Er ist der Mann hinter den Melodien, die Millionen Menschen weltweit bewegen – und doch ist Pål Waaktaar-Savoy einer der unbekanntesten Berühmten der Popgeschichte. Als Hauptkomponist von a-ha hat er Hits wie Take On Me, Hunting High and Low oder The Sun Always Shines On T.V. geschrieben, Stücke, die ganze Generationen geprägt haben. Trotzdem zieht Waaktaar es seit jeher vor, im Schatten zu stehen. Umso bemerkenswerter ist das Projekt, das der norwegische Kulturjournalist Ørjan Nilsson mit ihm realisiert hat: ein über zwei Jahre gewachsenes Gesprächsporträt, das unter dem Titel Tears from a Stone erschienen ist und dem Gitarristen endlich einen angemessenen literarischen Rahmen gibt.
Zwei Jahre, viele Gespräche – ein ungewöhnliches Buchprojekt
Was Nilsson und Waaktaar gemeinsam erarbeitet haben, ist kein klassischer Bildband und auch keine konventionelle Biografie. Das Buch gleicht vielmehr einem sehr langen, sorgfältig geführten Interview, eingebettet in erzählerische Texte des Autors. Nilsson traf Waaktaar-Savoy über den gesamten Zeitraum mehrfach – in New York, in Oslo und auf Tournee in Deutschland – um ein möglichst vollständiges Bild seines künstlerischen Lebens zeichnen zu können. Das Ergebnis ist ein Werk, das tief in die Welt eines Mannes eintaucht, der für andere schreibt, ohne dabei selbst sichtbar sein zu wollen. Das Buch wurde in Norwegen als bestes Musikbuch des Jahres 2017 ausgezeichnet und gilt Kennern der nordischen Popgeschichte als bedeutendes Dokument.
Aufgewachsen in einem popmusikalischen Niemandsland
Einen besonderen Raum nimmt in dem Buch Waaktaars Kindheit und Jugend im Oslo der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre ein. Was er über das Norwegen seiner Jugend zu erzählen hat, klingt wenig nostalgisch: Das Land war damals kulturell abgeschnitten von den großen Strömungen der britischen und amerikanischen Popwelt. Wer dort aufwuchs und Musik machen wollte, lebte in einer Art selbstgewählten Isolation, ohne die Einflüsse und Anreize, die Gleichaltrige in London oder New York umgaben. Diese Erfahrung hat Waaktaar offenbar tief geprägt – und vielleicht auch jene traumverloren-romantische Qualität mitgeformt, die das Debütalbum von a-ha von allem anderen seiner Zeit unterschied. Wer das Norwegen dieser Jahre versteht, versteht vielleicht auch, warum Hunting High and Low 1985 so anders klang als alles, was zeitgleich aus England oder Amerika kam.
Der stille Kopf hinter dem Bandsound
Waaktaar wurde 1961 in Oslo geboren und hat nach eigener Einschätzung den Großteil der Hits geschrieben, für die a-ha weltweit bekannt sind. Dennoch ist er in der öffentlichen Wahrnehmung weit weniger präsent als Frontsänger Morten Harket. Das Buch räumt mit dieser Schieflage auf: Erstmals spricht Waaktaar ausführlich über seinen kreativen Prozess, über literarische Einflüsse, über die Entstehungsgeschichten einzelner Songs und darüber, was es bedeutet, jahrzehntelang mit denselben Menschen auf der Bühne zu stehen. Dabei wird deutlich, dass seine musikalischen Vorstellungen nicht immer mit denen seiner Bandkollegen oder der jeweiligen Produzenten übereinstimmten – eine Spannung, die die Band gleichzeitig zusammenhält und vorantreibt.
Auch andere Projekte kommen zur Sprache: Sein Bandprojekt Savoy, das er gemeinsam mit seiner Frau Lauren Savoy betreibt, seine Zeit in New York, wo er seit Jahrzehnten lebt, und Kollaborationen wie jene mit Sängerin Zoe Gnecco. Der Song Weathervane, bekannt geworden durch den Film Headhunters, wird ebenso erwähnt wie zahlreiche Momente aus dem Tourneeleben, von triumphalen Abenden bis hin zu Konzerten, die schlicht missglückt sind.
Skepsis gegenüber der jüngeren Bandentwicklung
Besonders aufschlussreich ist Waaktaars Haltung zur neueren Geschichte von a-ha. Er macht aus seiner Skepsis keinen Hehl, wenn es um bestimmte Entwicklungen des Trios geht – etwa was musikalische Richtungsentscheidungen oder das Selbstverständnis der Band in der Spätphase betrifft. Das Buch erschien, nachdem a-ha nach einer Pause ihr MTV-Unplugged-Projekt realisiert und damit weltweit große Aufmerksamkeit erzielt hatten. Doch Waaktaar sieht a-ha offenbar nicht unkritisch durch die Brille der Band-Legende, als die das Trio von Fans und Medien gerne gefeiert wird. Diese Offenheit ist selten in einem Genre, in dem Nostalgie und Mythos oft stärker zählen als ehrliche Reflexion.
Ein Journalist mit Gespür für die norwegische Popseele
Ørjan Nilsson ist kein Unbekannter in der norwegischen Musikliteratur. Bevor er sich Waaktaar zuwandte, hatte er bereits das Debütalbum der Kings of Convenience in Buchform gewürdigt. Nach Tears from a Stone folgte ein weiteres Porträt, diesmal über Morten Harket als Solokünstler und Klimaaktivisten. Zuletzt widmete er sich dem dritten a-ha-Mitglied Magne Furuholmen. Nilsson hat damit eine Art literarische Trilogie rund um die Band geschaffen – jeder Band-Member bekommt seinen eigenen Band, jede Persönlichkeit ihre eigene Stimme. Tears from a Stone ist das Herzstück dieser Reihe, weil es den Mann porträtiert, der am entschiedensten im Verborgenen bleibt.
Ein Buch für alle, die Musik wirklich verstehen wollen
Tears from a Stone richtet sich nicht in erster Linie an das Mainstream-Publikum, das a-ha vor allem wegen ihrer strahlenden Achtzigerjahre-Hits liebt. Es ist ein Buch für alle, die sich für das Handwerk des Songwritings interessieren, für die innere Welt eines Künstlers, der Jahrzehnte lang Millionen bewegt hat, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Nilsson stellt die richtigen Fragen – und Waaktaar gibt Antworten, die nachhallen. Ein seltenes und wertvolles Dokument der europäischen Popgeschichte.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone Deutschland, Amazon.de Rezensionen, Barnes & Noble, Dussmann Das Kulturkaufhaus, Kongsberg Jazz Festival, a-ha.com, a-ha-forum.de, m-vg.de Riva Verlag