mit Bowie gearbeitet hatte, stand neben Gerry Leonard auf der Bühne, Bassistin und Backgroundsängerin Gail Ann Dorsey, Keyboarder Mike Garson, Schlagzeuger Sterling Campbell und Multitalent Catherine Russell komplettierten das Ensemble. Das Repertoire spannte sich über Jahrzehnte des Bowieschen Schaffens, von Ziggy Stardust bis zu Songs des aktuellen Albums Reality, das Bowie im September 2003 veröffentlicht hatte und das von Kritikern als gelungene Rückkehr zu seiner stärksten Schaffensphase gewürdigt wurde.

Prag – das erste Warnsignal

Die Tragödie bahnte sich bereits wenige Tage zuvor an. Bei einem Konzert in Prag klagte Bowie über Schmerzen in der linken Schulter und musste den Auftritt vorzeitig abbrechen. Die Diagnose lautete: eingeklemmter Nerv. Mit dieser Einschätzung – die sich später als falsch herausstellen sollte – reiste die Tour weiter. Wäre die Ursache der Schmerzen korrekt erkannt worden, hätte das Hurricane-Konzert womöglich nie stattgefunden. Stattdessen stand Bowie zwei Tage nach dem Prager Vorfall in Scheeßel auf der Bühne.

Scheeßel, 25. Juni 2004 – ein Konzert unter Schmerzen

Wer die überlieferten Aufnahmen des Hurricane-Auftritts betrachtet, sieht einen Künstler in konzentrierter, fast entspannter Form. Nichts deutet nach außen auf das hin, was sich hinter der Bühnenoberfläche abspielte. Keyboarder Mike Garson berichtete später, dass er während des Konzerts eine ungewöhnliche Anspannung gespürt habe – eine schwer zu beschreibende Wahrnehmung, dass mit seinem Spielpartner etwas nicht stimmte. Bowie selbst kämpfte während des Sets mit Brustschmerzen, hielt sie jedoch durch – unter anderem mit Schmerzmitteln, wie seine Mitstreiter im Nachhinein schilderten. Er spielte die Setlist zu Ende, der letzte Song des Abends war Ziggy Stardust. Dann verließ er die Bühne.

Der Zusammenbruch hinter der Bühne

Was danach geschah, beschrieb Gail Ann Dorsey in einem späteren Interview erschütternd nüchtern. Sie sei hinter Bowie die Stufen von der Bühne hinuntergegangen, und als beide unten angekommen seien, sei er in sich zusammengesackt – vollständig erschöpft und schwer krank. Er wurde sofort in ein Hamburger Krankenhaus gebracht. Dort, im damaligen Allgemeinen Krankenhaus St. Georg, stellten die Ärzte fest, was tatsächlich vorlag: eine akut verstopfte Herzarterie. Eine Notoperation war unumgänglich. Bowie erhielt einen Stent. Erst auf der Intensivstation wurde ihm klar, wie nahe er dem Tod gewesen war.

Das Ende der Tour – und das Ende einer Ära

Am 30. Juni 2004 wurden alle verbleibenden Konzerttermine der A Reality Tour offiziell abgesagt. Die geplante Fortsetzung durch weitere europäische Städte, darunter ein geplanter Auftritt beim Schwesterfestival Southside, fand nicht mehr statt. David Bowie zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Was folgte, waren vereinzelte Gastauftritte ohne eigenen Tourneerahmen: Er gesellte sich 2005 zu Arcade Fire auf die Bühne, trat bei einem Konzert von David Gilmour auf und zeigte sich 2007 als Kurator des Highline-Festivals in New York. Ein reguläres Konzert hat er jedoch nie wieder gegeben.

Das Comeback ohne Bühne – The Next Day und Blackstar

Nach fast zehn Jahren Stille veröffentlichte Bowie im März 2013 völlig überraschend und ohne Vorankündigung das Album The Next Day – ein künstlerisch hochgelobtes Werk, das seine kreativen Fähigkeiten als ungebrochen erwies. Seinem Produzenten Tony Visconti vertraute er jedoch an, dass er zur Platte nicht touren werde. Es war eine bewusste Entscheidung, kein Zugeständnis. Am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag, erschien mit Blackstar sein letztes Album – dunkel, visionär, von einer fast prophetischen Qualität. Zwei Tage später, am 10. Januar 2016, starb David Bowie in New York an den Folgen eines Leberkrebsleidens, das er über mehr als ein Jahr öffentlich verborgen gehalten hatte.

Scheeßel als stiller Ort der Musikgeschichte

Das Hurricane Festival in Scheeßel ist seitdem unwillentlich Teil der Rockgeschichte. Was im Sommer 2004 wie ein weiterer Tourtermin in einer langen Reihe wirkte, ist im Rückblick der Abschluss einer Ära. Kein Abschied, kein Vorhang, keine Abschlusstournee – nur ein letzter Song namens Ziggy Stardust, der Klang des Publikums und ein Künstler, der die Treppe hinuntergeht und nicht mehr zurückkommt.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone Deutschland, Musikexpress, Wikipedia, Ultimate Classic Rock, The Bowie Bible, Abendzeitung München, Bowie Bible

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