Es gibt Kränkungen, die verblassen mit der Zeit – und solche, die sich tief einbrennen und jahrzehntelang bleiben. Für Phil Collins gehört ein beiläufiger Kommentar von Paul McCartney aus dem Jahr 2002 eindeutig zur zweiten Kategorie. Was an jenem Abend auf einer Party im Buckingham Palace gesagt wurde, hat das Verhältnis der beiden Musiklegenden bis heute belastet. Die Geschichte dahinter ist so simpel wie sie menschlich ist: ein unglücklicher Satz, ein verletztes Ego und eine Verstimmung, die kein Blumenstrauß aus der Welt schaffte.
Begegnungen einer langen Geschichte
Phil Collins und die Welt der Beatles sind seit seiner Jugend miteinander verknüpft. Als Teenager erhielt er eine kleine Statistenrolle im Spielfilm A Hard Day’s Night aus dem Jahr 1964 und durfte die Fab Four hautnah bei ihrem Konzertauftritt im Film erleben – ein Moment, den er als unvergesslich beschrieb. Wenig später ergab sich eine weitere Berührung mit dem Beatles-Universum, als Collins als Sessionmusiker bei den Aufnahmen zu George Harrisons Soloalbum All Things Must Pass mitwirkte. Allerdings fand sein Name keinen Eingang in die Liner Notes des veröffentlichten Werkes, was ihn damals kränkte. Als Collins später zum Star geworden war, erfuhr Harrison davon und ließ den Fehler auf eine sehr britische Art wiedergutmachen: Er beauftragte eine Band damit, den entsprechenden Titel neu einzuspielen, mit der ausdrücklichen Anweisung an den Schlagzeuger, schlechter zu spielen als Collins – eine humorvolle Geste der nachträglichen Anerkennung.
Die Nacht im Buckingham Palace
Im Jahr 2002 begegneten sich Collins und McCartney erneut, diesmal bei einer Benefizveranstaltung im Buckingham Palace. Collins hatte eine Erstausgabe des offiziellen Beatles-Biografie-Buchs von Hunter Davies dabei und bat McCartney, es für ihn zu signieren. McCartneys Reaktion darauf war es, die ihn bis heute beschäftigt: Der Ex-Beatle wandte sich an seine damalige Frau Heather Mills und kommentierte die Bitte mit dem sinngemäßen Hinweis, der kleine Phil sei wohl ein ziemlicher Beatles-Fan.
Collins empfand diese Bemerkung als herablassend und gönnerhaft. Was nach außen hin vielleicht als harmloses Scherzen wirkte, traf ihn tief. Er schilderte später, McCartney besitze eine bestimmte Art, einem im Gespräch das Gefühl zu vermitteln, es müsse einem sehr schwerfallen, mit jemandem vom Format eines Paul McCartney überhaupt zu reden. Collins formulierte es in einem Interview mit der Sunday Times im Jahr 2016 unverblümt: Er habe innerlich mit deutlichen Schimpfwörtern reagiert – und den Vorfall nie vergessen.
Eine halbherzige Annäherung
McCartney meldete sich im Nachgang des Vorfalls bei Collins – allerdings auf eine Art, die Collins als wenig befriedigend empfand. Statt einer echten Entschuldigung oder einem Eingeständnis habe der Kontakt sich auf die sinngemäße Botschaft beschränkt, man solle das Ganze hinter sich lassen und weitermachen. Collins akzeptierte die Geste, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er sie nicht als ausreichend empfand. Für ihn war klar: Wer Menschen nie auf ihr Verhalten hinweist, gibt ihnen keine Chance, sich zu verbessern.
Bis heute gibt es keine öffentlichen Hinweise darauf, dass die beiden wieder miteinander gesprochen haben. McCartney hat sich zu dem Thema weitgehend bedeckt gehalten. Die Spannung zwischen beiden bleibt, unausgesprochen und ungelöst.
Bewunderung trotz allem
Was die Situation so vielschichtig macht: Collins hat stets betont, dass er McCartneys musikalisches Schaffen außerordentlich schätzt. Bereits auf seinem Soloalbum Face Value aus dem Jahr 1981 huldigte er den Beatles mit einer Coverversion des Titels Tomorrow Never Knows – einer der experimentellsten Kompositionen der Band. Die Verehrung für das Werk war und ist echt. Es ist der Mensch hinter der Musik, an dem Collins sich gerieben hat – oder genauer: an dessen Umgang mit dem Ruhm.
Wenn Legenden aneinandergeraten
Die Geschichte von Collins und McCartney ist letztlich eine über die kleinen Tücken des Starlebens. Selbst wer Jahrzehnte in den Spitzen der Musikwelt verbracht hat, bleibt nicht gefeit vor einem Moment der Demütigung – zumal dann, wenn er von jemandem kommt, den man ein Leben lang bewundert hat. Dass Collins diesen Moment nie für sich behalten hat, spricht für seinen Hang zur Direktheit. Und dass McCartney dazu bis heute kaum etwas gesagt hat, ist vielleicht die beredteste Aussage von allen.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Far Out Magazine, American Songwriter, I Love Classic Rock, Grunge, IMDB