
Ein Fall, der die Welt der Prognosemärkte und der Tech-Branche gleichzeitig erschüttert, beschäftigt seit Ende Mai 2026 die US-Bundesjustiz. Michele Spagnuolo, ein 36-jähriger Italiener mit Wohnsitz in der Schweiz, der seit über zwölf Jahren als leitender Informationssicherheitsingenieur bei Google tätig war, sieht sich mit schwerwiegenden Bundesanklagen konfrontiert. Das US-Justizministerium wirft ihm vor, vertrauliche Unternehmensdaten missbraucht zu haben, um auf der Krypto-Wettplattform Polymarket mehr als 1,2 Millionen US-Dollar zu erwirtschaften.
Das interne Werkzeug und die geheimen Daten
Laut der am 27. Mai 2026 beim Bundesgericht in Manhattan eingereichten und entsiegelten Anklageschrift hatte Spagnuolo Zugang zu einem unternehmensinternen Softwaretool, über das er Einsicht in Googles sogenannte „Year in Search“-Daten nehmen konnte – also die nichtöffentlichen Auswertungen der meistgesuchten Begriffe und Persönlichkeiten des Jahres. Dieses Werkzeug war zwar grundsätzlich für alle Mitarbeiter zugänglich, die darin enthaltenen Informationen jedoch streng vertraulich und nicht für die externe Nutzung bestimmt. Zwischen Oktober und Dezember 2025 soll Spagnuolo wiederholt auf diese Daten zugegriffen und die gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar – teils innerhalb weniger Stunden – für gezielte Wetten auf Polymarket genutzt haben.
Der Sänger D4vd und eine Wette mit „nahezu null Prozent“ Chance
Den spektakulärsten Teil der Anklage bildet eine Wette auf den Indie-Pop-Musiker D4vd, bürgerlicher Name David Anthony Burke. Spagnuolo soll am 27. November 2025, kurz nachdem er die internen Daten abgerufen hatte, auf D4vd als meistgesuchte Person des Jahres 2025 bei Google gesetzt haben – zu einem Zeitpunkt, als Polymarket dieser Möglichkeit nach eigenen Angaben eine Wahrscheinlichkeit von nahezu null Prozent zumaß. D4vd war zu diesem Zeitpunkt kaum im öffentlichen Bewusstsein als Spitzenkandidat für diese Auszeichnung präsent. Er geriet erst in den Fokus der Öffentlichkeit, nachdem er im Zusammenhang mit dem Tod einer 14-jährigen bekannt wurde, was ihn zu einem der meistgesuchten Namen des Jahres machte. Laut der Anklageschrift setzte Spagnuolo zunächst einen Betrag von rund 381 US-Dollar auf eine Platzierung D4vds in den Top-Suchpersonen sowie fünf Dollar auf den ersten Platz – ein scheinbar kleiner Einsatz mit gigantischem Ertrag durch die extremen Quoten. Als Google am 4. Dezember 2025 seine Jahresliste offiziell veröffentlichte und D4vd, gefolgt von Kendrick Lamar, Jimmy Kimmel, Tyler Robinson und Papst Leo XIV., an der Spitze bestätigte, löste das AlphaRaccoon-Konto seine Positionen ein.
Weitere Wetten und das Konto „AlphaRaccoon“
Spagnuolo soll auf Polymarket unter dem Nutzernamen „AlphaRaccoon“ operiert haben. Bereits im Dezember 2025 hatten unabhängige Beobachter der Plattform auf die auffällige Treffsicherheit dieses Accounts hingewiesen: 22 von 23 Wetten gingen auf. Neben der D4vd-Wette soll er unter anderem darauf gesetzt haben, dass Kendrick Lamar, Donald Trump, Papst Leo XIV. und Bianca Censori bestimmte Platzierungen erreichen oder verfehlen würden – stets in enger zeitlicher Nähe zu seinen internen Datenzugriffen. Das Gesamtvolumen seiner platzierten Wetten im Zusammenhang mit Googles Jahresranking wird in der Anklageschrift auf rund 2,75 Millionen US-Dollar beziffert. Nach der Auflösung der Märkte sollen insgesamt etwa 3,9 Millionen US-Dollar in der Kryptowährung USDC.e auf das AlphaRaccoon-Konto geflossen sein.
Geldwäsche-Vorwürfe: Verschleierung über Blockchain
Die Anklage endet nicht bei den Wetten selbst. Laut Ermittlern soll Spagnuolo am 10. Dezember 2025 rund 5 Millionen US-Dollar von seinem Polymarket-Konto in eine externe Kryptowallet transferiert haben. Die Gelder seien anschließend durch mindestens zwei Krypto-Tauschvorgänge sowie einen Dienst geleitet worden, der nach Angaben der Staatsanwaltschaft darauf ausgelegt ist, Transaktionen zu verschleiern. Teile der Mittel sollen schließlich auf einem Konto bei einem Zahlungsdienstleister in Italien gelandet sein, das auf Grundlage von Spagnuolos amtlichem Lichtbildausweis eröffnet worden war. Diese Vorgänge bilden die Grundlage des Geldwäsche-Anklagepunkts.
Drei Anklagepunkte – und bis zu 50 Jahre Höchststrafe
Die Bundesanklageschrift, unterzeichnet vom FBI-Sonderagenten Brandon Racz, wirft Spagnuolo Rohstoffbetrug, Überweisungsbetrug sowie Geldwäsche vor. Er wurde am Morgen des 27. Mai 2026 in New York festgenommen, trat vor einen Bundesrichter und wurde gegen eine Kaution von 2,25 Millionen US-Dollar auf freien Fuß gesetzt, ohne ein Schuldbekenntnis abzugeben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm in der Summe bis zu 50 Jahre Haft. Jay Clayton, der US-Staatsanwalt für den Southern District of New York, machte bei der Ankündigung deutlich, dass Insider-Handel die Integrität der Märkte untergrabe und konsequent verfolgt werde.
Googles Reaktion und die Rolle von Polymarket
Google bestätigte, dass Spagnuolo beurlaubt wurde. In einer Stellungnahme hieß es, das Unternehmen kooperiere mit den Strafverfolgungsbehörden. Man räumte ein, dass das genutzte Tool grundsätzlich allen Mitarbeitern offenstehe, betonte aber, dass die Verwendung vertraulicher Informationen für Wetten einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Unternehmensrichtlinien darstelle und entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen werde. Polymarket erklärte seinerseits, eng mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet zu haben, und bezeichnete sich als bislang einzige Prognoseplattform, deren Kooperation zu einer Insider-Handels-Anklage in den Vereinigten Staaten geführt habe. Die Plattform hatte bereits im März 2026 neue Regeln eingeführt, um derartigem Missbrauch entgegenzuwirken.
Ein wachsendes Problem für Prognosemärkte
Der Fall reiht sich in eine Serie ähnlicher Vorfälle ein, die zuletzt die Aufmerksamkeit der Bundesbehörden auf sich gezogen haben. Einen Monat zuvor war ein US-Soldat angeklagt worden, weil er sein dienstliches Vorwissen über eine Militäroperation zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro genutzt haben soll, um auf Polymarket über 400.000 US-Dollar zu gewinnen – auch er plädierte auf nicht schuldig. Beobachter sehen in diesen Fällen ein strukturelles Dilemma: Prognosemärkte leben von Informationsvorsprüngen, doch wenn diese Vorsprünge auf gestohlenem oder missbrauchtem Wissen beruhen, unterhöhlen sie das Vertrauen in die Märkte insgesamt.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: CNBC, ABC News, CBS News, NBC News, CNN, Euronews, TechCrunch, Gizmodo, CoinDesk, Fortune, Al Jazeera, NME, The Jerusalem Post, Engadget