AVRO, CC BY-SA 3.0 NL <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en>, via Wikimedia Commons
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David Bowie, shooting his video for Rebel Rebel in AVRO's TopPop (Dutch television show) in 1974

Es war ein Satz, der 1972 wie ein Erdbeben durch die Musikwelt hallte. In einem Interview mit dem britischen Musikmagazin Melody Maker, erschienen am 22. Januar 1972, erklärte David Bowie unumwunden, er sei schwul – und sei es schon immer gewesen, auch zu jener Zeit, als er noch als David Jones durch die Straßen Londons lief. Für eine Epoche, in der Homosexualität in Großbritannien erst fünf Jahre zuvor entkriminalisiert worden war und in der gesellschaftliche Akzeptanz sexueller Vielfalt noch in den Kinderschuhen steckte, war das eine Aussage von kaum zu überschätzender Tragweite.

Das Interview, das Geschichte schrieb

Journalist Michael Watts führte für den Melody Maker das Gespräch, das in die Popgeschichte eingehen sollte. Unter dem Titel Oh You Pretty Thing porträtierte er einen Musiker, der gerade dabei war, sein Erscheinungsbild und seine Kunstfigur radikal neu zu erfinden. Das Magazin war zu dieser Zeit das meistgelesene Musikblatt Großbritanniens mit einer wöchentlichen Auflage von über 200.000 Exemplaren – eine Reichweite, die der Aussage Bowies ein enormes Echo sicherte. Watts selbst beschrieb den Sänger in seinem Text als jemanden, der das Androgyne mit unverhohlener Freude zur Schau stelle. Das Bekenntnis zur eigenen Sexualität erschien dabei nicht als Zugeständnis, sondern als selbstbewusster, fast spielerischer Akt. Bemerkenswert war auch der Zeitpunkt: Bowie war zu diesem Zeitpunkt verheiratet mit Angie Bowie und Vater eines kleinen Sohnes, des späteren Filmregisseurs Duncan Jones. Dieser Widerspruch zwischen privatem Leben und öffentlichem Bekenntnis sorgte bei vielen Beobachtern für Staunen.

Ein Künstler im Wandel – und auf dem Sprung zur Legende

Das Interview erschien in jenem wichtigen Moment, als Bowie kurz vor der Veröffentlichung seines nächsten Albums stand. Wenige Monate zuvor war Hunky Dory erschienen, ein Album, das die Kritik begeisterte und musikalisch bereits andeutete, wohin die Reise führen würde. Songs wie Queen Bitch spielten offen mit schwulen Codes und der Sprache queerer Subkulturen. Im Juni 1972, nur Monate nach dem Melody-Maker-Interview, erschien dann The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars – ein Konzeptalbum rund um eine fiktive Rockstar-Figur, die Themen wie Ruhm, Exzess, Geschlechterambiguität und Andersartigkeit verhandelte. Ziggy Stardust wurde zur Kultfigur, zum Kristallisationspunkt einer neuen Ästhetik. Mit kurz geschorenen, rot gefärbten Haaren, futuristischen Kostümen und einem Bühnenshow, die alle bisherigen Konventionen sprengte, trat Bowie an einem Abend im Juli 1972 in der britischen Fernsehshow Top Of The Pops auf – und veränderte damit, was Generationen später selbst berichteten, das Leben unzähler junger Menschen, die sich in seinem Andersartigsein wiedererkannten.

Kein Erster, aber der Wirkungsmächtigste

Bowie war nicht der erste Popstar, der sich öffentlich zur eigenen Homosexualität oder Bisexualität bekannte. Der britische Glam-Rock-Musiker Marc Bolan hatte sich bereits 1970 als bisexuell bezeichnet, ebenso Sängerin Dusty Springfield im selben Jahr. Doch was Bowie tat, wirkte auf eine andere, breitere Weise. Die Kombination aus dem renommiertesten Musikblatt des Landes, einer überwältigenden Bühnenpräsenz und einer Musik, die queere Themen nicht versteckte, sondern feierte, verlieh seinem Bekenntnis eine kulturelle Sprengkraft, die seine Vorgänger nicht erreicht hatten. Er verankerte die Frage nach Geschlecht und Begehren mitten im Herzen der populären Kultur.

Ambivalenz und Rückzug – die schwankende Erzählung

Die Geschichte von Bowies Coming-out hat jedoch eine zweite, kompliziertere Seite. In späteren Jahren distanzierte er sich mehrfach von der Aussage aus dem Jahr 1972. Mal bezeichnete er sich als bisexuell, mal erklärte er, er sei die ganze Zeit über im Grunde heterosexuell gewesen. Einmal soll er das damalige Bekenntnis sogar als seinen größten persönlichen Fehler bezeichnet haben. Biographen und Kritiker haben seither debattiert, inwieweit das Coming-out strategisch kalkuliert war, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und inwieweit es einem echten inneren Empfinden entsprang. Melody-Maker-Autor Watts, der das Interview geführt hatte, sagte Jahrzehnte später, Bowie habe damals bewusst an seinem Image gefeilt – gleichzeitig aber einen ehrlichen Eindruck gemacht. Die Doppeldeutigkeit gehörte zu Bowie wie kaum etwas anderes.

Wirkung jenseits des Skandals

Was bleibt, unabhängig von allen späteren Relativierungen, ist die kulturhistorische Bedeutung dieses Moments. Bowie hat mit seiner Kunstfigur Ziggy Stardust und dem dazugehörigen Bekenntnis aus dem Jahr 1972 eine androgyne Ästhetik in den Mainstream gebracht, die dort bis dahin keinen Platz hatte. Er hat gezeigt, dass Popkultur ein Ort sein kann, an dem Grenzen verflüssigt werden – zwischen männlich und weiblich, zwischen Bühne und Realität, zwischen Identität und Erfindung. Für viele LGBTQ-Jugendliche dieser Generation war er ein Bezugspunkt, auch wenn er selbst es ablehnte, als Sprecher oder Symbol der Bewegung aufzutreten. Seine Wirkung war real, auch wenn seine eigene Positionierung unscharf blieb. Und vielleicht lag gerade in dieser Unschärfe eine besondere Kraft: Bowie entzog sich jeder einfachen Einordnung – und machte damit deutlich, dass Menschen das auch dürfen.

Ein Vermächtnis in Schichten

Heute, gut fünfzig Jahre nach jenem Melody-Maker-Interview, ist das Bild von Bowie als Pionier der queeren Popkultur fest in den Geschichtsbüchern verankert. The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars gilt als eines der bedeutendsten Alben der Rockgeschichte. Der Rolling Stone listete es unter den 500 besten Alben aller Zeiten. Und die Bilder aus dem Jahr 1972 – das gefärbte Haar, die Kostüme, die Gesten auf der Bühne – haben an Strahlkraft nichts verloren. David Bowie hat bewiesen, dass ein einziger Satz, zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausgesprochen, mehr bewegen kann als jahrelange gesellschaftspolitische Debatten.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone Deutschland, Billboard, Melody Maker (historisch), BowieBible, Pop Expresso, The Circle, Hollywood Tramp, Villanova University Falvey Library, Women Across Frontiers Magazine, davidbowie.com

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