Capricorn Records, Public domain, via Wikimedia Commons
Lesedauer 4 Minuten
Photo of The Allman Brothers Band

Es gibt Momente in einem Leben, die sich erst Jahrzehnte später als bedeutsam offenbaren. Für Jai Johanny Johanson, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Jaimoe, war ein solcher Moment der Tag, an dem Duane Allman auf einem Hocker saß und sich sein erstes Tattoo stechen ließ. Damals war Jaimoe das erste Bandmitglied, das Duane für sein neues Projekt rekrutierte. Heute, kurz vor seinem 82. Geburtstag, ist er der letzte verbliebene Musiker jener legendären Originalbesetzung der Allman Brothers Band aus dem Jahr 1969.

Eine Ahnung, die zur Gewissheit wurde

In einem aktuellen Gespräch mit dem Rolling Stone, in dem Jaimoe auf seine über fünf Jahrzehnte währende Verbindung zur Band zurückblickt, formuliert er einen Satz, der unter die Haut geht: Er sei der Erste gewesen, der zur Band kam, und er habe gewusst, dass er der Letzte sein würde. Manche Dinge wisse man einfach. Diese Erkenntnis trägt Jaimoe seit Jahrzehnten in sich, doch erst mit dem Tod von Gitarrist Dickey Betts im April 2024 wurde sie zur unwiderruflichen Realität. Mit Gregg Allman, der 2017 starb, Schlagzeugkollege Butch Trucks, der 2017 verstarb, und nun Betts sind innerhalb von weniger als einer Dekade alle übrigen Gründungsmitglieder der klassischen Allman-Besetzung verstorben.

Die Anfänge: Wie eine Band zur Familie wurde

Jaimoe erinnert sich lebhaft an die ersten Begegnungen mit Duane Allman, dem Gründer und visionären Gitarristen der Band. Die beiden hätten von Anfang an auf mehreren Ebenen harmoniert – ein Detail, das Jaimoe gern erzählt, ist, wie Allman regelmäßig im Park vierblättrige Kleeblätter fand, immer wieder, scheinbar ohne Anstrengung. Aus dieser Verbindung entstand der Kern dessen, was zur Allman Brothers Band werden sollte: Schnell stießen Gitarrist Dickey Betts, Schlagzeuger Butch Trucks, Bassist Berry Oakley und schließlich Duanes jüngerer Bruder, der bluesgetränkte Sänger Gregg Allman, hinzu.

Jaimoe beschreibt die Band als das, was Außenstehende oft nur als Marketingbegriff verwenden: eine echte Familie. Wenn die Band in Hotels übernachtete, sorgte ihr Tourmanager Twiggs Lyndon dafür, dass alle Zimmer über verbindende Türen erreichbar waren – sodass man von einem Zimmer zum nächsten durchgehen konnte und stets wusste, was um einen herum geschah. Diese physische Nähe spiegelte eine emotionale Nähe wider, die für die musikalische Chemie der Band entscheidend war.

Eine neue Dokumentation würdigt Gregg Allmans Lebensgeschichte

Anlass für das aktuelle Gespräch mit Jaimoe ist die neue Dokumentation Gregg Allman: The Music of My Soul, die unter der Regie von James Keach entstanden ist, bekannt für seine Arbeit an dem Johnny-Cash-Biopic Walk the Line. Der Film verfolgt das Leben der Brüder Duane und Gregg Allman von ihrer Kindheit in Tennessee und Florida über musikalische Stationen in St. Louis und Los Angeles bis zur Gründung der Band 1969 in Macon, Georgia, gemeinsam mit Dickey Betts, Berry Oakley, Butch Trucks und Jaimoe.

Regisseur Keach erklärte, ihm sei es wichtig gewesen, frühe traumatische Erfahrungen in Gregg Allmans Leben zu beleuchten, da diese sein gesamtes künstlerisches Schaffen geprägt hätten. Viele großartige Künstler trügen solche prägenden Erschütterungen aus ihrer Vergangenheit in sich, die jeden Aspekt ihres Lebens und ihres Talents beeinflussten. Gregg Allman habe sich nach dem Tod seines Bruders Duane tief in seine Suchterkrankung gestürzt, später jedoch, im nüchternen Zustand, seiner eigenen Sterblichkeit mit Würde und Akzeptanz begegnet. Keach betonte, es sei ihm persönlich wichtig, Allmans Botschaft weiterzugeben und damit den Lebensweg von Menschen zu beeinflussen, die mit Sucht zu kämpfen hätten.

Jaimoe über Gregg: Eine Stimme voller Wahrheit

In früheren Gesprächen, die im Kontext der neuen Dokumentation erneut Beachtung finden, hat Jaimoe seine Erinnerungen an Gregg Allman ausführlich geteilt. Er beschrieb, dass es nie eine Frage gewesen sei, ob Gregg der Band beitreten würde – Duane habe von Anfang an klargestellt, dass nur sein jüngerer Bruder als Sänger in Frage komme. Jaimoe bezeichnete Gregg als einen der wahrhaftigsten und leidenschaftlichsten Sänger, die er je gehört habe, und würdigte zugleich dessen Fähigkeiten als Bluespianist.

Körperliche Spuren eines langen Lebens

Das Gespräch mit dem Rolling Stone offenbart auch, wie sehr die vergangenen Jahre Jaimoe körperlich zugesetzt haben. Er zeigte Narben an beiden Knien, die von Operationen stammen, sowie eine Verletzung an der rechten Schulter. Die letzten zehn Jahre seien hart gewesen, räumte er ein. Trotz dieser körperlichen Belastungen bleibt Jaimoe musikalisch aktiv.

Das Erbe lebt weiter: The Brothers und Friends of the Brothers

Auch wenn die Originalbesetzung der Allman Brothers Band nicht mehr existiert, bleibt das musikalische Vermächtnis lebendig. Gelegentliche Auftritte einer informellen Gruppe namens The Brothers, bestehend aus Jaimoe, Warren Haynes, Derek Trucks, Oteil Burbridge und Joe Russo, fanden unter anderem im Madison Square Garden statt. Daneben tritt Jaimoe regelmäßig mit der Formation Friends of the Brothers auf, einem Ensemble, das eng mit der Originalband verbunden ist und deren Musik mit Leben, Herz und Leidenschaft weiterträgt – nicht als bloße Kopie alter Soli, sondern im ursprünglichen Geist, den Duane Allman 1969 begründete. Auch die nachfolgende Generation, etwa die Allman Betts Band mit Mitgliedern, die familiär mit den Originalmusikern verbunden sind, hält die Musik auf Tourneen lebendig.

Ein Mann, der Geschichte trägt

Jaimoe, geboren als Johnny Lee Johnson im Juli 1944 in Ocean Springs, Mississippi, hatte bereits vor der Gründung der Allman Brothers Band als Studio- und Tourmusiker mit Soulgrößen wie Otis Redding und dem Duo Sam and Dave zusammengearbeitet, bevor er bei diesen Engagements auf die späteren Mitglieder der Allman Brothers Band traf. Heute, mit 82 Jahren, ist er nicht nur der letzte lebende Zeuge jener Gründungszeit, sondern auch derjenige, der die Erinnerung an Duane, Gregg, Dickey und Butch in jedem Konzert weitertragen muss – ein Erbe, das so schwer wiegt wie es kostbar ist.


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Rolling Stone US, Now Georgia, Wikipedia EN, Live For Live Music, Friends of the Brothers Band, Alan Paul Substack

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2026 Xenopolias.de – Unabhängiger Musik‑ und Kulturjournalismus