
Vier Jahre nach ihrem letzten Studiowerk kündigen Interpol ihr achtes Album an – und liefern mit der Ankündigung gleich zwei neue Songs sowie ein umfangreiches Tourprogramm. This Mirror Weighs a Ton erscheint am 28. August 2026 über Partisan Records, dem neuen Label der New Yorker Post-Punk-Institution, und verspricht nach allem, was bislang zu hören ist, ein Werk zu werden, das die Klangsprache der Band erweitert, ohne ihre unverwechselbare Handschrift aufzugeben.
Ein Titel, der nicht erklären will
Schon der Albumtitel ist Programm. Frontmann Paul Banks entwickelte die zentrale Textzeile This mirror weighs a ton, but at least we act sudden während eines Improvisationsprozesses, bei dem er Melodie und Gesang gleichzeitig entstehen ließ, ohne den Text vorab zu konzipieren. Das Ergebnis ist ein Satz, der semantisch rätselhaft bleibt und genau das als Qualität begreift. Die Band selbst erklärte, diese Zeile lege den Ton für das gesamte Album fest: hochgradig verdichtetes automatisches Schreiben, das Bedeutung nicht erklärt, sondern erzeugt.
Zeitgleich zur Albumankündigung veröffentlichten Interpol zwei Songs. Der Titeltrack ist ein geduldiges, atmosphärisches Stück mit weichen Gitarren, das sich langsam um eine hypnotische Melodie entfaltet und Backing Vocals in einer für Interpol ungewohnten Wärme einsetzt. Der zweite Track See Out Loud ist kompakter und direkter: klassischer Indie-Rock mit erkennbarer Bandidentität, etwas mehr Gitarrendruck und einem Rhythmus, der die Energie des Titelstücks in eine andere Richtung lenkt.
Neue Klangfarben, vertrautes Fundament
Produziert wurde This Mirror Weighs a Ton von Andrew Wyatt, dem amerikanischen Multiinstrumentalisten und Produzenten, der in jüngster Vergangenheit unter anderem mit Rosalía und Charli XCX gearbeitet hat. Das Mixing übernahm erneut David Fridmann, der seit dem Album Marauder von 2018 mit der Band verbunden ist. Aufgenommen wurden die Stücke in Wyatts Studio auf Manhattans Lower East Side – das erste Mal seit etwa einem Jahrzehnt, dass Interpol für ein vollständiges Studioalbum an einem festen Ort arbeiteten, statt zwischen verschiedenen Einrichtungen zu wechseln.
Das Pressematerial zur Albumankündigung beschreibt das Werk als eine klangliche Erweiterung, die Streicher, Holzbläser, akustische Gitarren und mehrschichtige Gesangsharmonien einschließt. Wer die beiden Vorabsingles gehört hat, kann bereits erahnen, in welche Richtung diese Erweiterung weist: nicht in den Bereich des Bombastischen, sondern in die Tiefe.
Das Album: Zwölf Tracks, eine neue Heimat
This Mirror Weighs a Ton ist das erste Interpol-Album auf dem Label Partisan Records, nachdem die Band seit ihrer Gründung über mehr als zwanzig Jahre bei Matador Records unter Vertrag stand. Der Wechsel wurde im Mai 2026 bekanntgegeben und markiert einen weiteren Neuanfang in einer Karriere, die immer wieder Neuorientierungen vollzogen hat. Die zwölf Tracks des Albums lauten im Einzelnen: This Mirror Weighs a Ton, See Out Loud, Iron City, Wounded Soldier, Wings on Fire, Ever the Actor, So Rides the Reindeer, Darling Thoughts, Wake Up, Enemy, Bird and the Serpent und abschließend Sudden.
Sam Fogarino: Präsent auf Platte, absent auf Tour
Eine wichtige Nebennote betrifft die Besetzungssituation der Band. Schlagzeuger Sam Fogarino, der Interpol seit der Frühphase ihrer Karriere angehört, hatte sich 2023 einer Halswirbelsäulenoperation unterziehen müssen und ist seitdem nicht in der Lage, auf Tour zu gehen. Für die Studioaufnahmen zu This Mirror Weighs a Ton war er jedoch vollständig beteiligt – als Schlagzeuger und Co-Komponist. Live wird er auf der kommenden Tour durch Urian Hackney ersetzt, einen Drummer, der unter anderem bereits mit Iggy Pop und der experimentellen Rockband The Armed zusammengearbeitet hat.
Eine Band mit Geschichte: Von Turn On the Bright Lights bis heute
Interpol, gegründet 1997 in New York City von Sänger und Gitarrist Paul Banks, Gitarrist Daniel Kessler und Schlagzeuger Sam Fogarino, sind eine der prägenden Figuren des Post-Punk-Revivals der frühen 2000er Jahre. Ihr Debütalbum Turn On the Bright Lights von 2002 gilt bis heute als eines der bedeutendsten Rockwerke des Jahrzehnts und stellte die Band in eine Reihe mit britischen Einflüssen wie Joy Division und The Cure, während ihr gleichzeitig ein unverwechselbarer New Yorker Charakter eigen blieb. Das zweite Album Antics folgte 2004 und bestätigte ihren Ruf. Mit Our Love to Admire von 2007 wechselte die Band erstmals zu einem Major-Label, bevor sie für das selbstbetitelte vierte Album von 2010 zu Matador zurückkehrte.
Das vierte Album wurde unter erschwerten Bedingungen eingespielt: Gründungsbassist Carlos Dengler verließ die Band kurz nach den Aufnahmen, was tiefe Spuren hinterließ. Banks beschrieb die Produktionsphase rückblickend als hart und unangenehm. Dengler wurde ersetzt, und die Band fand ihre Stabilität wieder. El Pintor von 2014 und Marauder von 2018 folgten als weitgehend wohlaufgenommene Studioarbeiten. The Other Side of Make-Believe von 2022, produziert von Alan Moulder und Flood, zeigte eine Seite von Interpol, die bewusst ruhiger und introspektiver war als zuvor – Paul Banks hatte das Material in Edinburgh während des ersten Lockdownjahres komponiert, in einer Phase, die er selbst als entspannt und in sich gekehrt beschrieb.
Co-Headliner-Tour mit Bloc Party: Ein Gipfeltreffen des Indie
Einen der musikalisch spannendsten Aspekte des Herbstes 2026 bildet die angekündigte Co-Headliner-Tournee von Interpol und Bloc Party, die im November durch Europa und Großbritannien führt. Beide Bands entstammen dem gleichen Indie-Post-Punk-Umfeld der frühen 2000er Jahre, waren aber noch nie auf einem gemeinsamen Tourprogramm zu finden. Die Tour beginnt am 10. November in der Royal Arena in Kopenhagen und führt weiter durch mehrere europäische Großstädte, darunter Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Paris, bevor sie in Großbritannien mit Stationen in Birmingham, Cardiff, Manchester, Brighton, Sheffield, Dublin und Glasgow ihren Abschluss in zwei Konzerten in der Londoner Olympia am 4. und 5. Dezember findet.
Aktuelle Tourdaten 2026 (Auswahl)
- Juli 2026 – Madrid, Mad Cool Festival
- Juli 2026 – Bilbao, Bilbao BBK Live
- August 2026 – London, All Points East Presents Outbreak Festival
- August 2026 – Lissabon, Kalorama Festival
- August 2026 – Paris, Rock en Seine
- November 2026 – Kopenhagen, Royal Arena (mit Bloc Party)
- November 2026 – Berlin, Uber Arena (mit Bloc Party)
- November 2026 – Hamburg, Barclays Arena (mit Bloc Party)
- November 2026 – Düsseldorf, PSD Bank Dome (mit Bloc Party)
- November 2026 – Paris, Le Zenith (mit Bloc Party)
- November 2026 – Amsterdam, AFAS Live (mit Bloc Party)
- Dezember 2026 – London, Olympia (mit Bloc Party)
- Dezember 2026 – London, Olympia (mit Bloc Party)
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone DE, Rolling Stone US, Visions, Sonic Seducer, DIY Magazine, Radio X, Consequence, Noise11, The Circle, AOL