
Rush schlagen sich selbst: Die zweite Nacht der Fifty Something Tour ist eine Sensation
Wenn man dachte, die emotionale Rückkehr von Rush auf die Bühne am 7. Juni 2026 im Kia Forum in Inglewood bei Los Angeles ließe sich kaum übertreffen, dann hatte man die Rechnung ohne Geddy Lee und Alex Lifeson gemacht. Zwei Tage später, am 9. Juni, spielten die kanadischen Prog-Rock-Legenden an selber Stelle ein Konzert, das selbst die euphorischen Kritiken der Premiere in den Schatten stellte. Das vollständige 2112-Suiten-Epos – alle sieben Teile, 20 Minuten am Stück, mit Pyrotechnik – war der Moment, den die Welt des klassischen Rocks in dieser Nacht zum Innehalten brachte. Rush hatten das Stück zuletzt 1997 in seiner Gesamtheit gespielt. Eine Lücke von 29 Jahren.
Ein Versprechen, das mehr als eingelöst wurde
Bereits bei der Tourankündigung hatten Lee und Lifeson erklärt, die Setlisten würden von Abend zu Abend rotieren. Dass daraus an Abend zwei ein derartiger Coup werden würde, hatte niemand erwartet. Beim Auftaktabend hatten die beiden den zweiten Set mit drei Teilen der epischen Rockoper 2112 eröffnet – mit Overture, Temples of Syrinx und Grand Finale. Tags darauf öffneten sie den zweiten Set mit dem kompletten Werk, sieben Teile am Stück: Overture, The Temples of Syrinx, Discovery, Oracle – The Dream, Soliloquy, Grand Finale – und erstmals seit drei Jahrzehnten auch die Teile Discovery, Oracle und Soliloquy, die seit einem Konzert im Jahr 1997 kein Publikum mehr live gehört hatte.
Das Suite-Stück nimmt eine komplette Seite des gleichnamigen Albums von 1976 ein, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Der Abschluss des Stücks, eingeleitet durch die aufgezeichnete Stimme des 2020 verstorbenen Schlagzeugers und Lyrikers Neil Peart mit der Botschaft an alle Planeten der Solaren Förderation, ließ die ausverkaufte Halle verstummen und anschließend explodieren.
Anika Nilles: Die Aufgabe, die keine andere wie sie lösen konnte
Neben der Vollständigkeit des 2112-Projekts war es ein weiterer Aspekt, der Kritikerinnen, Kritiker und Fans gleichermaßen fesselte: die Leistung von Schlagzeugerin Anika Nilles, die im zweiten Abend zum ersten Mal in ihrer jungen Rush-Geschichte das gesamte Stück in einem Stück spielte. Das bedeutete: 20 Minuten lang die endlos komplex verschachtelten Rhythmusmuster eines der größten Schlagzeuger der Rockgeschichte auswendig beherrschen, inklusive scharfer Starts und Stopps und der präzisen rhythmischen Verzahnung mit Lifesons Gitarrenriffs. Nilles – Jahrgang 1986, aus Augsburg in Bayern stammend und zuvor als Tourschlagzeugerin von Jeff Beck bekannt – bewältigte die Herausforderung nach Berichten aus dem Saal makellos.
Dass ausgerechnet eine deutsche Musikerin den Platz hinter dem Schlagzeug einnimmt, der seit dem Tod von Neil Peart am 7. Januar 2020 an einem unheilbaren Gehirntumor verwaist war, ist eine Geschichte für sich. Geddy Lees Bassmonteur hatte sie vorgeschlagen, und nach intensiver Suche war sie die Wahl der Band. Rush haben damit klargemacht: Peart wird nicht ersetzt, er wird geehrt. Nilles spielt mit einem Paar von Pearls Stöcken auf ihrem Riser, eine stille Geste, die bei Abend eins für viele Anwesende eine der bewegendsten des gesamten Konzerts war.
Die neue Tour-Besetzung: Erstmals als Quartett auf der Bühne
Neben Nilles ist für die Fifty Something Tour noch eine weitere Neuerung zu verzeichnen, die in der über 50-jährigen Bandgeschichte ohne Präzedenz ist: Rush spielen erstmals mit einem fest integrierten vierten Musiker. Keyboarder Loren Gold, bekannt durch seine Arbeit mit The Who und Roger Daltrey, komplettiert die Bühnenbesetzung. Lee hatte bei der Tourankündigung erklärt, man wolle den Sound erweitern und sich damit auch die Freiheit schaffen, auf der Bühne selbst beweglicher zu sein.
Was sonst noch gespielt wurde: Raritäten und lange vermisste Klassiker
Das Staunen über die vollständige 2112-Aufführung darf nicht den Blick auf die weitere Setlist verstellen, die für sich ebenfalls Hervorhebenswertes bot. Abend zwei enthielt gegenüber dem Auftaktabend rund 50 Prozent neue Titel. Darunter waren mehrere Songs, die seit langen Jahren nicht mehr gespielt worden waren: The Trees und A Passage to Bangkok, beide zuletzt 2008 live zu hören; Leave That Thing Alone und Witch Hunt aus dem Herbst 2011; The Analog Kid, das 2013 das letzte Mal in einer Setlist auftauchte. Den wohl größten historischen Kreis schloss Finding My Way, der Eröffnungstrack des Debütalbums von 1974, der neben dem Auftritt bei den Juno Awards im März 2026 zuletzt 1980 auf einer Tour gespielt worden war.
Weitere Highlights des zweiten Abends: Sängerin Aimee Mann, die schon bei Abend eins als Gastsängerin für Time Stand Still auf die Bühne gekommen war, erschien zum zweiten Mal. Nach ihrem gemeinsamen Auftritt fragte Geddy Lee das Publikum, ob man weitermachen solle – eine Frage, die keine Antwort brauchte.
Neil Peart: Omnipräsent, obwohl abwesend
Rush haben von Anfang an klargemacht, dass diese Tour keine Neuerfindung sein soll, sondern eine Hommage. Peart, der am 7. Januar 2020 im Alter von 67 Jahren an einem Glioblastom gestorben war, ist bei jedem Konzert präsent. Archivaufnahmen auf den Videoleinwänden zeigen ihn während der Show an zentralen Momenten, sein Gesicht und seine Worte weben sich in die Dramaturgie der Abende ein. Dazu die Stöcke auf Nilles‘ Riser, das abschließende Zitat aus 2112. Es ist die Art und Weise, wie Bands mit dem Tod eines unersetzlichen Mitglieds umgehen können, wenn sie es richtig machen.
Die Tour: 88 Abende über vier Kontinente
Die Fifty Something Tour ist kein kleines Comeback. 88 Shows sind geplant, verteilt über Nordamerika im Laufe des Jahres 2026, Südamerika zu Jahresbeginn 2027 und schließlich Europa, wo die Tour im April 2027 in Helsinki endet. In den USA spielen Rush mehrere Städte mit mehrnächtigen Aufenthalten: neben Los Angeles auch Fort Worth, Chicago, New York und Toronto mit jeweils vier Konzerten. Es ist die erste Rush-Tournee seit dem Finale der R40 Live Tour am 1. August 2015 – an demselben Ort, dem Kia Forum in Los Angeles, an dem nun auch der Neustart erfolgte.
Aktuelle Tourdaten Fifty Something Tour 2026 (Auswahl)
7./9./11./13. Juni 2026 – Inglewood, CA, Kia Forum 18./20. Juni 2026 – Mexiko-Stadt, Mexiko, Palacio de los Deportes 24./26./28./30. Juni 2026 – Fort Worth, TX, Dickies Arena 16./18./20./22. Juli 2026 – Chicago, IL, United Center 28./30. Juli / 1./3. August 2026 – New York City, NY, Madison Square Garden 7./9./11./13. August 2026 – Toronto, Kanada, Scotiabank Arena 21./23. August 2026 – Philadelphia, PA, Xfinity Mobile Arena 26./28. August 2026 – Detroit, MI, Little Caesars Arena 1./3. Dezember 2026 – Glendale, AZ, Desert Diamond Arena
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone US, Rolling Stone DE, Billboard, Yahoo Entertainment, AOL Music, Ultimate Classic Rock, Ticketmaster Blog, Wikipedia EN, Rush.com, Front of the Stage, Rush Is a Band Blog