
Während der Rest der westlichen Welt Russlands Vorzeigewirtschaftsforum in St. Petersburg seit Jahren meidet wie einen schlechten Direct-to-Video-Film, hat einer nie aufgehört zu erscheinen: Steven Seagal. Der einstige Actionstar aus Hollywood, dessen Karriere irgendwo zwischen dem Ende der 1990er Jahre und dem nächsten Mittagessen steckengeblieben ist, reiste auch 2026 pflichtbewusst zum St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum, besser bekannt als SPIEF – Russlands demonstrativer Antwort auf das Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort saß er auf einem Podium und erklärte, Kultur und Film seien der Schlüssel zur Völkerverständigung. Dass vor den Toren der Stadt gerade ukrainische Drohnen einschlugen, störte die feierliche Stimmung offenbar nur mäßig.
Putins Lieblings-Hollywooder: Eine Freundschaft mit Ablaufdatum nie
Die Beziehung zwischen Wladimir Putin und Steven Seagal ist eine jener seltenen Verbindungen, die mit den Jahren nicht kühler, sondern merkwürdig fester werden. Seagal besuchte Russland bereits in den frühen 2000er Jahren regelmäßig, und je mehr seine Karriere in Hollywood abkühlte, desto herzlicher wurde die Atmosphäre in Moskau. 2016 erreichte die Freundschaft einen neuen Höhepunkt: Putin überreichte dem Schauspieler persönlich einen russischen Pass. Die Bilder davon gingen um die Welt und dürften im Kreml als gelungenes Propagandamaterial abgeheftet worden sein – schaut her, sogar ein Hollywood-Star will Russe sein.
2018 folgte die logische Fortsetzung: Das russische Außenministerium ernannte Seagal zum offiziellen Sonderbeauftragten für die humanitären Beziehungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten sowie Japan. Eine Funktion, bei der sich die Frage stellt, was genau in den vergangenen acht Jahren an humanitären Ergebnissen vorzuweisen ist – außer weiteren Forumsauftritten und Pressefotos.
Orden, Pässe und ein Parteiausweis
Der Kreml weiß, wie er seine Freunde bei Laune hält. 2023 unterzeichnete Putin ein Dekret, mit dem Seagal der russische Orden der Freundschaft verliehen wurde – angeblich für herausragende Verdienste um die internationale kulturelle und humanitäre Zusammenarbeit. Dass deutsche Politiker, die denselben Orden früher erhalten hatten, ihn nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine demonstrativ zurückgaben, ficht Seagal nicht an. Er nahm die Auszeichnung entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Dabei ist Seagal nicht nur Ehrenträger und Passbürger: Er ist außerdem Mitglied der kremlnahen Partei Gerechtes Russland. Und als wäre das nicht genug, besuchte er 2022 das von russischen Truppen besetzte ukrainische Gebiet Oleniowka – jenen Ort, an dem nach Berichten Dutzende ukrainische Kriegsgefangene ums Leben kamen. Die Ukraine hat Seagal bereits 2017 mit einem Einreiseverbot belegt, begründet mit Gefährdung der nationalen Sicherheit. Kluge Entscheidung.
SPIEF 2026: Das Who’s Who der zweiten Reihe
Das diesjährige Forum in St. Petersburg bot ein Gästetableau, das man getrost als illustres Kuriosum bezeichnen darf. Neben Seagal gaben sich die konservative US-Podcasterin Candace Owens sowie Rodney Mims Cook Jr. die Ehre, ein von Donald Trump ernannter Vorsitzender der US-Kommission für Schöne Künste, der am Podium stolz von geplanten Umbauprojekten im Weißen Haus berichtete. Der Kreml bezeichnete Cook als Anführer der ersten offiziellen US-Delegation beim Forum seit Jahren – US-Außenminister Marco Rubio erklärte dagegen vor dem Senat, er wisse von keiner solchen Delegation. Eine erfrischende Koordination.
Ebenfalls angereist waren der chinesische Vizepräsident mit großem Gefolge sowie Saudi-Arabien als Ehrengast des Jahres. Und ganz am Rande: Andrew und Tristan Tate, die Brüder, gegen die in Rumänien Ermittlungen wegen schwerwiegender Vorwürfe laufen. Das Forum, einst Treffpunkt westlicher Wirtschaftsführer, hat sich damit unübersehbar zur Bühne der Andersdenkenden, Sanktionsresistenten und Kremlnahen gewandelt.
Kultur als Feigenblatt
Seagal selbst bestieg beim Forum das Podium einer Diskussionsrunde mit dem Titel Russland und die USA – ein kultureller Dialog. Dort trug er vor, Kino und Musik seien der beste Weg zur Annäherung der Völker, und er hoffe, diesen Weg sowohl in Russland als auch – sofern es ihm gestattet werde – in den Vereinigten Staaten beschreiten zu dürfen. Der Zusatz sofern es gestattet wird ist dabei bemerkenswert: Als US-Bürger unterliegt Seagal keinem Redeverbot in seiner Heimat. Was er meint, ist offenbar die feindselige Stimmung gegenüber allem, was als moskaufreundlich gilt. Ob das eine echte Einschränkung ist oder ein rhetorischer Kunstgriff, um sich als verfolgtes Opfer zu inszenieren, darf jeder selbst entscheiden.
Fakt ist: Während Künstler, Intellektuelle und Wirtschaftsführer weltweit die russische Aggression gegen die Ukraine klar verurteilen, findet Seagal Jahr für Jahr seinen Weg nach St. Petersburg. Die Bühne ist kleiner geworden, das Publikum westlicher Gesichter überschaubar, aber der Auftritt findet statt. Wie in seinen späten Actionfilmen: Das Budget ist karg, die Resonanz gering – und der Hauptdarsteller erscheint trotzdem.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: CNN, Eastern Herald, The Daily Beast, Al Jazeera, t-online, Heute.at, Berliner Zeitung, 20 Minuten, Russia Beyond DE, CBS News