Vier Konzerte, vier verschiedene Setlisten, und jedes Mal ein neues Kapitel: Rush haben mit ihrem vierten und letzten Auftritt im Kia Forum in Los Angeles am 13. Juni 2026 den fulminanten Auftakt ihrer Fifty Something Tour beschlossen – und dabei einen weiteren Beweis dafür geliefert, dass diese Tournee keine bloße Wiederholungsschleife alter Hits werden soll. Das Highlight des Abends: der Titelsong des Albums A Farewell to Kings aus dem Jahr 1977, der seit 1979 nicht mehr live gespielt worden war. Eine Pause von 47 Jahren.
Vier Nächte, vier Geschichten
Was Rush in dieser ersten Woche ihrer Rückkehr auf die Bühne abgeliefert haben, ist in der Geschichte der Band beispiellos. Die Eröffnungsshow am 7. Juni begann mit Xanadu – einem Song, der zuvor noch nie ein Rush-Konzert eröffnet hatte – und umfasste 22 Stücke aus allen Schaffensphasen der Band, von ihrem Debütalbum aus dem Jahr 1974 bis zu ihrem letzten Studiowerk Clockwork Angels aus dem Jahr 2012. Der zweite Abend am 9. Juni brachte das komplette 2112-Epos in seiner Gesamtheit zurück auf die Bühne, inklusive der seit 1997 nicht mehr gespielten Teile Discovery, Oracle und Soliloquy.
Abend vier: The Pass, The Anarchist und ein Klassiker nach 47 Jahren
Der vierte und letzte Abend in Los Angeles setzte diese Tradition der Überraschungen mit Nachdruck fort. Auf der Setlist standen gleich mehrere Songs, die zuvor lange nicht mehr gespielt worden waren: The Pass, ursprünglich vom 1989er Album Presto, feierte sein erstes Tour-Comeback seit 2013. The Anarchist vom 2012er Album Clockwork Angels erlebte ebenfalls seine Tourpremiere. Den größten Aufschrei unter den Fans löste jedoch der Titeltrack A Farewell to Kings aus, der seit seinem letzten Auftritt im Jahr 1979 schlicht aus dem Live-Repertoire der Band verschwunden war. Nach 47 Jahren erklang das Stück nun wieder vor Publikum – ein Moment, der von Branchenbeobachtern als einer der bewegendsten der gesamten Auftaktwoche bezeichnet wurde.
Der vierte Abend begann mit einem Set, das unter anderem Xanadu, Limelight, Subdivisions, The Pass und Freewill umfasste, bevor sich die Show in ihrem weiteren Verlauf den Raritäten und Überraschungen zuwandte, für die diese Tour bereits jetzt bekannt ist.
Ein roter Faden durch vier Jahrzehnte
Über die vier Abende hinweg zeichneten Rush ein Bild ihrer eigenen Geschichte, das weit über die üblichen Greatest-Hits-Zusammenstellungen hinausgeht. Songs wie Dreamline, The Garden – ein zartes Stück vom letzten Album Clockwork Angels – sowie By-Tor and the Snow Dog sorgten dafür, dass die Setlisten eine karriereübergreifende Repräsentation einer der bedeutendsten Bands des Progressive Rock darstellten. Geddy Lee und Alex Lifeson, die seit 1974 insgesamt 19 Studioalben veröffentlicht haben, schöpften aus einem schier unerschöpflichen Reservoir an Material – mit Radiohits ebenso wie mit tiefgrabenden Raritäten, die selbst langjährige Fans zum Staunen brachten.
Anika Nilles und Loren Gold: Die neue Ära der Band
Alle vier Abende standen im Zeichen einer neuen Bandkonstellation. Schlagzeugerin Anika Nilles, die in Deutschland geboren wurde und vor dieser Tour als Fusion-Drummerin bekannt war, übernahm den Platz, der seit dem Tod von Neil Peart im Januar 2020 verwaist war. Geddy Lee beschrieb in einem Interview den Auswahlprozess als eine zutiefst respektvolle Angelegenheit – die Position hinter dem Schlagzeug sei eine schwierige, fast unmögliche Aufgabe gewesen. Dass Nilles vor ihrem Einstieg weder tief in der Prog-Szene verwurzelt noch ein ausgewiesener Rush-Fan gewesen sei, habe paradoxerweise dazu beigetragen, eine gesunde Distanz zwischen der neuen Ära der Band und dem Erbe von Peart zu schaffen. Ergänzt wird die Liveband durch Keyboarder Loren Gold, der zuvor mit The Who und Roger Daltrey zusammengearbeitet hatte. Lee hatte bei der Tourankündigung erklärt, die zusätzlichen Musiker sollten den Sound erweitern und ihm sowie Lifeson die Freiheit geben, sich auf der Bühne beweglicher zu bewegen.
Eine lange Pause, ein großes Comeback
Zwischen dem letzten Rush-Konzert am 1. August 2015 im Kia Forum – dem Abschluss der R40-Live-Tour – und der Eröffnung der Fifty Something Tour am selben Ort lagen genau 3.964 Tage, also fast elf Jahre. In dieser Zeit hat sich für beide verbliebene Bandmitglieder viel verändert: Alex Lifeson veröffentlichte zwei Alben mit seinem Projekt Envy of None, und Geddy Lee wurde zum Buchautor, mit den Werken Geddy Lee’s Big Beautiful Book of Bass und seiner Autobiografie My Effin‘ Life. Dass die Band ausgerechnet an den Ort zurückkehrte, an dem sie sich vor elf Jahren verabschiedet hatte, gab der Auftaktwoche eine zusätzliche symbolische Tiefe.
Die Tour zieht weiter
Mit dem Abschluss der vier Shows im Kia Forum endet der erste Abschnitt der Fifty Something Tour, die insgesamt 88 Konzerte umfassen und Rush durch Nordamerika, Anfang 2027 durch Südamerika und schließlich nach Europa führen wird. Direkt im Anschluss an Los Angeles reist die Band nach Mexiko-Stadt, wo am 18. und 20. Juni zwei weitere Shows im Palacio de los Deportes stattfinden, bevor es im Juli mit einer viertägigen Residenz im texanischen Fort Worth weitergeht. Fans dürfen gespannt bleiben, welche weiteren Raritäten Rush aus ihrem umfangreichen Katalog noch hervorholen werden – nach den ersten vier Abenden in Los Angeles scheint kein Song zu alt und keine Setlist zu festgelegt, um nicht doch noch eine Überraschung zu bergen.
Aktuelle Tourdaten (Auswahl)
18./20. Juni 2026 – Mexiko-Stadt, Mexiko, Palacio de los Deportes
24./26./28./30. Juni 2026 – Fort Worth, TX, Dickies Arena
16./18./20./22. Juli 2026 – Chicago, IL, United Center
28./30. Juli / 1./3. August 2026 – New York City, NY, Madison Square Garden
7./9./11./13. August 2026 – Toronto, Kanada, Scotiabank Arena
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Louder, Billboard, Guitar World, Setlist.fm, Yahoo Entertainment, Ticketmaster Blog