Peter Hutchins from DC, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
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Kanye West performing atop a mountain at the Verizon Center on November 21, 2013 in Washington, D.C. on The Yeezus Tour.

Vorwürfe aus dem Jahr 2010: Model Jennifer An erhebt ihre Stimme gegen Kanye West

Was auf einem Filmset in Manhattan im September 2010 geschehen sein soll, hat Jennifer An mehr als ein Jahrzehnt mit sich getragen. Nun, im Juni 2026, spricht die ehemalige Teilnehmerin der Modelshow America’s Next Top Model im BBC-Podcast Fame Under Fire erstmals ausführlich öffentlich über den Vorfall – und die Klage, die sie im November 2024 gegen den Rapper Kanye West eingereicht hat. Die Schilderungen sind erschütternd. Die Reaktion von Wests Anwälten ist es auf andere Weise ebenfalls.

Der Dreh im Chelsea Hotel und ein unangekündigter Gast

Der Vorfall ereignete sich beim Dreh zu einem Remixvideo des Songs In for the Kill der britischen Elektropop-Künstlerin La Roux im Chelsea Hotel in New York City. Jennifer An, damals 21 Jahre alt und frisch nach ihrer Teilnahme an der Castingshow bekannt, hatte eine Rolle als Hintergrund-Model in dem Clip erhalten. Was sie laut eigenen Angaben nicht wusste: Kanye West würde ebenfalls anwesend sein. Der Rapper war für einen Gastauftritt im Zusammenhang mit einem Remix des Songs vorgesehen.

An schilderte im BBC-Podcast, dass sie zunächst nicht wusste, was auf dem Set geschehen würde. Erst auf dem Gelände selbst habe sie erfahren, dass West dabei war. Dieser habe sich nach seiner Ankunft über die Atmosphäre des Sets beschwert und erklärt, es müsse mehr nach dem Film American Psycho aussehen. Dann, so die Vorwürfe in ihrer Klage, übernahm West die kreative Kontrolle über die Szene.

Die Vorwürfe: Würgen, Schminke zerstören, sexuelle Übergriffe

Laut der Klageschrift, die An im November 2024 beim New Yorker Bundesgericht einreichte, ließ West bei laufender Kamera zunächst seine Kamerabesatzung anweisen, sich auf An zu konzentrieren. Er soll sie dann zunächst mit einer Hand, dann mit beiden Händen gewürgt haben. Anschließend soll er ihr Gesicht mit seinen Händen zugedeckt haben, wodurch ihr Make-up verschmiert wurde. Schließlich, so die Anklage, habe er ihr mehrere Finger in den Hals gerammt, um sexuelle Handlungen zu simulieren, und dabei laut gerufen, das sei Kunst, das sei verdammte Kunst, er sei wie Picasso.

An beschrieb im BBC-Podcast ihre Reaktion in diesem Moment: Sie habe nicht begriffen, was mit ihr geschehe, und sich gefühlt, als würde sie ersticken. Sie sei erschrocken, verängstigt und vollkommen überrumpelt gewesen. West soll sie zudem gezielt ausgewählt haben – sie berichtete, er habe nach ihr als der Asiatin verlangt.

Neben West ist in der Klageschrift auch das Majorlabel Universal Music Group als Mitbeklagte aufgeführt, mit dem Vorwurf, die Vorfälle trotz ihrer Kenntnis nicht untersucht zu haben.

La Roux-Sängerin Elly Jackson: Zeugin mit erdrückenden Aussagen

Ein entscheidendes Element des Falls sind Instagram-Nachrichten, die La Roux-Sängerin Elly Jackson im Jahr 2024 an Jennifer An geschickt hatte und die als Beweismittel in die Klageschrift eingeflossen sind. Jackson schilderte darin, dass sie sich an den Vorfall erinnert und ihn als entsetzlich bezeichnet habe. Sie habe das Aufnahmematerial nie zu sehen bekommen, was sie als Erleichterung empfand, und habe damals darauf bestanden, dass die Szenen nicht verwendet werden. An hatte Jackson unmittelbar nach dem Vorfall angesprochen und darum gebeten, das Filmmaterial nicht zu veröffentlichen, da sie nicht wolle, dass ihre Mutter es je zu sehen bekäme. Die Sängerin versicherte ihr damals, dass die Aufnahmen nicht in den finalen Videoschnitt einfließen würden – tatsächlich sind weder An noch West im veröffentlichten Clip zu sehen.

Jackson ergänzte in ihren Nachrichten nach Angaben der Klageschrift, West habe damals versucht, ihr deutlich zu machen, welche Macht er besitze, und habe sie mit ihrer Karriere unter Druck gesetzt. Das habe dazu geführt, dass sie die Geschichte zunächst nicht selbst öffentlich thematisiert habe, weil sie das Gefühl hatte, es sei nicht ihre Geschichte zu erzählen. Außerdem schilderte Jackson, West habe die Situation nach dem Vorfall ins Lächerliche gezogen, woraufhin sie ihm erwidert habe, sein Verhalten habe die Stellung von Frauen um Jahrhunderte zurückgeworfen.

Wests Verteidigung: Kunst als Schutzschild

Wests Rechtsvertreter bestreiten den physischen Vorfall nicht grundsätzlich, stellen ihn aber in einen vollkommen anderen Rahmen. In einem im Januar 2026 eingereichten Antrag auf Abweisung der Klage argumentieren sie, Wests Verhalten sei Teil einer intentionalen künstlerischen Performance gewesen, inspiriert vom Film American Psycho, und falle damit unter den Schutz der Meinungs- und Kunstfreiheit. Körperliche Handlungen, die im Rahmen einer ausdrucksstärken künstlerischen Produktion stattfänden, so die Argumentation, könnten nicht ohne Weiteres als Körperverletzung verfolgt werden. Gegen diese Argumentation richtet sich auch die rechtliche Grundlage der Klage selbst: An stützt sich auf den Gender-Motivated Violence Protection Act der Stadt New York, ein Gesetz, das es ermöglicht, bestimmte zeitlich länger zurückliegende Fälle von geschlechtsbezogener Gewalt zivilrechtlich zu verfolgen.

Der Rechtsweg: Noch kein Ende in Sicht

Das Verfahren befindet sich noch im Anfangsstadium. Ein Prozess hat bislang nicht stattgefunden, und ein Urteil steht aus. An sagte im Podcast, sie habe sich jahrelang gefragt, warum sie nicht früher gesprochen habe, und sei schließlich zu dem Schluss gekommen, dass sie es schlicht konnte: nicht aus Feigheit, sondern weil die Strukturen, die Frauen in solchen Situationen zum Schweigen bringen, realer und mächtiger seien, als Außenstehende wahrnähmen. Die BBC-Aussagen markieren ihren bislang deutlichsten öffentlichen Auftritt zu dem Fall.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone US, Rolling Stone AU, BBC Fame Under Fire, Watson.ch, Eastern Eye, Prism News, AOL People, Gulf News, Sunday Guardian Live

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